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Ausland, Russland

Wie in Russland über die Verschärfung der Gaskrise berichtet wird

von Thomas Röper – http://www.anti-spiegel.ru

Europa hat ein hausgemachtes Gasproblem, denn die westlichen Sanktionen verhindern die Wartung von Nord Stream 1, weshalb die Gaslieferungen aus Russland um die Hälfte zurückgegangen sind.

Deutsche Medien geben Russland die Schuld daran, dass die Gaslieferungen über Nord Stream 1 stark zurückgegangen sind und Wirtschaftsminister Habeck unterstellt politisches Kalkül. Damit belügen Habeck und die deutschen Medien die Deutschen eiskalt, denn in den ersten Meldungen über den Rückgang der Gaslieferungen hat zum Beispiel der Spiegel noch klar gesagt, dass es für den Rückgang einen einfachen Grund gibt: Siemens, das für die Wartung der Turbinen der Pipeline verantwortlich ist, kann die Turbinen nach ihrer Überholung aufgrund der westlichen Sanktionen nicht mehr nach Russland zurückbringen. Ich habe darüber berichtet, weitere Details finden Sie hier.

Aber natürlich soll die deutsche Öffentlichkeit nicht wissen, dass auch dieses Problem der Gasversorgung vom Westen selbst geschaffen wurde, also belügt man die Menschen eben und gibt einfach Russland die Schuld. Das war auch Thema im wöchentlichen Nachrichtenrückblick des Russischen Fernsehens und ich habe den russischen Bericht übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Europa versucht panisch, die Sanktionen zu umgehen

Die Gaspreise an den europäischen Börsen haben wieder die Marke von 1.500 Dollar pro tausend Kubikmeter überschritten. Der Anstieg begann, nachdem Gazprom seine Lieferungen durch Nord Stream 1 nach Europa von 167 Millionen Kubikmetern pro Tag auf 67 reduziert hatte. Das hat einen objektiven Grund. Darin ist keine russische Bosheit. Siemens, ein deutsches Unternehmen, das gegenüber Russland vertraglich zur Wartung verpflichtet ist, hat die Turbine zur Generalüberholung nach Kanada geschickt. Aber jetzt sagen sie, dass sie die Turbine wegen der anti-russischen Sanktionen nicht zurückgeben können. Nun verhandeln Deutschland und Kanada über die Rückgabe der Nord-Stream-Ausrüstung. Bisher stecken sie in einer Sackgasse. In Europa werden derweil bereits Reserven für den Winter aus den Gasspeichern entnommen. Es herrscht Panik.

Aus Deutschland berichtet unser Korrespondent.

Die Sanktionen führen, wie sich gezeigt hat, ein Eigenleben und vermehren sich spontan. Vor ein Paar Wochen kündigte Europa nach der Euphorie über die Annahme des sechsten Sanktionspakets das siebte Paket an, das theoretisch auch in irgendeiner Form ein Gasembargo beinhalten könnte. Dieser Schritt muss verantwortungsbewusst gemacht werden – es müssen Vorräte für den Winter angelegt und neue Lieferanten für die Zukunft gefunden werden, aber es gibt ein Verbot die Lieferungen von Ausrüstung für die russische Gasbranche – und siehe da, Träume werden wahr. Manchmal aus heiterem Himmel.

„Aufgrund des Ablaufs des Überholungsintervalls stellt Gazprom in Übereinstimmung mit der Vorschrift von Rostekhnadzor und unter Berücksichtigung des technischen Zustands der Turbine den Betrieb eines weiteren Siemens-Gasturbinentriebwerks in der Pumpstation Portovaya ein“, so Gazprom.

Portovaya pumpt Gas durch die Pipeline Nord Stream 1. Nach Angaben der Bundesnetzagentur hat die Abschaltung der verschlissenen Turbine zu einer Verringerung des Gastransits um 40 Prozent geführt, nach Angaben von Gazprom um ganze 60 Prozent. Deutschland war gezwungen, die Gaslieferungen an französische Kunden ganz einzustellen, und die Lieferungen nach Italien sind um ein Drittel zurückgegangen. Ist das nicht schon das siebte Paket? Dabei ist es eine berechtigte Frage, wie es passieren konnte, dass Gazprom keinen Ersatz hat. Es liegt einfach daran, dass Siemens ein anderes Aggregat nach dessen Überholung in Montreal noch nicht zurückbekommen hat – die kanadischen Behörden haben es gemäß dem Sanktionsgesetz vom 8. Juni dieses Jahres beschlagnahmt.

„Siemens hat auch bestätigt, dass es eine Lieferung aus Kanada gibt, die noch nicht eingetroffen ist, aber ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen dieser Gasturbine und den vielen Lieferausfällen gibt, ist nicht überprüfbar“, sagt Beate Baron, Sprecherin des deutschen Wirtschaftsministeriums.

Eigentlich ist alles überprüfbar. Sie könnte, wenn sie es denn wollte, Siemens anrufen und nach den Leistungsmerkmalen seiner Turbinen fragen und sie mit der Menge des empfangenen Gases vergleichen, aber das will sie nicht, denn als Ergebnis besteht die hundertprozentige Chance, die Schuld bei sich selbst zu finden. Und dann könnte sie die Probleme der kommenden Heizperiode nicht mehr auf Russland schieben. 90 Prozent Befüllung der Gasspeicher bis zum 1. November – man geht davon aus, dass dieser Füllungsgrad der unterirdischen Speicher es ermöglicht, den Winter normal zu überstehen, aber anstatt Gas in die Speicher zu pumpen, wurde ab Samstag damit begonnen, es herauszupumpen, was offensichtlich gegen diesen Zeitplan verstößt.

„Wir können nicht in den Winter gehen, wenn die Gasspeicher zu 56 Prozent gefüllt sind, sie müssen voll sein, sonst sind wir wirklich nicht bereit für den Winter. Wir sollten uns keinen Illusionen hingeben, wir befinden uns im Kampf gegen Putin. Mein Appell an alle, an die Bürgerinnen und Bürger und an die Industrie, ist: Sparen Sie Energie“, sagte der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck.

Eier in der Spülmaschine kochen, unter der Dusche nicht trödeln, die Heizung in unbenutzten Räumen ausschalten – all diese Rezepte sind bekannt. Und sie wären gut, wenn nicht das Risiko bestehen würde, sich mit Salmonellen zu vergiften und Schimmelpilze in der Wohnung zu züchten, was am Ende noch teurer würde, auch wenn die Bundesnetzagentur warnt, dass die Rechnungen am Jahresende eine böse Überraschung für Mieter und Vermieter werden, was die Agentur zwingen könnte, die Temperatur in der zweiten Hälfte des Winters zentral zu senken, ohne Rücksicht auf die Wünsche der Bewohner.

Das ist fast unvermeidlich, aber Bloomberg bereitet seine Leser darauf vor, das noch etwas viel Schlimmeres droht: „Im schlimmsten Fall, wenn Nord-Stream nach Deutschland vollständig abgeschaltet wird, würde Europa das von der Europäischen Union vorgeschriebene Vorratsniveau bis zum Beginn der Heizperiode im November nicht erreichen. Und im Januar könnten die Reserven in der Region vollständig aufgebraucht sein.“

Die Gaspreise, insbesondere für die Industrie, wären dann exorbitant hoch, und die Inflation würde zweistellig. Den dritten Monat in Folge hat sie den Rekord immer älterer Krisen in Deutschland gebrochen: Sie liegt jetzt bei 7,9 Prozent, das war der Stand im Jahr 1974. Infolge der Nachrichten über die Reduzierung des Gastransits stieg der Gaspreis von 900 auf 1.350 Dollar pro tausend Kubikmeter. Und das, obwohl der Markt die Nachricht, dass die Pipeline Turkish-Stream am 21. Juni wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet werden soll, in der letzten Woche noch nicht eingepreist hat. Vorerst soll sie für eine Woche abgeschaltet werden, aber wie das so ist, sicher ist nichts. Das Problem für die EU wird noch dadurch verschärft, dass die anderen Lieferanten, gelinde gesagt, auch nicht gut dastehen, denn sie müssen zum falschen Zeitpunkt Reparaturen durchführen.

Der Brand in der US-Verflüssigungsanlage in Freeport bedeutet nach vorläufigen Berechnungen ein Minus von fünf Milliarden Kubikmetern im europäischen Energiemix. Das Exportterminal, über das ein Viertel aller US-Flüssiggas-Lieferungen für den europäischen Markt abgewickelt wird, ist für drei Monate außer Betrieb.

Es ist auch nicht klar, wann die Gaslieferungen aus Katar beginnen werden. Eine vorläufige Vereinbarung zwischen Berlin und Doha wird wohl erst dann Realität, wenn die Europäer dem Wunsch Katars nach einem 20-Jahres-Vertrag nachkommen, der nicht zu den Umweltzielen der deutschen Regierung passt. Also muss man jeden einen Kubikmeter zusammenkratzen, den man kriegen kann.

„Ich bin dankbar, dass wir jetzt über dieses großartige Projekt sprechen, dass Sie bereit sind, die Gaslieferungen an die Europäische Union über Ägypten zu erhöhen“, sagte die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen.

Die Präsidentin der Europäischen Kommission ist in dieser Woche nach Israel gereist, denn unter dem Gelobten Land gibt es Gas, das nach Europa geliefert werden könnte, aber nicht sofort – zuerst muss eine Pipeline zu den ägyptischen Flüssiggas-Terminals gebaut werden. Aber es gibt dort nicht viel Brennstoff: Die nachgewiesenen Reserven belaufen sich auf rund 650 Milliarden Kubikmeter, und die Region ist politisch instabil. Die Zeitung „Welt“ fasst alle Bemühungen europäischer Politiker um einen adäquaten Ersatz für russisches Gas zusammen und kommt zu dem enttäuschenden Ergebnis: „Deutschland verfügt über die größten Erdgasspeicher in Europa. Diese unterirdischen Tanks können bis zum 1. November jedoch nur durch Lieferungen über russische Pipelines auf den erforderlichen Stand von 90 Prozent gefüllt werden.“

Im Prinzip ist das Problem mit einem Knopfdruck zu lösen, der Nord Stream 2 startet. Die Turbinen dort sind brandneu und nicht importiert, sondern russische Ladoga-Turbinen. Aber zu so einem radikalen Schritt, der gegen ihre eigenen Sanktionen verstößt, sind sie noch nicht bereit. Sie rufen jetzt jeden Tag – mal bittend, mal fordernd – in Kanada an, damit Kanada ihnen die Turbine gibt.

Doch selbst wenn es den Deutschen gelänge, die Kanadier zu überzeugen, wären die Imageverluste enorm, weil auch das die Sanktionen umgehen würde. Wie sich zeigt, hat jede von ihnen ihren eigenen Preis. Das Gas oder das Gesicht zu verlieren – Europa entscheidet sich wohl für Letzteres.

Ende der Übersetzung

Wie in Russland über die Verschärfung der Gaskrise berichtet wird

Diskussionen

2 Gedanken zu “Wie in Russland über die Verschärfung der Gaskrise berichtet wird

  1. Nun möchte man mehr Kohlestrom produzieren (Habeck) . Der Kohlepreis ist aber gestiegen, so um 500 %. Mit CO2 und Kohle war auch mal was.

    https://tradingeconomics.com/commodity/coal

    Diese Regierung mit ihrer absonderlichen Ideologie der “ Realität über die nicht gesprochen werden darf“ macht großes Drama.

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    Verfasst von ZED | 20. Juni 2022, 18:29
  2. Hat dies auf Chaosfragment rebloggt.

    Gefällt mir

    Verfasst von B-Mashina | 20. Juni 2022, 13:29

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