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Ausland, Welt

St. Petersburg bereitet die Bühne für den Krieg der Wirtschaftskorridore

von Pepe Escobar – https://thecradle.co

Bild: In St. Petersburg trieben die Verfechter der Multipolarität am Freitag die Integration ihrer Netzwerke voran. Photo:  The Cradle

Übersetzung LZ

In St. Petersburg versammeln sich die neuen Mächte der Welt, um die von den USA geschaffene „regelbasierte Ordnung“ auf den Kopf zu stellen und den Globus auf ihre Weise neu zu vernetzen

Das Internationale Wirtschaftsforum in St. Petersburg gilt seit Jahren als unverzichtbar, um die sich entwickelnde Dynamik und die Irrungen und Wirrungen der eurasischen Integration zu verstehen.

St. Petersburg im Jahr 2022 ist sogar noch wichtiger, da es in direktem Zusammenhang mit drei gleichzeitigen Entwicklungen steht, die ich zuvor in keiner bestimmten Reihenfolge skizziert hatte:

Erstens, die Ankunft der „neuen G8“ – vier BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) sowie Iran, Indonesien, die Türkei und Mexiko, deren BIP pro Kaufkraftparität (KKP) die alte, westlich dominierte G8 bereits in den Schatten stellt.

Zweitens die chinesische „Drei-Ringe“-Strategie zur Entwicklung geoökonomischer Beziehungen mit seinen Nachbarn und Partnern.

Drittens die Entwicklung von BRICS+ oder erweiterten BRICS, zu denen auch einige Mitglieder der „neuen G8“ gehören und die auf dem bevorstehenden Gipfel in China erörtert werden sollen.

Es bestand kaum ein Zweifel daran, dass Präsident Putin der Star von St. Petersburg 2022 sein würde, denn er hielt eine scharfe, detaillierte Rede vor dem Plenum.

Zu den Höhepunkten gehörte, dass Putin die Illusionen der so genannten „goldenen Milliarde“, die im industrialisierten Westen lebt (nur 12 Prozent der Weltbevölkerung), und die „unverantwortliche makroökonomische Politik der G7-Länder“ zerschlug.

Der russische Präsident wies darauf hin, dass die „Verluste der EU aufgrund der Sanktionen gegen Russland“ 400 Milliarden Dollar pro Jahr übersteigen könnten und dass die hohen Energiepreise in Europa – die eigentlich „im dritten Quartal des letzten Jahres“ begannen – auf den „blinden Glauben an erneuerbare Energiequellen“ zurückzuführen seien.

Er wies auch die westliche Propaganda von der „Putinschen Preiserhöhung“ gebührend zurück und sagte, die Lebensmittel- und Energiekrise sei auf eine fehlgeleitete westliche Wirtschaftspolitik zurückzuführen, d. h. „russisches Getreide und Düngemittel werden zum Nachteil des Westens sanktioniert“.

Kurz gesagt: Der Westen hat die Souveränität Russlands falsch eingeschätzt, als er es mit Sanktionen belegte, und zahlt nun einen hohen Preis.

Der chinesische Präsident Xi Jinping richtete in seiner Videoansprache an das Forum eine Botschaft an den gesamten globalen Süden. Er beschwor einen „echten Multilateralismus“, betonte, dass die Schwellenländer „ein Mitspracherecht beim globalen Wirtschaftsmanagement“ haben müssten, und forderte einen „verbesserten Nord-Süd- und Süd-Süd-Dialog“.

Es war an dem kasachischen Präsidenten Tokajew, dem Herrscher eines zutiefst strategischen Partners sowohl Russlands als auch Chinas, die Pointe persönlich zu überbringen: Die Integration Eurasiens sollte Hand in Hand mit Chinas Belt and Road Initiative (BRI) voranschreiten. Hier schließt sich der Kreis.

Aufbau einer langfristigen Strategie „in Wochen“

In St. Petersburg fanden mehrere spannende Diskussionen zu zentralen Themen und Unterthemen der eurasischen Integration statt, wie z. B. die Geschäfte im Rahmen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), Aspekte der strategischen Partnerschaft zwischen Russland und China, die Zukunft der BRICS und die Aussichten für den russischen Finanzsektor.

Eine der wichtigsten Diskussionen konzentrierte sich auf die zunehmende Interaktion zwischen der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAEU) und der ASEAN, ein Schlüsselbeispiel für das, was die Chinesen als „Süd-Süd-Kooperation“ bezeichnen würden.

Und das in Verbindung mit dem noch langen und kurvenreichen Weg zu einer tieferen Integration der EAEU selbst.

Dazu gehören Schritte hin zu einer eigenständigeren wirtschaftlichen Entwicklung der Mitglieder, die Festlegung von Prioritäten für die Importsubstitution, die Nutzung des gesamten Transport- und Logistikpotenzials, die Entwicklung transeurasischer Unternehmen und die Einbettung der „Marke“ EAEU in ein neues System globaler Wirtschaftsbeziehungen.

Der stellvertretende russische Ministerpräsident Alexej Overtschuk äußerte sich besonders deutlich zu den dringenden Fragen: Umsetzung einer vollständigen Freihandels-, Zoll- und Wirtschaftsunion sowie eines einheitlichen Zahlungssystems mit vereinfachten Direktabrechnungen unter Verwendung der Mir-Zahlungskarte, um neue Märkte in Südostasien, Afrika und am Persischen Golf zu erreichen.

In einer neuen Ära, die von russischen Wirtschaftskreisen als „das Spiel ohne Regeln“ bezeichnet wird und die von den USA geprägte „regelbasierte internationale Ordnung“ entlarvt, konzentrierte sich eine weitere wichtige Diskussion mit dem wichtigen Putin-Berater Maxim Oreschkin auf die Frage, welche Prioritäten Großunternehmen und der Finanzsektor im Zusammenhang mit der Wirtschafts- und Außenpolitik des Staates setzen sollten.

Es besteht Einigkeit darüber, dass die derzeitigen „Regeln“ vom Westen aufgestellt wurden. Russland konnte sich nur an die bestehenden Mechanismen anschließen, die durch internationales Recht und Institutionen gestützt werden. Aber dann hat der Westen versucht, „uns zu verdrängen“ und sogar „Russland zu streichen“. Es ist also an der Zeit, „die regellosen Regeln zu ersetzen“. Dies ist ein zentrales Thema, das dem von Putin in seiner Plenarrede entwickelten Konzept der „Souveränität“ zugrunde liegt.

In einer anderen wichtigen Diskussion, die vom Vorstandsvorsitzenden der vom Westen sanktionierten Sberbank, Herman Gref, geleitet wurde, gab es viel Händeringen darüber, dass der russische „evolutionäre Sprung nach vorn bis 2030“ früher hätte stattfinden sollen. Jetzt muss eine „langfristige Strategie innerhalb von Wochen aufgebaut werden“, und die Lieferketten brechen auf der ganzen Linie zusammen.

Dem Publikum – der Crème de la Crème der russischen Geschäftswelt – wurde eine Frage gestellt: Was würden Sie empfehlen, einen verstärkten Handel mit dem Osten oder eine Neuausrichtung der Struktur der russischen Wirtschaft? Satte 72 Prozent stimmten für Letzteres.

Und jetzt kommt der Knackpunkt, denn all diese Themen greifen ineinander, wenn wir uns anschauen, was nur wenige Tage vor St. Petersburg passiert ist.

Der Korridor Russland-Iran-Indien

Ein wichtiger Knotenpunkt des Internationalen Nord-Süd-Verkehrskorridors (INTSC), der den Nordwesten Russlands über das Kaspische Meer und den Iran mit dem Persischen Golf verbindet, ist jetzt im Spiel. Die Transportzeit zwischen St. Petersburg und den indischen Häfen beträgt 25 Tage.

Dieser logistische Korridor mit multimodalem Transport ist von enormer geopolitischer Bedeutung für zwei BRIC-Mitglieder und ein künftiges Mitglied der „neuen G8“, da er eine wichtige Alternativroute zum üblichen Frachtweg von Asien nach Europa über den Suezkanal eröffnet.

Der Internationale Nord-Süd-Transportkorridor (INSTC)

Der INSTC-Korridor ist ein klassisches Süd-Süd-Integrationsprojekt: ein 7.200 km langes multimodales Netz von Schiffs-, Schienen- und Straßenverbindungen, das Indien, Afghanistan, Zentralasien, Iran, Aserbaidschan und Russland bis nach Finnland in der Ostsee miteinander verbindet.

Stellen Sie sich eine Reihe von Containern vor, die auf dem Landweg von St. Petersburg nach Astrakhan transportiert werden. Dann schippert die Fracht über das Kaspische Meer zum iranischen Hafen Bandar Anzeli. Dann wird sie auf dem Landweg zum Hafen von Bandar Abbas transportiert. Und dann nach Übersee nach Nava Sheva, dem größten Seehafen Indiens. Der Hauptbetreiber ist die Islamic Republic of Iran Shipping Lines (die IRISL-Gruppe), die sowohl in Russland als auch in Indien Niederlassungen hat.

Und das bringt uns zu dem, worum Kriege von nun an geführt werden: um Transportkorridore – und nicht um territoriale Eroberungen.

Pekings rasante BRI wird als existenzielle Bedrohung für die „regelbasierte internationale Ordnung“ angesehen. Sie entwickelt sich entlang von sechs Überlandkorridoren quer durch Eurasien sowie der maritimen Seidenstraße vom Südchinesischen Meer und dem Indischen Ozean bis nach Europa.

Eines der Hauptziele des Stellvertreterkriegs der NATO in der Ukraine ist die Unterbrechung der BRI-Korridore durch Russland. Das Imperium wird alles daransetzen, nicht nur die BRI, sondern auch die INSTC-Knoten zu unterbrechen. Das von den USA besetzte Afghanistan wurde daran gehindert, ein Knotenpunkt für BRI oder INSTC zu werden.

Mit dem uneingeschränkten Zugang zum Asowschen Meer – jetzt ein „russischer See“ – und wahrscheinlich der gesamten Schwarzmeerküste im weiteren Verlauf des Weges wird Moskau seine Seehandelsperspektiven enorm verbessern (Putin: „Das Schwarze Meer war historisch gesehen russisches Gebiet“).

In den letzten zwei Jahrzehnten wurden die Energiekorridore stark politisiert und stehen im Mittelpunkt eines unerbittlichen globalen Pipeline-Wettbewerbs – von BTC und South Stream über Nord Stream 1 und 2 bis hin zu den nicht enden wollenden Seifenopern der Gaspipelines Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-Indien (TAPI) und Iran-Pakistan-Indien (IPI).

Und dann ist da noch der Nördliche Seeweg entlang der russischen Küste bis zur Barentssee. China und Indien konzentrieren sich sehr stark auf den Nördlichen Seeweg, der nicht zufällig auch in St. Petersburg ausführlich diskutiert wurde.

Der Kontrast zwischen den Petersburger Debatten über eine mögliche Neuverdrahtung unserer Welt – und den drei Stooges, die einen Zug nach Nirgendwo nehmen, um einem mittelmäßigen ukrainischen Komiker zu sagen, er solle sich beruhigen und über seine Kapitulation verhandeln (was vom deutschen Geheimdienst bestätigt wurde) – könnte nicht krasser sein.

Fast unmerklich – so wie es die Krim wieder eingegliedert hat und in Syrien auftritt – zeigt Russland als militärisch-energetische Supermacht nun, dass es potenziell in der Lage ist, einen großen Teil des industrialisierten Westens in die Steinzeit zurückzutreiben. Die westlichen Eliten sind einfach hilflos. Wenn sie nur in einem Korridor des eurasischen Hochgeschwindigkeitszuges mitfahren könnten, würden sie vielleicht etwas lernen.

https://thecradle.co/Article/columns/11928

 

Diskussionen

2 Gedanken zu “St. Petersburg bereitet die Bühne für den Krieg der Wirtschaftskorridore

  1. Wir leben in spannenden Zeiten, schade nur, daß wir im falschen Boot sitzen, und auch noch als Rudersklaven ! Also Genossen, rudert langsam !

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    Verfasst von zivilistin | 21. Juni 2022, 15:26
  2. Kapitalismus forever???
    Tendentieller Fall der Profitrate — Realität oder Fiktion???

    An der Beantwortung dieser zwei Fragen entscheidet sich, ob die Multipolaristen von St. Petersburg Realisten sind, oder Trottel, welche die Rechnung ohne den Wert machen.

    Ach ja, Wert. Es gab einmal eine Zeit, da wußten Linke, was das ist. Lang lang her, gute 100 Jahre. Wert einer Ware sind die zu ihrer Fertigung (Halle) sowie für den Transport zum Endkunden (Lager und Bock) insgesamt aufgewendeten händischen Arbeitszeiten. Hier eingeschlossen jene händischen Arbeitszeiten, welche den Wert von Fertigungsmaschinerie ausmachen. MERKE: Der Wert einer Ware ist ihrem am Markt durchschnittlich zu erzielenden geldlichen Erlös proportional.

    Nun zum Eingemachten. 1) Mit sinkenden Herstellkosten sinkt auch der Warenwert, mit welchem letzteren auch der zu erzielende Verkaufserlös von Waren sinkt. 2) Mit dem Verkaufserlös sinkt/fällt auch der Betrag des durchschnittlichen Profits (Profit = Warenverkaufserlös minus Fertigungskosten; Fertigungskosten = konstantes plus variables Kapital).

    Wer Obiges verstanden hat, hat alles verstanden und kann Realisten von Trotteln oder Demagogen unterscheiden. MERKE: Wer vom Eingemachten des Kapitalismus nichts wissen WILL, ist Sozialdemokrat bzw. Gewerkschaftsapparatschik bzw. Diktator, auf jeden Fall aber ein Genosse der Bosse. Und führt das Proletariat unausweichlich in Zwangsarbeit und Krieg. Siehe die rassistischen Nationalsozialdemokraten von 1933 bis 1945 sowie die nichtrassistischen Standortsozialdemokraten von 1998 bis 2005. (Auf einem ganz anderen Blatte, daß die deutsche Parteienlandschaft insgesamt sozialdemokratisch ist.)

    Die Bestimmung des Werts einer Ware setzt Lohnarbeit voraus. (Lohnarbeit = Entlohnung entsprechend Stückzahl pro Zeiteinheit; Stichwort REFA). Merke: Kapitalistische Produktionsweisen basieren auf Lohnarbeit. (Staatssozialismus beruht ebenfalls auf Lohnarbeit und ist daher eine Variante von Kapitalismus.)

    SCHLUSSFOLGERUNG: Indem kapitalistische Produktionsweisen gewollt(!) auf Senkung der Kosten für Fertigung, Lager und Transport ausgehen, gehen sie ungewollt(!) zugleich auch aus auf Senkung von Verkaufserlösen. Und wiederum ungewollt(!) so auch auf Senkung von Profit.
    Fazit: Gewolltes führt zu Ungewolltem, welches das Gewollte mehr und mehr unerreichbar macht. Wir ahnen nun, was für eine Chaosveranstaltung aus Lohnarbeit und Kapitalismen unausweichlich hervorkommen muß. Und verstehen nun auch, welchen simplen Zusammenhang der großkotzig daherkommende Begriff „tendentieller Fall der Profitrate“ erfaßt.

    Für die Quälgeister, die immer alles ganz genau wissen wollen: Profitrate = Profit dividiert durch Kapitalkosten. Kapitalkosten = konstantes plus variables Kapital; konstantes Kapital = all das, was zur Ermöglichung von Fertigung, Lager und Transport zugekauft werden muß; variables Kapital = alle Löhne für händische Arbeit in den Bereichen Fertigung, Lager sowie Transport zum Endkunden.

    Die hier eingangs gestellten zwei Fragen lassen sich nun beantworten. Eine dritte Frage wäre vorstellbar. Ob die St. Petersburger Multipolaristen vielleicht garkeine traumtanzenden Trottel sind, sondern bestens wissen, daß sie Unsinn verbreiten. Daß all ihre wohlklingenden Ankündigungen Schall und Rauch sind.

    Was auch könnten jene Ankündigungen anderes sein, wenn gesehen wird, was hier oben dargelegt worden ist über Lohnarbeit, bzw. über Kapitalismus, bzw. über Staatssozialismus.

    Abschließende Frage so nun denn: Wollt ihr den Endsieg der Sozialdemokratie, den Endsieg von Lohnarbeit, von kapitalistischer oder staatssozialistischer Terrorherrschaft? Kurz: Wollt ihr Terror und Zwangsarbeit? Wer sie denn so sehr liebt, nackte und brutale Sklaverei, der blende weiterhin aus, was sich über Lohnarbeit und Kapital wissen läßt seit Marx und Engels. Seit Marx und Engels ihre „Kritik der politischen Ökonomie“ unter dem Titel «Das Kapital» publiziert haben. Eine Kritik, deren zentrale Aussagen die auf Marx und Engels folgende Geschichte als vollauf zutreffend bestätigt hat.

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    Verfasst von No_NWO | 21. Juni 2022, 10:26

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