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Betrieb und Gewerkschaft, Inland

Stahlarbeiter zeigen sich kampfbereit

von Dietmar Gaisenkerstinghttp://www.wsws.org

Bild: Stahlarbeiter demonstrieren am 9. Juni in Duisburg vor der Hauptverwaltung von Thyssenkrupp-Stahl [Photo: WSWS]

Die Arbeiter in der nordwestdeutschen und der ostdeutschen Eisen- und Stahlindustrie sind kampfbereit. Das zeigen die Warnstreiks, an denen sich seit dem 1. Juni nach Gewerkschaftsangaben rund 28.000 Arbeiter aus über 60 Betrieben beteiligt haben. Allein am Montag sollen es über 11.000 gewesen sein, die meisten in Salzgitter (3500) und in Duisburg (2100).

Die IG Metall führt getrennte Verhandlungen für rund 68.000 Beschäftigte im Westen und 8.000 im Osten. Die betroffenen Stahlarbeiter sind sich einig, dass eine saftige Lohnerhöhung her muss. Die Forderung von 8,2 Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten, mit der die Gewerkschaft in beide Verhandlungen gezogen ist, würde kaum die Inflation decken, die im Mai nach Angaben des Statistischen Bundesamts bei 7,9 Prozent lag und weiter steigt.

Die Lohnverluste der vergangenen Jahre würde sie nicht ausgleichen. Die Beschäftigten der Eisen- und Stahlindustrie haben seit drei Jahren keine prozentualen, tabellenwirksamen Lohnsteigerungen mehr erhalten. Sie wurden lediglich mit Einmalzahlungen abgespeist.

In den letzten Jahren wurden viele tausend Arbeitsplätze abgebaut. IG Metall und Betriebsräte hatten den Arbeitern über betriebliche Vereinbarungen immer wieder Lohnkürzungen verordnet. Zur Begründung hieß es, anders sei in Deutschland hergestellter Stahl auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig.

Betriebsratsfürsten, wie der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Thyssenkrupp Stahl Tekin Nasikkol, nennen diesen Abbau von Löhnen und Arbeitsplätzen heuchlerisch „Beschäftigungssicherung“. Allein unter Nasikkols Ägide sind in den vergangenen drei bis vier Jahren rund 4000 Arbeitsplätze vernichtet worden.

All dies dient einzig und allein der Aufrechterhaltung der Profite. Das zeigt das Beispiel der 2400 Röhrenwerker der Vallourec-Werke in Mülheim und in Düsseldorf, die auch zur Branche gehören. Ihre Werke sollen schon bald geschlossen werden. Während sich die Vallourec-Belegschaft geeint an den Warnstreiks beteiligte, „kämpft“ der Betriebsrat für die sozialverträgliche Schließung des Werks.

In der Corona-Pandemie hatten die Beschäftigten der Stahlindustrie ihre Gesundheit und ihr Leben riskiert, indem sie unter den erschwerten Bedingungen fast die ganze Zeit durcharbeiteten. Gab es aufgrund des pandemiebedingten Produktionsrückgangs insbesondere in der Autoindustrie Kurzarbeit, erlitten sie Lohneinbußen.

Seit die Regierung im Rahmen ihrer Profite-vor-Leben-Politik alle Einschränkungen aufgehoben und der Krieg in der Ukraine zum Anstieg der Stahlpreise auf dem Weltmarkt geführt hat, explodieren die Gewinne der Stahlkonzerne wieder.

Branchenprimus ThyssenKrupp meldete im ersten Quartal des Geschäftsjahres für die Stahlsparte ein Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) von 495 Millionen Euro, nach einem Verlust von 161 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Der zweitgrößte Stahlhersteller, die Salzgitter AG, meldete für 2021 einen Jahresgewinn (Ebit) von 753 Millionen Euro nach einem Verlust von 119 Millionen Euro im Vorjahr.

Der Ukrainekrieg und die Aufrüstung der Bundeswehr mit 100 Milliarden Euro lässt in den Chefetagen der Stahlkonzerne die Korken knallen. Die Stahlarbeiter produzieren nun Stahl für Panzer, U-Boote und Kriegsschiffe. Thyssenkrupp profitiert über seine Tochter Marine Systems (TKMS), die seit einigen Monaten vom ehemaligen IG Metall-Sekretär Oliver Burkhard geleitet wird, auch direkt vom U-Boote- und Schiffsbau.

Mit der Aussicht, einen großen Teil der 100 Milliarden Euro abzuschöpfen, hat TKMS inzwischen die insolvente Wismar Werft aufgekauft und will groß in die Kriegsschiffproduktion einsteigen. Von den einst 3000 Werftarbeitern sollen 800 übrigbleiben, später soll die Zahl auf maximal 1500 steigen.

Geht es nach Konzern-Managern wie Burkhard, sollen die Beschäftigten trotzdem die Zeche für die Superprofite zahlen. Die Stahlkonzerne hatten in der ersten Verhandlungsrunde vorgeschlagen, die Beschäftigten ähnlich wie in der Chemie-Industrie mit einer Einmalzahlung von 2100 Euro abzuspeisen. In der dritten Verhandlungsrunde am Freitag letzter Woche boten sie dann an, die Löhne für 21 Monate um 4,7 Prozent anzuheben.

Gestern Abend begann in Düsseldorf die vierte Verhandlungsrunde. Bei Redaktionsschluss lag noch kein Ergebnis vor. Die IG Metall hatte mit Urabstimmung und unbefristeten Streiks gedroht, falls sich die Unternehmer nicht bewegen. Sie versucht damit, die wachsende Kampfbereitschaft der Stahlarbeiter aufzufangen.

Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats von Thyssenkrupp Steel, Tekin Nasikkol; im Hintergrund IG-Metall-Chef Jörg Hofmann [Photo: WSWS]

Als am Donnerstag letzter Woche 3000 Stahlarbeiter vor dem Werk von Thyssenkrupp Steel in Duisburg demonstrierten, sprach der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Tekin Nasikkol über die historisch hohe Inflation und die hohen Gewinne. Wann immer er oder der Vertrauenskörperleiter Klaus Wittig auch nur andeuteten, dass es bei einer Ablehnung der Forderung zum unbefristeten Streik kommen werde, unterstützten dies die Stahlarbeiter lautstark.

Doch die IG Metall denkt nicht daran, die Konzerne für die Löhne der Stahlarbeiter zur Kasse zu bitten. Auf der Duisburger Kundgebung sprach auch IG-Metall-Chef Jörg Hofmann und forderte ein „faires Angebot von den Arbeitgebern“.

Am nächsten Tag erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit Hofmann, in dem er klarstellte, dass die IG Metall aufs engste mit Konzernen und Regierung zusammenarbeitet, um die Arbeiter für die Konzernprofite und die Kriegskasse zu schröpfen.

Er lehnte einen Inflationsausgleich ausdrücklich ab und sagte: „Die IG Metall handelt vernünftig. Wir haben das Wohl des ganzen Landes im Blick.“ Damit meint der IGM-Chef, der monatlich so viel einstreichen dürfte, wie ein Stahlarbeiter in einem Jahr, die Börsenkurse und Unternehmensgewinne.

Seit Jahren zeigen alle deutschen und internationalen Erfahrungen, dass Löhne und Arbeitsplätze nicht verteidigt werden können, solange die Gewerkschaften die Kontrolle haben und gemeinsam mit den Unternehmerverbänden die Angriffe auf die Arbeiter planen.

Die IG Metall reagiert auf die wachsende gesellschaftliche Krise – die Bereicherung und Militarisierung auf der einen und die Radikalisierung in den Betrieben auf der anderen Seite –, indem sie noch enger mit den Konzernvorständen und der Regierung zusammenarbeitet. Sie setzt ihren gesamten Apparat ein, um die aufkommende Rebellion der Arbeiter zu ersticken.

Um zu siegen, müssen die Stahlarbeiter organisatorisch und politisch mit den Gewerkschaften brechen. Die Sozialistische Gleichheitspartei tritt für den Aufbau unabhängiger Aktionskomitees in den Betrieben ein. Diese müssen den Kampf gegen Inflation und Lohnsenkung, Werksschließungen, Entlassungen und Sozialabbau organisieren und Verbindungen zu den Beschäftigten anderer Standorte und Länder aufbauen.

Die Konzerne agieren international. Arbeiter können ihnen nur erfolgreich entgegentreten, wenn sie sich ebenfalls international zusammenschließen. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale und die ihm angeschlossenen Sozialistischen Gleichheitsparteien haben vor einem Jahr die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees ins Leben gerufen, um „einen Rahmen für neue Formen unabhängiger und demokratischer Kampforganisationen von Arbeitern in Fabriken, Schulen und Betrieben auf internationaler Ebene“ zu schaffen.

Alle Arbeiterinnen und Arbeiter, die nicht bereit sind, mit ihren Löhnen, Arbeitsplätzen, ihrer Gesundheit und ihrem Leben für Krieg, Militarismus und die abstoßende Bereicherung der Aktionäre zu zahlen, rufen wir auf, mit uns in Kontakt zu treten.

https://www.wsws.org/de/articles/2022/06/14/tarf-j14.html

Diskussionen

4 Gedanken zu “Stahlarbeiter zeigen sich kampfbereit

  1. Es geht nicht etwa – was wir schon ahnten – um Solidarität mit den Kollegen von Azovstal, nein, es geht einzig um den Preis des Todes, das ist die Zukunft – und Vergangenheit – des Stahls, man will ein bisschen mitverdienen.

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    Verfasst von zivilistin | 15. Juni 2022, 22:25
  2. Irgendwann wächst Gras drüber und „Gut“ ist!
    Man schmeißt den Streikenden ein Paar Brotkrumen
    hin und das wars dann auch schon.
    So ist es doch immer gewesen im Lande in dem
    es sich so Gut Leben lässt!

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    Verfasst von wolfgang fubel | 15. Juni 2022, 13:19
  3. Mann der Arbeit aufgewacht
    und erkenne deine Macht!
    Alle Räder stehen still
    wenn dein starker Arm es will!

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    Verfasst von V wie Vendetta | 15. Juni 2022, 13:19
    • Was für ein frommer Wunsch!
      Aufwachen tun Die nur bei einen Fußballspiel
      und der Starke Arm ist nur für,s halten des Bieres
      zuständig!
      Nur wenn die Räder Ihres Autos still stehen,
      bewegen Sie sich in Richtung zur nächsten Werkstatt!!

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      Verfasst von wolfgang fubel | 15. Juni 2022, 15:55

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