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Finanzen, Wirtschaft

BIP: Die USA als Scheinriese und eine Frage an die Schwarmintelligenz

von Thomas Röper – http://www.anti-spiegel.ru

Das Bruttoinlandsprodukt gilt (BIP) als Gradmesser für die Wirtschaftskraft. Aber wenn man sich anschaut, wie das BIP berechnet wird, dann ergeben sich viele Fragen.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird auf verschiedene Arten berechnet, dazu kommen wir später. Zunächst müssen wir uns grundsätzlich fragen, was alles in das BIP einfließt, um zu verstehen, wie aussagekräftig das BIP eigentlich ist. Wie immer werde ich versuchen, diesen Artikel so zu schreiben, dass auch Laien ihn verstehen können, denn Wirtschaft klingt nach einem komplizierten Thema, aber sie ist keine Zauberei. Und man kann mit Wirtschaftsdaten sehr schön manipulieren. Wie das gemacht wird, will ich hier aufzeigen und das ist vor allem für Laien interessant.

Was ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP)?

Wikipedia definiert das BIP wie folgt:

„Das Bruttoinlandsprodukt (…) gibt den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen an, die während eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft als Endprodukte hergestellt wurden, nach Abzug aller Vorleistungen.“

Das allerdings bedeutet, dass in das BIP auch Dinge einfließen, die wirtschaftlich gesehen keinerlei Mehrwert bringen. Bringt zum Beispiel eine Provision, die ein Immobilienmakler für die Vermittlung einer Wohnung kassiert, einen wirtschaftlichen Mehrwert? Nein, weil er keinen zusätzlichen Wohnraum oder sonst etwas erschafft. Ja, er erbringt eine sehr nützliche Dienstleistung, das will ich nicht bestreiten, aber seine Provision erschafft keinerlei Mehrwert für die Volkswirtschaft, denn die vermietete Wohnung hat es auch ohne ihn schon gegeben und auch ohne ihn hätte der Eigentümer sie vermietet.

Das gilt für viele Dienstleistungen, die in das BIP einfließen, vor allem im Finanzbereich. Bringt es einen Mehrwert, wenn Aktien an der Börse von Computerprogrammen im Sekundentakt gehandelt werden? Nein, daran verdienen lediglich Spekulanten, aber trotzdem fließen die Umsätze der Börsen in das BIP ein.

Man müsste also eigentlich, wenn man das BIP der Staaten berechnet, einige Positionen aus der Berechnung herausnehmen. Ich sagte schon, dass wir noch zu den verschiedenen Berechnungsmöglichkeiten des BIP kommen werden. Vorher will ich hier eine weitere Berechnungsart vorstellen, die es nicht gibt, die ich aber für sehr sinnvoll halten würde.

Diese von mir vorgeschlagene Berechnung des BIP würde nur die Dienstleistungen berücksichtigen, die auch wirklich einen Mehrwert erzeugen. Das können zum Beispiel Logistik und Lagerung sein, denn wenn man zum Beispiel Lebensmittel nicht lagern und dabei kühlen würde, würden sie verderben. Und wenn man sie nicht zum Händler transportieren würde, könnten die Menschen sie nicht konsumieren. Lagerung und Logistik erzeugen also einen wirtschaftlichen Mehrwert, was für Spekulationen an der Börse und viele (aber nicht alle) Provisionsgeschäfte nicht gilt.

Das „tatsächliche“ BIP

Eine solche Berechnung des „tatsächlichen BIP“ – wie ich es hier nennen möchte – wird jedoch nicht vorgenommen und es ist auch praktisch unmöglich, das von Hand zu berechnen, weil diese detaillierten Zahlen kaum zu finden sind. Und sollte man sie doch einmal für ein Land finden und „per Hand“ aus dem BIP herausrechnen können, dann hilft einem das nicht weiter, weil es das nicht für alle Länder der Welt gibt. Die Zahlen bringen ja erst dann etwas, wenn man das „tatsächliche BIP“ der Staaten miteinander vergleichen kann.

Der Grund liegt darin, dass die Regeln zur Berechnung des BIP von jeher von westlichen Ökonomen vorgegeben werden und die haben ein großes Interesse daran, diese Zahlen so darzustellen, dass sie dem Westen in die Hände spielen. Würde man das „tatsächliche BIP“ der Staaten vergleichen, wäre die wirtschaftliche Führungsrolle, die der Westen angeblich in der Welt spielt, längst nicht so dominant. Die mächtige Finanzindustrie des Westens ist nämlich ein wichtiger Bestandteil des BIP, aber sie produziert fast keinen Mehrwert.

Sicher Versicherungen und Kredite produzieren einen Mehrwert, aber Börsenspekulationen, die meisten Provisionen und die vielen Instrumente der Finanzmärkte produzieren keinen (wirtschaftlichen) Mehrwert. Und schon da beginnt das Problem, denn wenn ich mir detaillierte Zahlen des BIP der USA anschaue, dann haben die USA ein BIP von etwa 20 Billionen Dollar. Der Bereich „Finanzen, Versicherungen, Immobilien, Vermietung und Leasing“ steuert knapp 7,9 Billionen US-Dollar zum US-amerikanischen BIP bei und es gibt auch noch den Bereich „Finanzen und Versicherungen“, der weitere 3,5 Billionen zum BIP der USA beisteuert. Da das BIP der USA je nach Berechnungsmethode ungefähr 20 Billionen beträgt, bedeutet das, dass der große Bereich „Finanzen“ in den USA etwa 60 Prozent des BIP ausmacht.

Hinzu kommen noch die Bereiche „Federal Reserve Banken, Kreditvermittlung und verbundene Tätigkeiten“ (1,1 Billionen), „Wertpapiere, Warenkontrakte und Investitionen“ (0,8 Billionen, „Versicherungsträger und verbundene Tätigkeiten“ (1,4 Billionen), „Fonds, Trusts und andere Finanzinstrumente“ (0,2 Billionen) und einige andere. Das sind alles zusammengenommen etwa 75 Prozent des amerikanischen BIP. Das bedeutet, dass es die „echte“ Wirtschaftstätigkeit, also Produktion und Handel, im BIP der USA nur einen verschwindend geringen Anteil haben.

Der aller größte Teil des amerikanischen BIP geht darauf zurück, dass Geld hin und her geschoben wird, ohne dass ein tatsächlicher Mehrwert erbracht wird. Manche dieser Transaktionen erzeugen auch einen Mehrwert, aber eben bei weitem nicht alle. Oder anders gefragt: Welchen Mehrwert für das BIP hat es, wenn ein vor Jahren herausgegebenes Wertpapier im Kurs steigt? Keinen, denn dadurch wird weder eine zusätzliche Ware produziert, noch eine zusätzliche Dienstleistung erbracht, die Dienstleistung des Börsenhändlers, der das Wertpapier hin und her verkauft, will ich dabei außen vor lassen.

Um bei dem Beispiel zu bleiben: Ein Wertpapier, zum Beispiel eine Aktie, hat nur in dem Moment seiner Emission einen wirtschaftlichen Effekt, denn in dem Moment verschafft es dem Emittenten frisches Geld, mit dem er zum Beispiel in eine neue Fabrik investieren kann, deren Bau und Betrieb einen wirtschaftlichen Mehrwert bringt. Die danach folgende Spekulation mit dem Wertpapier an der Börse mag den Spekulanten Gewinne einbringen, aber sie bringt keinerlei wirtschaftlichen Mehrwert mehr.

Eine Frage an die Schwarmintelligenz

Ich versuche schon lange, eine Liste der Länder nach einem „tatsächlichen BIP“ zu erstellen. Dazu müsste man jedoch Daten von einer Organisation haben, die die BIP aller Länder berechnet und die ihre Daten dabei auch noch so detailliert aufschlüsselt, dass man alles herausrechnen kann, was keinen echten wirtschaftlichen Mehrwert erzeugt. Pauschal zum Beispiel den Finanzsektor herauszurechnen, wäre falsch, denn einige Finanzdienstleistungen erbringen einen wirtschaftlichen Mehrwert, ich habe schon Kredite und Versicherungen genannt, das gilt aber zum Beispiel auch für den Zahlungsverkehr und einige andere Bereiche.

Aber ich habe eine so detaillierte Aufschlüsselung der BIP aller Länder der Welt bisher nicht gefunden, mit der ich selbst eine Liste nach einem „tatsächlichen BIP“ anfertigen könnte. Ich halte das aber für sehr wichtig, weil es zeigen würde, wie die tatsächliche Wirtschaftskraft der Länder aussieht. Das derzeitige, von westlichen Ökonomen definierte, BIP vergleicht nicht die wahre Wirtschaftsleistung, sondern oft eher Geldströme.

Das ist verständlich, denn die größte Macht des Westens sind seine Währungen, vor allem der US-Dollar. Wenn der morgen an Wichtigkeit verlieren würde, wäre von der US-Wirtschaft nichts mehr viel übrig, denn die US-Wirtschaft hat ein so großes reales Defizit, dass sie nur dadurch am Leben erhalten wird, dass alle Länder der Welt Dollar benötigen, um Rohstoffe wie Öl, Gas, Getreide und so weiter zu kaufen. Dieser Geldzufluss aus aller Welt ist es, der die US-Wirtschaft am Laufen hält.

Wenn die Welt morgen beginnen würde, diese Rohstoffe (und alle anderen Waren) nicht mehr in Dollar zu handeln, sondern in den nationalen Währungen der an dem Geschäft beteiligten Länder, hätten die USA ein Riesenproblem. Aus eben diesem Grund wird das BIP so berechnet und präsentiert, wie es getan wird: Diese Form der Berechnung lässt die USA wie die größte Volkswirtschaft der Welt aussehen, was sie aber vermutlich gar nicht ist, wenn der große Bereich Finanzen etwa 75 Prozent des BIP der USA ausmacht.

Daher meine Frage an die Schwarmintelligenz meiner Leser: Kennt vielleicht jemand Zahlen, zum Beispiel der Weltbank, des IWF oder einer anderen globalen Organisation, die das BIP der Länder so detailliert aufschlüsselt, dass man ein „tatsächliches BIP“ errechnen kann, das nur die Bereiche der Wirtschaft eines Landes berücksichtigt, die auch tatsächlich einen wirtschaftlichen Mehrwert bringen?

Das BIP nach Waren

Man könnte das BIP sogar nur danach berechnen, welche Waren und Rohstoffe ein Land produziert, und die Dienstleistungen herausrechnen. Eine solche Berechnung würde zeigen, welche Länder tatsächlich etwas produzieren. Die USA „produzieren“ in erster Linie Dollar, aber den kann man nicht essen, man kann mit ihm keinen Strom erzeugen und so weiter.

Dass der Dollar so gefragt ist, liegt nur daran, dass es den USA gelungen ist, ihn zu führenden Währung der Welt zu machen, die jeder braucht, der wichtige Waren und Rohstoffe kaufen muss. Man muss also daran glauben, dass der Dollar auch tatsächlich einen Wert hat, denn für sich genommen ist er nur bedrucktes Papier. Daher nennt man das aktuelle Geldsystem auch „Fiatgeld“. Das Wort ist abgeleitet vom dem lateinischen Wort fiat („Es geschehe! Es werde!“), dabei ist Geld ein Wirtschaftsobjekt ohne inneren Wert, das als Tauschmittel dient. Und wenn die USA (oder ein anderes Land) dieses Tauschmittel nach Belieben drucken können, dann ist es kein stabiles Tauschmittel. Man muss eben ganz fest daran glauben, dass es tatsächlich einen Wert hat.

Ein auf diese Weise, also nur nach produzierten Waren und Rohstoffen, berechnetes BIP hätte also eine Aussagekraft zu der Frage, ob ein Staat tatsächlich „echte“ Werte produziert. Aber Dienstleistungen, wie zum Beispiel Logistik, erbringen auch einen Wert und sind wichtig, weshalb mich in erster Linie eine Berechnung des von mir sogenannten „tatsächlichen BIP“ interessieren würde.

Die verschiedenen Berechnungsarten des BIP

Die Schwierigkeit also ist, dass man das BIP nach sehr unterschiedlichen Methoden berechnen kann, ironisch gesagt nach dem Motto „Glaube nur der Statistik, die du selber gefälscht hast.“ Die Frage ist immer, was man eigentlich messen oder überprüfen will.

Es gibt zunächst das nominale und das reale BIP. Beim nominalen BIP geht es um den Wert aller Waren und Dienstleistungen in Marktpreisen. Das bedeutet, dass steigende (Markt-)Preise, also Inflation, das BIP erhöhen. So kann selbst bei sinkender Produktion das nominale BIP steigen, wenn nur die Inflation hoch genug ist. Um diesen Effekt auszuschließen, gibt es das reale BIP. Dabei wird durch die Festsetzung von Basispreisen die Inflation herausgenommen, man bekommt also einen klareren Einblick in die Entwicklung der Produktion und Dienstleistungen.

Aber auch hier ist wird es schwierig, wenn man verschiedene Länder mit verschiedenen Währungen vergleichen will. Schließlich legen die Länder unterschiedliche Basispreise fest und das auch noch in unterschiedlichen Währungen, die im Laufe des Berechnungszeitraums auch noch ihre Wechselkurse verändern.

Um diesen Effekt auszugleichen, gibt es noch die Berechnung des BIP nach Kaufkraftparität (KKP oder englisch PPP). Der Punkt ist nämlich, dass ein und dasselbe Produkt in verschiedenen Ländern teurer oder billiger sein kann und das gilt auch für die Löhne. In der Schweiz sind die Löhne höher als in Deutschland, aber wer mal in der Schweiz war, der weiß, dass dort auch alles viel teurer ist.

Ein einfaches Beispiel macht das deutlich: Ein Tasse Kaffee kostet in der Schweiz fast das Doppelte von dem, was man in Deutschland für die gleiche Tasse Kaffee zahlen muss. Nach Berechnung des nominalen und realen BIP hätte die Schweiz ein höheres BIP, nur weil die gleiche Tasse Kaffee dort teurer ist. Es ist und bleibt aber eine Tasse Kaffee.

Das BIP kann also auf sehr unterschiedliche Weise gemessen werden und da können auch sehr unterschiedliche Ergebnisse bei rauskommen. Richtig oder falsch ist keine Methode. Wer zum Beispiel die Entwicklung in einem Land über die Jahre messen will, der ist mit dem realen BIP gut bedient. Wenn man aber verschiedene Länder vergleichen will, hat das reale BIP seine Schwächen und das BIP nach KKP ist aussagekräftiger. Denn bloß weil eine Tasse Kaffee in der Schweiz das doppelte kostet, wie in Deutschland, ist es trotzdem immer noch die gleiche Tasse Kaffee. Wer also das BIP, sprich die Summe der produzierten Güter und Dienstleistungen (vereinfacht gesagt, die Anzahl an verkauften Tassen Kaffee), in verschiedenen Ländern vergleichen will und nicht die Preisunterschiede, der muss nach KKP gehen.

Die Legende vom wirtschaftlich starken Westen

Natürlich sind die Länder des Westens in der Regel wohlhabender als viele andere Länder. Aber sie sind wirtschaftlich – und vor allem was den Wohlstand der Menschen angeht – nicht mehr wirklich der Nabel der Welt. Das will ich am Beispiel Russland aufzeigen.

In Russland sind die Löhne zwar geringer als im Westen, aber der durchschnittliche Russe kann sich das gleiche leisten, wie ein durchschnittlicher Mensch im Westen. Der Durchschnittsrusse hat eine Wohnung (übrigens meisten eine Eigentumswohnung), er hat ein Auto und er fährt einmal im Jahr in den Urlaub. Wichtig ist also nicht, wie viel Geld jemand verdient, sondern was er sich von diesem Geld in seinem Land leisten kann. Ich habe über den Lebensstandard in Russland mehrmals berichtet, Beispiele mit vielen interessanten Details finden Sie hier und hier.

Die „Qualitätsmedien“ erzählen uns ständig, dass die russische Volkswirtschaft schwach und klein ist und dass das große Russland sogar weniger Wirtschaftskraft hat, als das kleine Italien. Das stimmt, allerdings nur bei der Berechnung des nominalen BIP, dessen Schwächen wir uns gerade angeschaut haben. Russland steht nach dieser Berechnung weltweit nur auf Platz 11 der Volkswirtschaften.

Wenn man sich aber das BIP nach KKP (oder englisch PPP) anschaut, das ein realistischeres Bild der Wirtschaftsleistung abbildet, weil es die Preisunterschiede ausblendet, dann sieht das Bild plötzlich ganz anders aus. Dann steht Russland plötzlich direkt hinter Deutschland auf Platz 6 der weltweiten Volkswirtschaften.

Man sieht daran, wie leicht die Medien einen falschen Eindruck über den Zustand einer Volkswirtschaft erzeugen können, indem sie einfach die Statistik zeigen, die das gewollte Bild vermittelt. Denn dass Russland die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt ist und damit eine größere Wirtschaftsleistung als alle Länder außer China, den USA, Indien, Japan und Deutschland hat, das sollen die Deutschen möglichst nicht erfahren. Schließlich reden die Medien im Falle von Russland gerne von dem „Riesen auf tönernen Füßen“ – dabei befürchte ich, dass das in Wahrheit die korrekte Bezeichnung für die USA ist, bei denen die Finanzwirtschaft insgesamt 75 Prozent des BIP ausmacht.

Vielleicht findet sich ja ein Leser, der eine Quelle findet, mit der wir das von mir hier so genannte „tatsächliche BIP“ berechnen können, um zu sehen, wer wirklich auf tönernen Füßen steht.

BIP: Die USA als Scheinriese und eine Frage an die Schwarmintelligenz

Diskussionen

3 Gedanken zu “BIP: Die USA als Scheinriese und eine Frage an die Schwarmintelligenz

  1. Mehrwert bezeichnet in der oben vorliegenden Definition wie auch bei Marx einen objektiven Sachverhalt, der den Zuwachs von WErt misst, unabhängig von der Art und Weise, wie er zustande kommt. Dieser Zuwachs ist auch unabhängig von subjektiven Sichtweisen, also ob „Dinge einfließen, die wirtschaftlich gesehen keinerlei Mehrwert bringen“ wie beispielsweise „eine Provision, die ein Immobilienmakler für die Vermittlung einer Wohnung kassiert“. Der sehr geschätzte Thomas Röper macht damit Wertzuwachs abhängig von seiner Entstehung. Er stellt den Wertzuwachs unter moralisch-ethischen Vorbehalt. Ebenso könnten Anhänger der Grünen den gesellschaftlichen Wertzuwachs von Verbrennungmotoren anzweifeln, weil diese Schäden anrichten, die nach Sichtweise vieler Grüner ihren gesellschaftlichen Nutzen in Frage stellen.
    Entscheidend für den Wertzuwachs ist nicht seine moralische Unbedenklichkeit, sondern dass er sich in Geldform darstellen lässt. Der Bau von Dampfloks beispielsweise würde dann einen Wertzuwachs bedeuten, weil sie als Transportmittel ein gesellschaftlich sinnvolles Produkt sind. Nur: Es wäre kein gesellschaftlicher Wertzuwachs feststellbar, weil niemand mehr Dampfloks kauft. Der angebliche gesellschaftliche Wert wäre in Geldform nicht darstellbar und damit auch nicht vorhanden. Eine Provision wird gezahlt, weil sie eine Leistung vergütet, die nachgefragt wurde, und deshalb sich in Geldform darstellt, egal ob das dem einzelnen gefällt oder nicht.
    Ähnliche Missverständnisse und mangelndes Wissen über das Geldsystem liegen auch vor in den weitverbreiteten Vorstellung über Aktien und Derivate darauf (Optionen, Zertifikate usw.) vor. All diese Mittel, die besonders von moralisierenden Ökomen wie Ernst Wolff immer wieder als Teufelszeug dargestellt werden, haben ihren Ursprung in den Bemühungen von Wirtschaft und Finanzwirtschaft, den Produktionsprozess risikoloser zu gestalten. Die Optionen dienten in den Anfängen des Optionshandels dazu, Schwankungen an den Warenterminbörsen kalkulierbar zu machen. Wie wir gerade im Moment erleben, explodieren die Preise für Energie und Lebensmittel. Das treibt viele Unternehmen in den Konkurs, weil sie mit anderen Preise kalkuliert haben. Längerfristige Projekte sind unter diesen Bedingungen nicht mehr umsetzbar. Optionen dienten dazu, dass Unternehmen sich gegen die SChwankungen der Wärhungen und Vorprodukte absicher konnten. Bestes Beispiel sind die Getreidebörsen. Die Landwirte verkauften ihre Ernten noch bevor sie eingefahren waren an Großhändler zu einem festen Preis. Das bot ihnen die Sicherheit, dass sie einen Erlös für ihre Ernte hatte, egal wie die Preise sich entwickelten. Stiegen sie, macht der Großhändler den Reibach, fielen aber die Preise aufgrund hoher Überschüsse, hatte der Bauer seinen festen Preis und der Großhändler das Nachsehen.
    Ähnlich steht es um das Verständnis des Aktienhandels. Es ist nicht so einfach, wie Röper es sieht: „Welchen Mehrwert für das BIP hat es, wenn ein vor Jahren herausgegebenes Wertpapier im Kurs steigt? Keinen, denn dadurch wird weder eine zusätzliche Ware produziert, noch eine zusätzliche Dienstleistung erbracht“ Es richtig, dass durch den Kursanstieg keine zusätzlichen Waren produziert werden. Aber der Kursanstieg kommt nicht von ungefähr. Er ist vielmehr Ausdruck des steigenden inneren Wertes einer Aktie. Die Aktie ist ein Anteilsschein am Ergebnis des Unternehmens, das zur Teilnahme am Gewinn des Unternehmens berechtigt. Der Anstieg der meisten Aktien ist eine Reaktion des Marktes und der Investoren auf die steigende Wirtschaftkraft dieses Unternehmens. Das lässt sich an den Bilanzen ablesen, die bei gesunden Unternehmen jährlich ansteigen. Der Anstieg der Aktie geht in der Regel einher mit der steigenen Ertragskraft des Unternehmens. Es erwirtschaftet mehr, indem es mehr produziert und verkauft. Der Anstieg der Aktie kommt aus den höheren Produktions- und Erlöswerten, also gerade doch aus den zusätzlich produziertenund billiger produzeirten Waren. Der Anstieg des Aktienkurses verkauft nichts, er ist vielmehr Ausdruck von stattgefunden habenden höheren Verkäufen bzw. höherer Rentabilität.

    Eine andere Frage ist die nach der Vergleichbarkeit der Wirtschaftkraft der verschiedenen Nationen. Dass dafür das BIP nicht unbedingt ein guter Anhaltspunkt ist, ist eine berechtigte Kritik von Röper. Hier stellt sich tatsächlich die FRage, ob nicht eher der Vergleich der Kaufkraft in den einzelnen Wirtschaften sinnvoller wäre. Da hat Röper auf jeden Fall übersichtliche Daten zusammengestellt. Dafür meine Anerkennung.

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    Verfasst von Rüdiger Rauls | 13. Mai 2022, 21:15
  2. „.. Das allerdings bedeutet, dass in das BIP auch Dinge einfließen, die wirtschaftlich gesehen keinerlei Mehrwert bringen. .. “

    Was welchen “ wirtschaftlichen Mehrwert “ erbracht hat, wird auf Märkten von der genannten „Schwarmintelligenz“ geschätzt und spiegelt sich in den Preisen.

    „..Die danach folgende Spekulation mit dem Wertpapier an der Börse mag den Spekulanten Gewinne einbringen, aber sie bringt keinerlei wirtschaftlichen Mehrwert mehr. ..“

    Spekulationsgeschäfte (jene Veräußerungsgeschäfte bei denen Gewinnsteuern zu zahlen sind ) kommen nicht ins Röper-BIP? Oder doch, aber nur wenn die guten „Spekulanten“ Gewinne machen?

    „..Wenn die Welt morgen beginnen würde, diese Rohstoffe (und alle anderen Waren) nicht mehr in Dollar zu handeln, sondern in den nationalen Währungen der an dem Geschäft beteiligten Länder, hätten die USA ein Riesenproblem. .. “

    Ja, es hängt vor allem auch davon ab, ob die Bereitschaft der Akteure besteht die Währungen zu halten. Wenn deutsche Unternehmen bspw. Öl mit Riyal kaufen statt mit Dollar, ist die Frage was macht der saudische Ölverkäufer mit den Riyal.

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    Verfasst von ZED | 13. Mai 2022, 20:17
  3. Das historische Verständnis ist hier, wie so oft von Vorteil.

    Es gab eine Zeit, da schien Armut tatsächlich ein Problem mangelnder Produktion zu sein und nicht wenige glaubten, daß die Industrialisierung das Problem für immer aus der Welt schaffen würde, Queen Victoria im UK und in D die Ingenieure mit der VGR, der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, man wollte sogar berechnen, wie stark der ‚common wealth‘ pro Jahr zunimmt, das bis heute ungelöste Problem ist die BEWERTUNG, denn Kapitalgüter verlieren an Wert, die ABSCHREIBUNG trägt dem Rechnung, aber in D wird sie aus steuerlichen ‚Gründen‘ so verfälscht, daß die ökonomische Aussagekraft weitgehend abhanden gekommen ist.

    Als sicher gilt lediglich, daß jedes Produkt zum Zeitpunkt des Verkaufes wert ist, was bezahlt wird. aber der Wertverfall ist gerade bei Konsumgütern rasant, von Dienstleistungen ganz zu schweigen, mal abgesehen von der Frage, ob sie zum Zeitpunkt des Kaufes ihren Preis wert sind, denn wo wird Wert geschaffen, wenn ein korrupter Politiker einen Autor erfolgreich auf Schadensersatz verklagt, von dem er seine Rechtsanwälte bezahlt.

    Auf diesen sehr unterschiedlichen Charakter des BIP in unterschiedlichen ökonomischen Kulturen hat auch schon Larry Romanoff verwiesen.

    Was also bleibt als Wert des BIP ? Aus meiner Sicht beschreibt es lediglich BEREICHERUNGSOPTIONEN, je mehr Geld über den Tresen geht, desto mehr Möglichkeiten für Trittbrettfahrer. Man müßte einen WERTINDEX für das BIP schaffen., wieviel Einheiten Wohlstand tatsächlich pro Einheit BIP geschaffen werden und ich bin sicher, daß ein solcher Wertindex für die verschiedenen nationalen Ökonomien sehr unterschiedlich ausfallen würde und dadurch sehr erhellend wäre.

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    Verfasst von zivilistin | 13. Mai 2022, 11:31

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