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Ausland, Europa

Die Geburtsklinik in Mariupol: Interview mit Marianna veröffentlicht

von Thomas Röper – http://www.anti-spiegel.ru

Die angebliche Bombardierung, oder der angebliche Beschuss, der Geburtsklinik in Mariupol ist ein umstrittenes Thema. Nun hat die (möglicherweise unfreiwillige) „Hauptdarstellerin“ ein Interview gegeben.

Zur Erinnerung werde ich zunächst noch einmal auf die Kontroverse um den Vorfall mit der Geburtsklinik in Mariupol eingehen. Die Ukraine und westliche Medien haben gemeldet, dass Russland am 9. März eine Geburtsklinik in Mariupol bombardiert habe. Russland bestreitet das, weist aber darauf hin, dass die Klinik von Soldaten zu einem Militärstützpunkt umfunktioniert worden sei und dass dort Kämpfer des Asow-Regimentes die verbliebenen Zivilisten im Krankenhaus und in den umstehenden Häusern als menschliche Schutzschilde missbraucht haben, indem sie die Geburtsklinik zu einem militärischen Objekt umfunktioniert und Soldaten und Waffen dort hingebracht haben.

Der Vorfall und die Kontroverse

Ich habe am 10. März einen Artikel darüber geschrieben und behauptet, dass eine Bloggerin namens Marianna auf den Aufnahmen zu sehen und mehrere Rollen spielt. Außerdem habe ich das Video, dass zu dem Vorfall veröffentlicht worden ist, als Inszenierung bezeichnet.

Auf den Nachdenkseiten gab es dann eine lebhafte Diskussion darüber und es wurde gesagt, dass ich mindestens in einem Punkt falsch liege, weil das Mädchen auf der Bahre – anders als von mir behauptet – nicht Marianna sei. Ich habe mich dazu am 16. März in einem weiteren Artikel geäußert. Meine Kernthese war, dass es möglich ist, dass Marianna nicht die junge Frau auf der Bahre ist, dass aber das Video trotzdem eine Inszenierung ist, weil es darin zu viele Ungereimtheiten gibt. Ein Leser der Nachdenkseiten hat das Video noch wesentlich genauer analysiert als ich und noch weit mehr Ungereimtheiten gefunden. Seine Analyse finden Sie hier.

In dem umstrittenen Video ist unter anderem in mehreren Einstellungen zu sehen, wie die Frau auf der Bahre über das Gelände getragen wird und man kann erkennen, dass es dabei Schnitte gab und dass die Bahre in verschiedenen Einstellungen von verschiedenen Männern getragen wird. Die Darstellung von der eiligen Rettung der Frau ist also offenbar falsch, denn sonst hätte man nicht im eiligen Lauf zum Krankenwagen mehrmals die Träger der Bahre ausgetauscht. Aber es gibt noch weit Hinweise darauf, dass das Video inszeniert wurde.

Nun hat Marianna ein Interview gegeben und ich habe ihre Aussagen komplett übersetzt. Bei Übersetzungen aus dem Russischen kann man nicht immer wörtlich übersetzen, weil russische Wortspiele und Formulierungen auf Deutsch merkwürdig und missverständlich wären. Man muss beim Übersetzen den Sinn des Gesagten erfassen und wiedergeben. Ich weise auf diese Problematik hin, weil ich bei dieser Übersetzung so nahe wie möglich an Mariannas Formulierungen geblieben bin. Sie ist offensichtlich noch aufgeregt, daher klingt manches etwas „holperig“, und ich habe versucht, nicht nur den Inhalt des Gesagten rüberzubringen, sondern auch die Art und Weise, wie sie es formuliert hat.

Im Anschluss an die Übersetzung werde ich noch einige Gedanken und Informationen hinzufügen.

Beginn der Übersetzung:

Mein Name ich Marianna Vishemirskaya. Vor dem Krieg habe ich in Donezk, genauer gesagt in Makeevka, gelebt. Ich habe meinen Mann kennengelernt, wir haben beschlossen, zusammenzuleben und zu heiraten. So bin 2020, unmittelbar vor der Quarantäne (Anm. d. Übers.: Gemeint ist Covid), als die Grenzen geschlossen wurden, nach Mariupol gekommen.

Die meisten dachten, dass nichts schlimmes passieren würde – naja, irgendwas würde passieren -, aber dass wir das alle überleben würden. Aber als das immer mehr gewachsen ist, begannen die Menschen panisch zu werden. Wegfahren war schon nicht mehr möglich, sie haben keinen rausgelassen. Die Frau eines Freundes meines Mannes versuchte rauszukommen, sie ist bei Saporischschja auf eine Mine gefahren und explodiert.

Am 2. März wurden Strom und Wasser vollkommen abgeschaltet, Gas gab es wohl noch ein paar Tage, dann war auch das weg uns es war nichts mehr.

Am 6. März beschlossen wir zu gehen, denn ich war fast soweit. Wir sind in die Geburtsklinik gefahren, man hat uns aufgenommen, uns nicht abgewiesen. Wir sind in die Geburtsklinik Nummer 3 gegangen, denn woanders konnte man nicht hin. Die Geburtsklinik Nummer 2 hat niemanden aufgenommen. Die Geburtsklinik Nummer 1 war die modernste da, aber da sagte man, man hält dort niemanden auf, es könne nach Hause gehen, wer will. Etwas später kamen sie und sagten, dass man nicht nur gehen könne, sondern dass man gehen müsse. Das haben sie damit begründet, dass jetzt Soldaten kommen, die sich da einrichten, weil da eine Solarbatterie ist.

Sie haben alle in die letzte funktionierende Geburtsklinik gebracht, dort gab es nur eine kleine Batterie für die Beatmungsgeräte für Säuglinge. Die Jungs, also die Männer der Gebärdenden, blieben im Keller und lebten da.

Auf der Straße war eine Feldküche, die von den gleichen Jungs aufgestellt war und wohin die Leute aus den Häusern brachten, was sie hatten, damit die was zu essen hatten. Sie haben da Essen und Tee gekocht. Da war so ein Metallfass, in dem sie Wasser und so weiter gekocht haben.

Die Soldaten haben gar nicht geholfen. Die Soldaten sind angekommen, die sind einmal gekommen und haben gefragt: „Gebt uns Essen“ und denen wurde gesagt, „welches Essen? Das ist alles für die Schwangeren“ aber die haben gesagt, „wir haben fünf Tage nichts gegessen“ und sie haben unser Essen genommen und gesagt „Ihr kocht Euch noch was“

Als die Explosion passiert ist, haben wir keine Schüsse gehört. Wir haben nachts völlig ruhig geschlafen. Am 9. März haben wir gehört, wie ein Geschoss explodiert ist. Ich habe mir instinktiv eine Decke übergeworfen und da hörte ich das zweite Geschoss. Ich habe ein paar Scherben abbekommen, die mich an Nase, Lippe und Stirn getroffen haben. Aber das war nichts Ernstes, nur oben war es etwas tiefer und es lief mir über das Auge und die Wange.

Als die zweite Explosion krachte, hat man uns in den Keller evakuiert. Dann haben wir diskutiert, ob das ein Luftangriff gewesen ist. Später stellte sich heraus, dass es kein Luftangriff gewesen ist, dass sich unsere Meinung bestätigte, denn wir hatten nichts gehört und die anderen auch nicht. Die sagten, es sei ein Geschoss eingeschlagen. Bevor die zwei Explosionen krachten gab es keine anderen Explosionen.

Wir saßen da vielleicht fünf oder zehn Minuten, da kam nichts mehr. Dann kamen die Soldaten und sagten, sie seien bereit, uns zu evakuieren. Ich ging als letzte, mir wurde gesagt, das muss nicht genäht werden es ist nicht tief, das blutet noch ein wenig, dann hört es von selbst auf.

Ich stand da 15 Minuten und habe mir das Gelände angeschaut, also mit einem Auge, wie man so sagt, und habe mir die Fenster angeschaut. Dann drehe ich mich und da steht ein Soldat mit Helm. Ich beobachte ihn und sehe, dass er da was in der Hand, dass er filmt. Ich habe ihn darum gebeten, dass er mich nicht filmt, da hatte ich keine Lust zu und ich wollte auch nirgendwo auftauchen, das brauchte ich wirklich nicht. Das war nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt.

Er sagte „gut“ und ging weg. Und als wir dann gingen, stand im Erdgeschoss der gleiche Reporter und begann, mich zu filmen. Da sagten schon die Jungs, dass er nicht filmen soll, er hat sie ignoriert. Wir haben das wiederholt und er ist gegangen.

Mein Mann hat sie genauer beobachtet, denn sie kamen auch am nächsten Tag. Sie sagten, sie seien von Associated Press. Sie hatten Helme, irgendeine Aufschrift, die ehrlich gesagt gar nicht gelesen habe, aber mein Mann hat es gelesen, weil er am nächsten Tag bei mir war.

Die waren sofort da, wegen der Fotos, die ich gesehen habe, als ich bereits in Sicherheit war und verstanden habe, was überhaupt vorgeht. Die Fotos mit mir in anderer Kleidung auf der Trage, das war nicht ich, das war ein Mädchen, das gestorben ist. Sie wurde als erste weggetragen, denn sie war in einem sehr ernsten Zustand. Sie und ihr Kind konnten nicht gerettet werden. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht, aber weder sie noch das Kind haben überlebt. Ihr Mann hat auf Knien geweint, der Mann hatte alles verloren, seine Familie gab es nicht mehr.

Das war das Mädchen, das war nicht ich. Ich wurde nicht umgezogen und nicht geschminkt.

Ich gehe davon aus, dass die sofort da waren. Wir brauchten zwei oder drei Minuten, um in den Keller runterzugehen und dann haben wir da vielleicht zehn Minuten gesessen. Also das waren 12 Minuten und sie wurde schon auf der Bahre weggetragen. Und dabei wurde sie schon fotografiert, die waren also schon da, davon gehe ich aus.

Wir wurden in die 17. Region ins Krankenhaus gebracht. Als die kamen, hatte ich schon meinen Kaiserschnitt gehabt. Die kamen am nächsten Tag. Ich habe sie gesehen und sagte zu meinem Mann, die haben mich fotografiert, weil das die gleichen Jungs waren. Sie haben mir Fragen gestellt: Wann, was, wo?

Ich sagte so und so, ob es einen Luftangriff gegeben habe, ich sagte, es gab keinen, niemand hat etwas gehört, auch die nicht, die auf der Straße waren.

Und jetzt, ich sagte es schon, bin mehr oder weniger in Sicherheit, bin ich ins Internet gegangen und habe als erstes all die Interviews gesucht. Ich habe alles mögliche gefunden, aber das Interview konnte ich nicht finden. Ob es im Netz war oder nicht, weiß ich nicht. Aber alles andere habe ich gefunden, nur das nicht.

Ende der Übersetzung

Das humanitäre Völkerrecht

Das humanitäre Völkerrecht verbietet die Bombardierung von zivilen Zielen und es verbietet, zivile Objekte zu militärischen umzuwandeln, indem man Soldaten und Waffen in oder nahe an ein ziviles Objekt (Schule, Krankenhaus, etc.) bringt. In dem Augenblick, in dem ein ziviles Objekt auf diese Weise missbraucht wird, wird es zu einem militärischen Objekt und damit zu einem legitimen Angriffsziel, auch wenn dabei Zivilisten gefährdet werden. Natürlich ist in einem solchen Fall die Verhältnismäßigkeit zu abzuwägen, und die Frage, was wann unter welchen Umständen verhältnismäßig ist, wird eine Streitfrage bleiben.

Aber Marianna bestätigt eindeutig, dass ukrainische Kämpfer die Geburtskliniken von Mariupol mit Soldaten besetzt haben und sie damit zu militärischen Zielen für die russische Armee gemacht haben. Sie bestätigt damit die russischen Vorwürfe, die ukrainischen Streitkräfte, und vor allem Nazi-Bataillone wie Asow, würden Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbrauchen, was ein Kriegsverbrechen ist.

Mariannas Interview

Um das Interview von Marianna zu verstehen, ist es wichtig, zu wissen, wo sie sich aufhält. Aber ihr Aufenthaltsort (zumindest mir bisher) unbekannt.

Wenn sie sich auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet aufhält, hat sie Unannehmlichkeiten (oder sogar Bestrafung) zu befürchten, wenn ihre Version die russischen Angaben stützen. Wenn sie in russisch kontrolliertem Gebiet ist, hätte sie im Falle einer Beteiligung an einer Inszenierung eine Haftstrafe zu befürchten.

Wenn Marianna die Wahrheit sagt, dann ist sie nur zu bemitleiden, weil sie unfreiwillig Teilnehmerin der Aktion geworden ist. Damit wäre sie in einer Situation, in der – egal, was sie sagt – alles gegen sie ausgelegt werden und zu harten Bestrafungen führen kann.

Es wäre daher für das Verständnis nicht unwichtig, zu wissen, wo sie sich aufhält, weil man dann besser verstehen kann, von welcher Seite sie (möglicherweise) unter Druck gesetzt wird.

Was das für meine bisherigen Interpretationen bedeutet

Wenn wir davon ausgehen, dass Marianna zumindest im Großen und Ganzen die Wahrheit sagt, dann war der Vorfall bei der Geburtsklinik keine Inszenierung mit Schauspielern. Es war – wenn ihre Aussagen stimmen – noch zynischer, denn es wurden zwei Explosionen herbeigeführt und die Opfer wurden für die Propaganda missbraucht. Für eine Inszenierung des Vorfalls sprechen erstens die vielen Ungereimtheiten in dem Video und zweitens die Tatsache, dass Reporter von Associated Press (AP) sofort vor Ort waren und von Beginn an gefilmt und fotografiert haben, auch gegen den ausdrücklichen Willen der Betroffenen, wie Marianna sagt.

Ich habe das Video von vorneherein als inszeniert angesehen, denn es beginnt mit einer Szene auf einer menschenleeren Straße, bei der ein Mann rein zufällig ausgerechnet in die Richtung filmt, in der sich dann eine Explosion ereignet. Nach meiner Interpretation waren die Leute von AP (ob sie echte AP-Reporter waren oder nicht, ist nebensächlich) vor Ort und standen bereit, um die Explosion und ihre Folgen bei der Klinik zu filmen.

Meine Interpretation war bisher, dass das Video komplett inszeniert war und dass die Opfer ihre Rollen nur gespielt haben. Wenn Mariannas Aussagen stimmen, dann sieht es so aus, dass die Explosionen zu einem vorher bekannten Zeitpunkt herbeigeführt worden sind, damit das Team von AP von Anfang an alles filmen und fotografieren konnte. Die Opfer wären dann echte Opfer gewesen, denen gar nicht bewusst war, dass sie Teil einer Propaganda-Inszenierung gewesen sind und deren Tod oder Verletzung die Organisatoren der Aktion bewusst in Kauf genommen haben.

Die Geburtsklinik in Mariupol: Interview mit Marianna veröffentlicht

Diskussionen

2 Gedanken zu “Die Geburtsklinik in Mariupol: Interview mit Marianna veröffentlicht

  1. Danke, daß die selbstgemachte Reality der Quantitätsmedien ab und zu mit einem Körnchen Wirklichkeit gewürzt wird.

    Bester Spruch, den die Grand Jury aus Israel zutage gefördert hat;

    „Was ist der Unterschied zwischen Verschwörungstheorie und Wirklichkeit ?

    6 Monate !“

    Und den Menschen in der Ostukraine und in der ganzen Ukraine wünsche ich, daß sie bald in Frieden Leben und arbeiten können und uns auch. Wir dürfen ha nicht vergessen, daß uns das Bundesregime manches Stück Käse, manche fröhliche Stunde mit Freunden und Familie gestohlen hat unfd nocvh mehr zu stehlen gedenkt, um uns diesen Mist in der Ukraine einzurühren.

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    Verfasst von zivilistin | 3. April 2022, 10:54

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