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Ausland, Europa

Das Leid von Mariupol

von Thomas Röper – http://www.anti-spiegel.ru

In der Stadt Mariupol findet eine menschliche Tragödie statt, die ihresgleichen sucht. Das Nazi-Bataillon Asow lässt Zivilisten nicht aus der Stadt und benutzt sie als menschliche Schutzschilde.

Als nach dem Maidan von 2014 die Anti-Maidan-Proteste im Donbass stattfanden, war Mariupol eine der Städte, die ebenfalls gegen den Maidan-Putsch aufgestanden ist. In meinem Buch über die Ukraine-Krise von 2014 habe ich die Chronologie des Jahres aufgezeigt. Mariupol wurde seinerzeit von den „Freiwilligenbataillonen“ unter Kontrolle gebracht, es fehlte nicht viel und es wäre Teil der Rebellen-Republiken in der Ost-Ukraine geworden.

Die Lage in Mariupol

Die Bevölkerung in Mariupol ist nicht glücklich mit der Maidan-Regierung, denn in der Region leben hauptsächlich ethnische Russen und ethnische Griechen, die sich dort selbst als „Hellenen“ bezeichnen. Da die Maidan-Regierungen klar faschistisch und nationalistisch sind, haben es die ethnischen Minderheiten in der Ukraine nicht leicht. Sie sollen zwangsweise ukrainisiert werden, ihre Sprachen wurden verboten und ein Rassengesetz teilt die ukrainischen Staatsbürger nach ihren Ethnien in drei Kategorien mit unterschiedlichen Rechten auf vielen Gebieten ein, Details dazu finden Sie hier.

Mariupol ist der Sitz des für seine Kriegsverbrechen im Donbass berüchtigte Nazi-Bataillons Asow. Daher war es von Anfang an zu erwarten, dass dort die schwersten Kämpfe stattfinden würden, denn die Kämpfer des Bataillons wissen, dass sie, wenn sie den Russen in die Hände fallen, sehr lange im Gefängnis verschwinden werden. Sie haben nichts zu verlieren.

Darunter leiden die Menschen in Mariupol, denn die das Asow-Bataillon lässt sie nicht aus der Stadt. Wer meinem Telegram-Kanal folgt, der weiß, dass ich mich am Freitag mit Alina Lipp getroffen habe, die aus dem Donbass berichtet und für einige Tage in Petersburg ist. Alina war vor einigen Tagen nur sechs Kilometer von Mariupol entfernt und konnte mit Flüchtlingen sprechen, die es gerade so aus der Stadt geschafft haben.

Die Geschichten, die die Leute erzählt haben, sind erschreckend. Alina hat auf Telegram über Beispiele berichtet, das Video finden Sie hier. Die Menschen in Mariupol sitzen fast zwei Wochen in Kellern, auf den Straßen schießt das Asow-Bataillon auf Zivilisten, wer die Stadt verlassen will, wird erschossen. In der Stadt ist kaum mehr ein Gebäude unbeschädigt, wobei die Menschen erzählen, dass das Bataillon die Stadt selbst in Schutt und Asche legt, damit den Russen die strategisch wichtige Stadt nur als Trümmerfeld in die Hände fallen kann. Auf den Straßen liegen demnach Leichen, die niemand wegräumt, darunter auch tote Kinder. Alina war von den Erlebnisberichten sehr mitgenommen und wir haben darüber auch ausführlich gesprochen.

In den westlichen Medien erfährt davon nichts, da wird das glatte Gegenteil berichtet. Aufgrund der wirklich schlimmen Berichte über die Lage in Mariupol, die in Russland gezeigt werden, hatte ich den Verdacht, dass die russischen Medien die Gräueltaten des Asow-Bataillons übertreiben. Aber nachdem Alina, die ich persönlich kenne und der ich vertraue, noch viel schlimmere Geschichten berichtet hat, die in russischen Medien gar nicht erwähnt werden, habe ich den Verdacht, dass die russischen Medien ihren Zuschauern die schlimmsten Berichte verschweigen. Das Ziel der russischen Regierung ist es ja, dass die von den Maidan-Regierungen geschaffene Kluft zwischen Russen und Ukrainern überwunden wird, da wären einige der Berichte für die öffentliche Meinung in Russland wohl konterproduktiv, weil sie zu grausame Details über das Vorgehen der ukrainischen Nationalisten enthalten.

Humanitäre Korridore

Bei Militäroperationen richtet Russland immer sogenannte humanitäre Korridore ein, damit die Zivilbevölkerung einer umkämpften Stadt die Stadt verlassen kann. Das hat Russland schon in Syrien, zum Beispiel im Falle von Aleppo, so gemacht, und auch in der Ukraine bietet Russland überall die Einrichtung humanitärer Korridore an. Für Kiew zum Beispiel wurde über elf Korridore verhandelt, wobei Kiew aber nur Korridoren zugestimmt hat, die nach Westen gehen, nach Osten, also auf russisch kontrolliertes Gebiet, darf man Kiew nicht verlassen.

Das ist der Grund, warum die Flüchtlinge aus der Ukraine fast ausschließlich in die EU gehen. Viele würden lieber nach Russland gehen, zum Beispiel, weil sie dort Verwandte haben. Aber das versucht Kiew zu verhindern. Das russische Verteidigungsministerium berichtet, dass über zwei Millionen Ukrainer um Evakuierung nach Russland gebeten haben, was Kiew aber ablehnt.

Die Einrichtung der humanitären Korridore funktioniert daher nur bedingt, weil Kiew es kategorisch ablehnt, dass Menschen in von Russland kontrollierte Gebiete gehen können. Im Falle von Mariupol hat Kiew gefordert, dass Busse mit Flüchtlingen aus Mariupol nicht auf das Gebiet von Donezk kommen sollen, sondern einen Korridor vorgeschlagen, der die Front zweimal überquert und auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet endet. Aber den Korridor hat das Asow-Bataillon dann trotz Zusagen aus Kiew bis heute nicht zugelassen.

Darüber habe ich von einer Woche berichtet und seitdem habe ich die Meldungen über den weiteren Verlauf der Ereignisse in Mariupol gesammelt. Hier veröffentliche ich die Chronologie der Ereignisse, die nach meinem Artikel von vor einer Woche passiert sind. Der Artikel endete mit den Ereignissen vom 5. März, als intensiv über die Einrichtung der humanitären Korridore gestritten wurde.

6 März

Der Tag begann mit einer guten Nachricht. Der Sprecher der Donezker Streitkräfte erklärte, dass am Morgen humanitäre Korridore aus Mariupol und dem umkämpften Volnowacho eröffnet würden und dass er hoffe, dass die ukrainischen Befehlshaber ihren Untergebenen den Befehl geben würden, die Blockaden der Städte dafür zu öffnen.

Das bestätigte am späten Vormittag auch der Stadtrat von Mariupol und kündigte an, dass die Evakuierungen von Zivilisten ab 12.00 beginnen würden. Aber es kamen nicht viele aus der Stadt, Donezk meldete die Evakuierung von etwa 300 Personen. Dass das so schleppend lief lag daran, dass Kiew sich plötzlich weigerte, die Sicherheit des Korridors zu garantieren und dass das Asow-Bataillon die Stadt wieder abgesperrt hatte. Und einige Stunden später erklärte der Chef der Donezker Volksrepublik, dass der humanitäre Korridor „am fehlenden Willen“ Kiews gescheitert sei, und am Abend wurde gemeldet, dass in Mariupol auf Menschen geschossen wurde, die versuchten, die Stadt zu verlassen.

Wie schon erwähnt leben in der Region ethnische Griechen. Auch die griechische Regierung schaltete sich ein und wandte sich mir ihrer Bitte, die Evakuierung des Personals des griechischen Konsulates aus Mariupol zu erlauben, vielsagenderweise nicht an Moskau, sondern an Kiew. In Griechenland weiß man wegen der großen griechischen Minderheit in der Region mehr über die Zustände in Mariupol, als in Deutschland. Ein griechischer Fernsehsender sprach zum Beispiel mit einem dort lebenden Griechen und fragte ihn, warum er die Stadt nicht verlassen würde. Seine Antwort war:

„Wie soll ich es schaffen? Wenn man versucht, die Stadt zu verlassen, läuft man Gefahr, auf eine Patrouille der ukrainischen Faschisten, des Asow-Bataillons, zu stoßen. Sie würden mich töten und sind für die Zustände hier verantwortlich“

Keine Korridore

In den folgenden Tagen gab es aus allen umkämpften Städten der Ukraine Meldungen über von Kiew verhinderte humanitäre Korridore. Die für die „Reintegration des Donbass“ zuständige ukrainische Ministerin Irina Verenschuk erklärte zu humanitären Korridoren, die nach Russland oder Weißrussland führen:

„Das ist eine unannehmbare Variante für humanitäre Korridore.“

Kiew ist das Leben seiner eigenen Bevölkerung weniger wichtig als die Frage, wohin sie evakuiert wird. Die Menschen, so die Logik in Kiew, sollen lieber in Kampfhandlungen geraten, als nach Russland oder Weißrussland zu gehen. Das ist für mich vollkommen unverständlich, denn weder Russland noch Weißrussland würden die Menschen daran hindern, in die EU auszureisen, oder über weißrussische Grenzübergänge in die Westukraine zu gelangen. Anscheinend hat Kiew Angst davor, dass die Menschen genau das nicht tun, sondern sich beim „Aggressor“ Russland besser und sicherer fühlen, als in der Ukraine.

In Mariupol gab es keine Fortschritte, am 10. März zitierte die russische Nachrichtenagentur TASS den Sprecher der Donezker Armee mit folgenden Worten:

„Betreffend Mariupol <…>. Der humanitäre Korridor hat nie funktioniert. Die Leute verlassen die Stadt weiter auf Ziegenpfaden. Gestern sind 28 Menschen entkommen, darunter zwei Kinder.“

So ging es weiter. Am 11. März meldete der Sprecher, dass 188 Menschen, darunter 26 Kinder, es geschafft hätten, aus der Stadt zu entkommen. Die aktuell letzte Meldung dazu stammt vom Nachmittag des 12. März, darin heißt es, dass der Chef der Donezker Volksrepublik erneut erklärt hat, in der Frage des humanitäre Korridors aus Mariupol gäbe es keine Fortschritte.

Die Geburtsklinik

Wenn man diese Hintergründe kennt, dann wird klar, wie gestellt der Vorfall um die angeblich von Russland beschossene Geburtsklinik ist. Das soll sich am 7. März ereignet haben, zu einem Zeitpunkt, als die in der Stadt verbliebenen Menschen sich seit einer Woche vor marodierenden Asow-Kämpfern in Kellern versteckt haben. Wenn man das weiß, dann wird klar, wie gestellt das dazu veröffentlichte Video war.

In dem Video steht „zufällig filmender“ Mensch auf einer vollkommen leeren Straße, als sich eine große Explosion ereignet und hinter einem Haus ein Rauchpilz aufsteigt. Der Filmende rennt dann los, wobei aber keine Menschenseele auf der Straße ist, nur er allein, der aus irgendeinem Grund hellseherisch in die richtige Richtung gefilmt hat.

Hier noch einmal das Video, das Alina bei ihrer Fahrt an die Front bei Mariupol gemacht hat.

Das Leid von Mariupol

Diskussionen

3 Gedanken zu “Das Leid von Mariupol

  1. @Pavel, Sie gehen in keinster Weise auf den Artikel ein, betreiben allerdings Geschichtverfälschung und relativieren den Faschismus.
    https://www.rubikon.news/artikel/die-faschismus-relativierung
    Das ist die typische Vorgehensweise von
    Ukro-Faschisten Sympathisanten und deren
    Trollen.

    Gefällt 1 Person

    Verfasst von Willi | 13. März 2022, 22:33
  2. Die Rhetorik den Gegner als Faschisten zu bezeichnen hat reine Alibifunktion. Dahinter steht eine Geschichte, die bis in den zweiten Weltkrieg zurückreicht und die die heute so unterschiedlichen Erinnerungskulturen der Ukraine und Russlands prägen.
    Genau betrachtet sind stalinistischer Rotfaschismus und Terror oder radikaler Islamismus nichts anderes. Die Polen sehen das differenzierter, denn während der NS Terror 1945 immerhin endete, dauerten die Schikanen und Unterdrückung durch die UDSSR bis 1989 an.
    Faschismus“ und „Faschisten“, von „Nazismus“ und „Nazis“ (und „Entnazifizierung“) und anderen Begriffen die Rede, die dem russischen Ohr aus dem Großen Vaterländischen Krieg vertraut sind.
    Bilder von Moskau und Kiew aus den Jahren 1941 und 1942 mit Menschen, die in einen Himmel voller feindlicher Flugzeuge blicken, Zivilisten, die in U-Bahn-Stationen Schutz suchen.
    Und natürlich gibt es viele Analogien zu Hitler, zu den Ereignissen der Jahre 1939 und 1941. Der Zweite Weltkrieg scheint lebendig und präsent.
    Oder besser gesagt, der Kampf um seine Erinnerung und sein moralisches Erbe ist in vollem Gang und schlägt der Gegenwart brutal ins Gesicht.

    Die Gegenwart zeigt, dass man sich mit Geschichtsrelativierung und völlig realitätsfremden Narrativen auseinandersetzen muss. Nicht, weil sie irgendeinen ernsthaften Beitrag zur Geschichte leisten, sondern weil sie in die Politik eines Angriffskrieges übersetzt werden.
    Nicht weil sie der Komplexität einer Geschichte, wie sie sich zugetragen hat, gerecht werden können und es auch gar nicht wollen. Von einer fachlichen Anforderung, unterschiedliche Interpretationen gegeneinander abzuwägen ganz zu Schweigen.
    Es geht ausschliesslich um die Art und Weise wie die Situation dargestellt oder je nach Bedarf komplett ausgeblendet wird. Viel wichtiger ist aber: Sie werden auch in den kommenden Jahren Teil der globalen Debatte.
    Diese Inhalte werden nicht nur an Millionen von Menschen in Osteuropa gesendet, sondern über russische Massenmedien und bezahlte lokale Agenten weltweit verbreitet.

    Während meiner Zeit in Moskau in den 90er Jahren war die Kriegs- und Nachkriegszeit noch präsent, das Aufkommen dieses Begriffs liess sich in historischen Archivdokumenten vom Institut Меmorial auch von nachvollziehen.
    Während in Berichten aus der Mitte des Krieges noch häufig von nemeckie zachvatciki oder nemecko-fasistskie zachvatciki die Rede war, kam es in den Nachkriegsjahren zu einer
    entscheidenden Verschiebung hin zu einer Normierung der Rhetorik, die das deutsche Element praktisch verschwinden ließ und die besiegten Nazis als Faschisten in der Erinnerungskultur etablierte.
    Das lag zum einen an der Gründung der DDR und damit an der Schaffung des sozialitischen Streichelszoos, zum anderen aber auch daran, dass man so die nichtdeutschen Kollaborateure in die Erzählung einbeziehen konnte,
    ohne unnötig komplizierte Unterscheidungen machen zu müssen. In Russland oder in der Ukraine musste man sich nie rechtfertigen, wenn die Nationalität bekannt wurde. Deutscher zu sein, bedeutete eben nicht zwangsläufig Faschist zu sein.
    Bei der Ukraine ist dies nun anders. Als Deutscher sind mir die häufige und fast alltägliche Verwendung von Kampfbegriffen wie Faschismus in der russischen Sprache schon immer besonders aufgefallen.

    Während fröhlich jedes Jahr das Märchen vom Antisfaschismus zebriert wurde, marschierten Neonazis völlig unbehelligt mit tausenden Anhängern bei Paraden wie dem „Tag der nationalen Einheit“ mit Hitlergruss und dem vollen Programm.
    Paramilitärische Rechtsextreme Vereine wie „Rezerv“ und „Partizan“ unterhalten Trainingslager, in denen Schlägertrupps der rechtsradikaler Organisationen von ganz Europa Nahkampf und mit vollautomatischen Waffen trainierten.
    Diese paramilitärischen „Ausbildungszentren“ und haben sehr enge Verbindungen zu christlich-orthodoxen Extremisten in Russland. Vorsitzender und Gründer der „Schulungszentren“ ist Denis Gariev, eine Schlüsselfiguren der Russischen Imperialen Bewegung RIM.
    Täglich kommt es zu brutalen Übergriffen auf Nichtrussen und nicht slawisch genug aussehende Arbeitsmigranten aus Ex-Sowjetrepubliken wie Armenien, Aserbeidschan, Georgien oder aus den russischen Kaukasus-Republiken.
    In St. Petersburg findet das „Internationale Russische Konservative Forum“ statt, Teinehmer war auch NPD Mann Udo Voigt, Vertreter der rechtsextremen AfD sowie die rechtsradikalen italienischen Partei Forza Nuova, der neofaschistischen griechischen Partei Goldene Morgenröte
    und der Neonazis von der italienischen Partei Lega. Kurz vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich traf sich Marine Le Pen als Vorsitzende der rechtsextremen französischen Partei Front National Wladimir Putin in Moskau.
    Dabei erhielt die Front National ein grosszügiges Darlehen in Höhe von 9 Millionen Euro von einer russischen Bank. Vertreter der rechtsextremen AfD. Dabei traf man sich sowohl mit Abgeordneten der ultrarechten Regierungspartei „Einiges Russland“
    als auch mit Vertretern der Liberaldemokratischen Partei Russlands unter Führung des Rechtspopulisten Wladimir Schirinowski.

    Doch die omnipräsente Rolle vom Faschimuskampfbegriff in der sowjetischen und postsowjetischen Geschichtsrhetorik, bedeutete auch, dass er dehnbar und allseits und allzeit verwendbar war und ist.
    Die stärkste innersowjetische Assoziation mit dem Begriff wird dabei zwanghaft der Ukraine zugeordnet. Trotz hundertausenden jüdischen Ukrainern wurde bereits in den 1990er Jahren fast beiläufig davon geschwafelt, dass dort angeblich fast alle Faschisten seien.
    Die historische Grundlage für diese nachweisslich faktisch falsche Behauptung ist die komplizierte und oft sehr widersprüchliche Rolle, welche die ukrainische Unabhängigkeitsarmee unter der Führung von Stepan Bandera in den Kriegs- und Nachkriegsjahren spielte.
    Sie betrieb ein Spiel wie Lukaschenko heute. Aus Opportunismus kollaborierte man mal mit den Deutschen, mal bekämpfte man sie. Der Widerstand gegen das sowjetische Regime war Maxime und erlaubte Handlungen und Strategien, die sich auch oft gegen einheimische Zivilisten richteten.
    Bis Mitte der 1950er Jahre waren Bandera und seine Leute in einen Guerillakampf mit dem sowjetischen Militär und der sowjetischen Zivilverwaltung verwickelt und übten nachweisslich erhebliche Gewalt vor allen gegen Polen und Juden aus.
    Bandera und seine Truppen sind in der Westukraine und bei den ukrainischen rechtsgerichteten Paramilitärs seit 1991 zu Helden stilisiert. Nicht nur dort lebende Russen, sondern auch von die jüdische Gemeinde der Ukraine, Polen sowie und Historiker sehen das sehr kritisch.
    Seit 2014 ist die unkritische Verehrung des national-ukrainischen Kriegs- und Nachkriegswiderstands nicht mehr nur ein lokales Phänomen, sondern steht im Zentrum der Debatten, die das ukrainische Staatsnarrativ mitprägen.

    Die Unabhängigkeit von 1991, die Revolution von 2004 und 2014 waren zwar wichtige Markierungen in der jüngsten Geschichte der Ukraine, es gibt aber auch ein Paralleluniversum, welches als unterirdischer Strom unter diesen allgemein bekannten Zäsuren verläuft.
    Die tiefsten Gräben der sowjetischen Gesellschaft verlaufen zwischen unterschiedlichen kollektiven und individuellen Erinnerungen an den großen vaterländischen Krieg. Die Verehrung Banderas im ukrainischen Westen war nicht zuletzt auch eine Reaktion
    auf ein kompromissloses offizielles Narrativ welches von Stalin erschaffen und von Breschnew verstärkt wurde. Es liess wenig Raum für Nuancen und jede persönliche Erinnerungen, die der Geschichte der sowjetischen Befreiung von Faschismus und NS Besatzung widersprachen.
    und nicht mit der ihr innewohnenden Heroisierung der sowjetischen Armee in Übereinstimmung gebracht werden konnten, wie die gmeinsame Annektion 1939 gemäß den Molotow-Ribbentrop-Protokoll von der Sowjetunion und der NSDAP.
    Diese Okkupation hinterliess in den Trümmern eine moralisch verworrene Landschaften, die sich jeder einfachen Einteilung in Kollaborateure und Widerstandskämpfer entziehen. Und je länger die Besatzung andauerte,
    desto unübersichtlicher wurde das Bild und umso unhaltbarer werden Schwarz-Weiss-Erzählungen und das Märchen vom Antifaschismus während man gleichzeitig gemeinsame Sache mit Neonazis machte.

    Ungeachtet solcher Komplexitäten war das Resultat dieser extrem kontrollierten sowjetischen Rhetorik und Erinnerungskultur an den Krieg, dass spätestens seit den 1970er Jahren der ultimative Mittelfinger gegen das sowjetische Regime darin bestand,
    Nazisymbole zur Schau zu stellen oder sich anderweitig durch Insignien oder Worte, mit ‚Faschisten‘ zu identifizieren (selten jedoch explizit ideologisch, fast immer oberflächlich symbolisch).
    In meinen Interviews mit ehemaligen, sowjetischen Hippies war nicht selten neben Friedenszeichen und folkloristischen Schmuckstücken auch von Hakenkreuzen und Nazi-Uniformen, die das Hippierepertoire ergänzten, die Rede.
    Solche Praktiken waren nicht nur unter den Hippies der Fall. Bei den Bayreuther Musikfestspielen kam es vor einigen Jahren zu einem Skandal um den russischen Opernsänger Evgenii Nikitin, bei dem ein tätowiertes Hakenkreuz auf der Brust entdeckt worden war.
    Seine Rechtfertigung, dass dies nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun habe, klang für die deutschen Organisatoren nicht glaubwürdig.
    Hierzulande ist das Hakenkreuz eindeutig belegt. Für diejenigen jedoch, die die sowjetische Heavy-Metal-Szene in den späten 1980er und 90er Jahren kannten, die geradezu gesättigt war von dieser Art von Symbolik, machte seine Aussage durchaus Sinn.
    Am Ende der Sowjetzeit lag nicht nur die ideologische Klarheit des Kommunismus in Scherben.
    Der Faschismus war zu einer Chiffre degradiert worden, die für eine vage Vorstellung von Provokation stand, seine dunklen Züge und seine düstere Geschichte jedoch ausblendete.
    Dieser Prozess der Verharmlosung hat sich dann in der postsowjetischen Ära teilweise wieder etwas revidiert: Die russischen Opfer im Großen Vaterländischen Krieg wurden in der Putinära einer der wichtigsten Kristallisationspunkte der russischen Identität.
    Die Faschisten waren wieder die anderen. Hakenkreuze tauchten aber zum Beispiel vor ein paar Tagen in einem Mobilisationsvideo für ‚Z‘ auf – der Buchstabe, der die russische Kriegskampagne anführt.
    Es ist nicht klar, wer diese Videos, die auch marschierende deutsche SS-Truppen zeigen, produziert hat. Sie kursieren bis heute weit und ungehindert im russischen Internet.
    Heute hasst man modern: Judenhass kommt heute im Gewand der Antizionisten.

    Die Ukraine verlegte ihren feierlichen Erinnerungstag an den Krieg im Einklang mit dem übrigen Europa schon vor ein paar Jahren vom 9. auf den 8. Mai,
    ein enorm symbolträchtiger Akt, der zeigt, dass die Ukraine ihre Unabhängigkeit selbst auf dieses heiligste aller kollektiven Gedächtnisse bezieht, die sie mit Russland teilt.
    Die Ukraine erinnert sich anders. Und seitdem der Feiertag in Russland immer mehr militarisiert wurde, an dem man selbst Kleinkinder in Weltkriegsuniformen steckte
    und sich immer mehr zu einem impliziten Mantra russischer Größe bekannte, wurde die Distanz zwischen den ukrainischen, ambivalenteren Erinnerungen und derer des großen Bruders immer grösser.
    Putins Beschwörung ukrainischer Faschisten ist daher ein eindringlicher Sammelappell an all jene postsowjetischen Menschen, die den Großen Vaterländischen Krieg wie er als militärischen und moralischen Sieg
    der Sowjetunion und ihres wichtigsten Nachfolgestaates Russland deuten und sich dementsprechend an ihn erinnern und beschwören.
    Es die Beschwörung jenes Geschichtsbildes, das er durch die strenge Kontrolle eines militarisierten und gesäuberten Geschichtslehrplans und durch die staatlich geförderten Feiern zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai
    mit immer größerem Nachdruck propagiert hat. Es ist eine Kriegserklärung an diejenigen, deren Erinnerung anders ist – und die daher per Definition der Feind sind. In der Kriegspolitik gibt es kein Grau
    und schon gar nicht in Putins Weltanschauung. Der Feind ist und bleibt für immer und ewig ein Faschist. Punkt.

    Dieser Krieg um die Erinnerung hat sich bereits in den frühen 2000er Jahren im Kleinen in den heftigen Kontroversen um Denkmäler für sowjetische Soldaten in Riga und Tallinn abgespielt. Doch in der Ukraine geht es um ganz andere Dimensionen. Von der Ukraine wurde nie nur passive Akzeptanz eines staatsstiftenden Erinnerungsnarrativ erwartet. Die Ukraine sollte dieses Narrativ, aktiv unterstützen und Teil des russischen Selbstverständnisses sein. Und Teil dieses Narratives war, und ist, eine gewisse positive Belegung der Sowjetunion – hier ganz explizit als Union verschiedener Ethnien und Republik. Nicht die Ukraine und auch nicht Russland hat den Krieg gewonnen, sondern die Sowjetunion. Die Behauptung der ukrainischen Souveränität als solche ist eine Provokation gegen dieses Geschichtsbild, weil sie die 1944/45 etablierte Nachkriegsordnung und ihre Grenzen in Frage stellt. Sie verlagert die Akteursebene vom Staat – der in Putins Augen ein heiliges Gebilde ist – auf das Volk, das 1991 mit über 92 % für die Unabhängigkeit gestimmt hat. Dies ist die Legitimität des ukrainischen Staates und sein Selbstverständnis.

    In Russlands Augen existiert die Ukraine in ihrer jetzigen Form jedoch nur aufgrund dessen, was sie als Stalins Geschenke bezeichnet, neben weiteren sogenannten Geschenken aus der Zaren- und Revolutionszeit.
    Klingt komisch, ist aber so: Geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen. Damit ist der nach 1945 ethnisch gereinigte ukrainische Westen der Ukraine gemeint, völlig ungeachtet dessen wurde die zahlenmäßig große jüdische Bevölkerung
    von den Nazis systematisch getötet und eine noch größere polnische Bevölkerung war Teil eines Bevölkerungsaustauschs mit Polen. Um das heutige Weltbild passend zu machen weil es nicht passen will, wurde die ukrainische Nachkriegsrepublik
    somit 1945 von Stalin geschaffen und damit als Teil des Sieges über den Faschismus moralisch legitimiert. So phantasiert man sich trotz 31 Jahren Unabhängigkeit als eingebildete rechtmässige Erben von Stalins Mission und Macht eine Bündnistreue bis heute zusammen.

    Es ist aufschlussreich ist hier wie eine Militärinvasion mit Zerstörung von zivilen Einrichtungen zur Friedensmission umdeklariert wird und im stalinistischen Begriff einer propagandistischen Entnazifizierung der Ukraine gipfelt.
    Vor dem Krieg jagte und stigmatisierte man jede Form der Opposition Verfolgung als Volksfeinde, in den Nachkriegsjahren wurden sie zu Faschisten oder oder Kollaborateuren. Beide Kategorien waren dehnbar und dienten dazu, Rechnungen auf vielen Ebenen zu begleichen.
    Inzwischen bedient man sich bei Kampfbegriffen wie ausländischen Agenten und inzwischen ist schon objektive Berichterstattung strafbar.

    Zu Kriegszeiten war jeder Kontakt mit den deutschen Besatzern, und schon der reine Aufenthalt auf besetzten Gebietein Strafbestand für Millionen von Sowjetbürgern,
    Das Tausende von Ostarbeitern, gegen ihren Willen verschleppt worden waren, spielte dabei keine Rolle. So wurden diese Opfer erneut bestraft. Sie wurden sozial ausgegrenzt, durften nicht studieren,
    durften keine leistenden Positionen innehaben und sich nicht kulturell betätigen. Auch ihre Kriegserinnerungen kamen in der offiziellen Erzählung nicht vor und jede öffentliche Aufarbeitung war verboten.
    Wie die Säuberungen in den 1930er Jahren war diese angebliche Entnazifizierung im sowjetischen Kontext nie ein ernstgemeinter Versuch zu differenzieren oder Mittäterschaften zu analysieren und zu bestrafen;
    sie folgte vielmehr einer Ausgrenzungs-und einer Vernichtungslogik, die den Nazis in nichts nachstand. Sie knüpfte an Bilder der Kontamination an. Eine weitere Obsession, die Stalin und Putin teilen und wurde sowohl kollektiv als auch individuell verstanden.
    Die Verwendung des Kampfbegriffs einer Entnazifizierung zeigt das Bild von der Ukraine nach einem Krieg. Unter dem Deckmantel um Annektion und Zerstörung als Wiederherstellung von Gerechtigkeit zu deklarieren,
    Dafür soll die physische Realität eines Lebens im eigenen Staat zerstört und das Selbstverständnis als eigene Nation ausgelöscht werden.
    Das Selbstverständnis als eine unabhängige Nation ist laut dieser post-stalinistischen Wahrnehmung per se unmoralisch und deshalb als Verbrechen der Nazis gleichzusetzen.

    Der immer grössere Mangel an Gegenwärtigkeit in den offiziellen Verlautbarungen ist besonders für die jüngere Generation in schmerzlicher Weise offensichtlich.
    Das offensichtlichen Phrasendreschen und Propagandalügen stehen in krassem Gegensatz zu der Vision eines modernen Staates,
    den Selenskyi in den letzten Tagen in seinen Reden auf Russisch an russische Staatsbürger skizziert hat.
    Zudem hat der völlig abgelutschte Begriff Faschist schon zu Sowjetzeiten seinen Glanz und damit auch seine Kraft verloren.
    Er hat höchstens bei der älteren Generation eine gewisse Resonanz aber bei den unter 30-jährigen ist diese Resonanz bestenfalls performativ.
    Aber es ist schwer, die offizielle Propaganda mit den eigenen Lebenserfahrungen zu vereinbaren. Viel zu viele Russen haben Freunde und Familie in der Ukraine,
    um eine solche Quadratur des Kreises mit Leichtigkeit zu schaffen. Nichtsdestotrotz berichten sogar ukrainische Bürger von Verwandte, die selbst unter russischem Bombenhagel noch davon phantasieren,
    wie sie bald von den ihren Brüdern gerettet würden, denn Freunde könne man sich selbst aussuchen.

    Das russische Narrativ hat Kraft, aber auch Schwachstellen. Die Feierlichkeiten zum 9. Mai wurden im Laufe der Jahre zu einer Massenvernichtungswaffenpräsentation mit angeschlossenem militarisierten Kasperletheater und uniformierten Kleinkindern als Rotarmisten.
    In den letzten dreißig Jahren fand parallel dazu eine Auseinandersetzung auf sehr persönlicher Ebene mit dem Krieg statt. Dazu gehören Initiativen wie ‚Das letzte Regiment‘ die durch Trauer und Verlust geprägt ist und damit den Pazifismus fördert.
    Schon im Tschetschenienkrieg war es die Vereinigung der Soldatenmütter, die Druck auf die damalige Regierung Jeltzin ausübte. Selenskyi ist jüdisch ist und seine Familie war Opfer des Faschismus und kein Täter, was die Absurdität der Anschuldigungen gegen seine Regierung als „Nazijunta“ zeigt,

    Da sich die Sowjetunion nie von dem äusseren und inneren Imperium erholt hat, welches sie selbst 1945 geschaffen hat, wird die Ukraine für die russische Politik bis in alle Ewigkeit eine eiternde Wunde bleiben.
    So dients sie nur noch als Lackmustest für Loyalität wie man bei den Unterstützerbriefen der russischen Universitäten, gleichzeitig aber auch Banner des innerrussischen Widerstands.

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    Verfasst von Pavel | 13. März 2022, 18:35

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