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Ausland, Russland

Der Abbau des Kapitalismus ist der beste Weg, Kriege zu beenden

von Sergej Udalzow – https://svpressa.ru

Bild: Alexander Ryumin/TASS

Übersetzung LZ

Sergej Udalzow: Wir warten darauf, dass sich die Bewohner der DNR und der LNR in die Reihen der linken patriotischen Bewegung Russlands einreihen!

Die jüngsten dramatischen Ereignisse im Donbass und in der Ukraine haben, wie schon 2014, zu heftigen Diskussionen in der Gesellschaft geführt, insbesondere bei Vertretern der linksgerichteten patriotischen Opposition. Man kann direkt gegensätzliche Ansichten hören. Einige loben Putin und rufen dazu auf, „Kiew zu bombardieren“. Andere hingegen vereinen sich in Ekstase mit den pro-westlichen Liberalen und rufen „Nein zum Krieg! In Wirklichkeit ist die Situation jedoch viel komplexer und vielschichtiger, so dass Schwarzweißmalerei hier nicht weiterhilft.

Erstens: Sicherlich muss zunächst festgestellt werden, dass der blutige Konflikt in der Ukraine ein Produkt des globalen Systems des Kapitalismus ist. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann der kapitalistische Westen, entgegen den Illusionen unserer fehlgeleiteten Führer, anstelle von Liebe und Freundschaft, das „neue demokratische Russland“ und andere ehemalige Sowjetrepubliken, die noch über das industrielle und wissenschaftliche Erbe der Sowjetunion verfügten, gezielt zu vernichten. Die Führer des globalen Kapitals brauchen keine starken Konkurrenten, auch keine ideologisch nahestehenden, sie brauchen Vasallen und Rohstoffspender. Genau das ist die Rolle Russlands und der Ukraine in der postsowjetischen globalen Realität. Wir erinnern uns an den Zusammenbruch und die Degradierung unseres Landes in den 90er Jahren. Die Ukraine wurde noch mehr geschwächt. Als unsere Behörden unter Putin beschlossen, die Position des russischen Kapitals zu stärken, stießen sie auf den erbitterten Widerstand des Westens. Um die zunehmenden Ambitionen Russlands zu neutralisieren, wurde die Ukraine 2013 gezielt in Brand gesetzt, die daraufhin begann, in einen großen Krieg mit uns hineingetrieben zu werden. Dies ist eine klassische Lösung für verschiedene kapitalistische Krisen. Kapitalismus und Krieg sind also ein Synonym. Während es heute aufgrund des großen Atomwaffenarsenals in der Welt gefährlich ist, einen „heißen“ Weltkrieg zu beginnen, finden in verschiedenen Teilen der Welt ununterbrochen hybride und lokale Kriege statt.

Zweitens: Die Verantwortung für die derzeitigen katastrophalen Entwicklungen in der Ukraine liegt bei den kapitalistischen „Eliten“ auf allen Seiten des Konflikts. Die amerikanischen, europäischen, ukrainischen und russischen Eliten. Seit vielen Jahren arbeiten die amerikanischen und europäischen Behörden bewusst daran, die antirussische Stimmung in der Ukraine zu schüren. Die ukrainische „Elite“ hat auf zynische Weise einen aggressiven Nationalismus im Lande kultiviert und nutzt diese primitive Methode, um sich bei Wahlen Stimmen zu sichern. Und die russische Regierung ist schuld daran, dass es ihr in den 30 Jahren seit dem Zusammenbruch der UdSSR nicht gelungen ist, aus ihrem neoliberalen Trott auszubrechen und ein attraktives Image für ihre Nachbarn zu schaffen.

Auch die Arbeit der russischen Diplomatie in der Ukraine ist nicht ohne Kritik geblieben. Wenn Tschernomyrdin und Surabow Botschafter in diesem für Russland strategisch wichtigen Land waren, ist es nicht verwunderlich, dass ihre „Arbeit“ fehlgeschlagen ist. Infolgedessen wurde unser brüderliches ukrainisches Volk, insbesondere die Bewohner der Südostukraine, zur Geisel der Verbrechen und Fehler der kapitalistischen „Internationalen“.

Drittens: Die links-patriotischen Kräfte in Russland kritisieren die räuberische und unsoziale Politik des Kremls und seiner oligarchischen Entourage. Gleichzeitig sind wir angewidert von der derzeitigen Regierung in Kiew, die seit 2014 regelrechte Nazis „beflügelt“, rote Fahnen verbietet und das Blut ihrer Bürger vergießt. Gleichzeitig gilt unsere aufrichtige Unterstützung in dem Konflikt in der Ukraine den heldenhaften Bewohnern von Donbass und Luhansk, die seit acht Jahren einen mutigen nationalen Befreiungskampf führen. Sie kämpfen für das Recht, ihre Muttersprache zu sprechen und mit Russland freundschaftlich verbunden zu sein. Ja, leider findet dieser Kampf aus objektiven Gründen derzeit nicht unter roten Fahnen statt, aber wir können uns deshalb nicht von unseren Brüdern im DNR und LNR abwenden.

Viertens: Die Bevölkerung der Oblaste Donezk und Luhansk stimmte bereits 2014 in einem Referendum für den Anschluss an Russland. Für uns, die russischen Linken und Patrioten, steht der Wille des Volkes über allem anderen. Deshalb haben wir in all den Jahren immer wieder gefordert, dass unsere Behörden die Volksrepubliken anerkennen und sie in Russland eingliedern. Jetzt, da die russischen Behörden mit großer Verspätung beschlossen haben, den Willen der Bewohner der DNR und der LNR umzusetzen, haben wir kein Recht, unseren Standpunkt zu ändern, nur weil diese Maßnahmen das Ansehen des Kreml-Regimes erhöhen. Ja, das werden sie. Aber das Leben der heldenhaften Verteidiger des Donbass ist in dieser Situation viel wichtiger als jedes politische Kalkül. Der Wille der Menschen im DNR und LNR soll endlich erfüllt werden. Und wir werden den Kampf gegen die bürgerliche Regierung im Kreml mit verdoppelter Energie fortsetzen. Das eine widerspricht dem anderen nicht. Das ist reine Dialektik.

Fünftens: Aus den oben genannten Gründen haben die links-patriotischen Kräfte die Anerkennung der DNR und der LNR durch Russland initiiert und unterstützt. Aus diesem Grund und nicht aus Liebe zu den Kreml-Behörden unterstützen wir uneingeschränkt die militärische Unterstützung Russlands für die Befreiung des Donbass und von Luhansk von den Nazi-Besatzern. Und hier sind die abstrakten „Anti-Kriegs“-Parolen, die in Russland von pro-westlichen Liberalen und ihren Verbündeten skandiert werden, absolut inakzeptabel. Nach dieser Logik hätten die Sowjetbürger 1941 sofort vor Hitler kapitulieren müssen, um einen Krieg zu vermeiden. Unsinn und nochmals Unsinn!

Sechstens: Wir sollten gesondert auf die Aktionen des russischen Militärs auf ukrainischem Gebiet außerhalb der Grenzen der Volksrepubliken Donezk und Luhansk eingehen. Wir verstehen, dass dies taktisch mit der Notwendigkeit zusammenhängt, die Konzentration aller ukrainischen Streitkräfte an den Grenzen der Volksrepubliken und den massenhaften Tod der Einwohner von Donezk und Luhansk zu verhindern. Gleichzeitig erklären wir, dass wir uns kategorisch dagegen wehren werden, sollte der Kreml versuchen, die taktische und kurzfristige Präsenz russischer Truppen in eine groß angelegte Besetzung ukrainischen Territoriums umzuwandeln (was unweigerlich zu den katastrophalsten Folgen führen wird). Die russischen Truppen sollten aus der Ukraine abgezogen werden, sobald die Operation zur Befreiung des Gebiets der DNR und der LNR abgeschlossen ist. Von nun an muss das ukrainische Volk selbst über sein Schicksal entscheiden. Gleichzeitig rufen wir alle Ukrainer auf, sich bereits jetzt aktiv für die Entnazifizierung ihres Landes einzusetzen, damit die russischen Truppen so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren können. Wir fordern auch die russischen Kommandeure und Soldaten auf, alles zu tun, um den Tod von friedlichen Ukrainern zu vermeiden.

Siebtens: Jetzt, wo die westlichen Sanktionen gegen Russland und seine Führung erheblich verschärft werden, braucht der Kreml die größtmögliche Unterstützung der Bevölkerung. Eine wirkliche Unterstützung kann jedoch nur durch eine radikale Änderung des sozioökonomischen Kurses der Entwicklung des Landes im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung erreicht werden. In einer solchen Situation sind die linken patriotischen Kräfte Russlands einfach gezwungen, sich nicht in einem pseudopatriotischen Rausch mit dem Kreml zu vereinen, sondern von den Behörden eine vollständige „Linkswende“ zu fordern, insbesondere: Verstaatlichung des Brennstoff- und Rohstoffkomplexes und einer Reihe anderer strategischer Unternehmen (damit die Einnahmen aus ihren Aktivitäten in die Entwicklung des Landes und nicht in die Taschen der Kapitalisten fließen); Einführung einer progressiven Steuer auf die Supereinkommen der Oligarchen (mit einer Obergrenze von 50 %) und Befreiung der Bürger mit einem Einkommen unter 360. 000 Rubel pro Jahr zu senken, das Renteneintrittsalter auf 55/60 Jahre zu senken, die Zahlungen der Bürger für Wohnung und Versorgungsleistungen auf 5 % des Familieneinkommens zu begrenzen und die Lebenshaltungskosten und den Mindestlohn auf 30.000 Rubel zu erhöhen. Und es gibt noch viel mehr zu tun, bewaffnet mit unserem Programm der sozialistischen Transformation und unter Einbeziehung von Vertretern der linken patriotischen Opposition in die Führung des Landes. Und natürlich, um die Verfolgung von Anhängern des Sozialismus zu beenden.

Achtens: Und das Wichtigste. Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass nach der Befreiung der DNR und der LNR deren Bewohner ein Leben in einer engen Union oder sogar als Teil des kapitalistischen Russlands erwartet. Mit all unseren Mühen und Problemen. Deshalb ist es wichtiger denn je, unsere vereinte antikapitalistische Front zu stärken und zu erweitern. Nur durch die Zerschlagung des hässlichen kapitalistischen Systems werden wir in der Lage sein, die Kriege zu beenden und brüderliche Beziehungen zwischen den Völkern Russlands, der Ukraine und der ganzen Welt herzustellen. Das beste Mittel gegen den Krieg ist also der Sozialismus!

https://svpressa.ru/blogs/article/326426/

 

Diskussionen

3 Gedanken zu “Der Abbau des Kapitalismus ist der beste Weg, Kriege zu beenden

  1. Ich würde sagen: klarer Fall von unverstandener US-Geopolitik.

    „Von nun an muss das ukrainische Volk selbst über sein Schicksal entscheiden.“ – Dazu muß sich das ukrainische Volk an die USA wenden. – Und die USA wird es dafür auslachen oder plattbomben.

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    Verfasst von Fnana | 28. Februar 2022, 0:41
  2. Putins Krieg stoppen! – KEINE WAFFEN IN DIE UKRAINE! – Keine Aufrüstung! – Die Waffen NIEDER!
    Friedenskundgebung am 26. Februar 2022 in Hamburg

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    Verfasst von ZED | 27. Februar 2022, 22:10
  3. Nach dem Sieg der Sowjetunion über Hitler- Deutschland lernten die Bewohner der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands ein neues Phänomen kennen: den Kult um Stalin! In größeren Städten hingen an zentraler Stelle überlebensgroße Porträts von Stalin. Natürlich gab es auch viele sowjetische Filme, in denen Stalin verehrt wurde. Im Jahre 1950 erschien der dreiteilige Spielfilm „Der Fall von Berlin“. Am Ende des Films wird gezeigt, wie Generalissimus Joseph Wissarionowitsch Stalin (gespielt von Michail Gelovani) mit einem Flugzeug in Berlin landet. Er entsteigt dem Flugzeug gottgleich in weißer Jacke mit goldenen Schulterklappen und roten Orden.

    Bald werden auch Städte umbenannt (am 1.2.1953 wurde die Wohnstadt des Eisenhüttenkombinats Ost als selbständiger Stadtkreis aus dem Kreis Fürstenberg herausgelöst und erhielt am 7.5.1953 aus Anlass des Todes von Stalin den Namen Stalinstadt). Betriebe und Straßen bekommen den Namen Joseph Wissarionowitsch Stalin. Er war eben der große Führer und weiser Vater der Sowjetunion. Allmählich nahm er übermenschliche Züge an und seine Leistungen wurden künstlich überhöht dargestellt.

    Damals studierte ich noch Chemie und Physik an der Universität Leipzig. Hier konnte man das obligatorische Fach Gesellschaftswissenschaften bereits Ende 1950 mit einer schriftlichen Prüfung abschließen. Als Thema „Die Nationale Frage“. Die Broschüre von Stalin: „Die Nationale Frage“ war hilfreich. Für das Fach gab es keine Noten, lediglich im Diplomzeugnis hieß es „bestanden“. Damals war auch die großartige und weise Arbeit Stalins gelobt worden.

    Am 20.12., dem Vorabend von Stalins Geburtstag, fand immer im Leipziger Filmtheater „Capitol“ eine Festveranstaltung statt. Für die meisten Studenten war diese eine angenehme Abwechselung, denn am nächsten Tag begannen die Weihnachtsferien und jeder reiste schnell nach Hause zu den Eltern oder zur eigenen Familie.

    2. Stalins Tod
    Am 5.3.1953 war Stalin im Alter von 74 Jahren verstorben. Eine Zeitung schrieb damals „die Welt hält den Atem an“!
    Sofort fanden überall improvisierte Trauerfeiern statt, natürlich auch in den Chemischen Instituten der Universität Leipzig. Mit tränengerührter Stimme hielt ein Genosse die Trauerrede im abgedunkelten und mit Trauerflor geschmückten großen Hörsaal über den größten Wissenschaftler und Politiker aller Zeiten.

    In der Montagsausgabe des „Neuen Deutschland“ war in einem Beitrag von Walter Ulbricht zu lesen, dass der größte Mensch unserer Epoche verstorben ist und dass sein Werk noch in Jahrhunderten wegweisend sein wird.
    Mich hat bereits damals gewundert, wie die Partei mit solch langfristigen Vorhersagen umgegangen ist, doch wie heißt es in einem Lied: „Die Partei, die hat immer recht…“!

    Natürlich ahnte damals niemand, dass der spätere Generalsekretär der KPdSU, Chrustschow, in seiner berühmten Geheimrede auf dem 20. Parteitag im Jahre 1956 den Nimbus von Stalin zerstören würde.

    In Leipzig wurde am Tage der Beisetzung vor der Ruine der Oper eine überlebensgroße Statue von Stalin aufgestellt. In einer riesigen Demonstration zogen am Nachmittag des 9.3.1953 die Werktätigen an der Statue vorbei und legten Kränze nieder. Ich hatte an diesem Tag Unterricht an der Techniker – Abendschule im Braunkohlenkombinat Espenhain und konnte so das Denkmal nur vom Bus aus sehen.

    3. Der Volksaufstand am 17. Juni 1953
    Auf der II. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 hatte Walter Ulbricht den Beginn des Aufbaus der Grundlagen des Sozialismus in der DDR verkündet. Dazu waren natürlich große Anstrengungen notwendig. Im Frühjahr 1953 erließ die DDR- Regierung neue Gesetze, nach denen die Arbeitsnormen um 10% erhöht werden sollten. Die Preise für eine Reihe von Lebensmitteln stiegen an und viele Vergünstigungen (z.B. Arbeiterrückfahrkarten) fielen weg. Selbstständige erhielten keine Lebensmittelkarten mehr. Einige Dinge wurden allerdings bereits vor dem 17.6.1953 zurückgenommen.

    Am 17.6.1953 entlud sich der Volkszorn in vielen Städten, so auch in Leipzig in großen Demonstrationen und auch in Übergriffen auf staatliche Stellen. Das Signal zu Demonstrationen hatten Bauarbeiter an der Stalin- Allee in Berlin am Vortag gegeben, indem sie die Arbeit niederlegten.

    Ich hatte an diesem schönen Sommertag vormittags im Labor in der Brüderstraße zu meiner Diplomarbeit Versuche gemacht. Zum Mittagessen wollte ich in die Mensa am Peterssteinweg gehen. Unterwegs sah ich überall diskutierende Menschengruppen. Dann kamen aus allen Richtungen Werktätige in großen Demonstrationszügen in ihrer Arbeitskleidung anmarschiert. Sie trugen Transparente mit der Forderung nach Wegfall der Normerhöhung und dann auch nach Rücktritt der Regierung und Neuwahlen. An einer Straßenbahn las ich die Losung „Hängt Ulbricht“, und dies in der Geburtsstadt von Walter Ulbricht, die sich anschickte, dessen 60. Geburtstag am 30.Juni groß zu feiern!

    Zunächst verlief alles friedlich, doch am Nachmittag eskalierte die Situation. Ich weiß heute nicht mehr, ob ich noch bis zur Mensa kam, denn vor dem Polizeipräsidium und dem Untersuchungsgefängnis im gleichen Gebäudekomplex am Peterssteinweg/Ecke Beethovenstraße staute sich eine Menschenmenge. Als auch Gefangene befreit werden sollten, schoss die Polizei. Am Markt vor dem Alten Rathaus ging ein Pavillon der Nationalen Front (Vereinigung aller Parteien und Organisationen) in Flammen auf.

    Auch die FDJ- Bezirksleitung in der Ritterstraße/Ecke Goethestraße wurde gestürmt, und es flogen Akten, Fahnen, Schreibmaschinen und auch Luftgewehre auf die Straße (die Zeit des Antimilitarismus war vorbei, und es begann der Aufbau der kasernierten Volkspolizei sowie schüchterner Schießübungen mit Luftgewehren der FDJ). Böses ahnend eilte ich wieder zurück ins Labor. Lange hielt ich es dort nicht aus. Gegen Abend ging ich zurück in das Stadtzentrum.

    Auf dem Markt standen drohend zwei sowjetische Panzer. Auf dem Asphalt hatten sich Spuren der Panzerketten eingeprägt. Damit war der Volksaufstand mit Hilfe der Besatzungsmacht niedergeschlagen worden! Heute sind neben dem Leipziger Markt auf dem Salzgässchen zwei in Metall gegossene Abdrücke von Panzerketten zu besichtigen.

    Überall sah man noch erregt diskutierende Menschengruppen. Hier lernte ich zum ersten Mal die Wirkung einer Massenpsychose kennen. In der Nähe eines Ladenlokals der Nationalen Front standen einige Leute, einzelne Drohungen wurden laut. Die Stimmung schaukelte sich hoch und schlug in Hass um und schon flogen Steine, von den Umstehenden bejubelt. Dann zersplitterte die Schaufensterscheibe von einem Stein getroffen. Ich machte mich nun schnell auf den Nachhauseweg zu meinem Zimmer, da inzwischen der Ausnahmezustand ausgerufen worden war und damit wohl auch eine nächtliche Ausgangssperre.

    Am nächsten Tag regnete es. Das Wetter passte so richtig zur niedergeschlagenen Stimmung der meisten Menschen. In den nächsten Tagen wurde in der DDR- Presse und im Rundfunk viel darüber geschrieben bzw. gesprochen, dass der Volksaufstand eine von Westberlin gesteuerte Aktion gewesen sei.

    Nach eigenem Erleben erscheint mir die Unzufriedenheit vieler Menschen mit der damaligen Lebenssituation als wahrer Grund. Das Zitat von Karl Marx: „Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift“ wurde hier in die Tat umgesetzt, allerdings nicht im Sinne der Herrschenden!

    Erst in den 90er Jahren war zu erfahren, dass in Leipzig bei den Demonstrationen am 17.6.1953 sechs Personen getötet und drei von sowjetischem Militär erschossen wurden. Etwa 60 Personen waren verletzt worden. An den Demonstrationen sollen 30.000 bis 40.000 Menschen beteiligt gewesen sein.
    Ähnliche Volksaufstände fanden im Jahre 1956 in Ungarn und 1968 in der CSSR statt.

    Alle wurden von sowjetischen Panzern gestoppt. In Polen gründete sich im Jahre 1980 nach sozialen Unruhen die Gewerkschaft Solidarnosc. Im Jahre 1981 wurde die Gewerkschaft wieder verboten. Diesmal keine Panzer und kein Einmarsch sowjetischer Truppen.

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    Verfasst von Peggi | 27. Februar 2022, 20:57

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