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Debatte, Linke Bewegung

Was bleibt vom Kommunismus?

von Andreas Wehr – http://www.andreas-wehr.eu

Für die herrschenden Medienmacher und Politiker ist klar, was man unter Kommunismus zu verstehen hat: Den gab es knapp vierzig Jahre in der DDR. Er bedeutete Mangelwirtschaft, Mauer und Tristesse. Keine Rolle spielte dabei, dass sich die führende Partei dort gar nicht kommunistisch, sondern sozialistisch nannte. Auch interessierte dabei nicht, dass sich die DDR noch gar nicht im Kommunismus angekommen sah, sondern in seiner Vorstufe, dem Sozialismus. Und es war sogar lediglich der „reale“ Sozialismus, noch nicht der wirkliche, von dem glaubte, man habe ihn erreicht. Kommunismus hingegen – das war etwas für die ferne Zukunft.

Aber als Schreckgespenst wird der Kommunismus jedoch heute wieder gebraucht. Medien und Politik nutzen es, um heute vor dem Aufstieg Chinas zu warnen. Deshalb wird immer häufiger von „den“ Kommunisten Chinas gesprochen, wo doch eigentlich die Regierung der Volksrepublik gemeint ist. Peking ist an die Stelle Moskaus getreten.

Doch wie steht es um die Linken im Westen? Welche Bedeutung hat der Begriff Kommunismus noch für sie? Da gibt es zunächst ein Paradox zu beobachten: Je häufiger bürgerliche Medien und Politiker von China als kommunistisch regiertem Land sprechen, um so seltener tun dies westliche Linke. Für sie ist das Land weder kommunistisch noch sozialistisch – was die chinesische Führung übrigens auch gar nicht bestreitet. Für diese Linken befindet sich das Land nicht einmal mehr auf dem Weg zum Sozialismus, es ist schlicht kapitalistisch, wenn nicht gar imperialistisch. Auch die von kommunistischen Parteien regierten Länder Kuba und Vietnam sehen die Linken sie nicht mehr auf dem Pfad der Tugend. Kommunismus ist nur noch die Beschreibung einer Utopie, einer Vorstellung, die noch nicht Wirklichkeit ist und von der niemand weiß, ob sie jemals Realität wird.

Und doch gibt es weiterhin Parteien, die sich kommunistisch nennen – etwa in Frankreich, Österreich, Griechenland, Portugal, Italien, Japan. In Deutschland existiert die Deutsche Kommunistische Partei (DKP), in Belgien gibt es die Partei der Arbeit, die sich als kommunistisch versteht. Wo diese Parteien über Einfluss verfügen, etwa in Kommunen, Gewerkschaften oder gar auf nationaler Ebene, kann ihre Politik als sozialdemokratisch im traditionellen Sinne beschrieben werden – was heute bereits viel ist! Gewählt werden kommunistische Parteien, ob in Pariser Vorstädten, in Lissabon, Andalusien, griechischen Dörfern, Tokio oder in Graz, aus Anhänglichkeit gegenüber einer traditionellen Organisation, die man kennt und der man zutraut, die Interessen der „kleinen Leute“ zu vertreten, aber auch aus Wertschätzung gegenüber der Integrität und Volksnähe ihrer Politiker.

Das Eigentliche, das Besondere was das Kommunistische ausmacht, tritt allerdings immer weiter in den Hintergrund, verblasst zu einem fernen Schein. Forderungen nach einer klassenlosen Gesellschaft oder nach einer zu schaffenden „Assoziation“, die an die „Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt“ [1], wie es im Kommunistischen Manifest heißt, sind nur noch schöne Worte ohne jeden Anknüpfungspunkt in der Gegenwart.

Kommunismus nach Marx und Engels

Warum aber klingen die Vorstellungen von einer kommunistischen Gesellschaft heute so weltfremd? Zur Erklärung ist daran zu erinnern, dass Marx und Engels Kommunismus stets als Ergebnis einer objektiv vor sich gehenden Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsweise als Resultat des damit einhergehenden sich verschärfenden Krisenprozesses sahen. 1845/46 rechneten sie in der „Deutschen Ideologie“ mit allen idealistischen Vorstellungen gnadenlos ab: „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“ [2] Diese gedankliche Konstruktion des Kommunismus als eine dem Kapital innewohnende Bewegungsrichtung bleibt für Marx und Engels in ihrem gesamten späteren theoretischen Werk bestimmend.

Zugleich reflektieren sie aber auch die Antworten, die der Kapitalismus zur Entschärfung seiner Krisen beständig hervorbringt. Im ersten Band des Kapitals beschreibt Marx, wie die sich immer wieder einstellende Krise nicht etwa zum Ende des Kapitalismus führt, sondern vielmehr zur Waffe in der Hand der Kapitalisten wird, um die Akkumulation durch die Bildung einer Reservearmee, die Druck auf die Beschäftigten ausübt, wiederherzustellen. Die Arbeiterbewegung wird dadurch immer wieder aufs Neue gespalten und die einzelnen Arbeiter werden voneinander separiert. Hinzu kommt, dass der auf politischer Ebene ausgefochtene Klassenkampf zwischen Kapitalisten und Arbeitern den bürgerlichen Staat zwingt, in den Ausbeutungsprozess regelnd einzugreifen, um die auch für das Kapital am Ende ruinöse Auspressung der Arbeiter zumindest Obergrenzen zu setzen. Marx beschreibt diese frühen zügelnden staatlichen Maßnahmen – die englischen Factory-Acts – im achten Kapitel (Der Arbeitstag) des ersten Bandes des Kapitals.[3] In Deutschland waren es später die von oben, vom konservativen Reichskanzler Bismarck durchgesetzten Sozialversicherungen, die den Arbeitern eine wenn auch bescheidene Lebenssicherheit gaben. Andere kapitalistische Länder zogen nach. Es entstand das, was man heute Sozialstaat nennt. Doch für die theoretisch angenommene Unausweichlichkeit des Kommunismus bedeuteten all diese Schutzmaßnahmen zugleich, dass „von da an die schöne Kontinuität zwischen Kapitalakkumulation, organisiertem Kampf der Arbeiter und Ankunft der künftigen Gesellschaft zerbrochen war“. [4]

Karl Marx und Friedrichs Engels hielten ihre Leben lang daran fest, dass die von der Arbeiterbewegung zu erkämpfende Gesellschaft die des Kommunismus sei. Die wichtigsten Aussagen dazu finden sich in den von Marx verfassten „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“ – dem Gothaer Programm der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands von 1875, der späteren SPD – sowie in der Schrift „Bürgerkrieg in Frankreich“, in der Marx die Pariser Commune von 1871 würdigte. Der Übergang von der kapitalistischen zur kommunistischen Gesellschaft sollte demnach zügig erfolgen: „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“ [5]

Was die künftige Gesellschaft angeht wird bei Marx unterschieden zwischen einer „ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft nach langen Geburtswehen hervorgegangen ist“ und einer sich anschließenden „höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft“. Von Sozialismus oder gar von einem realen Sozialismus ist bei Marx keine Rede.

Bereits in der ersten Phase soll nach Marx das individuelle Arbeitsquantum des einzelnen Arbeiters entscheidend für den anteilmäßigen Bezug von Konsumtionsmitteln sein: „Die individuelle Arbeitszeit des einzelnen Produzenten ist der von ihm gelieferte Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags, sein Anteil daran. Er erhält von der Gesellschaft einen Schein, dass er soundso viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit für die gemeinschaftlichen Fonds), und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat an Konsumtionsmitteln soviel heraus, als gleich viel Arbeit kostet. Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer Form gegeben hat, erhält er in der anderen zurück.“ [6] Weiter bestehende Ungerechtigkeiten ergeben sich daraus, dass der eine Arbeiter „physisch oder geistig dem anderen überlegen“ ist. Auch soll der verheiratete Arbeiter mehr als der unverheiratete aus dem „gesellschaftlichen Konsumtionsfonds“ erhalten. [7]

Diese Ungerechtigkeiten sollen in der zweiten Phase des Kommunismus überwunden sein. Dazu heißt es bei Marx: „In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterdrückung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ [8]

In seiner Schrift „Bürgerkrieg in Frankreich“ umreißt Marx die Konturen der zu schaffenden kommunistischen Gesellschaft: „Wenn die Gesamtheit der Genossenschaften die nationale Produktion nach einem gemeinsamen Plan regeln, sie damit unter ihre eigne Leitung nehmen und der beständigen Anarchie und den periodisch wiederkehrenden Konvulsionen, welche das unvermeidliche Schicksal der kapitalistischen Produktion sind, ein Ende machen soll – was wäre das andres, meine Herren, als der Kommunismus, der ‚mögliche‘ Kommunismus?“ [9]

Es ist oft darüber spekuliert worden, inwieweit die Vorstellungen von Marx und Engels über die künftige kommunistische Gesellschaft von frühsozialistischen utopischen Vorstellungen bestimmt waren bzw. anarchistischen Gesellschaftsentwürfen entsprungen sind, eines aber steht fest: Die realen sozialistischen Gesellschaften haben entweder die Marxschen Forderungen ignoriert – wie etwa die angestrebte Verteilung der Konsumtionsmittel nach der Arbeitsleistung bei gleichzeitiger Liquidierung der Geldes und seiner Ersetzung durch Berechtigungsscheine – oder aber sie erlitten Schiffbruch, etwa beim Versuch, die „Produktion nach einem gemeinsamen Plan“ zu regeln. In der Sowjetunion beschloss die KPdSU auf ihrem XXII. Parteitag im Oktober 1961 ein neues Parteiprogramm, in dem sogar angekündigt wurde, in wenigen Jahren die Phase des entfalteten Kommunismus zu erreichen. Dieses Wunschdenken trug viel dazu bei, die Theorie des Marxismus-Leninismus zu desavouieren und die Glaubwürdigkeit der Partei zu untergraben.

Die Illusion von der vollständigen politischen Emanzipation

Was die tatsächliche geschichtliche Entwicklung angeht, so heißt es bei Domenico Losurdo: „Es soll (…) festgehalten werden, dass sich die Dinge völlig anders entwickelt haben, als Marx und Engels vorhergesehen haben.“ [10] Die Ursache dafür sieht Losurdo in der Verkennung des tatsächlichen Stands, den die politische Emanzipation im 19. Jahrhundert erreicht hatte.

Für Karl Marx galt diese Emanzipation bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den fortgeschrittensten Staaten als vollendet. In seiner Schrift zur Judenfrage von 1843 schrieb er: „Die politische Emanzipation ist zugleich die Auflösung der alten Gesellschaft, auf welcher das dem Volk entfremdete Staatswesen, die Herrschermacht ruht. Die politische Revolution ist die Revolution der bürgerlichen Gesellschaft.“ Und über den aus dieser Revolution hervorgehenden Menschen heißt es: „Dieser Mensch, das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, ist nun die Basis, die Voraussetzung des politischen Staats. Er ist von ihm als solche anerkannt in den Menschenrechten. Die Freiheit des egoistischen Menschen und die Anerkennung dieser Freiheit ist aber vielmehr die Anerkennung der zügellosen Bewegung der geistigen und materiellen Elemente, welche seinen Lebensinhalt bilden. Der Mensch wurde daher nicht von der Religion befreit, er erhielt die Religionsfreiheit. Er wurde nicht vom Eigentum befreit. Er erhielt die Freiheit des Eigentums. Er wurde nicht von dem Egoismus des Gewerbes befreit, er erhielt die Gewerbefreiheit.“ [11] Daraus ergab sich für Marx der logische Schluss, dass es nach Abschluss der politischen Emanzipation nur noch um die soziale Emanzipation gehen könne. Die erste Emanzipation habe den Boden für die zweite bereitet, und diese soziale Umwälzung sollte das Proletariat erkämpfen.

Doch „im Westen ist die ‚vollendete politische Emanzipation‘ keinesfalls das Resultat einer spontanen inneren Dialektik der bürgerlichen Gesellschaft gewesen.“ [12] Die drei großen Diskriminierungen – der Ausschluss der Nichteigentümer von den politischen Rechten, die Unterdrückung der Frauen sowie die Diskriminierung aus rassischen oder ethnischen Gründen – konnten erst nach langen Kämpfen, geführt auch und vor allem von der Arbeiterbewegung, zurückgedrängt und zumindest zu einem Teil überwunden werden. Bis heute sind diese Kämpfe nicht beendet. Auf Phasen der Emanzipation folgen immer wieder solche der De-Emanzipation.

Betrachten wir etwa die Situation in den USA: Die nordamerikanischen Staaten galten für Marx als Land „der vollendeten politischen Emanzipation“.[13] Das wurde wohlgemerkt 1843 geschrieben, zu einer Zeit als die USA noch eine Sklavenhaltergesellschaft waren und dort sogar die grausamste Form der Sklaverei – die Chattel Slavery – praktiziert wurde, bei der die Sklaven Eigentum des Besitzers waren. Erst mit dem amerikanischen Sezessionskrieg 1865/66, also gut zwei Jahrzehnte nach der Schrift von Marx, gelang die Abschaffung der Sklaverei. Damit endeten die Leiden der Schwarzen aber noch lange nicht, sie blieben Bürger zweiter Klasse. Es bedurfte erst der Bürgerrechtsbewegung in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, um zumindest ihre juristische Gleichstellung durchzusetzen. Doch sogar heute noch gibt es in den USA eine ausgeprägte gesellschaftliche Rassendiskriminierung. Die Beschreibung der USA als Land „der vollendeten politischen Emanzipation“ durch Marx konnte sich daher nur auf die weißen Einwohner beziehen, nicht auf die Schwarzen und schon gar nicht auf die Indigenen, den Indianern, die einem Völkermord zum Opfer fielen.

Nun ist es keineswegs so, dass Marx wie auch Engels zur Sklaverei, zur nationalen Unterdrückung von Iren oder Polen geschwiegen, oder dass sie die Gewalt in den Kolonien nicht zur Kenntnis genommen hätten. Ganz im Gegenteil! Es finden sich dutzende, bis heute kaum beachtete Artikel von ihnen, in denen sie nationale Unterdrückung, Rassendiskriminierung sowie die Entrechtung der Einwohner der Kolonien scharf geißeln.[14] Im Alter beschäftigt sind Marx zudem mit der Entwicklung von Familienstrukturen, dabei nimmt er die Entrechtung der Frauen in den Blick.[15] Es kann dennoch keinen Zweifel daran geben, dass Marx und Engels von einer Abfolge historischer Phasen ausgingen, wonach die erste, die der bürgerlichen Emanzipation, bereits zu ihren Lebzeiten im Wesentlichen abgeschlossen war. Ihre theoretischen und politischen Anstrengungen richteten sie daher ganz darauf aus, ihr nun die soziale Revolution folgen zu lassen.

Der Beitrag der Kommunisten zum Kampf gegen die drei großen Diskriminierungen

Der tatsächliche geschichtliche Ablauf aber war ein anderer. Die vom Marxismus inspirierte russische Oktoberrevolution war eine mit zwei Gesichtern. Das gen Westen gewendete sollte die europäischen Arbeiterbewegungen ermutigen, in ihren Ländern ebenfalls die sozialistische Revolution zu wagen. Das nach Osten gerichtete zielte auf die nationale Befreiung der unterdrückten Völker des globalen Südens, in Asien, Afrika und Lateinamerika. Heute ist unübersehbar, welches dieser Gesichte die größeren Veränderungen hervorbrachte. Den im Westen meist aus Abspaltungen der Sozialdemokratie hervorgegangenen kommunistischen Parteien gelang es nirgendwo, es den Bolschewiki nachzumachen und die sozialistische Revolution zum Sieg zu führen. Dass die Kommunisten in einigen westeuropäischen Ländern später, nach dem zweiten Weltkrieg – etwa in Italien, in Frankreich und Griechenland –, an Einfluss gewannen, war allein darin begründet, dass sie sich im nationalen Widerstandskampf ihrer Länder gegen die deutsche faschistische Okkupationsmacht an die Spitze setzen konnten. Ihre eigentlichen revolutionären Ziele stellten sie dabei zurück.

Ganz anders die Wirkung im Osten: Hier wurde der rote Oktober zum Leitbild für Revolutionäre vieler Länder, die die scharfe kommunistische Kritik an jeglicher Unterdrückung sowie die zentralistische, ja sogar militärisch ausgerichtete Parteistruktur der Bolschewiki zur Befreiung ihrer Länder nutzen konnten. [16] Nur so wurden die Revolutionen in China, Korea, Kuba und Vietnam möglich. Aber auch rein nationale Befreiungsbewegungen wie die der Jungtürken sowie der von Gandhi geführte Kampf um die Befreiung Indiens und die afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen orientierten sich an der russischen Revolution.

Hervorgehobene Rollen nahmen Kommunisten beim Kampf gegen die Diskriminierung aus rassischen Gründen ein. Das galt vor allem für Südafrika, wo die KP sich bereits früh auf die Seite der entrechteten Farbigen stellte und dafür ein festes Bündnis mit dem Afrikanischen Nationalkongress einging. Dies galt auch für die von China unterstützte Befreiungsbewegung in Rhodesien, die das weiße Apartheitsregime niederrang. Kommunistisch beeinflusst waren auch die Unabhängigkeitskämpfe in Angola, Mozambique und Namibia. In Israel unterstützt die KP noch heute die unterdrückten Palästinenser. In den USA ist die schwarze Bürgerrechtlerin Angela Davis Mitglied der Kommunistischen Partei. Vielfältige Hilfe beim Kampf um die Befreiung der Länder des globalen Südens leisteten die europäischen sozialistischen Länder: Freiheitskämpfer aus Algerien, Angola, Chile, Mozambique, Namibia, Südafrika, Vietnam und weiteren Ländern wurden dort ausgebildet und materiell unterstützt.

Aber auch für die verbliebenen kommunistischen Parteien in den Ländern des Westens gilt, dass sie immer dann Zustimmung unter den Massen gewinnen, wenn sie sich gegen die drei großen Diskriminierungen wenden. Das bedeutet zum einen, gegen den Ausschluss der Nichteigentümer von den politischen Rechten einzutreten. Dieser Kampf ist entscheidend für die Emanzipation der Lohnabhängigen, denn nur wenn sich diese mit Hilfe ihrer Parteien Stimme und Gewicht im demokratischen Prozess verschaffen, ist es ihnen möglich grundlegende Verbesserungen – etwa in der Sozial- und Steuergesetzgebung, bei der Rente, der Gesundheitsversorgung, der Bildung – zu erkämpfen. Eine weitere Diskriminierung ist die der Frauen. Die dritte richtet sich gegen die aus rassischen Gründen, die sich gerade in unseren Tagen wieder verbreitet. Zum Kampf gegen die letztgenannte Diskriminierung gehört, die Staaten des Westens daran zu hindern sich mit ihren überlegenen Mitteln – seien sie zivilgesellschaftlicher oder militärischer Natur, die Länder des globalen Südens – erneut zu unterwerfen. Die Bekämpfung des Imperialismus ist daher von zentraler Bedeutung.

Die Erfolge der weltweiten sozialistischen Bewegung seit der Oktoberrevolution sind bedeutend und haben das soziale und politische Antlitz der Welt grundlegend verändert. Vor allem der Roten Armee ist der Sieg über den deutschen Imperialismus, den brutalsten und blutgierigsten den die Welt bisher gesehen hat, zu verdanken. Nach 1945 war es die wirtschaftliche und militärische Bedeutung der Sowjetunion, die die Entkolonisierung begünstigte und die den chinesischen, koreanischen, kubanischen und vietnamesischen Revolutionen zum Sieg verhalf. Heute ist es die Volksrepublik China, die mit ihrer Seidenstraßen-Initiative vielen Ländern die Möglichkeit eröffnet, sich aus den Fängen der von imperialistischen Mächten gelenkten Finanzmärkte zu befreien.

Es ist daher falsch, von einem generellen Scheitern des Sozialismus zu sprechen. Allerdings fanden dessen Siege auf einem ganz anderen Gebiet als erwartet satt. Abgeschafft wurde weder die Lohnarbeit noch der Gegensatz von Kopf- und Handarbeit. Auch den Staat und das Geld gibt es weiterhin überall. Der Kommunismus, der dies alles beseitigen sollte, blieb eine Schimäre. Vorangekommen ist man aber auf dem Weg der Emanzipation und bei der Erringung der Demokratie für die Unterdrückten. Ziehen die verbliebenen kommunistischen Parteien die richtigen Lehren aus diesen Erfahrungen, können sie auch wieder erstarken.

Bleibt die Frage, was aus dem Begriff Kommunismus werden soll. Heinrich Mann hatte bereits 1944 in seinem autobiografischen Werk „Ein Zeitalter wird besichtigt“ folgende Deutung des Wortes vorgeschlagen: „Die Gemeinwirtschaft, die gesicherte Existenz der Gesamtheit, erlaubt noch immer eine private Bereicherung. Manche sind nun einmal für nichts anderes geeignet, als reich zu werden. Auch ihnen muß, in den Grenzen des öffentlichen Wohles, genügt werden. Sie dürfen reich werden, ohne deshalb zu herrschen, weder in der Republik noch über ihre Bürger, Genau dies heißt Kommunismus (…).“ [17] Das ist der Weg, den die Volksrepublik China heute geht.

 

[1] Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: Marx-Engels Werke, Berlin 1982,
Band 4, S. 482

[2] Karl Marx und Friedrich Engels, Deutsche Ideologie, Marx-Engels Werke, Berlin 1982, Band 3, S. 35

[3] Dort heißt es: „Diese Gesetze zügeln den Drang des Kapitals nach maßloser Aussaugung der Arbeitskraft durch gewaltsame Beschränkung des Arbeitstags von Staats wegen, und zwar von Seiten eines Staats, den Kapitalist und Landlord beherrschen. Von einer täglich bedrohlicher anschwellenden Arbeiterbewegung abgesehn, war die Beschränkung der Fabrikarbeit diktiert durch dieselbe Notwendigkeit, welche den Guano auf die englischen Felder ausgoß. Dieselbe blinde Raubgier, die in dem einen Fall die Erde erschöpft, hatte in dem andren die Lebenskraft der Nation an der Wurzel ergriffen. Periodische Epidemien sprachen hier ebenso deutlich als das abnehmende Soldatenmaß in Deutschland und Frankreich.“ Karl Marx, Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie in: Marx-Engels Werke, Berlin 1982, Band 23, S. 353

[4] Stichwort Kommunismus, in: Georges Labica/Gérard Bensussan (Hrsg.), Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 4, S. 669, Argument-Verlag, Berlin, 1986

[5] Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, in: Marx-Engels-Werke, Band 19, Berlin 1982, S. 28

[6] Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, a.a.O., S. 20

[7] Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, a.a.O., S. 21

[8] Ebenda

[9] Karl Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, in: Marx-Engels-Werke, Band 17, Berlin 1982, S. 343

[10] Domenico Losurdo, Der westliche Marxismus – wie entstand, verschied und auferstehen könnte, Köln, 2021, S. 235

[11] Karl Marx, Zur Judenfrage, in: Marx-Engels-Werke, Band 1, Berlin 1982, S. 367

[12] Domenico Losurdo, Der westliche Marxismus – wie entstand, verschied und auferstehen könnte, a.a.O.

[13] Karl Marx, Zur Judenfrage, in: Marx-Engels-Werke, Band 1, Berlin 1982, S. 352

[14] Die vielen Artikel, Briefe und Anmerkungen von Karl Marx und Friedrich Engels finden sich zusammengefasst in: Karl Marx und Friedrich Engels, Irland – Insel im Aufruhr, Berlin 1975

[15] Ein Überblick über die bis heute noch weitgehend unveröffentlichten Anmerkungen von Karl Marx zum Komplex Familie und Frauen findet sich bei Heather Brown, Geschlecht und Familie bei Marx, Berlin 2021

[16] Auf der dem II. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) vom 19. Juli bis 7. August 1920 wurden auf Initiative Lenins 21 Leitsätze über die Bedingungen der Aufnahme in die Kommunistische Internationale angenommen, in der achten Bedingung u.a. heißt: „Jede Partei, die der III. Internationale anzugehören wünscht, ist verpflichtet, die Machinationen ‚ihrer‘ Imperialisten in den Kolonien rücksichtslos zu entlarven, jede Freiheitsbewegung in den Kolonien nicht nur mit Worten, sondern durch Taten zu unterstützen, die Verjagung ihrer eigenen Imperialisten aus diesen Kolonien zu fordern (…).“

[17] Heinrich Mann, Ein Zeitalter wird besichtigt, 1974, Düsseldorf, S. 516 f.

https://www.andreas-wehr.eu/was-ist-der-kommunismus-und-was-koennte-er-heute-sein.html

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Was bleibt vom Kommunismus?

  1. Der Mensch „.. wurde nicht von dem Egoismus des Gewerbes befreit, er erhielt die Gewerbefreiheit.“ [11] Daraus ergab sich für Marx der logische Schluss, dass es nach Abschluss der politischen Emanzipation nur noch um die soziale Emanzipation gehen könne. .. “

    Gelungene Analyse. Der Schlussatz, „Das ist der Weg, den die Volksrepublik China heute geht. “ irritiert jedoch. Soziale Emanzipation ??

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    Verfasst von ZED | 17. Februar 2022, 20:25

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