//
du liest...
Ausland, Europa

Hat Russlands Vorschlag einer „Sicherheitsgleichung“ Europa gerettet?

von Andrew Korybko – https://oneworld.press

Übersetzung LZ

Die Biden-Administration hat bisher erfolgreich das global destabilisierende Spiel ihrer antirussischen „Deep State“-Fraktion vereitelt, das darauf abzielt, die strategische Parität zwischen den USA und Russland zu sabotieren, aber sie konnte dies nur dank Russlands Vorschlag der „Sicherheitsgleichung“ erreichen.

Die unerklärte, von den USA provozierte Raketenkrise in Europa scheint nach dem zweiten Putin-Biden-Gipfel in nur einem halben Jahr in der vergangenen Woche merklich zu deeskalieren. Obwohl die USA vor kurzem ihre so genannte Politik der offenen Tür“ in Bezug auf die NATO-Erweiterung bekräftigt und erneut mit Sanktionen gegen Russland gedroht haben, scheint dies nur eine gesichtswahrende“ Geste ihrerseits für einen der vielen Kompromisse gewesen zu sein, auf die sich die beiden Staats- und Regierungschefs während ihrer Gespräche geeinigt haben. Dies betrifft insbesondere die Zusage der USA, keine Truppen in die Ukraine zu entsenden, sollte Kiew in einen Konflikt mit Russland geraten. Stattdessen werden sie ihre Soldaten in diesem Fall nur auf das Territorium ihrer NATO-Verbündeten schicken.

Da es sich hierbei um ein Umdenken in Bezug auf die bisherige NATO-Politik handelt, ist es verständlich, dass die Staats- und Regierungschefs die Notwendigkeit betonten, solche Fragen mit dem Block zu verhandeln. Dies erklärt Bidens anschließenden Vorschlag für ein NATO-Russland-Treffen, zu dem kurz darauf offiziell nach Moskau eingeladen wurde. Anschließend wurde berichtet, dass Biden die Ukraine dazu drängen werde, dem Donbass gemäß den Minsker Vereinbarungen, denen Kiew selbst zuvor zugestimmt hatte, Autonomie zu gewähren, was Zelensky dazu veranlasste, die Abhaltung eines Referendums über diese Region ins Gespräch zu bringen. Obwohl die USA Raketen an die Ukraine lieferten, hielten sie Berichten zufolge auch andere Waffen zurück, um die Spannungen zu verringern.

Was all diese Schritte miteinander verbindet, ist das, was der Generalstabschef der russischen Streitkräfte, Waleri Gerassimow, zuvor als die „neu vorgeschlagene Sicherheitsgleichung“ seines Landes zur verantwortungsvollen Regulierung der amerikanisch-russischen Rivalität bezeichnet hat. Die genauen Einzelheiten müssen noch veröffentlicht werden, aber er sagte kurz nach dem jüngsten Putin-Biden-Gipfel: „Heutzutage ist ein neuer Ansatz für die Entwicklung von Rüstungskontrollmechanismen erforderlich. Russland hat eine neue Sicherheitsgleichung vorgeschlagen, die alle Arten von Offensiv- und Defensivwaffen, die die strategische Stabilität beeinflussen, sowie neue Konfrontationssphären wie den Cyberspace, den Weltraum und die künstliche Intelligenz umfasst.“

Was die Kompromisse angeht, die Russland möglicherweise eingegangen ist, um diese pragmatische Friedenspolitik voranzutreiben, so deutete der stellvertretende Außenminister Sergej Rjabkow an, dass sein Land sich nicht gegen eine Teilnahme der USA an den Gesprächen im Normandie-Format über die Ukraine aussprechen würde, auch wenn er im Moment noch nicht versteht, was dieses Land dazu beitragen könnte. Allerdings warnte er auch vor einem weiteren Patt wie 1962, falls die Gespräche keine greifbaren Fortschritte bei der Deeskalation der nicht erklärten Raketenkrise in Europa erzielen. Rjabkow sagte auch, dass sein Land gezwungen sein könnte, nukleare Mittelstreckenraketen in Europa zu stationieren, wenn sich die westlichen Staaten weigern, ein Moratorium für diese zu unterzeichnen.

Dies deutet darauf hin, dass die Behebung der Schäden an der strategischen Stabilität, die durch den Ausstieg der früheren Trump-Administration aus dem INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces) von 1987 entstanden sind, eine entscheidende Säule der russischen „Sicherheitsgleichung“ darstellt, die Russland den USA während des Putin-Biden-Gipfels in der vergangenen Woche vorgeschlagen hat. Dies steht im Einklang mit den sehr ernsten nationalen Sicherheitsbedenken Russlands hinsichtlich der möglichen Stationierung solcher Waffen in der Ukraine, die einer der Auslöser für die unerklärte Raketenkrise war, die die beiden Großmächte nun aktiv zu lösen versuchen. Darüber hinaus bezeichnete Präsident Putin die Ereignisse im Donbass als Völkermord, was impliziert, dass Russland nicht tatenlos zusehen wird, wenn Kiew angreift.

Diese Äußerungen zeigen, dass Russland nicht bereit ist, sich von den USA überrollen zu lassen, falls Amerika Moskaus Vorschlag für eine „Sicherheitsgleichung“ aufgibt, indem es die beiden roten Linien des Kremls überschreitet: die Stationierung von Mittelstreckenraketen (sogar unter dem Deckmantel so genannter „Raketenabwehrsysteme“) in der Ukraine und die Einleitung einer „Operation Sturm“-ähnlichen ethnischen Säuberungskampagne im Donbass durch Kiew, wie sie angedroht wurde. Vergleicht man die Kompromisse, die beide Seiten vor und unmittelbar nach dem letzten Putin-Biden-Gipfel eingegangen sind, kann man zu dem Schluss kommen, dass die russischen Kompromisse weitaus geringer ausfielen als die der USA, da Moskau lediglich erklärt hat, dass es sich der Teilnahme Washingtons an den Gesprächen im Normandie-Format nicht widersetzen werde.

In der Zwischenzeit haben die USA eine ganze Menge mehr getan, um die Situation zu deeskalieren, die sie selbst mit ausgelöst haben. Um noch einmal auf das einzugehen, was in dieser Analyse bereits gesagt wurde, gehören dazu: die Zusage, keine Truppen in die Ukraine zu entsenden, falls Kiew mit Russland zusammenstößt; die Anregung eines Treffens zwischen der NATO und Russland; der Druck auf die Ukraine, dem Donbass Autonomie zu gewähren; die Überredung von Zelensky, sich über die damit verbundene Idee eines Referendums zu diesem Zweck hinwegzusetzen; und Berichten zufolge die Zurückhaltung von mehr Waffen, als sie ursprünglich in das Land schicken wollten. So gesehen ist es klar, dass die USA mehr getan haben, um die Spannungen mit Russland zu deeskalieren, weil sie befürchteten, dass die von ihnen ausgelöste Krise außer Kontrolle zu geraten drohte.

Dies bestätigt, dass Russland seine roten Linien, die seine zentralen nationalen Sicherheitsinteressen darstellen, in diesem Zusammenhang erfolgreich verteidigt hat. Dennoch wurden Moskau bisher weder rechtliche Garantien in Bezug auf die von ihm geforderte Begrenzung der NATO-Osterweiterung gegeben, noch wurde der INF-Vertrag de facto in irgendeiner Form wiederbelebt. Die antirussische Fraktion des „tiefen Staates“ in den USA, die für die jüngsten Spannungen verantwortlich ist, weil sie verzweifelt und ideologisch motiviert versucht, die Wahrnehmung Russlands als größte strategische Bedrohung ihres Landes anstelle Chinas aufrechtzuerhalten, könnte diesen Prozess immer noch sabotieren, wenn es Biden nicht gelingt, sie zu kontrollieren. Es liegt daher im Interesse seiner Regierung, dass es ihm gelingt, ihren Einfluss zurückzudrängen, bevor es zu spät ist.

Denn die antichinesische Fraktion, die in diesem Kampf des „tiefen Staates“ als Trumps größtes strategisches Vermächtnis die Vorherrschaft erlangt hat, ist auf den Abschluss eines so genannten „Nichtangriffspakts“ mit Russland angewiesen (der heute im offiziellen russischen Sprachgebrauch euphemistisch als Vorschlag des Landes für eine „Sicherheitsgleichung“ bezeichnet wird, wie Gerassimow bereits sagte), damit Russland einen Teil seiner in Europa stationierten Streitkräfte in den asiatisch-pazifischen Raum verlagern kann, um China aggressiver „einzudämmen“. Um es klar zu sagen: Russland würde einen solchen Schritt der USA nicht unterstützen, aber es wäre auch nicht in der Lage, die Entscheidungsfindung der USA in dieser Hinsicht zu beeinflussen, wenn die Spannungen in Europa erfolgreich deeskaliert werden.

Da die Biden-Administration Trumps vorherrschende antichinesische „deep state“-Fraktion nicht nur geerbt, sondern auch beibehalten hat, wie seine Bereitschaft zeigt, sich innerhalb von nur sechs Monaten zweimal mit Putin zu treffen, kann man daraus schließen, dass die USA derzeit mehr von ihrem großen strategischen Wunsch motiviert sind, China „einzudämmen“ als Russland „einzudämmen“, da sie aufgrund mangelnder Ressourcen einfach nicht beide gleichzeitig „eindämmen“ können. Diese Beobachtung stimmt optimistisch, dass die USA die Kompromisse, die sie bisher gegenüber Russland eingegangen sind, aufrichtig respektieren werden, um die unerklärte Raketenkrise in Europa, die ihre antirussische „Deep State“-Fraktion in ihrem verzweifelten Versuch, die Macht zurückzugewinnen, provoziert hat, dringend zu deeskalieren.

Die Dynamik ist so groß, dass die Biden-Administration ihr global destabilisierendes Spiel, das strategische Gleichgewicht zwischen den USA und Russland auf gefährliche Weise zu sabotieren, bisher erfolgreich vereitelt hat, aber dies war nur aufgrund des russischen Vorschlags zur „Sicherheitsgleichung“ möglich. Die USA hatten keinen Plan zur Deeskalation der Spannungen mit Russland, da das Land aufgrund der hinterhältigen Machenschaften seiner antirussischen „Deep State“-Fraktion selbst die Kontrolle über die Situation zu verlieren begann. Russland, die verantwortungsbewusste Großmacht, die es im Laufe der Geschichte immer war, hatte sich bereits eine Paketlösung ausgedacht, die es auf dem letzten Putin-Biden-Gipfel präsentieren wollte, um dieses Ziel zu erreichen.

Es war diese „Sicherheitsgleichung“, die Europa zumindest vorläufig gerettet hat, denn sie war pragmatisch genug, dass die USA sie zumindest ernsthaft in Erwägung zogen und allmählich umzusetzen begannen, wie ihre nachfolgenden Kompromisse gegenüber Russland zeigen, insbesondere ihr Vorschlag, ein NATO-Russland-Treffen abzuhalten, und der Druck, den sie auf Kiew ausübten, damit es endlich die Minsker Vereinbarungen einhält, die durch eine einschlägige Resolution des UN-Sicherheitsrats als internationales Recht kodifiziert wurden. Es bleibt noch viel zu tun, denn „der Teufel steckt im Detail“, wie das Sprichwort sagt, aber allein die Tatsache, dass sich die Lage bereits merklich entspannt hat, spricht dafür, dass sich die Geschichte wiederholt und Russland Europa wieder einmal rettet, zumindest vorerst.

https://oneworld.press/?module=articles&action=view&id=2358

Diskussionen

11 Gedanken zu “Hat Russlands Vorschlag einer „Sicherheitsgleichung“ Europa gerettet?

  1. Was ist denn für Sie eine verantwortungsvolle Großmacht? Wem soll sie denn verantwortlich sein? IHNEN und IHREN Vorstellungen von Moral, Verantwortung und Großmcht? Russland und dessen Führung ist in erster Linie den eigenen Interessen und der eigenen Bevölkerung verpflichtet. Das macht der WEsten nicht anders. ER tarnt es nur als Wertepolitik.
    Ich kann auch nicht erkennen, dass Russland immer geneigt war, „sich bestechen zu lassen“. Das müssten sie schon erklären, anstatt es einfach so zu bahaupten oder zu phantasieren. Ich kenne außer vllt der Regierung Jelzin keine russische Regierung, die sich hatte bestechen lassen. Es ist ja schön, dass Sie eine Meinung haben. Aber Meinungen sollten sich auch schon etwas mit der Wiklichkeit anfreunden, sonst sind sie nämlich überflüssig. Oder glauben Sie, dass die Meinung, die Erde sei eine scheibe, eine sinnvolle Meinung ist?

    Gefällt mir

    Verfasst von Rüdiger Rauls | 18. Dezember 2021, 17:55
  2. Wo lässt sich denn Russland von amerikanischem Geld bestechen? Man kann ja eine Meinung haben, aber sie sollte doch wenigstens durch Fakten abgedeckt sein, sonst ist sie wertlos. Man kann der Meinung sein, dass die Erde eine Scheibe ist, aber wozu ist eine solche Meinung gut. Es sei denn, man glaubt, zu allem möglichen unbedingt seinen Senf dazugeben zu müssen.
    Wann wurde jemals Russlands Führung durch den WEsten mit Geld bestochen, abgesehen mal von der Zeit unter Jelzin. Da würde ich Ihnen zustimmen. Aber ansonsten hat der Westen in der Regel das Gegenteil gemacht: Russland durch Sanktionen in seiner Entwicklung behindert und durch Rüstungswettlauf in den Ruin zu treiben versucht. Oder ist mir da was entgangen? Erklären oder belegen Sie doch mal, inwiefern die Führung Russlands dazu neigt, sich bestechen zu lassen. Wo ist das der Fall gewesen – außer wie gesagt unter Jelzin.

    Gefällt mir

    Verfasst von rüdiger Rauls | 18. Dezember 2021, 16:59
    • Ich bin 90 Jahre alt und blicke auf die politischen Veränderungen mit einem anderen Denken als Sie. Niemand wird Ihnen sagen, dass er auf Grund einer Bestechung eine Auswahl getroffen hat, aber wir, die wir die Auswirkung dieser Entscheidung mitbekommen haben, haben die Freiheit ein eigenes Urteil sich bilden zu dürfen. Ob das eigene Urteil falsch oder richtig ist kann jeder andere Mensch als richtig oder Blödsinn bewerten. Ein Beispiel zum Nachdenken. Der Deutsch- Französische Krieg war der Notwendig? Wem kam er zu Gute! Nachdem wir Frankreich militärisch besiegt hatten, rief Bismark in Frankreich das zweite Deutsche-Reich aus. Er demütigte Frankreich tief und schadete dem deutschen Volke. Das dieses Handeln für Deutschland sich als fatal erwies für England als nützlich, darf man sich schon eine andere Meinung zulegen.

      Gefällt mir

      Verfasst von Josef | 19. Dezember 2021, 11:40
      • Was hat das mit dem Alter zu tun? Sie sind 90, ich 70. Machen 20 Jahre den entscheidenden Unterschied? Man muss sich seines Alters auch als würdig erweisen. Das tut man durch Weisheit, nicht durch Rechthaberei und Halsstarrigkeit, was viele Alte verwechseln und sich dann wundern, dass die Jungen sie nicht ernst nehmen. Was sollen sie von halsstarrigen Alten denn lernen?
        „Niemand wird Ihnen sagen, dass er auf Grund einer Bestechung eine Auswahl getroffen hat“. Das ist richtig. Aber ich glaube nicht, das irgend ein russischer Regierungschef jemals bei IHNEN angerufen und mitgeteilt hat, dass seine Entscheidung NICHT aufgrund von Bestechung zustande gekommen ist. Also woher wollen Sie wissen, dass es so ist, wie Sie behaupten?
        Und was den Deutsch-Französischen Krieg angeht und dessen Notwendigkeit, so sind das die akademischen Fragen, mit denen Oberlehrer ihre Schüler traktieren und glauben, sie würden etwas von den Hintergründen verstehen. Ich wüsste auch nicht, dass WIR Frankreich besiegt hätten. Wir beide waren damals noch nicht geboren und nur weil wir beide Deutsche sind, sind wir doch nicht WIR. Ich habe doch nichts mit dem Krieg von damals zu tun und identifiziere mit in keinster Weise mit irgendeinem dieser Akteure, egal ob ich Deutscher bin oder sonst was.

        Gefällt mir

        Verfasst von Rüdiger Rauls | 19. Dezember 2021, 15:23
  3. Ich bin immer interessiert an objektiver Information. Natürlich wissen wir, dass die Amis als die größten Parasiten der Welt immer unterwegs sind, um sich auf Kosten anderer zu bereichern. Ihre Methoden sind praktisch grenzenlos. Allerdings sind die Russen auch nicht ohne und haben sicherlich in der Ukraine das einen oder andere Ei zu lange gekocht…Jetzt ist die Kiste verfahren und ich denke schon, dass die Russen nicht an einem Krieg im eigenen Land interessiert sind, ganz im Gegensatz zu anderen Mächten.
    Mein bescheidenes Urteilsvermögen sagt mir, hier ist vielleicht etwas viel Wunschdenken auf Seiten des Verfassers. Mir wäre eine kritische Betrachtung der laufenden Prozesse, natürlich in alle Richtungen, lieber, weil hilfreicher.

    Gefällt mir

    Verfasst von Fred Richter | 18. Dezember 2021, 14:02
  4. Der Beitrag hinterlässt viele Fragezeichen.
    ERstens ist mir unklar, wie der Verfasser auf die Existenz einer russlandfeindlichen Fraktion kommt, die im Zweikampf liegen soll mit einer anti-chinesischen. Ganz abgesehen von der immer wieder angedeuteten und nie konkretisierten Existenz eines sogenannten Tiefen Staates, die von Leuten wie Daniele Ganser in die Welt gesetzt wurden, ohne sinnvolle Erklärungen dazu gegeben zu haben. Was in aller Welt soll ein Tiefer Staat sein? Ein Staat unter dem offiziellen Staat? Es soll hier nicht bestritten werden, dass es in jeder Gesellschaft unterschiedliche Interessengrupppen gibt, die auch unterschiedliche Möglichkeiten der Einflussnahme haben. Aber im Gegensatz zum Staat haben sie keine Exekutivgewalt. D.h. sie sind darauf angewiesen, auf der Ebene des offiziellen, nicht-tiefen Staates Leute zu finden, die bereit sind und helfen, ihre Interessen umzusetzen.
    Zudem: WEr sollen denn diese antirussischen und antichinesischen Kräfte sein? US-Senat und Repräsentatenhaus scheinen sich doch gerade in der Frage des Eindämmens von Russland und China einig wie selten zu sein.

    Noch seltsamer erscheint mir die Andeutung, „damit Russland einen Teil seiner in Europa stationierten Streitkräfte in den asiatisch-pazifischen Raum verlagern kann, um China aggressiver „einzudämmen“.“ Woraus schließt denn der Autor ein solches Interesse Russlands, das doch vielmehr die Zusammenarbeit mit China gerade auch im militärischen Bereich immer tiefer verfestigt.
    „Da die Biden-Administration Trumps vorherrschende antichinesische „deep state“-Fraktion nicht nur geerbt, sondern auch beibehalten hat, wie seine Bereitschaft zeigt, sich innerhalb von nur sechs Monaten zweimal mit Putin zu treffen, kann man daraus schließen, dass die USA derzeit mehr von ihrem großen strategischen Wunsch motiviert sind, China „einzudämmen“ als Russland „einzudämmen“. Daraus einen Machtkampf zwischen einer anti-russischen und anti-chinesischen Fraktion eines sogenannten Tiefen Staates abzuleiten, scheint mir doch eines sehr gewundene intellektuelle Verrenkung.

    Gefällt mir

    Verfasst von Rüdiger Rauls | 18. Dezember 2021, 11:52
    • Es gibt einen „tiefen Staat“ und Ganser hat es nicht ohne sinnvolle Erklärungen in die Welt gesetzt. Man kann durchaus über den Begriff streiten, aber dem Inhalt nach gibt es diese Struktur. Es handelt sich durchaus um staatlicher Strukturen im Gegensatz zu sonstigen Pressuregroups und diese verfügen über Exekutivgewalt. Das wurde z.B. in der Zeit von Obama deutlich. Hier gab es in der Syrien/IS-Frage diametral entgegengesetzte Politik von einmal dem Außenministerium und Obama und auf der anderen Seite dem Kriegsministerium. Das ging soweit, daß die eine Partei den IS aufrüstete und die andere ihn militärisch bekämpfte. Man hatte den Eindruck als gäbe es zwei amerikanische Regierungen. Auch Trump´s Politik wurde von weiten Teilen des Staatsapparats ignoriert und sabotiert.
      Aktuell gibt es in der Ukrainefrage auf dem Hintergrund der Ausrichtung der geopolitischen Strategie gegensätzliche Vorgehensweisen. Die eine Fraktion sieht in Russland den Hauptfeind und zündelt in der Ukraine, während die andere in Europa eine Art Nichtangriffspakt mit Russland anstrebt, um gegen China freie Hand zu haben. Wenige Tage nach dem Biden/Putin-Gipfel prescht die antirussische Fraktion nun mit einer neuen militärischen Provokation Russlands vor: https://www.spiegel.de/ausland/nato-plant-truppenverstaerkung-an-der-ostflanke-a-59540354-6d2c-4177-8193-6107a35fc166.
      Der General (immerhin NATO-Chef) und das hinter ihm stehende Kriegsministerium versucht offen Bidens Russlandpolitik zu sabotieren.
      Die Frage ist, ob Putin so dumm ist, für eine Entspannung in Europa sich bei einem Krieg der USA gegen China neutral zu verhalten. Die Fraktion, die Biden als Marionette benutzt, ist tatsächlich zu weitreichenden Zugeständnissen in Europa bereit, ist bereit nicht nur die größenwahnsinnigen Faschos der Ukraine zu opfern, sondern auch die russophoben osteuropäischen Regime. Auf der anderen Seite wird die andere Fraktion alles tun, neue antirussische Provokationen durchführen zu lassen. Eine Schlüsselfrage wird die Frage sein, ob Nordstream2 genehmigt wird und auf welche Seite sich die deutsche Ampelregierung schlagen wird. Aktuell muss die antirussische Bärbock große Kröten verzehren, muss quasi ihre komplett außenpolitische Strategie aufgeben.
      Daß Putin Truppen in den Osten zur „Eindämmung Chinas“ verlegen möchte, ist durchaus neu und durch nichts begründet. Wenn es eine Absicht solcher Truppenverlegungen tatsächlich geben sollte, dann handelt es sich nicht um den Versuch einer Eindämmung Chinas, sondern ganz im Gegenteil um ein Signal, daß russische Truppen bei einem Angriff der Amerikaner bereit sind auf Seiten Chinas einzugreifen.

      Gefällt mir

      Verfasst von LZ | 18. Dezember 2021, 15:35
      • Zitat „Hier gab es in der Syrien/IS-Frage diametral entgegengesetzte Politik von einmal dem Außenministerium und Obama und auf der anderen Seite dem Kriegsministerium“. Wenn es sich aber um staatliche Strukuren handelt, dann ist das, was da als „tiefer Staat“ bezeichnet wird, Teil des offiziellen Staates und nicht etwas, was im Verborgenen neben diesem Staat besteht, was ja der Begriff „tiefer Staat“ nahe zu legen versucht.
        Kriegsministerium und Außenministerium, die hier erwähnt werden, sind doch Bestandteile des offiziellen Staates und keine Parallelstruktur. Dass diese beiden miteinander im Clinch liegen können, ist teilweise normaler Prozess im bürgerlichen Staat. Denn beide haben unterschiedliche Aufgaben und daraus folgend unterschiedlich. Dass es da zu Machtkämpfen kommen kann, die auch vllt unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung ablaufen, soll nicht bestritten werden. Aber daraus auf eine Parallelstruktur oder gar subversive Organisation zu schließen, die den offiziellen Staat zu paralysieren versucht, ist nicht zu belegen. Auch Machtkämpfe innerhalb des Apparats sind kein Hinweis auf die Existenz einer solchen Parallelstruktur, die den Namen „Tiefer Staat“ rechtfertigen würde. Denn es ist kein Staat im Staate. Zudem: was wäre damit bewiesen? Was wäre anders an den herrschenden Bedingungen, wenn es einen „Tiefen Staat“ gäbe. Es könnte vllt das ein oder andere erklären, würde aber nicht ungeschehen machen.
        Alles was hier an Konflikten aufgeführt wird, ist nichts weiter als die Darstellung von unterschiedlichen Ansichten verschiedener offizieller Interessenvertreter zur Bewältigung von politischen oder strategischen Situationen. Der erwähnte Obama ist Teil des offiziellen Staates gewesen und kein VErtreter eines geheimen „Tiefen STaates“, gleiches gilt für Biden oder Trump.. Sie alle waren offizielle Vertreter des offiziellen Staates USA. Dass ihnen andere staatliche Stellen in die Parade gefahren sind, lässt doch nicht auf das Wirken einer geheimen Paralletstruktur schließen sondern auf das Vorhandensein unterschiedlicher Ansichten zu einer politischen Lage. Natürlich versuchten dann auch das Außenministerium oder Kriegsministerium im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihre Vorstellungen durchzusetzen. Aber alles das waren offizielle Stellen. Dass das vllt den Eindruck zweier verschiedener US-Regierungen vermittelte, ist nicht zuletzt auch eine Frage der Sichtweise. Denn zum SChluss hatten immer noch die Präsidenten der USA das letzte Wort, ob es den Kontrahenten passte oder nicht.

        In der Frage der Bewaffnung des IS kann von einer gegensätzlichen Politik nicht gesprochen werden. Dass die REbellengruppen von den USA bewaffnet und später als IS bekämpft wurden, ist kein Widerspruch. Denn es geschah nicht gleichzeitig. Schon sehr früh beim bewaffneten Kampf gegen Assad gabe es eine Spaltung in der Anti-Assad-Koalition, die nicht unwesentlich durch die Beleiferung mit Waffen aufgeworfen und vertieft wurde. Der WEsten wollte die Waffen in erster Linie an die prowestichen Rebellengruppen der Freien Syrischen Armee liefern, damit sich in Syrien nicht wiederholte, was man in Afghanistan erlebt hatte, dass nämlich die Waffen, die man den Rebellen gegeben hatte gegen die UdSSR, später gegen die Nato-Truppen eingesetzt wurden. folglich gab man nur Waffen aus an Gruppen, die man für zuverlässig hielt. Die prowestliche Milizen kamen aber sehr bald immer stärker unter Druck durch die dschaddistischen Gruppen. Es gab heftige Kämpfe unter den Milizen der Anti-Assad-Koalition, in denen die prowestichen gegen die dschihaddisten Gruppen unterlagen. Letzteren fielen auch die Waffen in die Hände, die vom Westen bereitgestellt worden waren. Aber diese Waffen waren nicht für die dschihaddistischen Milizen gedacht und an diese geliefert worden. Sie waren Beutewaffen. Der IS war bis dahin noch gar nicht bekannt oder bedeutsam in ERscheinung getreten. ERst als der WEsten sich weigerte, mit eigenen Bodentruppen gegen Assad vorzugehen, dem man versucht hatte, Giftgasangriffe in die Schuhe zu schieben, schlossen sich verschiedene dschihaddistische Gruppen zum IS zusammen. Das alles wäre den USA noch egal gewesen, wenn der IS gegen Damaskus gezogen wäre. Aber er zog in den Irak, erobert Mossul und stand nur wenige Kilometer vor Bagdad. Da ging den Amis sogar so sehr der Stift, dass sie iran-treue Milizen bei Kampf gegen den IS unterstützten. All das lässt sich genau nachlesen, wenn man die Medienberichte aus der Zeit von 2012 und 2013 verfolgt. Aber diese beiden Vorgänge, Bewaffnung der Milizen und Kampf gegen den IS, erfolgten NACHEINANDER und nicht gleichzeitig, sodass sich daraus keine widerstreitende Politik unterschiedlicher Frakionen ableiten lässt.

        Gefällt mir

        Verfasst von Rüdiger Rauls | 18. Dezember 2021, 17:42
      • lz schreibt: „Das ging soweit, daß die eine Partei den IS aufrüstete und die andere ihn militärisch bekämpfte.“ Um zivile Einwohnerschaften länger mit Krieg und Chaos tyrannisieren zu können, ist es vorteilhaft, einen Feind aufzurüsten. Kriege werden nicht mehr geführt, um zu siegen, sondern um zu traumatisieren. Trauma untergräbt die Denkfähigkeit und macht anfällig für Propaganda.

        Was nicht nur für direkt Betroffene gilt, sondern auch für fernes Medienpublikum. Militärische und psychologische Kriegsführung in einem! Denken wir nur an die nicaraguanischen Contras. Oder an die Taliban. Oder an die Nazis. Geht schon lange so.

        Gefällt mir

        Verfasst von No_NWO | 19. Dezember 2021, 1:03
        • „Kriege werden nicht mehr geführt, um zu siegen, sondern um zu traumatisieren. Trauma untergräbt die Denkfähigkeit und macht anfällig für Propaganda“.

          Da scheinen SIE schon einige Kriege hinter sich zu haben. Haben Sie für solche Meinungen auch Belege. Für SIE gilt dasselbe wie für Josef. Eine MEinung zu haben ist ja schön und gut. Nur welchen Sinn haben Meinungen, die in keinem Kontakt zur Wirklichkeit stehen? Welchen Sinn hat die weltfremde und durch keine Realität gedeckte Meinung, dass die ERde eine SCheibe ist?

          Nur um zu traumatisieren, glauben Sie, dass der WEsten Billionen ausgibt? Denn soviel haben die Kriege gegen den Terror gekosten. Wesentlich billiger ist da die Propaganda durch die Meinungsmacher der Medien und intellektuellen Welterklärer. Warum sollten die Herrschenden die Denkfähigkeit der Menschen untergraben? Die meisten denken doch in den Mustern, die Medien an Erklärungen anbieten. Da muss doch nichts untergraben werden. Eher besteht doch die Gefahr, dass die Kriege, die der Westen in aller Welt führt, Zweifel wecken an der Richtigkeit und dem Sinn westlicher Politik und Denkweisen.

          Gefällt mir

          Verfasst von Rüdiger Rauls | 19. Dezember 2021, 11:27
  5. Ich bewundere Sie, dass Sie Russland als eine geschichtlich verantwortungsvolle Großmacht darstellen können, denn stimmen tut es mit Sicherheit nicht. Viel richtiger wäre, wenn Sie schreiben würden: Die Führung von Russland war immer geneigt sich bestechen zu lassen, und auf dieses Immer kann sich die USA mit ihrem Geld verlassen.

    Gefällt mir

    Verfasst von Josef | 18. Dezember 2021, 11:40

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Archiv

%d Bloggern gefällt das: