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Ausland, Welt

Der Westen, eine Farce der Freiheit

von Thierry Meyssan – http://www.voltairenet.org

Bild: Thierry Meyssan im Jahr 2012, nachdem sein Haus drei Tage lang, durch von Präsident François Hollande unterstützte Dschihadisten, angegriffen wurde.

Wir geben hier einen Text wieder, der auf Ersuchen der Stiftung für den Kampf gegen die Ungerechtigkeit gegenüber Jewgeni Prigoschin geschrieben wurde. Der Autor kommt rückblickend auf den Schutz zu sprechen, den Präsident Jacques Chirac ihm gewährt hatte, und zu den Attentaten, denen er und sein Team in der Folge ausgesetzt waren. Unsere Leser waren Zeitzeugen dieser Ereignisse, aber dies ist das erste Mal, dass Thierry Meyssan die Jagd, der er ausgesetzt war, öffentlich zur Sprache bringt. Es geht in keiner Weise darum, Rechenschaft zu verlangen: Die Persönlichkeiten, die er in Frage stellt, haben sicherlich in dem Glauben gehandelt, dass sie dem Land dienen. Aber die französischen Bürger müssen wissen, welche Verbrechen in ihrem Namen begangen werden.

Der Westen hat versucht, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln diejenigen seiner Bürger zum Schweigen zu bringen, die seit dem 11. September 2001 seine wahre Politik offenbart und sich gegen sie erhoben haben.

Im Jahr 2002 veröffentlichte ich L’Effroyable imposture (Der inszenierte Terrorismus: ’Kein Flugzeug traf das Pentagon’), ein politikwissenschaftliches Buch, das die offizielle Version der Anschläge in New York, Washington und Pennsylvania anprangerte und die neue US-Politik vorwegnahm: eine weit verbreitete Überwachung der Bürger und die Herrschaft über den erweiterten Nahen Osten. Nach einem Artikel der New York Times, die von meinem Einfluss in Frankreich überrascht war, wies das US-Verteidigungsministerium den israelischen Mossad an, mich zu eliminieren. Präsident Jacques Chirac, der seine eigenen Geheimdienste gebeten hatte, meine These zu überprüfen, verteidigte mich dann. In einem Telefongespräch mit Premierminister Ariel Sharon teilte er ihm mit, dass jegliche Aktion gegen mich, nicht nur in Frankreich, sondern auf dem gesamten Territorium der Europäischen Union, als feindliche Handlung gegen Frankreich interpretiert würde. Er wies auch einen seiner Mitarbeiter an, über mich zu wachen und die außereuropäischen Staaten, die mich einladen würden, über ihre Verantwortung zu informieren, meine Sicherheit zu gewährleisten. In der Tat wurde mir in allen Ländern, in die ich eingeladen wurde, eine bewaffnete Eskorte zur Verfügung gestellt.

2007 wurde Präsident Chirac jedoch durch Nicolas Sarkozy ersetzt. Laut dem hochrangigen Beamten, den Jacques Chirac mit meiner Sicherheit betraut hatte, stimmte der neue Präsident auf Ersuchen Washingtons zu, die DGSE [französischer Auslandsnachrichtendienst; Anm. d. Ü.] anzuweisen, mich zu eliminieren. So gewarnt, packte ich ohne zu warten meinen Koffer und ging ins Exil. Zwei Tage später kam ich in Damaskus an, wo man mir den Schutz des Staates gewährte.

Ein paar Monate später beschloss ich, mich im Libanon nieder zu lassen, wo man mir angeboten hatte, eine wöchentliche Sendung auf Französisch auf Al-Manar, dem TV-Kanal der Hisbollah, zu machen. Dieses Projekt erblickte nie das Licht der Welt, da Al-Manar darauf verzichtete, Sendungen auf Französisch auszustrahlen, obwohl es die Amtssprache des Libanon war. Darauf leitete die französische Justizministerin Michèle Alliot-Marie eine Rechtshilfekommission gegen mich ein, unter dem Vorwand, dass ein Journalist, der bereits ein Buch gegen mich geschrieben hatte, mich der Verleumdung beschuldigte. Eine solche Aktion gegen den Libanon hatte es seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gegeben. Die Polizei übergab mir eine Vorladung. Ich konnte sehen, dass dieser Ansatz keine Grundlage im französischen Recht hatte. Die Hisbollah beschützte mich und ich verschwand aus eigenem Willen. Einige Monate später, nachdem Premierminister Fouad Siniora versucht hatte, den Widerstand zu entwaffnen, kehrte die Hisbollah das Kräfteverhältnis um. Ich erschien dann vor einem Richter unter dem Applaus der Polizei, die drei Tage zuvor noch nach mir gesucht hatte. Der Richter sagte mir, dass Michèle Alliot-Marie in ihrem Brief handgeschrieben hinzugefügt hatte, dass sie ihren libanesischen Amtskollegen bat, mich zu verhaften und im Gefängnis so lange wie möglich festzuhalten, während der Fall in Frankreich fortgesetzt würde. Dies war das Prinzip der „lettres de cachet “ des „Ancien Régime“ [königlicher Geheimbefehl, der Verhaftung oder Verbannung anordnete; Anm. d. Ü], die Fähigkeit, politische Gegner ohne Gerichtsverfahren einzusperren. Der Richter las mir das Rechtshilfeersuchen vor und forderte mich auf, selbst schriftlich darauf zu antworten. Ich habe darauf hingewiesen, dass der beanstandete Artikel nach französischem und libanesischem Recht verjährt sei und dass er mir im Übrigen in keiner Weise verleumderisch erscheine. Eine Kopie des Briefes von Michèle Alliot-Marie und meine Antwort wurden im Safe des Beiruter Kassationsgerichtshofs deponiert.

Ein paar Monate später wurde ich zu einem Abendessen im Haus einer hohen libanesischen Persönlichkeit eingeladen. Ein Mitarbeiter von Präsident Sarkozy, auf Durchfahrt im Libanon, war ebenfalls dort. Wir gerieten mit unseren Vorstellungen über Säkularismus in heftigen Streit. Dieser Herr versicherte den Gästen, die Debatte nicht abzulehnen, aber verließ sie, um ein Flugzeug zu nehmen und zum Élysée zurückzukehren. Am nächsten Tag wurde ich von einem Richter wegen einer Verwaltungsangelegenheit vorgeladen. Während mein Auto nur zwei Minuten vom Treffpunkt entfernt war, erhielt ich einen Anruf aus dem Büro von Prinz Talal Arslane, der mir mitteilte, dass es sich laut Hisbollah um eine Falle handelte. Ich sollte sofort kehrtmachen. Es stellte sich heraus, dass die Beamten, mit einigen Ausnahmen, an diesem Tag, dem Jahrestag von Mohammeds Geburt, nicht arbeiteten. Ein Team der DGSE (s.o.) war da, um mich zu entführen und der CIA auszuliefern. Die Operation war von dem Präsidentenberater organisiert worden, mit dem ich am Tag zuvor gespeist hatte.

In der Folge war ich Gegenstand zahlreicher Attentatsversuche, aber es war schwierig für mich festzustellen, wer sie befahl.

Zum Beispiel kam während einer Konferenz im venezolanischen Kulturministerium plötzlich die Wache von Präsident Chávez, um mich vom Podium wegzuholen, auf dem ich sprach. Ein Offizier nahm mich gewaltsam mit und schob mich in Richtung der Logen. Ich hatte gerade noch Zeit, im Saal Männer zu sehen, die Waffen zückten. Zwei Lager bedrohten sich gegenseitig. Ein Schuss und es wäre ein Blutbad geworden. Oder, auch in Caracas, wurde ich mit meinem Mitstreiter zu einem Abendessen eingeladen. Als man unsere Teller brachte, war mein Mitstreiter nicht sehr hungrig und mein Teller war seltsamerweise weniger gut bestückt als die anderen. Wir haben sie diskret ausgetauscht. Zurück in unserem Hotel, war er plötzlich von Schütteln befallen, verlor das Bewusstsein, rollte sich auf dem Boden, mit Speichel auf seinen Lippen. Als die Ärzte eintrafen, riefen sie sofort: Dieser Mann ist vergiftet worden. Sie retteten ihn rechtzeitig. Zwei Tage später kam eine Delegation von etwa zehn Offizieren in voller Uniform der SEBIN (Geheimdienste), um sich zu entschuldigen und uns zu sagen, dass sie den ausländischen Agenten identifiziert hätten, der diese Operation organisiert hatte. Mein Freund, der einen Rollstuhl benötigte, brauchte sechs Monate, um zu genesen.

In einer späteren Phase, ab dem Jahr 2010, waren an den Anschlägen immer Dschihadisten beteiligt. Zum Beispiel überfiel ein Schüler von Scheich Ahmed al-Assir meinen Mitstreiter und versuchte, ihn zu töten. Er verdankte sein Leben nur der Intervention eines Milizionärs der PSNS [Parti social nationaliste syrien; Anm. d. Ü.]. Sein Angreifer wurde von der Hisbollah verhaftet, der libanesischen Armee übergeben und dann vor Gericht gestellt und verurteilt.

2011 lud mich Muammar Gaddafis Tochter Aisha nach Libyen ein. Sie hatte gesehen, wie ich in einem arabischen Fernsehen gegen ihren Vater wetterte. Sie wollte, dass ich vor Ort erscheine und meinen Fehler einsehe. Was ich auch tat. Eins führte zum anderen, ich trat der libyschen Regierung bei und wurde für die Vorbereitung der UN-Generalversammlung verantwortlich. Als die NATO die Libysch-Arabische Dschamahirija angriff, befand ich mich im Rixos Hotel, wo die ausländische Presse wohnte. Die NATO schleuste Journalisten aus, die mit dem Bündnis kollaborierten, konnte aber die in Rixos nicht herausholen, weil es von Khamis, Gaddafis jüngstem Sohn, verteidigt wurde. Letzterer befand sich im Keller des Hotels, dessen Aufzüge blockiert worden waren. Die libyschen Dschihadisten, die später die Freie Syrische Armee unter dem Kommando von Mahdi al-Harati und der Aufsicht französischer Soldaten bildeten, belagerten das Hotel. Sie töteten diejenigen, die sich den Fenstern näherten.

Schließlich holte uns das Internationale Rote Kreuz ab und brachte uns in ein anderes Hotel, in dem die neue Regierung gebildet wurde. Als wir im Hotel ankamen, kamen mir zwei iranische Revolutionsgarden entgegen. Sie waren von Präsident Mahmoud Ahmadinedschad und Vizepräsident Hamid Baghaie geschickt worden, um mich zu retten. Die iranischen Führer hatten sich ein Protokoll über die Entscheidung eines geheimen NATO-Treffens in Neapel verschafft, laut dem, unter anderem, ich während der Einnahme von Tripolis ermordet werden sollte. In diesem Dokument wurde die Anwesenheit des französischen Außenministers Alain Juppé, eines Freundes meines Vaters, auf diesem Gipfel erwähnt. Das Büro von Herrn Juppé erklärte später, dass dieses Treffen nie stattgefunden habe und dass der Minister an diesem Tag im Urlaub gewesen sei. Im Glauben, das Problem sei gelöst, verließen die Revolutionsgarden das Land. Aber man hatte in der Stadt ein Plakat verteilt, das die Fotos von einem Dutzend gesuchter Personen enthielt: elf Libyer und von mir. Eine Gruppe von „Rebellen“ begann, das Hotel nach mir zu durchsuchen. Ich wurde zuerst von einer RT-Journalistin gerettet, die mich in ihrem Zimmer versteckte und den „Rebellen“ den Zutritt verweigerte, dann von anderen, einschließlich einer TF1-Journalistin. Nach allen möglichen Abenteuern, bei denen ich etwa vierzig Mal dem Tod entkam, floh ich wie ein Boat-People mit etwa vierzig Personen an Bord eines kleinen Fischerbootes nach Malta, inmitten von NATO-Kriegsschiffen. Als wir in Valletta ankamen, warteten der Premierminister und die Botschafter der transportierten Staatsangehörigen auf uns. Alle außer dem französischen Botschafter.

Als der „Arabische Frühling“ in Syrien begann, also die geheime Operation der Briten, um die Muslimbruderschaft an die Macht zu bringen, wie sie es ein Jahrhundert zuvor mit den Wahhabiten getan hatten, kehrte ich nach Damaskus zurück, um jenen zu helfen, die mich vier Jahre zuvor willkommen geheißen hatten. Natürlich begegnete ich dem Tod mehrmals, aber es war Krieg. Einmal war ich jedoch das direkte Ziel der Dschihadisten. Eines der Male, als die offiziell von Präsident François Hollande unterstützten „Rebellen“ Damaskus angriffen, versuchten sie, mein Haus zu stürmen. Die syrische Armee stellte einen Mörser auf meinem Dach auf und stieß sie zurück. Sie waren hundert gegen fünf Soldaten. Aber sie mussten sich nach drei Tagen Kampf zurückziehen. Keiner dieser „Rebellen“ war Syrer, sie waren Pakistaner und Somalier ohne militärische Ausbildung. Ich erinnere mich an ihre Sprechchöre „Allah Akbar!“, die sie hysterisch wiederholten, bevor sie sich auf das Haus stürzten. Noch heute, wenn ich diesen edlen Schrei höre, bekomme ich Gänsehaut.

Ich bin 2020 nach Frankreich zurückgekehrt, um mich meiner Familie anzuschließen. Mehrere meiner Freunde hatten mir versichert, dass Präsident Emmanuel Macron keine politischen Morde wie seine beiden Vorgänger praktiziere. Ich war aber trotzdem nicht frei. Der Zoll erhielt einen Bericht, in dem versichert wurde, dass der Schiffscontainer, in dem sich meine persönlichen Gegenstände und die meines Waffenkameraden befanden, Sprengstoff und Waffen enthielten. Sie fingen den Container ab und schickten etwa vierzig Beamte, um ihn zu durchsuchen. Es war eine Falle, die von einem ausländischen Dienst gestellt wurde: Der Zoll erlaubte einem Unternehmen, die aus dem Container entnommenen Gegenstände wieder in ihn zurückzuladen. Dafür brauchte es zwei Tage, in denen der Container geplündert und meine Habseligkeiten zerstört wurden. Die Dokumente, die wir transportierten, sind alle verschwunden.

Mein Beispiel ist nicht einzigartig. Julian Assange wurde, als er das Vault 7-System enthüllte, das es der CIA ermöglicht, jeden Computer oder jedes Mobiltelefon zu kompromittieren, auch zum Ziel der Vereinigten Staaten. CIA-Direktor Mike Pompeo führte mit Zustimmung des Vereinigten Königreichs mehrere Operationen durch, um ihn zu entführen oder zu ermorden. Ebenso schlossen sich alle NATO-Mitglieder gegen Edward Snowden zusammen, als er eine große Anzahl von Dokumenten über die Verletzung der Privatsphäre durch die NSA veröffentlichte. Frankreich sperrte sogar seinen Luftraum für das Flugzeug des bolivianischen Präsidenten Evo Morales, weil es glaubte, Snowden sei an Bord. Er ist jetzt ein Flüchtling in Russland. Freiheit gibt es im Westen nicht mehr.

Übersetzung
Horst Frohlich
Korrekturlesen : Werner Leuthäusser

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