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Asien, Ausland

Nicht nur Neue Seidenstraße: Wie China dem Westen eine Alternative entgegensetzt

von Alexander Boos – https://snanews.de

Kann China mit seinem Erfolgsrezept der Wirtschafts-Öffnung und des ökonomischen Aufstiegs als Vorbild für die Welt dienen? Nun ja, erklärt der Kölner Ökonom Werner Rügemer gegenüber SNA: „China bietet zumindest eine nicht-militärische Strategie der Globalisierung.“ Chinesische Firmen investieren im Ausland und bauen dort Infrastruktur auf.
Das wirtschaftliche Groß-Projekt Chinas, die Neue Seidenstraße, „reicht sogar bis Duisburg, verbindet etliche Länder und wird wohl die Weltwirtschaft der Zukunft stark prägen.“ Davon ist der Kölner Ökonom und Philosoph Werner Rügemer überzeugt, wie er im SNA-Interview begründet.
China ist eines der wenigen Länder, die die Corona-Krise mehr oder weniger robust überstehen werden, heißt es immer wieder. Laut dem „Manager-Magazin“ boomt die chinesische Volkswirtschaft weiter und verzeichnete im zweiten Quartal dieses Jahres ein Wachstum von über 7,9 Prozent. China belegt damit Platz zwei der größten Volkswirtschaften der Welt hinter den USA. 2020 ist die Wirtschaft unter der Führung Pekings sogar „um 18,3 Prozent gewachsen“. Im vorigen Jahr war die Volksrepublik sogar Export-Weltmeister, was vor allem den exportierenden deutschen Maschinenbau unter Druck setzt.

Der „chinesische Weg“ zum wirtschaftlichen Erfolg

Als China ab 1980 unter Staatschef Deng Xiaoping begann, sich ausländischen Investoren – hauptsächlich aus dem Westen – zu öffnen, startete die bis heute währende Erfolgsgeschichte des Landes in wirtschaftlicher, sozialer und politischer Hinsicht. „Indem man eben westliche Investoren, westliche Management-Methoden, westliche Technologien ins Land holte“, erklärte Rügemer. „Aus den USA, aber dann auch aus allen wichtigen westlichen, hochindustrialisierten kapitalistische Staaten wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien und so weiter. Das Erfolgsrezept bestand darin, dass diese Methoden und Technologien, im Unterschied zu anderen Entwicklungsländern wie Indien, in China sozusagen schrittweise in eine gegenteilige Entwicklung transformiert worden sind.“
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Als wirkungsvolle Methode entwickelte China das „einfache Instrument“ der Joint Ventures. „Also das westliche Unternehmen – nicht wie in anderen Entwicklungsländern in Asien, Afrika, Lateinamerika etc. –hundertprozentige Niederlassungen in China bilden und betreiben konnten, sondern eben von der chinesischen Regierung dazu gezwungen wurden, einheimische Unternehmen und einheimische Manager mit dazu zu nehmen und sich auch dazu verpflichten, einen bestimmten Anteil an qualifizierten Beschäftigten und Führungskräften aus China zu beteiligen. Das hat China sozusagen erfolgreich erzwungen. Und hat dadurch eben diese westliche Arbeitsweise sozusagen schrittweise umkehren können.“

Erfolgsrezept Pekings: „Alternatives Globalisierungs-Konzept“

Selbst US-Regierungen wie die unter Ronald Reagan förderten diesen Prozess über Finanz- und Wirtschaftshilfen und halfen China. Zunächst öffnete sich das Land nur für westliche Investoren an den Küstenregionen – etwa in der Hafenmetropole Shanghai oder in Shenzhen. Dies immer unter der Maßgabe, dass kein Unternehmen aus dem Westen mehr als 50 Prozent Firmenanteile an chinesischen Betrieben erhalten dürfe. So blieb die politische und ökonomische Kontrolle immer bei Peking. Das Ergebnis ist und war ein China als mitunter stärkste Wirtschaftsmacht der Erde – einhergehend mit breitflächig reduzierter Armut, guten Arbeitsmöglichkeiten und hohem Einkommen sowie einer sozialen Versorgung der chinesischen Bevölkerung. Etwa mit Wohnraum, aber auch mit einer entsprechenden Arbeitsschutzgesetzgebung und Arbeitnehmerrechten.
„Diese Entwicklung, dieses Erfolgsrezept ist zunächst mal in China selbst im Inneren so fortgeführt worden“, kommentierte Rügemer. „Hat aber dazu geführt, dass diese Erfahrungen, diese Methoden zeigen konnten, wie man aus der Unterentwicklung herauskommt – und zwar schneller als sonst irgendwo auf der Welt. So konnte China ein neues, alternatives Globalisierungs-Konzept fortentwickeln, das eben jetzt den Namen der Neuen Seidenstraße trägt.“

„Viele Staaten begrüßten Investor China“

Diese chinesische Strategie der Globalisierung könne als Orientierungspunkt für andere sogenannte unterentwickelte Staaten in Afrika, Asien und Lateinamerika dienen. Darunter beispielsweise Vietnam, Venezuela oder Gambia.
In einem aktuellen Aufsatz schreibt Rügemer: „China zeigt, eine multipolare Welt ohne wirtschaftliche Ungleichheit und ohne kriegerische Begleitung von Rohstoffbeschaffung, Investitionen und Handel ist möglich.“
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Viele Staaten im globalen Süden „begrüßen China als Investor“, ergänzte Rügemer im SNA-Interview.
„China baut in Ungarn, in Serbien und Kroatien sogar eigene Infrastruktur, was ja vom westlichen Kapitalismus völlig vernachlässigt wird. Also etwa Schienen-Infrastruktur, Eisenbahnstrecken und Eisenbahnbrücken.“ Wenig bekannt sei, dass chinesische Unternehmen „in den letzten zehn Jahren zwei Drittel des weltweiten Schienenverkehrs aufgebaut haben, sowohl innerhalb Chinas wie inzwischen eben auch in andere EU-Staaten hinein. Am bekanntesten ist die etwa 12 000 Kilometer lange Strecke von China bis nach Duisburg – die Neue Seidenstraße.“
Auch deutsche Konzerne, darunter „Volkswagen“ (VW) als einer der größten Autohersteller der Welt, die vermehrt im chinesischen Markt investieren, produzieren und verkaufen, könnten ihm zufolge noch etwas von der Pekinger Wirtschaftspolitik lernen. „Viele tausende westliche Unternehmen betreiben Filialen, Produktionsstätten in China.“ Aber an dieser Stelle sei bereits ein Interessenkonflikt im Anmarsch:
„Aber das entwickelt sich ja gerade zu einem Konflikt, weil unter anderem in China die Arbeitseinkommen so stark gestiegen sind und weiter steigen. Deswegen verkürzen sich die Gewinne für etwa Amerikas allergrößte und wertvollste Digital-Konzerne wie ‚Apple‘ und ‚Microsoft‘, die millionenfach ihre Endgeräte in China bisher haben montieren oder dort ihre Zulieferer-Materialien haben produzieren lassen.“

Was China mit Italien und Griechenland vorhat

Rügemers Analyse zufolge ist Chinas Wirtschaft in vier Bereichen besonders gut aufgestellt: Beim Lohnzuwachs für die Arbeitnehmer und der Stärkung der eigenen Unternehmen binnenwirtschaftlich gesehen. Bei der Stabilisierung der eigenen (Export-)Wirtschaft durch Produkte, die das Land in alle Welt verkauft. Bei strategischen Investitionen im Ausland – etwa in vielen afrikanischen und südamerikanischen Ländern oder auch im griechischen Hafen von Piräus – sowie beim Prestige-Projekt der Neuen Seidenstraße.
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„Die Neue Seidenstraße bringt bereits vielen Staaten auf unterschiedliche Weise Vorteile“, schilderte der Kölner. „Investitionen in die Infrastruktur etwa. Ein bekanntes Beispiel ist der Hafen Piräus bei Athen in Griechenland. Dort hat der größte Hafenbetreiber Chinas, ‚Cosco‘, den Betrieb des Hafens übernommen, baut ihn weiter aus als Containerhafen. Aber dazu gehört jetzt nicht nur das unmittelbare Hafengelände, um dann Containerschiffe zu beladen, zu entladen – sondern dazu gehört ein ganzer Umkreis von Handwerksbetrieben, von Zulieferern, die davon ebenfalls profitieren. Der Chinesische Hafen-Betreiber hat auch dazu beigetragen, dass es zum ersten Mal zwischen dem Hafen Piräus und der Hauptstadt Athen eine Zugverbindung gibt, die es die längste Zeit überhaupt nicht gegeben hat. Also auch um den Hafen herum entsteht da viel. Weitere Arbeitsplätze entstehen. Und so ist das eben auch in anderen Staaten.“
Mit Italien gebe es ein weiteres Übereinkommen, „dass drei Häfen dort in ähnlicher Weise durch China modernisiert werden sollen. Und ja: Dies ist eine alternative Form der Globalisierung, die im Unterschied zur westlichen Form der Globalisierung erstens mal wesentlich auf langfristige infrastrukturelle Investitionen setzt, wo jetzt nicht gleich ein großer Gewinn herausspringen muss und wo die Investition im Land bleibt und für das Land eine Entwicklung, eine weitere wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht.“

„Westen hat Interesse an Chinas Rohstoffen“

Ein wesentlicher Unterschied im Vergleich zum Westen sei, dass „diese Art Globalisierung ohne jegliche militärische Begleitung stattfindet. Also, während die USA beispielsweise mit der Osterweiterung der Europäischen Union überall in diesen Staaten – in Litauen, Polen, Rumänien, im Kosovo – weitere neue Militärstützpunkte gebaut haben, teilweise ohne sonstige infrastrukturelle Investitionen, da verzichtet China vollständig darauf, seine Investitionen in anderen Staaten sozusagen militärisch zu begleiten.“
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Das Radio-Interview mit Dr. Werner Rügemer zum Nachhören:

https://snanews.de/20211121/nicht-nur-neue-seidenstrasse-4394299.html

Diskussionen

2 Gedanken zu “Nicht nur Neue Seidenstraße: Wie China dem Westen eine Alternative entgegensetzt

  1. Die Chinesen bauen die neue Seidenstrasse zur Exportsteigerung und nicht aus Menschenfreundlichkeit.

    Die Geschichte der Sino-Russischen Beziehung war keinesfalls immer eine Liebesgeschichte.

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    Verfasst von Fred Milkereit | 23. November 2021, 0:14
  2. Für jede der Westmächte war der Chinesische Happen zu groß, darum hat man sich auf eine Politik der offenen Tür geeinigt

    DDR Statement zum Erfolg der Berliner Luftbrücke laut Egon Bahr: Ja, aber in der Zeit hat der Westen China verloren. Die erste Luftbrücke gab es übrigens über Burma nach China, um Chiang Kai-shek zu versorgen: the hump.

    Japan . . .einen Teil ? das ist gut, Mandschuko ! Mal auf die Landkarte geschaut ? Die SU hat den Japanischen Angriff abgeschmettert, und einen Waffenstillstand geschlossen, als Hitler angriff, standen die Truppen aber im Osten, auch deshalb, weil der Angriff des Westens während der Revolution von dort erfolgte.

    Citybank in China :
    https://www.bluemoonofshanghai.com/politics/en-larry-romanoff-citibank-the-great-gold-robbery-july-07-2021/

    Der Zug fährt übrigens bis Lissabon, echt! Tolle Brücken gebaut.

    Eisenbahn und Hafen in Kenia hatten wir ja schon bei LZ.

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    Verfasst von zivilistin | 22. November 2021, 15:55

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