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Ausland, Nordamerika

Lost in Space – Jeff Bezos und sein Imperium

von Martin Zamyatin – http://www.theblogcat.de

 Bild: „Wir sollen die Welt nicht retten. Wir sollen sie verlassen.“ – Interstellar, 2014

Die Nation: AMAZONIA
Gegründet: 5. Juli 1994
Hauptstadt: Seattle, Washington
Bevölkerung: 1.300.000 (Angestellte)
BIP: $1,75 Billionen (Einkünfte)
Grenzen: anscheinend keine
Wirtschaft: Verkauft fast alles an fast jeden

2021 verkündete Jeff Bezos – zeitweise als reichster Mann der Erde bekannt – seinen großen Plan, als erster Passagier mit seiner persönlich finanzierten Rakete Blue Origin ins Weltall zu reisen.

Innerhalb weniger Tage hatten über 100.000 Menschen eine Online-Petition unterschrieben, ihm solle eine Rückkehr verweigert werden.

Es ist jedoch anzunehmen, dass er – lange vor der vollständigen physischen Trennung von seinen Mitmenschen – bereits eine finanzielle und emotionale Trennung erreicht hat, „nicht nur von einer Mehrheit der Menschheit, sondern von einem Großteil dessen was uns menschlich macht“, (wie ein Beobachter ironisch anmerkte).

Wie der Fluss, nach dem es benannt wurde, hat auch Bezos‘ Amazonia Nebenflüsse, die sich in alle Richtungen der Weltwirtschaft verzweigen und mehr einer riesigen Föderation von Staaten als einer einzelnen souveränen Nation ähnelt. Was als bescheidener Internet-Buchhändler begann, hat sich zu einer globalen wirtschaftlichen Supermacht mit einem Kundenstamm von über 300 Millionen und einem Produktangebot entwickelt, das mehr als doppelt so groß ist.

Hauptsächlich durch die Annexion von Möchtegern-Konkurrenten und nicht durch internes Wachstum, erstrecken sich Amazonias Tentakel nun von der Werbung über Buch- und Filmverlage bis hin zu Satelliten und Überwachung.

Durch die Nachahmung seines ausgedehnten Transport- und Logistiknetzes ist das Unternehmen in Sektoren wie Gesundheitswesen, Spiele, Unterhaltungselektronik, künstliche Intelligenz, Taxiflotten, Lebensmittelgeschäfte, Finanztechnologie und Mode eingedrungen.

Allein groß genug, um ein eigenes Königreich zu sein, kontrolliert Amazonias Web Services-Abteilung etwa die Hälfte des Cloud-Computing-Marktes und hostet fast ein Fünftel der weltweit größten Internet-Webseiten. (Ironischerweise wird es einfacher, das aufzulisten, was Bezos‘ riesiges Imperium nicht tut, als das, was es tut.)

Amazonias schnelle Vorherrschaft in der Einzelhandelswelt wurde zu einem großen Teil durch Tausende von überarbeiteten Mindestlohn Arbeitern ermöglicht – die meisten von ihnen „Kommissionierer“ in über 175 amazonischen „Erfüllungszentren“ – die gezwungen sind, täglich 15 Meilen in zermürbenden Zehn-Stunden-Schichten zu laufen, die nicht von menschlicher Hand sondern von einem seelenlosen Computeralgorithmus und mit kostenlosem Kaffee und Schmerzmitteln versorgt werden.

(Büroangestellte der unteren Ränge genießen kostenlose Bananen, vielleicht um sie an ihren Platz in der Hierarchie des Unternehmensdschungels zu erinnern.)

Unnötig zu sagen, dass nur die Kunden von Amazonia durch dieses gewerkschaftsfeindliche und ausbeuterischen Arbeitssystem „erfüllt“ sind. Aber Hilfe ist im Anmarsch: Diese Arbeitsbienen werden schnell von ihrer Last befreit, ersetzt durch Roboter und weniger kostspielige, effizientere (und leichter zu handhabende) mechanisierte Drohnen.

Während der langfristige Masterplan von Amazonia nichts weniger zu sein scheint als die totale Herrschaft über die Wirtschaft der Erde, sind Bezos‘ Ambitionen nicht auf die Oberfläche des Planeten beschränkt. Im Jahr 2000 gründete er Blue Origin, das er weiterhin persönlich mit jährlich etwa 1 Milliarde Dollar finanziert.

In einer perversen Art von „Vorwarnung“ an den Rest der Welt skizzierte Bezos seinen Vision für die Zukunft der Menschheit bereits 1982 in seiner Highschool-Abschlussrede.

Nach dem Vorbild seines Kindheitshelden –Captain Jean-Luc Picard aus Star Trek – stellt sich Bezos eine Flotte von bis zu einer Million riesiger Weltraumkolonien in einer niedrigen Erdumlaufbahn vor, in die die Menschheit auswandern kann, um schließlich unseren Heimatplaneten als eine Art Kombination aus Park, Spielplatz und Zoo zurückzulassen.

Anders als hier auf der Erde gibt es im Weltraum keine Grenzen für das Wachstum – oder, vielleicht noch wichtiger, der Rentabilität. „Wir können eine Billion Menschen im Orbit haben“, prahlt Bezos, „das heißt, wir hätten tausend Mozarts und Einsteins.“ (Zusammen mit – so könnte man denken – einigen Napoleons und Hitlers.)

Keiner scheint übermäßig besorgt zu sein, die Zukunft der Menschheit in die Hände einiger Milliardäre zu legen – zweifellos jene Menschen, deren unersättliche Gier und Wachstumshunger uns an diesen gefährlichen Punkt in unserer Entwicklung gebracht haben.

Weltraumkolonien bedeuten Kolonisierung, mit all ihren tragischen historischen Implikationen. Die Vision von Bezos basiert weitgehend auf der alltäglichen Ausbeutung von Amazonias Millionen von Arbeitskräften, und anstatt unser abgenutztes koloniales Gepäck auf dem Karussell des Weltraumbahnhofs zu lassen, gibt es wenig Grund zu der Annahme, dass die Tendenz unserer Gesellschaft zur Ausbeutung im Weltraum enden wird.

Vielleicht muss die Menschheit tatsächlich eines Tages von der Erde fliehen, um zu überleben, wenn die Sonne kollabiert und als Roter Riese explodiert. Aber es besteht keine große Eile: Wir haben noch etwa 5 Milliarden Jahre. Lange genug, um sich vielleicht dieses Unterfangens wirklich würdig zu erweisen.

Aber manche Menschen können einfach nicht warten. Der ursprüngliche Name von Amazonia lautete Relentless („Unaufhaltsam“), und wie sein riesiges, phallusförmiges Raumschiff, scheint Bezos‘ Flugbahn unaufhaltsam zu sein – und erinnert nicht an Picard, sondern an seine Nemesis, die Borg und ihr bedrohliches Mantra: „Widerstand ist zwecklos!“

williambanzai7

https://zamizdat.info/2021/10/01/lost-in-space/

https://www.theblogcat.de/uebersetzungen/lost-in-space-13-11-2021/

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