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Debatte, Internationales

Die kommunistische Strategie, die Niederlage in Europa und die Tragödie in Afghanistan

von Tolga Binbay – http://www.tkp-deutschland.com

Die rasche „Übergabe“ Afghanistans in die Hände der Taliban-Führung in dem vergangenen Monat wurde mit „Besorgnis, Panik“ sogar zum Teil mit Indignation beobachtet. Vielleicht haben viele Menschen sich an die nahe Vergangenheit erinnert: Die schnelle Eroberung des Nordens des Iraks und der syrischen Wüste durch den Islamischen Staat im Jahr 2014. Es wurde gedacht, dass ein ähnliches Ereigniss wieder erlebt würde, dass „der islamische Fundamentalismus“ sich von seinen Zügeln befreit hätte und, dass Tür und Tor zu neuen tragischen Ereignissen eröffnet wären. Reale und künstlich gestellte Bilder und Nachrichten, die solche Besorgnisse unterstützten wurden reichlich veröffentlicht und verbreitet.

Diese rasche und „erschütternde“ Übergabe der Macht in Afghanistan brachte nicht nur die Erinnerung der nahen, sondern auch der fernen Vergangenheit des Landes und ihre Kritik auf die Tageordnung. Der Begriff „Friedhof der Imperien“ wurde in Umlauf gebracht und wurde schnell akzeptiert. Somit wurde in Erinnerung gebracht, dass Afghanistan die „imperialistischen“ Engländer, die USA und selbstverständlich das sowjetischen „Imperium“ in große Schwierigkeiten gebracht hatte. Und vor allem erinnerte man sich in erster Linie an die Sowjets! Sowohl von rechts, als auch von links…

Waren die Sowjets nicht auch eine Art „Imperium“? Ein breites Spektrum von den Liberalen bis hin zu den Nationalisten, von den Patrioten zu den religiösen Reaktionären erinnerten sich alle auf diese Weise, also über Imperien, an die Geschichte und erinnerten auch Andere daran, und zwar mit großem Vergnügen! Im richtigen Moment wurde die Chance nicht verpasst, die Sowjet Union, den Sozialismus und den Fortschritt nochmals an dem Zielbrett zu setzen. Der „Sowjet-Imperialismus“ wurde schön an die imperialistische USA angeknüpft. Sogar bei dem Sieg der Taliban wurde ehe an dem Sturz des „Sowjet-Imperiums“ erinnert, als das Strauheln der USA.

Die Art des Vergnügens kann als eine Gewohnheit des Kalten Kriegs angesehen werden und man müsste es auch nicht unbedingt betonen. Aber die Geschichte, insbesondere die systemtreue Geschichte wird genau so geschrieben. Nicht nur die Geschichte, auch die systemtreue Politik wird genauso verübt: durch Manipulation, Lüge, Auskämmung und organisierte Kakophonie. Immer und immer wieder.

Erlitten die Sowjets eine Niederlage im Afghanistan? Es ist wahr, die Sowjets wurden im Afghanistan besiegt. Punkt. Die Geschichte kann so gelesen werden. Was war aber die bewegende Kraft der Geschichte? Waren es die Klassenkämpfe? Die Widersprüche, die sich Inmitten der Produktionsverhältnisse ansammeln und ihre Reproduktion und Manifestation in der Gedankenwelt, der Ideologie und der Politik?  Bildete sich Geschichte nicht daraus? Sollte man denn nicht die Frage stellen: Als welche Klasse wurden die Sowjets im in Afghanistan besiegt? Was war der Kampf In der Gedankenwelt? Besteht dieser Kampf heute noch? Ist das der Grund dafür, dass diejenigen, die den Sieg der Taliban bedauern, sich immer und immer noch über die Niederlage der Sowjets freuen?

Das Ziel dieses Artikels ist nicht, die Leser:inen an das Afghanistan-Abenteuer der Sowjets zu erinnern. Es geht auch nicht darum, die Geschichte von aus unserer und ihrer Sicht in Erinnerung zu rufen. Hier geht es um eine andere Problematik: Sich selbst und Andere daran zu erinnern, dass die Niederlage nicht in Afghanistan zustande gekommen ist und nicht auf militärischer Ebene, sondern vor allem auf der ideologischen Gedankenebene stattgefunden hat. Dabei auf Europa, auf die kommunistische Bewegung Europas in den 70er Jahren zu schauen und an das Schleudern der kommunistischen Strategie von Moskau bis nach Lissabon, von Madrid bis nach Rom ins Gedächtnis zu rufen.

Deshalb, weil in Kabul nicht nur Moskau, sondern auch Rom, Madrid, Lissabon und Paris besiegt wurden. Genauer gesagt, weil die kommunustische Bewegung hier ihre Strategie bezüglich der Revolution, der Welt und der Geschichte verloren hat, wurde sie auch zuerst hier besiegt. Danach kam Kabul ohne weiteres an die Reihe. Aus diesem Grund werde ich versuchen, in Erinnerung zu rufen, wo, wie und warum die Ideen und die Politik der Arbeiterklasse im Klassenkampf der 70er Jahre besiegt wurde.

Der Kommunismus wurde im Europa besiegt.

Die Sowjet Union, der Kampf für den Sozialismus, sowie der Kampf gegen den Reaktionismus und den Imperialismus wurde nicht erst in Afghanistan besiegt, wie in den letzten Wochen oft erinnert wurde. Die Behauptung, dass die Sowjets im afghanischen Sumpf ersoffen sind, ist eine Bewertung, die genau den Herrschern gebührt: „Sie okkupierten Afghanistan gegen den Wunsch und den Werten des afghanischen Volkes, unternahmen tyrannische Taten und wurden dann geschlagen.“ Der gesamte Prozess wird auf diese Weise zusammengefasst. Sie schreiben und erarbeiten die Geschichte in solch einem Rambo-Film-Gusto. Seit Jahren…

Allerdings erlitt die Arbeiterklasse die Niederlage nicht in Afghanistan, vielmehr hatte sie die Niederlage damals in Europa schon längst erlitten. Eine ab den 50-er Jahren sichtbar gewordene Prozess gewann am Ende der 70er Jahren Klarheit: Der seit der Pariser Kommune ununterbrochen andauernde und zeitweise den gesamten Kontinent in Flammen gesetzte Kampf stand gerade kurz vor einem Zwischenstadium. Die Kommunisten schafften es nicht, Europa zu überschreiten. Im Anschluss daran purzelten Regierungen, Massenparteien und militante Kämpfe ausgehend von Europa auf der ganzen Welt Hals über Kopf.

In dieser historischen Wende spielte der Bruch und die Differenzierung in der kommunistischen Strategie von den Sowjets bis nach Spanien, von Portugal bis nach Griechenland eine Schlüsselrolle. Ich spreche hier nicht nur von dem Euro-Kommunismus. Ja, die Anhäufung, die vor den 70er Jahren den Weg für die Suche nach einem „anderen Weg“ ebnete, war sowohl in den europäischen kommunistischen Parteien als auch in der Neuen Linken vorhanden, die im Laufe der Zeit an Zahl zunahm und einen Haufen bildete.(2) Aber leider ist nach der Oktoberrevolution aus der kommunistischen Weltbewegung, insbesondere in Europa, und im weltweiten revolutionären Prozess im Allgemeinen keine Strategie hervorgegangen, die Aufregung und Durchbruch schaffte und die Bewegung als Ganzes vorwärtstrieb. Schön und gut, während des Klassenkampfes kam die kapitalistische Klasse zu einem Punkt, die Welt in Flammen zu setzen,  Europa zu zertrümmern und der Sozialismus war dazu gezwungen, lange in der Defensive zu bleiben. Nach den 50-er, 60-er Jahren sah es jedoch so aus, als ob da „Ausbeutungssystem“ beendet wäre. Diese Erscheinung war insbesondere für Europa eine Täuschung. In dieser Phase bewegte sich der Imperialismus, d. h. die gesamte kapitalistische Klasse mit einer gemeinsamen Strategie, entwickelte die Fähigkeit, gemeinsam an einem Strang zu ziehen sei es mit Blut, mit Drohungen oder mit steigenden Profiten!

Der Blick in die Vergangenheit, auf diese Zeit des Klassenkampfes mit unterschiedlicher Intensität, ist noch sehr verzerrt und frugal: z. B. der religiöse Reaktionismus, der damals zum Dynamo des Antikommunismus wurde, wurde nicht nur in Afghanistan, Pakistan und der Türkei verstärkt. Im gleichen Zeitraum hatte der religiöse Reaktionismus in Polen, Rumänien, Spanien, Korea und natürlich in den USA an Macht und Einfluss gewonnen.

Der „grüne Gürtel“, der zur Umzingelung der Sowjetunion angelegt war, ist allseits bekannt, aber seine Symmetrie in Europa wird schnell vergessen, wahrscheinlich weil man sie für den Westen für nicht angemessen empfand. Okay, die Mullas sind schlecht, aber was ist mit Papst II. Jean-Paul?

Die Front des Kapitals ergriff während der 70-er Jahren Maßnahmen, um die kommunistische Bewegung, und den Kampf der Arbeiterklasse von Indonesien bis nach Chile, von Spanien bis in die Türkei überall und endgültig in allen Bereichen zurückzudrängen, einzuengen und zu vernichten. Im gleichen Zeitraum ist es nicht möglich, an der Front des Kommunismus und der Arbeiterklasse einen gemeinsamen Gedanken, Blick und Fokus zu finden. Ganz im Gegenteil, es herrscht ein großes Durcheinander. Und diese Desorganisation schickte das sowjetische Abenteuer in Afghanistan 1979 voraus und begleitete den schrittweisen Rückzug des kommunistischen Kampfes auf der ganzen Welt.

„Der Krieg“, der unmittelbar nach dem Ende des Kriegs anfing

Wir haben gesagt, dass wir keine historischen Ereignisse auflisten wollen, aber erinnern wir uns trotzdem: Gleich nach (sogar vor) der Beendung des II. Weltkriegs setzte sich der Imperialismus in Europa und auf der anderen Seite der Atlantik gegen den Sozialismus in Bewegung. Jedoch konnten die Koordination, Klarheit und das gemeinsame Handeln bis zu den 60-er Jahren nicht stabilisiert werden. Die Menschheit wird für ihre Stabilisierung eine Menge bezahlen müssen. Ein solcher Preis, dass beispielsweise Kennedy ins Visier genommen wird, weil er als amerikanischer Präsident in der Repräsentation des Kalten Krieges nicht die gewünschte Leistung zeigen konnte. Nicht, dass er unwillig war, aber er hinkte dem Rhythmus und der Aggression der Zeit hinterher. Im Klassenkampf dagegen sollte der Präsident des Imperialismus in keinem Bereich zögern. Der Mord in 1963 ist weder Zufall noch Besessenheit!

Bis zu diesem Zeitpunkt zögerte der Imperialismus nicht, bereits schon Ende der 1940er Jahre, sowohl in Deutschland als auch in Korea seine roten Linien zu zeigen. Die USA, England und Frankreich begannen 1948 de facto mit der Teilung, indem sie ihre besetzten Gebiete in Berlin vereinten. Im selben Jahr erzwingen die USA die Entstehung einer eigenen politischen Struktur im Süden Koreas, und die koreanische Halbinsel wird praktisch in zwei Teile geteilt. 1949 wurden die Kommunisten in Griechenland anhand der Intervention der Engländer besiegt. Und gerade dann, als die Kommunistische Partei Chinas einen langen Bürgerkrieg mit einem Sieg krönte…

Darauf, dh auf China, verzögerte sich die Antwort keineswegs: Die Aggression auf der Halbinsel-Korea eskalierte und der Krieg began 1950. Die NATO als ein gemeinsamer Apparat des Kapitals tritt nun auf die Bühne. Soldaten aus 21 Länder inklusive der Türkei werden auf der Halbinsel-Korea angesammelt. Es wird aber nicht ausreichen: Unter der Leitung der CIA wurde eigens eine Abteilung gegründet, die eine langfristige und spezielle Antikommunismusarbeit durchführen sollte. In der Mitte der 1950er Jahre wurde der Anti-Kommunismus beinahe überall, von der Türkei bis in die USA, die Grundlinie der Politik des Kapitals.

1955 wird Westdeutschland entgegen den Vereinbarungen in die NATO aufgenommen und der Weg zu seiner Aufrüstung wird geebnet. Die Antwort des Sozialismus zu all diesen Schritte war im selben Jahr -sogar eine Woche später- die Gründung des Warschauer Paktes. Im Februar 1956 hielte Hruschchof in dem 20. Jahreskongress der Kommunistischen Partei der Sowjetunion seine berühmte „geheime“ Rede, die die Stalin-Ära, die Geschichte der Oktoberrevolution und eine beinah 40-jährige Phase des Kampfes als „große Lüge“ darstellte. Seine Rede verursachte eine erschütternde Wirkung insbesondere innerhalb der kommunistischen Bewegung auf der ganzen Welt; von Europa bis hin nach Asien!  Die Imperialisten, die dies voraussahen und gut begriffen, nutzen die besagte Rede und die dahinterstehende Dynamik bis zum Schluss aus. (5) Der Imperialismus lies keine Lücke im Klassenkampf und annoncierte, dass er keine Lücke liegen lassen würde. Die kommunistische Bewegung dagegen geriet ins Stocken.

Während diese Ereignisse in Europa geschahen, hatte die CIA bereits in den Jahren 1954 und 1954 Militär-Coups gegen die gewählten Regierungen im Iran und in Guatemala hintereinander geplant und durchgeführt, und Erfahrung gesammelt, wie die Dinge funktionieren sollten. Es handelt sich nun um eine Ära, in der vielschichtige und mehrdimensioale Instrumente in der Strategie der kapitalistische Klasse ins Spiel kommen. In Europa jedoch, das weiterhin das Zentrum der Klassenkämpfe war, wurde die Ästhetisierung und Legitimation der Gewalt dieses Kampfes angesagt, aber das Niveau durfte nicht das Maß erreichen, das während des II. Weltkriegs aufkam. Der Imperialismus blieb in dieser Hinsicht immer gründlich und vorsichtig.

So wurde in Europa ein besser organisierter und hinterlistiger Weg angeeignet: der konterrevolutionäre Austand in Budapest im Jahr 1956 war ein Segen für die anti-Sowjetische Propaganda. Er wurde in hoher Tonlage gegen die kommunistische Bewegung, die unter der zerstreuenden Wirkung von Chruschtschows Rede stand, benutzt. Die Roten, die bis vor zehn Jahren sogar in manchen Kreise der kapitalistischen Klasse als „die Retter der freien Welt“ gesehen werden konnten, wurden von nun an als ein Haufen behandelt, „der sich nicht davor scheut, die Grundrechte der Menschheit mit Füßen zu treten“. Eine große Operation des Kapitals wurde in Bewegung gesetzt, die sich an alle reaktionären und anti-kommunistischen Kräfte der Gesellschaften lehnte. Der Einfluss und der Druck der herrschenden Klasse wurde auch innerhalb der kommunistischen Bewegung noch deutlicher spürbar: Nachdem der konterrevolutionäre Versuch in Budapest niedergeschlagen wurde, kam es in den kommunistische Parteien Frankreichs, Italiens, und Groß Britanniens zu wichtigen internen und es kam zu manchen Spaltungen und Ausschlüssen.

Waren es nur die Sowjets, die sich nach Frieden und Ruhe sehnten?

Lasst uns hier eine Klammer öffen und eine Frage stellen: Wir wissen, dass dass die sowjetische Gesellschaft und die KPdSU nach dem Zweiten Weltkrieg einen neuen Krieg vermeiden wollte.(7)  Krieg muss nicht unbedingt an der Front geführt werden und der Klassenkampf kann als langwieriger Krieg betrachtet werden, der in unterschiedlichen Momenten und auf unterschiedliche Weise verläuft. Auf der anderen Seite gelangten die sowjetischen Völker in die 1950er Jahre, indem sie aus einer Reihe von Kriegen kamen, die in den 1890er Jahren begannen. Abgesehen von dem militärischen Krieg, kann es als „natürlich“ angesehen werden, dass sie inmitten der großen Ruine des II. Weltkriegs Schwierigkeiten hatten, neue Energien für die Klassenkämpfe, deren Drang nie nachließen, zu sammeln. Aber waren es nur die KPdSU und das Sowjet-Volk, die nicht mehr Krieg, Konflikte und turbulente Kämpfe wollten? Was wollten die kommunistischen Parteien,  die vor allem in den 1950er Jahren begannen, einen nicht zu vernachlässigenden Platz in ihrer eigenen Gesellschaft einzunehmen, die Völker, die Arbeiterklassen verschiedener Länder Europas?

Vermutlich wollte niemand einen konfrontativen Übergang zum Sozialismus oder gar einen offenen Krieg in Europa. Da existierten diejenigen, die die Kraft dazu hatten. Die kommunistischen Parteien Spaniens und Griechenlands zum Beispiel, die die Bürgerkrieg-Erfahrung hatten. Ja, der Kommunismus erlebte große Schwierigkeiten in diesen beiden Ländern (Deportationen, Verhaftungen, Prozesse, Hinrichtungen) aber in Frankreich und Italien beispielsweise verfügten die kommunistischen Parteien über viele Möglichkeiten, einschließlich Waffen oder es bildeten sich Möglichleiten.

Aber auch die Völker Europas litten unter der Aggression der Herrschenden, die im Klassenkampf  seit der Pariser Kommune fast nie aufhörte. Der Kontinent erlebte zwei große Kriegeund nach diesen beiden Kriegen – sogar schon zwischen den beiden- erweckte jetzt jede Politik, die ins Extreme deutete Verunsicherung. Nicht nur die Sowjets, sondern der Teil Europas, der vor allem die Intensitäten des Klassenkampfes erlebte (und der sich von Spanien bis nach Griechenland, von da bis nach Finnland, und dann nach Frankreich erstreckte, der also ziemlich groß war) war sehr erschöpft und tat sich schwer in die abenteuerlichen Gewässer hinauszulaufen. Darüber hinaus zogen alle kommunistischen Massenparteien Europas leicht den Weg der Machtübergabe durch Frieden, Ruhe und wenn möglich durch Wahlen vor. Ein oktoberrevolutionähnlicher Weg war in Europa immer akzessorisch.

Die kommunistische Strategie, die entlang der 50-er Jahre wegen dieser Müdigkeit hin und her gerissen war, gewann am Ende der 70-er Jahre Klarheit: Demokratie! Diese Präferenz gewann dermaßen an Extremität, dass beispielsweise der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens Enrico Berlinguer Ende der 1970er Jahre deklarierte, dass die KP mindestens 50% der Stimmen für die gesellschaftliche Macht gewinnen musste. Nicht einmal das war ausreichend! In diesem Sinne denke ich, dass es kein Zufall ist, dass die Diskussionen über die ideologische und gesellschaftliche Hegemonie zwischen europäischen Kommunisten und Marxisten gleich nach den 70er Jahren Oberhand gewannen. Denn es ist nicht möglich, eine kommunistische Partei zu finden, die die Macht als kurzfristiges Ziel, als Strategie anstrebt und es mit allen Mitteln wagt, die politische Macht zu übernehmen.

Die Kommunist:innen liefen in Europa Legitimitätskriterien hinterher, strebten jedoch nicht danach, der Kapitalistenklasse die politische Macht zu nehmen. Eine Art zu sagen „Ich habe keinen Anspruch auf politische Macht“! Kurz gesagt, eine Ära des Kampfes ohne Konflikte und Krieg innerhalb der kommunistischen Bewegung war als Motto sowohl für den Eurokommunismus als auch für die Sowjets angebrochen. Wann war das? Unmittelbar nach dem Krieg; sogar vielleicht schon in den 1930er Jahren. In den 1970er Jahren wird diese Präferenz, diese Orientierung nun als andere Strategie mit ihren politischen und ideologischen Stützen ihren Platz einnehmen.

In diesem Sinne können wir sagen, dass die Politik der „friedlichen Koexistenz“, die die Sowjets in den 1960er Jahren verfolgten, zwar einen Fuß in die Arbeit für die revolutionäre Front auf der ganzen Welt setzte, andererseits aber einen ruhigen und friedlichen Prozess vorhersagte in Europa, insbesondere auf dem Kontinent, wo die Kapitalordnung am stärksten war.

Die Front der Revolution: Belebt, einflussreich aber zerstreut

Fahren wir nach der Klammer fort: Gleich am ersten Tag des Jahres 1959 kam eine Nachricht aus Kuba, der der Revolutionsfront Freude brachte: Die Revolution siegte in Kuba. Der Einfluss des Sozialismus und der kommunistischen Parteien ist (trotz verschiedener Schwankungen, interne Konflikte, Meinungsverschiedenheiten) in allen Ländern der Welt, hoch. So sehr, dass die führende Kraft der Revolution in Kuba im Jahr 1965 beschloss als kommunistische Partei weiterzumachen. In Asien (z. B. Vietnam) und in Afrika (z. B. Angola) wurden unter der Führung der Kommunist:innen Unabhängigkeitskämpfe dem Ziel des Sozialismus geführt. Es gab kaum einen Kampf auf der Welt, an dem die Kommunist:innen nicht beteiligt waren, sogar in dessen Zentrum die Kommunist:innen nicht standen. Vom Asien bis nach Europa!

 

Es war so weit, dass die Kommunistische Partei Indonesiens steigerte ihr Einfluss soweit, dass sie mit der Unterstützung der Wähler: innen Koalitionspartnerin in der Regierung wurde. Die Kommunistische Partei Frankreichs hatte in denselben Jahren hunderte Tausend Mitgliedern und war die größte linke Partei des Landes. Trotz aller polizeilichen- und militärischen Unterdrückungen, waren die Kommunist: innen in Griechenland, Spanien und Portugal dabei sich zu erholen, ihren Einfluss zu erhöhen und neue Wege zu suchen.

Der Imperialismus dagegen begann ab der Mitte der 1960er Jahren, viel klarere und tödlichere Maßnahmen zu ergreifen. Wir haben bereits gesagt, dass das Leuchtsignal dieser Ära die Ermordung Kenneys sei. In dieser Zeit wurden zahlreiche Morde und Verbrechen begannen aber der Kennedy-Mord war ein symbolisches Attentat in Bezug auf die Position und Herangehensweise des Kampfes der herrschenden Klasse. Die Intellektuelle, sensationelle Schriftsteller:innen, olympische Boykott, das Wettrennen im Weltall usw. reichten dem Imperialismus nicht mehr aus. In Kürze würde in verschiedenen Regionen der Welt ein gnadenloser konterrevolutionärer Kampf mit diversen Morden beginnen. 1965 fand eine der blutigsten Konterrevolutionen der Geschichte statt: Die Kommunistische Partei Indonesiens mit ca. 3 Millionen Mitgliedern wurde sozusagen völlig ausradiert. Abermillionen Menschen wurden ermordet, einkerkert.

Die kommunistische Bewegung und der Kampf für den Sozialismus in Europa hatten 1968 ein lebendiges, dynamisches aber im Vergleich zur Vergangenheit zerstreuteres Erscheinungsbild. Diese Desorganisation erleichterte die Zähmung der Linken (und sogar der herrschenden Klasse selbst) im Frühling 1968 durch die Herrscher und die Konterrevolution in Frankreich, Rom, Prag. Der organisierte Einfluss der herrschenden Gedankenwelt machte sich innerhalb der kommunistischen Bewegung klar bemerkbar. In Prag fand ein offener und eindeutiger Krieg statt: Die Front der Konterrevolution war explizierter und besser organisierter, die Front der Revolution dagegen zaghaft und zersplittert. Infolge der Schwankungen der vergangenen fünfzehn Jahre war das Vertrauen in die Sowjetunion innerhalb der Linken verletzt und der Eingriff in Prag gab Anlass zu einer neuen Welle der Zersplitterung innerhalb der gesamten kommunistischen und Arbeiterbewegung der Welt.

Die Krise und der Unterschied zwischen der Volksrepublik China und der Sowjetunion, der sich beinahe in allen Punkten von der marxistischen Theorie bis hin zu geostrategischen Fragen verstärkten die Zersplitterung innerhalb der kommunistischen Bewegung und eröffneten gleichzeitig dem Imperialismus ein neues Interventionsfeld.  In fast allen Teilen Europas, insbesondere in Frankreich und Italien, entstanden unzählige Intellektuellen, Kreise und Organisationen, die das Kulturrevolution-Konzept der Kommunistischen Partei Chinas übernahmen. Zu Beginn der 1970er Jahre hatte der Einfluss der Sowjets und der kommunistischen Bewegung einen ernsthaften Bruch und Zerfall erfahren.

 

Die Front der Konterrevolution: Kampagnen, Bestandstests und Morde

Die Sowjetunion wurde in den 70er Jahren in der westeuropäischen Öffentlichkeit zunehmend isoliert. Es wurde für diese Isolation eine systematische Arbeit durchgeführt. Es gab Dutzende von Ländern und Dutzende von gesellschaftlich starken kommunistischen Parteien und Gewerkschaftsbewegungen, die die Sowjets nicht allein lassen würden aber letztendlich spielte in der ideologischen Welt dieser Summe das, was der westeuropäische „einfache“ Mensch sagte, eine zentrale Rolle. Am Ende dieser Dekade, fanden auf dem Weg zum Afghanistan-Prozess kritische Brechpunkte statt.

Ab den 60er-Jahren nahm innen, d. h. in der Sowjetunion eine Summe von „Regime-Gegnern“ Gestalt. Zahlenmäßig waren sie zwar klein, aber ihre Wirkung war nach außen größer als nach innen. Es wurden Kampangnen organisiert, damit verschiedene Autoren „frei“ gelassen und unbestraft bleiben würden, und damit sie in den Westen auswandern konnten. Unter anderem wurden die Sowjets mit der „Psychiatrie“ getestet. Der Sowjet-Regierung wurde vorgeworfen, „Regime-Gegner“ mit falschen Diagnosen in Anstalten zu halten. Diese Behauptungen, die zuerst von den westeuropäschen „Zivilgesellschaften“ artikuliert wurden, wurden 1972 auch von der World Psychiatric Association geäußert und verursachten offene heftige Auseinandersetzungen mit der sowjetischen Delegation auf den Kongressen.  Somit kam eine weitere Schwankung auf, die dazu führen würde, dass die Sowjetunion und den Kommunismus als konsequentes Subjekt in Frage gestellt wurde. Die Sowjets wurden dermaßen schwach dargestellt, als wenn die Sowjetregierung nur imstande war, gegen die Regime-Gegner anzukämpfen, indem sie sie als „geisteskrank“ erklärten.

Diesartige Kampagnen erzeugten aus der westlichen Intelligenzija, den Sowjets schon seit Generationen widerstrebte, und der von ihr beeinflussten großen Mehrheit geschworene Feinde der Sowjets. Die Sowjets waren nun ein Land der Verrückten, die sogar den Wahnsinn benutzte, um ihre Macht zu behaupten.  Während der Imperialismus sich überall auf der Welt wie verrückt verhält, wird es den Sowjets zuteil, das Land der Verrükten zu sein.  Dieses Bild passte genau zu ‘68 Prag. Ab diesem Zeitpunkt an waren die Sowjets nur ein Haufen, das sich nicht um die Menschheit, universelle Werte, allgemeine Menschenrechte kümmerte.

Aber gleichzeitig hatte der Imperialismus sogar auf eigenem Boden Schwierigkeiten: In den Vereinigten Staaten von Amerika gewann der Klassenkampf erheblich an Stärke, insbesondere in Form von Rechten der Schwarzen und Frieden. Die amerikanische Regierung, die derzeit im Ausland diverse Operationen führte, gab auch im eigenen Land Gas: Mehrere Rechteführer oder Sprecher der Bewegung der Schwarzen wurden getötet, ins Gefängnis gesteckt oder bedroht. Im Mai 1970 kam es zu einem entscheidenden Wendepunkt für die Unterdrückung der Antikriegsbewegung: An der University of Kent in Ohio schoss die Nationalgarde auf Studenten, die gegen die steigende US-Agression in Vietnam und Kambodscha demonstrierten. Vier Studenten kamen ums Leben, neun wurden verletzt. Dieses Massaker erschütterte den Mittelklasse-Radikalismus der Antikriegsbewegung in den USA. Ab diesem Zeitpunkt musste in den USA die kleinste, zittrigste Bewegung an der Front der Linken, des Fortschritts und der Revolution in niederdrückt werden.

Die Allende-Regierung, die immer mehr Schwierigkeiten hatte, um die Macht mit „demokratischen“ Methoden fortzusetzen, wurde 1973 mit einem Militärputsch unter der Kontrolle der CIA beendet. Übriggeblieben war eine Zerstörung, die die die kommunistische Weltbewegung in Erregung brachte, aber hilflos machte und ein großes Trübnis. Von der Türkei bis in die USA wurden überall Solidaritätsveranstaltungen und Kundgebungen mit Chile organisiert, aber es gab keine auf die imperialistische Aggression konzentrierte gemeinsame Strategie. Ganz im Gegenteil rollte die Front der Revolution, die das Problem immer in sich selbst suchte, weiter in eine Verworrenheit. Diese Art der Analyse würde in den 80er Jahren Klarheit gewinnen.

Während all dies passierte, blieben die Sowjets (und all die anderen sozialistischen Staaten und Volksrepubliken) nicht nicht untätig. Innerhalb der sozialistischen Länder und mit Kontinentaleuropa wurden ziemlich lebendige Beziehungen weitergeführt. Festivals, Konferenzen, Zusammenarbeit, Besuche, gegenseitige Beihilfen folgten hintereinander. Es gab aber ein Problem. Bei all diesen Rück-und Vorwärtsschritten gab es keine konzeptionelle Einheit, keine strategischen Fokus und vor allem keine Unabhängigkeit von der Politik des Kapitals. Genauer gesagt, während die Sowjets Im ideologischen Kampf ständig feststeckte und taumelte, setzte der Imperialismus beinahe in allen Ländern verschiedenen Mechanismen in Bewegung. Und die europäischen kommunistischen Parteien, von den revolutionären bis zu den reformistischen, genossen die Massenhaftigkeit, das Fehlen von Machtdruck und die Distanzierung von dem bolschewistischen Einfluss, der seit einem halben Jahrhundert anhielt. In der kommunistischen Strategie dieser Zeit herrschten einerseits die Zersplitterung und das Schleudern, andererseits ein Fokussierungsproblem. Der Imperialismus hingegen machte sich dieses Durcheinander und den „neuen, anderen Ansatz“ gut zunutze.

In diesem Rahemn sind beispielsweise der Zusammenbruch der militärischen und rechten Regierungen an der Mittelmeerlinie Mitte der 1970’er Jahre, die Schritte zur „Demokratisierung“ und die Legalisierung der kommunistischen Parteien zu bewerten. Natürlich kämpften die Kommunist:innen Spaniens, Portugals und Griechenlands selbstlos und unerbittlich. Aber es wäre heute töricht zu denken, dass die „positiven“ Signale der Sowjets und der europäischen kommunistischen Bewegung bei den aufeinanderfolgenden „Demokratisierungen“ in diesen Ländern keine Rolle gespielt haben. Folgendes ist klar geworden: Das Militär oder die Faschisten werden gehen, aber niemand wird das bestehende System bezwingen! Auch die Grenzen des „nicht Bezwingens“ sind mehr oder weniger bestimmt: Die kommunistischen Parteien Spaniens und Italiens brachten ihre theoretischen und ideologischen Differenzen schon seit langem lauter zum Ausdruck. In diesen beiden Parteien kamen gleichzeitige und synchronisierte Erschütterungen zum Ausdruck.

Die Kommunistische Partei Italiens (PCI) bekam in den 1976-Wahlen ein Drittel der Stimmen. Dies war selbstverständlich ein blendender, atemberaubender Erfolg. Unter der Führung Berlinguers begann eine Phase der Suche nach einem politischen Bündnis, die als „Historischer Kompromiss“ bezeichnet wurde: in der man in eine politische Koalition mit den christlichen Demokraten ging, an die Macht zu kommen. Der Kern des Arguments ging aber um die kommunistische Strategie. Der Generalsekretär der PCI Enrico Berlinguer erhöhte die Diskussionen über den „Sozialismus italienischer Art“. Demnach war das Modell der Oktoberrevolution zurückgeblieben; die „existierende Praktiken“ des Sozialismus seien problematisch, weil sie nicht auf der Mehrheit basiert waren; um an der Macht zu sei es notwendig, ein allgemeines Wahlrecht und eine Zustimmung in der Gesellschaft zu etablieren. Das Konzept, dass es „mehr als einen Weg zum Sozialismus“ gäbe, fand in dieser Phase innerhalb der kommunistischen Bewegung immer mehr Akzeptanz. Aber grundlegend war gemeint, dass der Sozialismus nicht auf revolutionäre Weise erlangt werden könne. Selbstverständlich war Berlinguer nicht allein. Denken wir an Spanien…

Bereits 1975 berichtete die New York Times kurz vor dem Tod von Franco, dass die CIA mit den politischen Parteien in Spanien wichtige Beziehungen pflegte, um einen Ausweg aus dem Regime zu finden. Eines der Ansprechpartner war die Kommunistische Partei Spaniens (PCE). Generalsekretär der zu jener Zeit verbotenen Partei war Santiago Carillo.

Carrillos Herangehensweise in diesen Beziehungen ist klar und deutlich: Er sagte den Amerikanern, „Solange die Russen ihre Truppen in der Tschechoslowakei halten, können die Amerikaner in Spanien.“

Dem Imperialismus reichten aber solche theoretischen und politischen Aussagen nicht aus; Morde, Sensationen kommen ins Spiel. Während die anderen Mittelmeerländer „demokratisiert“ wurden, wurde Italien mit Bomben dressiert. In Zügen wurden Bomben gelegt, Gewerkschaftler:innen wurden bedroht und am symbolischsten von allem war wohl, dass Aldo Moro, Vorsitzender der Christdemokraten und die andere Seite des „historischen Kompromisses“ entführt wurde als er Unterwegs zu den Gesprächen mit den Kommunisten über eine Koalitionsregierung war. Er wurde zwei Monate lang festgehalten und dann umgebracht. Das Ergebnis war, dass die PCI nicht zur Besinnung kam, sondern die Präferenz für die „Demokratie“ weiter stärkte.

Die Morde wurden nicht nur in Italien verübt. Ein faschistisches Massaker gab maßgeblichen Anlaß zur Legalisierung der Kommunistischen Partei Spaniens. Im Januar 1977 wurden fünf junge Anwälte in ihrer Wohnung in Madrid umgebracht. Nach diesem als „Atoch-Massaker“ genannten Anschlag agierte die damals noch illegale PIC sehr “verantwortungsvoll“ und organisierte einen Trauerzug ohne „Ausschreitungen“. Die Ordnung blieb unerschüttert; Die PIC bestand erflogreich die Kapitalisten-Prüfung und wurde nur zwei Monate nach den Morden, im April 1977 durch einen Falangisten legalisiert. Sie bekam bei den Wahlen im selben Jahr 9% (1,7 Millionen) Stimmen. Es ist sicherlich die Ironie der Geschichte, dass es zwei Hauptarchitekten des Übergangs zur Demokratie in Spanien gab: Adolfo Suárez, ein vom Franco-Palast übriggebliebener Bourgeoispolitiker, und der Führer der PCE, Santiago Carillo. Diese beiden Namen würden auch als die zwei Politiker in Erinnerung bleiben, die sich während des faschistischen Parlamentsrazzia von 1981 nicht auf den Boden gelegt haben. Es war buchstäblich die Ära des „Eurokommunismus“. Als es 1979 darum ging, die fortschrittliche Regierung in Afghanistan zu unterstützen, war die Distanz bereits gewachsen.

Die Kommunistische Partei Portugals (PCP) steht in dieser Ära als seperates Beispiel und verdient eine nähere Betrachtung. Das Land ging 1974 mit der „Nelken-Revolution in die Demokratie über und auf der politischen Landkarte blieb beinahe keine „rechte“ Partei. Die PCP hatte eine seit Jahren durch fleißige Arbeit erworbene militante gesellschaftliche Anerekennung. Ihr Generalsekretär Alvaro Cunhal, der die Partei aus Moskau, wo er seit langem in Exil lebte, geführt hatte, kam mit großen Hoffnungen und einer anderen Strategie als die anderen europäischen kommunistischen Parteien zurück nach Lissabon. Er glaubte, dass ein revolutionärer Prozess in Potugal für die kommunistische Weltbewegung, die mit der Niederelage in Chile einen schweren Tiefstand erlitt, eine neue revolutionäre Periode in der ganzen Welt einleiten könnte. Dies war eine ganz andere Sichtweise. Und obwohl Cunhal letztendlich falsch lag, war dieser abweichende Gedanke trotz der Zerstreutheit, Kurzsichtigkeit und Strategielosigkeit in der kommunistischen Bewegung ziemlich aufregend. Obwohl es einer viel tieferen Analyse bedarf, sollte sowohl diese weite Sichtweise als auch, trotz aller gegensätzlichen Vorstellungen von der portugiesischen Revolution, die Dominanz der Aufrechterhaltung der „Ordnung“ in Betracht gezogen werden;  um sich daran zu erinnern, wie die Kommunist:innen  die Welt betrachten, an ihren Wagemut und an ihre Hoffnung.

Lebewohl zum Proletariat, Hallo Afghanistan?

Währen all dies im Ausland geschah, neigte die sowjetische Regierung dazu, kritische, umstrittene, aber schlecht vorbereitete Entscheidungen im Inneren zu treffen. Mit diesen Entscheidungen wollte man wahrscheinlich erzielen, der Gesellschaft Energie und Schwung zu verleihen und sie für den Sozialismus zu gewinnen. Aber diese waren verspätete Schritte, deren Angemessenheit fraglich war.  Der Sowjet-Verfassung wurde 1977 nach einer langen, lebhaften Diskussionsphase erneuert. Jedoch wurde eine Schlüsseldefinition wie die „Diktatur des Proletariats“,  die die Differenzen der kommunistischen Strategie aufzeigt, aus der Verfassung genommen. In der UdSSR, die als „reifes sozilistisches Regime“ bezeichnet wurde, wurde der Staat nicht mehr als Diktatur des Proletariats, sondern als Staat der gesamten Gesellschaft definiert. In derselben Phase nahmen auch die kommunistischen Parteien Europas die Definition „Diktatur des Proletariats“ aus ihrem Programm. „Bevor es vollständig entfernt wurde, kann man sehen, dass die Zwischenstufen mit seltsamen, aber Kautsky-ähnlichen Konzeptualisierungen wie der Diktatur des demokratischen Proletariats durchsetzt sind.“ (32)   Diese Parallele zwischen der Sowjetunion und dem Eurokommunismus ist sehr symbolisch. Auch wenn sie unterschiedlich sind, gegensätzlich aufgefasst werden und so in Erinnerung geblieben sind, gibt es im Hinblick auf die Welt, die Geschichte, die Revolution und den Kommunismus, eine Parallele, die sich gegenseitig nährt. Und

„im Grunde genommen sollte nach den 1970er Jahren nicht der Realsozialismus, sondern das imperialistische System, dessen Patronage von den USA gefüht wurde, und in den 1970er Jahren in einer strukturellen Krise geriet, aufgelöst werden müssen. Der Kapitalismus war nicht mehr in der Lage die Produktivkräfte weiter zu entwickeln, die Profitraten fielen, das System verlagerte sich rasch in Richtung eines parasitären Finanzkapitals. Da es jedoch keinen politischen Willen gab, als Revolutionär in diesen Prozess einzugreifen, wurden wir in den 1990er Jahren Zeugen der Liquidierung des Realsozialismus anstelle der imperialistischen Ordnung.“ (33)

Es existierte eine globale Strategie, die der Imperialismus verfolgte, die sich jedoch insbesondere auf Europa konzentrierte, aber die kommunistische Bewegung hatte keine Strategie zur Intensivierung, vor allem mit Fokus auf Europa. Die Kommunisten traten in eine sehr harte Phase des seit den 50er Jahren forcierten Klassenkampfes ein, indem sie sozusagen das, was sie hatten, ablieferten und in der Geschichte begruben. Ihnen gegenüber stand ein ziemlich einflussreicher und organisierter Haufen von Geheimdienste, Autor:innen, Akademiker, Gewerkschaftler:innen, Politiker:innen und sogar die europäischen Mittelklassen. Die Sowjets, die, vor nicht allzu langer Zeit, vor 30 Jahren die Retter der westlichen Demokratie galten, verschwanden und stattdessen kam ein despotisches „russisches Imperium“, das für die Macht bereit zu allen möglichen Spielchen war. Die westlichen Mittelklassen und die potenziellen Befürworter:innen des Sozialismus, junge werktätigen Generationen in Europa haben nun Angst, wenn sie auf die Sowjets schauen. (34)

Vor diesem Hintergrund wurde Afghanistan sehr leicht als eine Besatzung anerkannt, die das Bild vervollständigte. Die Imperialisten hatten leichtes Spiel. Ab dem ersten Moment wurde eine vielseitige Propaganda umgesetzt. Der „Mudjahidin“-Mytos und Berichte von „den grausamen Roten“ gingen Arm in Arm. Der Anti-Kommunismus lieferte solch einen Klebstfoff, dass von dem französichen reaktionären Intellektuellen Bernard-Henri Lévy bis zu den extremistischen Sekten der Türkei sich alle dort sammelten. Und selbstverständlich kam der amerikanische Imperialismus jetzt direkt in das Spielfeld. Sie rüsteten auf, bildeten aus und ließen kämpfen. Währen die Sowjets stolperten waren die Kommunisten Süd- und Westeuropas längst zu Sozialdemokraten geworden. Und selbstverständlich verurteilten sie die Invasion! Sie stützten sich auf die Unterstützung der ca. 20% „Wähler:innen“. Es gab Niemanden mehr, der an die revolutonäre Solidarität, eine weltweite kommunistische Strategie usw. dachte. Die Sitze in den Parlamenten, sogar manche Ministerien verlieh ihnen eine neue Vision. In dieser historischen Phase ließen die Sowjets Europa allein und blieben in Afghanistan selber auch allein. (35)

Diese Einsamkeit lässt sich an der heutigen Assymmetrie klarer erkennen. Der reaktionäre Krieg in Syrien, der 2014 anfing, wurde abgehen von dem Trubel in den ersten Tagen im Rahmen von „Demokratie, Menschenrechte, Freiheit“ nicht als Besatzung aufgefasst. Die weltkommunistische Bewegung nahm Russland nicht einmal als einen Invasor wahr. Die ideologischen Instrumente, die damals für Afghanistan eingesetzt wurden, wurden gegen die Existenz und die Intervention Russlands in Syrien nicht benutzt. Als es später versucht wurde, funktionierte es nicht. Weder konnten Freiheitskämpfer kreiert werden, noch wurde Russland ein imperialistischer Invasor. Solche Bezeichnungen wurden von denjenigen geäußert, die vom Imperialismus selbst marginalisiert wurden und gesagt, konnten in Europa sehr wenig Resonanz finden.  Nicht einmal Assad konnte im wahrsten Sinne des Wortes zum Diktator erklärt werden. Der islamische religiöse Reaktionismus konnte in keiner Art und Weise sympatisch dargestellt werden. Die von Organisationen wie die Weißhelmen durchgeführten Opperationen hatten nur begrenzte Auswirkungen. Die imperialistische Ideologie funktionierte in zwei verschiedenen Kriegen, die im Abstand von 30 Jahren stattfanden, völlig anders.

Ja, Syrien ist nicht Afghanistan und die Assad-Regierung ist nicht die Taraki-Regierung, aber diese Asymmetrie ist sehr sinnvoll und symbolisch, weil sie die Liquidierung in den 70-er Jahren verdeutlicht.

Der letztendlich bestimmende Faktor ist, dass der Sozialismus, der Kampf der Arbeiterklasse nicht existiert. Wenn zum Beispiel Assad dem Prozess mit einer klar und deutlich linken Haltung, mit einem volksnahen Auftreten widerstand geleistet hätte, oder die helfende Macht nicht Russland, sondern die Sowjets gewesen wären, wäre as Bild im Westen völlig anders gewesen und die Antwort der Klasse hätte eingegriffen.

Aus diesem Grund wurden in Kabul nicht nur Moskau, sondern auch Rom, Madrid, Lisabon und Paris besiegt. Genauer gesagt: Der Kommunismus, der sich in Europa nicht durchsetzen konnte, zog sich überall zurück. Was bleibt, ist eine Tragödie, die in Afghanistan noch immer widerhallt.

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* Dieser Artikel wurde in der theoretischen Zeitschrift der Kommunistischen Partei der Türkei, „Gelenek“ (Die Tradition) veröffentlicht.

 

P.S. des Übersetzers: Die Nummerierung der Fußnoten sind sprunghaft, weil die Fußnoten, in denen nur in türkischer Sprache erschienenen Artikeln erwähnt wurden, in dieser Übersetzung nicht mitberücksichtigt sind.

 

  1. Der Film Rambo III mit dem Schauspieler Sylvester Stallone. In diesem 1988 gedrehten Film spielt sich in Afghanistan ab, Rambo der nach Afghanistan geht, „um seinen Freund zu retten“ befreundet sich mit den Einheimischen, nimmt an ihren tradionellen Reitwettkämpfen teil, und bereitet den erbarmungslosen, despoten „roten“ Russen sehr großen Schwierigkeiten.
  2. Der 1978 gewählte polnische Papst war eine Schlüsselfigur und er übernahm eine wichtige politische und ideologische Rolle in der Liquidierung der Sowjetunion und des Realsozialismus.
  3. Der „Koreakrieg“ bekannte Krieg fand zwischen 1950-1953 statt, ist aber „offiziell“ noch nicht beendet. Das heißt: am Ende des dreijährigen offenen Konflikts wurde kein Friedensabkommen unterzeichnet. Unter der Führung der USA wurde mit Militäreinheiten aus 21 Ländern, inklusive der Türkei „die Streitmacht der Vereinten Nationen“ gegründet und Nordkorea der Krieg erklärt. Die Sowjetunion und die Volksrepublik China unterstützten dagegen Nordkorea.
  4. Mit dieser Rede wurde wie eine Bombe mit sehr großer Sprengkraft umgegangen. Die Engländer nannten sie „die Rede des Jahrhunderts“, die Amerikaner veröffentlichten sie überall und immerwieder wie ein Fortsetzungsroman. Der Radiosender Free Europe, dessen Name später oft zu hören war, sendete diese Rede den ganzen Juni 1956 lang in alle osteuropäischen Länder.
  5. Es wurde eine organisierte vielseitige Gegenpropaganda gestartet: Verschieden Mittel kamen ins Spiel, die auch später zu Klassiker wurden: Die Olympia-Boykotte (1956 Melbourn Sommerspiele), die Reaktionen berühmter nichtpolitischer Persönlichkeiten (z.B. Albert Camus) Beschlüsse der Vereinten Nationen und Berichte der „unabhängiger“ Institutionen. Sogar der junge Elvis Presley bekam eine Rolle: Er trat an einer im Ferhsehen übertragenen Spendeaktion für ungarische Flüchtlinge auf und interpretierte ein altes Lied für die Flüchtlinge neu: Peace in the Valley. Das Lied brach 1957 den Radiorekord.
  6. Der einflussreichster Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) nach Palmiro Togliatti. Er wurde 1922 geboren und im Alter von nur 22 Jahren von Togliatti als Generalsekretär der Kommunistischen Jugendorganisation vorgeschlagen. Bald darauf leitete er fast 20 Jahre lang die Jugendarbeit der Partei. Anschließend wurde er Parlamentär und zu einer „andersartigen“ Stimme in der kommunistischen Bewegung. Er leitete die PCI vom 1972 bis zu seinem unerwarteten Tod in 1984. An seinem Trauerzug nahmen 1,5 Millionen Menschen teil.
  7. In den ganzen 60er Jahren wurde in der Sowjetunion aufgemischt: Solzhenitsyn, Brodsky wurden zu internationalen Kampangen. So, dass Brodsky 1974 mit dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chiles ausgetauscht wurde. Dermaßen kostbar war er.

14. Kulturrevolution: Die große proletarische Kulturrevolution, wie von der KPCh definiert.  Sie begann 1966 und zielte darauf ab, alle reaktionären, feudalen und bürgerlichen Werturteile, Verständnisse und traditonelle Normen in der chinesischen Gesellschaft beiseitezuschaffen. Sie wurde insbesondere für die radikalen Mittelklassenbewegungen in Europa zu einer eindeutigen Inspirationsquelle und brach somit das historische Interesse für die Oktoberrevolution und die Sowjets innerhalb der Linken. Andererseits hat sie ihren Platz in der Geschichte als ein umgekehrt maximalistisches Beispiel eingenommen, das die Beziehung zwischen Überbau und Infrastruktur im Sozialismus auf die Spitze treibt.

  1. Im Internet kursierte kürzlich ein interessantes Foto: Auf dem Foto aus dem Jahr 1977 hält (sogar) Louis Althusser eine Rede an einem Hegel-Symposium in Moskau.
  2. Zu der Zeit gab es viele Autoren aus der Türkei, die die Literaturfestivals in Bulgarien besuchten. Ein weiteres Beispiel stammt aus Italien. Der PCI-Mitglied und sehr einflussreiche Kinderbuchauthor Gianni Rodari stand mit einem Bein in der Sowjetnion und wurde in Russland lange vor seiner Heimat populär.
  3. Berlinguer veröffentlichte diese Ansichten erstmals 1973 in Rinascita, dem Wochenmagazin der PCI, kurz nach dem konterrevolutionären Putsch in Chile. Seine Ansichten, die er in drei verschiedenen Artikeln (Gedanken über Italien; Nach den Fakten in Chile; Nach dem Putsch) veröffentlichte, stellen tatsächlich den politischen Rahmen der gerade nichtleninistischen Strategie dar.
  4. Er war Generalsekretär der PCE von 1960 bis 1982. In den 60er Jahren spielte er eine wichtige Rolle in der Vergrößerung der Partei, trotz der illegalen Umstände. In den 70er Jahren wurde er einer der Hauptakteure im „Übergang zur Demokratie“ in Spanien. 1985 trat er aus der Partei. Sein wichtigstes Buch und politisches Projekt heißen „Europäischer Kommunismus“.
  5. Die Verantwortung für die Entführung und Ermordung wurden von den Roten Brigaden übernommen und die Macht hinter diesem „äußerst bedeutungsvollen“ Mord wird seit fast 40 Jahen infragegestellt. Im Laufe der Jahre wurde immer häufiger erwähnt, dass die NATO die Roten Brigaden und die Regierung über die Gladio geleitet hat. Der amerikanischer Psychiatrist Steve R. Pieczenik, der zum Zeitpunkt der Entführung die italienische Regierung über die „terroristische Angriffe“ hochrangig beraten hatte, erklärte 2006 in einem Interview, dass „die Aufopferung Aldo Moros für Italiens Ordnung notwendig gewesen“ sei.
  6. Am 23. Februar 1981 überfiel Oberst Tejero, mit 200 Soldaten das spanische Parlament. Er beabsichtigte, die volle Macht an König Juan Carlos zu übertragen und das Ende des demokratischen Übergangs und die Rückkehr zur Franco-Diktatur zu verkünden.
  7. Hier zitiert der Autor aus einem Artikel von Anıl Çınar aus der Zeitschrift Gelenek J. 2021; Nr. 15, S.14: „Der Euro-Kommunismus ist eine Übergangphase der desorientierten europäischen kommunistischen Parteien: Eine Übergangsphase zwischen ihren traditionellen Wurzeln, wo sie herkamen und der Sozialdemokratie, wo sie letztlich landeten.“
  8. Die Einladung zur Hilfe der Sowjetunion nach Afghanistan stieß innerhalb der kommunistischen Bewegung selbstverständlich nicht nur auf Zweifel und Einwände. Die Französische Kommunistische Partei zum Beispiel erkannte die Gefahr des Reaktionismus und unterstützte diesen Schritt. Aber die PCF war in anderen Fragen so gespalten mit den Sowjets, dass es schwer war, zu verstehen, was sie meinte. Ausführlichere Informationen und Diskussionen finden Sie unter. Anil Cinar. Eurokommunismus, Neue Linke, Marxismus: Was ist neu an der alten Debatte? Tradition, 2021, 15: 9-30.

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