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Ausland, Medien

Die Spiegel-Lügen der letzten Woche, Teil 5: Gazprom und Moldawiens Gasnotstand

von Thomas Röper – http://www.anti-spiegel.ru

Der Spiegel hat berichtet, dass in Moldawien ein schwerer Mangel an Gas herrscht und dass das Land den Notstand ausgerufen hat, weil Gazprom die Gaslieferungen verweigert. Stimmt das?

Da ich derzeit mit der Arbeit an meinem Buch über die Netzwerke hinter der Pandemie sehr ausgelastet bin, komme ich kaum dazu, auch noch Artikel zu schreiben. Sollten Sie noch nicht mitbekommen haben, worum es bei dem Buch geht, lesen Sie zunächst diesen Artikel und dann diesen Artikel, die Reihenfolge ist wichtig, weil sie aufeinander aufbauen.

Normalerweise hätte ich auf die dreisten Lügen, die sich der Spiegel letzte Woche geleistet hat, sofort reagiert. Nun tue ich es eben mit ein wenig Verspätung und was als kleine Sonderreihe für eine Woche gedacht war, setze ich nun fort, weil der Spiegel mir so viel Material liefert, dass die Sonderreihe in ihre zweite Woche geht.

Genießen Sie also zusammen mit mir Teil 5 der „Spiegel-Propagandashow“

Der Gasnotstand in Moldawien

Der Spiegel hat am 22. Oktober unter der Überschrift „Schwere Gasversorgungskrise – Republik Moldau ruft wegen Gasmangels Notstand aus“ berichtet, dass in Moldawien Gas fehlt und natürlich Gazprom daran schuld ist. Der Artikel begann mit folgender Einleitung:

„Der ehemaligen Sowjetrepublik Moldau droht bald das Erdgas auszugehen. Der Grund: Andauernde Vertragsverhandlungen mit dem russischen Energieriesen Gazprom. Jetzt hat die moldauische Regierung den Notstand ausgerufen.“

Über die Gründe für die Situation erfuhr der Spiegel-Leser in dem Artikel:

„Der Gasbedarf der wirtschaftlich schwachen Ex-Sowjetrepublik für Oktober sei nur zu 67 Prozent gedeckt. In dieser Lage sei ihr Land gezwungen, Erdgas aus anderen Quellen zu beziehen, sagte Gavrilita – der Notstand sei die Voraussetzung für ein solches Vorgehen. Moldau bezieht Gas entweder über die Ukraine oder über Rumänien.
Ein Vertrag zwischen Moldau und dem russischen Energiekonzern Gazprom, der eigentlich Ende September hätte auslaufen sollen, war zuletzt um einen Monat verlängert worden. Die Verhandlungen mit Gazprom dauerten an, so Gavrilita.“

Und weil die Nachbarländer alle so lieb sind, helfen sie Moldawien, wo sie nur können, wie der Spiegel-Leser dann auch noch erfährt:

„Die Ukraine, deren Beziehungen mit Russland stark angespannt sind, stellte Moldau kurzfristig Gaslieferungen aus eigenen Reserven in Aussicht. Man brauche das Gas auch nicht zu bezahlen, sondern könne später die entsprechenden Mengen zurückliefern, sagte der Sekretär des ukrainischen Sicherheitsrats, Olexij Danilow.“

Das simple Weltbild des Spiegel

Damit der Spiegel-Leser nicht vergisst, wer an all dem die Schuld trägt, schreibt der Spiegel am Ende seines Artikels noch:

„Die drastisch gestiegenen Energiepreise haben vielerorts in Europa große Sorge ausgelöst. Kritiker vermuten, dass Gazprom nicht auf die erhöhte europäische Nachfrage reagiere, um eine rasche Inbetriebnahme der Gaspipeline Nord Stream 2 zu erzwingen.“

Wir erfahren also, wenn wir das zusammenfassen, dass Gazprom dem armen kleinen Land Moldawien, das ohnehin bettelarm ist, unmittelbar vor dem Winter den Gashahn zudreht. Gazprom tut demnach das, was der Westen den bösen Russen immer vorwürft: Es setzt Gas als Waffe ein. Das
passt in das Weltbild des Spiegel.

Weiter erfahren wir beim Spiegel, wie toll die Solidarität der dem Westen treu ergebenen Länder funktioniert, wenn die Ukraine der neuen moldawischen Regierung, den Brüdern im anti-russischen Geiste, umsonst Gas liefert, um den Engpass zu überbrücken. Der Spiegel-Leser bekommt das Weltbild bestätigt, das die Spiegel-Redaktion malen möchte: Russland ist böse, aber die Freunde des Westens stehen in Solidarität vereint zusammen.

Was der Spiegel-Leser nicht erfährt

Die Geschichte klingt ganz toll, aber sie hat einen Haken: Der Spiegel verschweigt seinen Lesern den Grund für die Gaskrise in Moldawien. Wer den erfahren möchte, muss russische Medien lesen. RT-DE berichtete über das Detail, über der Spiegel aus irgendeinem Grund nicht berichtet hat, und schrieb in der Einleitung seines Artikels:

„In Moldawien ist das Gas knapp, seit ein alter Liefervertrag mit Gazprom ausgelaufen und ein neuer noch nicht verhandelt ist. Gazprom fordert zunächst die Begleichung alter Schulden. Moldawien hält das für eine unfaire Bedingung. Ohne neuen Vertrag könnte die Belieferung im Dezember enden.“

Das klingt schon anders. RT-DE stellt die Argumente beider Seiten dar: Gazprom möchte zunächst, dass die offenen alten Gasrechnungen bezahlt werden, Moldawien hingegen findet, dass das unfair ist. Im Gegensatz zum „russischen Propaganda-Sender“ verschweigt der Spiegel die Argumente einer Seite komplett.

Der Spiegel könnte die Argumente von Gazprom ja nennen und seinen Lesern erklären, warum es unfair von Gazprom ist, vor einem neuen Vertragsabschluss die Bezahlung des alten Vertrages zu fordern. Aber anscheinend hat der Spiegel Angst, dass seine Leser, wenn sie davon wüssten, aus irgendeinem Grund Verständnis für die Position von Gazprom aufbringen könnten.

In dem Artikel von RT-DE erfahren wir dann noch mehr Details:

„Nachdem die Versuche scheiterten, den langfristigen Gasliefervertrag zwischen Russland und dem unter Gasknappheit leidenden Moldawien zu erneuern, hat Gazprom erklärt, die Lieferungen im nächsten Monat einzustellen, wenn Chisinau seine Schulden nicht zahlt. Die moldawische Regierung habe die Gasversorgungskrise, in der sich das Land jetzt befindet, selbst geschaffen, so Gazprom. Die Schulden Moldawiens belaufen sich inzwischen auf 709 Millionen US-Dollar.“

Was das im Klartext bedeutet

Moldawien hat bei Gazprom offene Rechnungen und der Liefervertrag ist ausgelaufen. Wenn Gazprom so böse wäre, wie der Westen behauptet, warum hat Gazprom dann den bestehenden Vertrag um einen Monat verlängert und liefert weiterhin Gas, obwohl Moldawien seine Gasrechnung seit Monaten nicht bezahlt?

Gazprom ist Moldawien also schon weit entgegengekommen und Moldawien hat sogar noch Zeit, seine Rechnungen zu bezahlen, denn Gazprom wird – trotz offener Rechnungen – noch bis Ende November Gas liefern und den Gashahn erst zudrehen, wenn bis Ende November keine Einigung erzielt ist. Und die Einigung ist denkbar einfach: Bezahlt Eure Rechnung und schon gibt es einen neuen Vertrag.

Da in Moldawien aber gerade erst eine pro-westliche Regierung an die Macht gekommen ist, die sich in ihrer anti-russischen Radikalität nicht von der Regierung der Ukraine unterscheidet, ist es nicht überraschend, dass es zu diesen Problemen gekommen ist. Der moldawischen Regierung ist es wichtiger, eine anti-russische Stimmung zu erzeugen, als ihren Bürgern eine sichere Versorgung mit Strom und Heizung zu garantieren. Und diese gewollte anti-russische Stimmung kann man sehr gut schüren, indem man selbst eine Gaskrise herbeiführt, den Bürgern im Winter für einige Tage die Heizung abdreht und die Schuld an der selbstgebackenen Misere den Russen in die Schuhe schiebt.

Solche Probleme mit dem Gas gab es früher in Moldawien nie. Aber so wie in Moldawien, bastelt sich die Politik auch in Europa ihre Probleme im Energiesektor selbst und gibt dann den Russen die Schuld.

Die wahren Gründe für die Energiekrise in Europa

Über die Gründe für die Energiekrise in Europa habe ich oft berichtet, daher fasse ich sie hier der Vollständigkeit halber nur noch einmal kurz zusammen.

Erstens: Der letzte Winter war kalt, weshalb viel Gas verbraucht wurde. Pipelines und Tanker reichen nicht aus, um im Winter genug Gas nach Europa zu bringen, weshalb die Gasspeicher normalerweise im Sommer aufgefüllt werden. Das ist in diesem Jahr ausgeblieben und während die Gasspeicher normalerweise zu Beginn der Heizsaison zu fast 100 Prozent gefüllt sind, sind es in diesem Jahr nur 75 Prozent.

Zweitens: Die Energiewende hat zu einem zu großen Anteil von Windenergie am Strommix geführt. Da der letzte Sommer aber außergewöhnlich windstill war, fehlte die Windkraft und es wurde unter anderem Gas zur Stromerzeugung genutzt, das eigentlich in die Speicher hätte geleitet werden müssen.

Drittens: Der Wunsch vieler europäischer Politiker, russisches Gas durch vor allem amerikanisches Flüssiggas zu ersetzen, hat dazu geführt, dass in Europa nun Gas fehlt. Der Grund: In Asien sind die Gaspreise noch höher als in Europa und die fest eingeplanten amerikanischen Tanker fahren nach Asien, anstatt nach Europa.

Viertens: Die Reform des Gasmarktes der letzten EU-Kommission hat den Handel mit Gas an den Börsen freigegeben. Dadurch wurde Gas zu einem Spekulationsobjekt. Während Gazprom sein Gas gemäß langfristigen Verträgen für 230 bis 300 Dollar nach Europa liefert, ist es für die Importeure ein gutes Geschäft, das Gas an der Börse für 1.000 Euro weiterzuverkaufen und diese Spekulationsgewinne in Höhe von mehreren hundert Prozent in die eigene Tasche zu stecken.

Warum Gazprom trotzdem langfristige Verträge möchte? Die Antwort ist einfach, denn das war auch in Europa so, als in Europa noch Gasfelder erschlossen wurden. Der Produzent von Gas muss Milliardeninvestitionen planen und das geht nur, wenn er weiß, wie viel Gas er langfristig zu welchem Preis verkaufen kann. Daher möchte ein Gasproduzent langfristige Verträge, auch wenn der Preis zeitweise möglicherweise viel niedriger ist als der, den er an der Börse erzielen könnte.

Auch für den Kunden ist es von Vorteil, wenn er die Gaspreise und die Gasmengen im Voraus planen kann, denn was passiert, wenn man sich auf kurzfristige Verträge einlässt, erleben wir gerade in Europa. Dass die EU-Kommission sich trotzdem für kurzfristige Verträge und Börsenhandel von Gas einsetzt, ist entweder Inkompetenz, oder der Wunsch europäischen Konzernen die lukrative Börsenspekulation mit Gas auf Kosten der Verbraucher zu ermöglichen, oder die politische Abhängigkeit von den USA, die auf kurzfristige Verträge setzen, weil ihrer schnelllebigen Frackingindustrie schnelle Gewinne wichtiger sind als langfristige Planungssicherheit.

Aber von all dem erfahren Spiegel-Leser nichts, was einmal mehr bestätigt:

Spiegel-Leser wissen weniger!


Wenn Sie sich für mehr Beispiele für freche Verfälschungen der Wahrheit in den „Qualitätsmedien“ interessieren, sollten Sie Beschreibung meines neuen „Spiegleins“ lesen. Das Buch ist eine Sammlung der dreistesten „Ausrutscher“ der „Qualitätsmedien“ im Jahre 2020 und zeigt in komprimierter Form, wie und mit welchen Mitteln die Medien die Öffentlichkeit in Deutschland beeinflussen wollen. Von „Berichterstattung“ kann man da nur schwer sprechen. Über den Link kommen Sie zur Buchbeschreibung.

Die Spiegel-Lügen der letzten Woche, Teil 5: Gazprom und Moldawiens Gasnotstand

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