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Ausland, Russland

Warum Kontakte mit der gegenwärtigen ukrainischen Führung völlig sinnlos sind

von Dmitri Medwedew

Übersetzung Dr. Wolfgang Schacht

Der Stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrates der Russischen Föderation, Dmitri Medwedew, wandte sich an „Ъ“ mit dem folgenden neuen Artikel. Die Zeitschrift „Kommersant“ veröffentlichte sie im Original.

Fünf kurze polemische Thesen

„Die Ziege hat mit dem Wolf gekämpft, von der Ziege blieb nur die Haut“ (Sprichwort in ukrainischer Sprache).

1.

Die Ukraine sucht ihre eigene Identität und ihren besonderen Weg, sie erfindet ihre eigene Geschichte (obwohl die Geschichte lehrt, dass dafür 100 Jahre erforderlich sind). Aber die ukrainischen Führer, besonders die Führungskräfte – das sind Menschen, die keinerlei stabile Selbstidentifikation besitzen. Pechvögel. Wer sind sie? Welche Staatsbürger von welchem Land sind sie? Wo sind ihre Wurzeln, ihre historische Identität, ihr Ethnische Zugehörigkeit? An welche Götter glauben sie? Als was empfinden sie sich? Sind sie „aufrichtige“ Ukrainer? „Europäer“? Russen? Juden? Tataren? Ungarn? Türken?

Der gegenwärtige Präsident dieses gequälten Landes – das ist ein Mensch, der bestimmte ethnische Wurzeln hat und sein ganzes Leben russisch gesprochen hat. Außerdem hat er in Russland gearbeitet und seine Einkünfte im bedeutenden Maße aus russischen Quellen geschöpft. Trotz alledem hat er in einem bestimmten Moment, als er Präsident des Staates wurde, aus Angst, dass eine neuen Orangenrevolution (Maidan) gegen ihn organisiert wird, seine politische und moralische Orientierung völlig geändert. Im Grunde genommen hat er damit seine Identität verleugnet. Er begann den reaktionärsten nationalistischen Kräften der Ukraine fanatisch zu dienen (derartige Kräfte gab es schon immer in der Ukraine, aber sie betrugen nur 5 – 7 % der Bevölkerung).

Es ist kaum vorstellbar, wie widerlich ihm ein derartig moralisches „Salto Mortale“ gewesen sein muss. De facto erinnert dies an die völlig irrsinnige Situation, das Vertreter der jüdischen Intelligenz im Nazi-Deutschland aus ideologischen Gründen betteln würden, in der SS zu dienen.

Natürlich ruft eine derartiger Zustand täglich eine „kognitive Dissonanz“ in seiner Psyche und in seinen Handlungen hervor. Außerdem kann er nicht sicher sein, dass in einem bestimmten Moment bei Veränderung der politischen Konjunktur er selbst zur Zielscheibe wird und man ihm einen gelben Stern auf den Rücken klebt. Er muss ständig zwischen verschiedenen Kräften manövrieren, zwischen radikalen Nazisten, muslemischen Bevölkerungsschichten, Tataren, gemäßigten unpolitischen Ukrainern, Russen u. a. ethnischen Gruppierungen – immer mit dem Ziel, dass ihm nicht selbst der Hals gebrochen wird. Deshalb erscheinen solche äußerst scheußlichen Dokumente, wie z. B. das Gesetz über die Stammesvölker der Ukraine. Deshalb zeigt er sich als noch größerer Nationalist, als die extremen Radikalen selbst.

Er selbst musste sich als „Pantheon der Helden“ in diesen Teil der ukrainischen Gesellschaft einordnen. Mit ihnen gemeinsam „Sieg Heil!“ schreien. Die bedingungslose Autorität dieser Schurken als „Große Ukrainer“ anerkennen. Die heiligen Denkmäler der Terroristen und Judenhasser (Bandera, Schuchewytsch) zusammen mit ihren Anhängern, die sich heute als bedeutenden Teil der politischen Elite der Ukraine betrachten, förmlich anbeten.

Allen ist der schmerzvolle Kalender der Truppen von Bandera und der Polizei vom Sommer 1941 bekannt: Nach der Einnahme der Stadt Lwow durch deutsche Truppen wurden in zwei jüdischen Pogromen ca. 6 Tausend Menschen ermordet. Gleiches gilt für die grausame Vernichtung von Russen, Ukrainern, Juden, Polen in Janowa-Dolina, Podkamen und die Massaker in Belaja Zerkov, Babij Jar und Wolynsk.

Aus einem bisher noch nicht veröffentlichten Dokument, folgendes Zitat:

„Eine Bande von Mördern zerschlug die Türen und Fenster, stürzte in die Wohnungen, erschoss, erstach mit Messern und Äxten die Menschen – darunter auch kleine Kinder und alte Menschen. Danach wurden die Leichen auf Karren geladen, zu Erdlöchern gebracht und eingebuddelt. Um diese Verbrechen zu vertuschen, wurden ganze Familien in den Scheunen verbrannt. Alle diese scheußlichen Gräueltaten waren mit einer massenhaften Plünderung des Eigentums der zu Tode gequälten Familien verbunden“ (siehe Anlage in russischer Sprache).

Es ist ihm eindeutig widerlich, derartige profaschistische Stimmungen zu dulden. Sein ganzes Leben, das Leben seiner Familie rebelliert gegen derartige Grässlichkeiten. Kein normaler anständiger Mensch könnte so etwas tun. Aber leider muss er das tun. Sonst würde „sein Gehirn an der Wand verschmiert“. Er hat sehr viel Angst und mag diese Menschen nicht, aber er ist gezwungen ihre Ideologie zu propagieren und ihre widerlichen Ansichten zu unterstützen. Ein von innen nach außen völlig umgekrempelter Mensch.

Wie kann man in dieser Situation mit ihm Verhandlungen durchführen und Absprachen treffen?

In keiner Weise.

2.

Die ukrainischen Führer der gegenwärtigen Generation sind absolut unselbstständige Menschen. Darüber wurde bereits sehr viel gesagt und geschrieben, darunter in einem bekannten Artikel von W. W. Putin. Das Land befindet sich unter einer direkten ausländischen Verwaltung. Dabei ist diese Verwaltung wesentlich härter, als die Zusammenarbeit der UdSSR mit den anderen sozialistischen Ländern in der damaligen Zeit. Die UdSSR gab ihren geopolitischen Verbündeten ausreichenden Raum für die Gestaltung ihrer Innenpolitik, wohl wissend, dass dies sonst zu tragischen Ereignissen (wie 1956 in Ungarn und 1968 in Prag) kommen kann. Das ist einfache pragmatische Logik. In der Ukraine herrscht totale Abhängigkeit – angefangen von den Geldflüssen in ihre Wirtschaft (Almosen von den USA und EU) bis zur direkten Führung der ukrainischen Geheimdienste durch die amerikanischen Herren. Während die UdSSR gute Beziehungen mit den Ländern des sozialistischen Lagers und des Warschauer Vertrages brauchte (ihr Ziel bestand im gemeinsamen „Aufbau des Sozialismus“), braucht die USA von der Ukraine nur ihre Konfrontation mit Russland, die totale Eindämmung von unserem Land und Realisierung des Projekts „Anti-Russland“. Das bedeutet, dass dieses „Bündnis“ sehr instabil ist und sich jederzeit in Staub auflösen kann. Die Hoffnungen auf eine Mitgliedschaft in der NATO und EU sind aus offensichtlichen Gründen völlig illusorisch. Die Ukraine spielt keine Rolle für die direkte Konfrontation zwischen den westlichen Kräften (einschließlich der militärischen Kräfte) mit unserem Land. Es gibt keine Dummköpfe, die bereit sind, für die Ukraine zu kämpfen. Mit Vasallen zu verhandeln ist für uns sinnlos. Alle Verhandlungen müssen mit ihren Herren geführt werden.

3.

An der Spitze der Ukraine stehen schwache Menschen, die nur bestrebt sind, ihre eigenen Taschen vollzustopfen. Dabei ist es wünschenswert, für alle Fälle, das Geld auf offshore Konten zu bewahren. Viele von ihnen kennen wir sehr gut. Einen Führer, der bereit wäre sein Leben für die Ukraine zu opfern und nicht zu versuchen, seine Macht zu Geld zu machen, gab es bisher nicht, gibt es nicht und wird es in absehbarer Zeit auch nicht geben. Im Gegenteil, wenn es um Profit geht, dann tritt der Hass gegen Russland und das Streben nach Mitgliedschaft in der EU und NATO völlig hinter die egoistischen Motive, denn dann ist der Russe mit Geld wichtiger als jede Feindschaft. Ich erinnere mich an die Worte eines meiner Kollegen vor der Orangenrevolution im Jahre 2014. Auf meine Frage: „Warum nimmt dieser Typ an den Wahlen teil, er hat doch gar keine Chancen?“. Seine Antwort hat mich sehr überrascht: „Wieso verstehen Sie nicht, das ist für ihn die letzte Gelegenheit ein paar Kröten von der Wahlkampagne abzusahnen“. Jeder Kommentar dazu ist überflüssig. Seitdem hat sich nichts geändert. Mit solchen schwachen Menschen sind jegliche Kontakte unproduktiv. Sie können dich in jedem Moment für ein paar Groschen verkaufen.

4.

Die Sinnlosigkeit und sogar Schädlichkeit der Beziehungen mit den gegenwärtigen Führern der Ukraine besteht außerdem darin, dass an der Spitze dieses Landes nur Ignoranten und unzuverlässige Menschen stehen. Sie wechseln ständig ihre Standpunkte im Interesse ihrer überseeischen Herren und im Interesse der politischen Konjunktur. So verstehen sie die Kunst der Diplomatie. Hausgebackene Intriganten! Sie unterschreiben die „Minsker Verträge“, vereinbaren das „Normandie-Format“, aber nach inneren Turbulenzen in der Rada (Ukrainisches Parlament), nach Tumulten auf öffentlichen Plätzen oder auf Anweisungen aus den USA werden die abgestimmten Positionen völlig auf den Kopf gestellt. Manchmal sind Kompromisse und Abweichungen möglich, aber nicht in einem solchen Grad, dass alle getroffenen Entscheidungen außer Kraft gesetzt werde. Wir werden ständig belogen und betrogen. Dabei geht es nicht um konkrete Namen des einen oder andern Führers. Das ist die Position von allen ukrainischen Teilnehmern an den Verhandlungen, ihr modus operandi. Solchen „Partnern“ in den internationalen Beziehungen, die ständig lügen, kann man nicht vertrauen. Das bedeutet, dass Verhandlungen mit ihnen absolut sinnlos sind.

5.

Damit entsteht die ewige und wichtigste Frage: Was soll man in dieser Situation machen? Die Antwort lautet: Nichts! Wir müssen auf die Erscheinung einer vernünftigen Regierung in der Ukraine warten. Eine Führung, die nicht auf eine totale Konfrontation am Rande eines Krieges mit Russland gerichtet ist und nicht auf die Organisation einer idiotischen „Krim-Plattform“, die zur völligen Verdummung der Bevölkerung des Landes geschaffen wurde. Wir müssen auf eine ukrainische Regierung warten, die auf der Grundlage gleichberechtigter und beiderseits vorteilhafter Beziehungen zwischen unseren Ländern handelt. Nur mit einer solchen Führung in der Ukraine lohnt es sich zusammenzuarbeiten. Russland versteht zu warten. Wir sind geduldige Menschen.

Anlage (in russischer Sprache)

http://www.dr-schacht.com/Artikel_von_Medwedew_vom_11_10_2021.pd

 

 

 

 

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