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Energie, Wirtschaft

Kohleausstieg? Wegen des selbst verschuldeten Gasmangels: Europa bittet um zusätzliche Kohle aus Russland

von Thomas Röper – http://www.anti-spiegel.ru

Europäische Energieunternehmen haben in Russland um eine Erhöhung der Kohlelieferungen gebeten, weil in der EU zu wenig Gas vorhanden ist. Der Gaspreis explodiert unterdessen weiter und steht nun schon bei 1.150 Dollar.

Über die sich abzeichnende Gaskrise in Europa, die sich inzwischen nicht nur ankündigt, sondern die bereits eingetreten ist, habe ich seit dem Sommer berichtet. Sollte all das für Sie neu sein, finden Sie am Ende des Artikels eine kurze Zusammenfassung der Gründe für diese Entwicklung.

Zunächst möchte ich die aktuelle Meldung des russischen Fernsehens übersetzen, die vor dem Hintergrund der von der EU selbst verursachten Energie- und Gaskrise wie Realsatire klingt. Immerhin will die EU aus der Kohlenergie aussteigen und sie hat wegen des Abbaus von Kohle sogar schon eine Strafe gegen Polen verhängt. Nun aber bestellen europäische Energieunternehmen sogar zusätzliche Kohle aus Russland, weil die europäischen Vorräte an Kohle nicht ausreichen.

Beginn der Übersetzung:

EU bittet Russland um mehr Kohle: Stündlich neue Rekorde beim Gaspreis

Europäische Energieunternehmen haben ihre russischen Kollegen gebeten, die Kohlelieferungen zu erhöhen, da die Gaspreise in der EU zu Beginn der Heizperiode weiterhin ungewöhnlich hoch sind, berichtet Bloomberg unter Berufung auf Vertreter zweier russischer Energieunternehmen. Einen Tag zuvor hatten chinesische Unternehmen ihre russischen Kollegen gebeten, die Stromlieferungen zu erhöhen In China hat der Mangel an Kohle und Gas zu einer Energiekrise geführt.

Das russische Energieministerium erklärte, es habe keine zwischenstaatlichen Hilfeersuchen von China und europäischen Staaten erhalten – die Anfragen seien an russische Unternehmen gerichtet worden.

Die europäischen Länder waren nicht in der Lage, ihre Gasvorräte für den Winter aufzufüllen und mit Beginn der Heizperiode am 1. Oktober entnehmen sie Gas aus den Speichern, die im Durchschnitt zu 70 Prozent und in einigen Regionen nur zu 50 Prozent gefüllt sind.

Die Europäer brauchen Kohle, die viel billiger ist als Gas, um die Energiekrise zu bewältigen. Die Wind- und Solarenergieerzeugung in der EU kann die Nachfrage nach Strom und Wärme bei Frost nicht decken. Das war auch der Grund für die Energiekrise in den USA im letzten Winter, als in Texas, dem Öl- und Energiezentrum der USA, die Energieversorgung kollabiert ist.

Diese Situation wird zu einem enormen Anstieg der weltweiten Kohlenachfrage führen, prognostizierte Natasha Tyurina, Chefanalystin bei Wood Mackenzie in Houston.

Gleichzeitig hat der Gaspreis an der Börse in der EU heute, am 30. September, wieder einen neuen Rekord aufgestellt – bis zum Mittag wurde ein weiterer historischer Höchststand erreicht: 1.150 Dollar pro tausend Kubikmeter Gas.

Der Gaspreis in der EU hat sich seit Anfang des Jahres versechsfacht, während sich der Preis für Kohle in Europa verdoppelt hat. Die europäische Ölsorte Brent hat bereits im Oktober 2018 ihren Höchststand von 80 Dollar pro Barrel erreicht. Der Gasmangel in der EU könnte dazu führen, dass der Ölpreis im ersten Quartal 2022 aufgrund eines kalten Winters auf 100 Dollar pro Barrel steigt, prognostiziert die Bank of America, einer der Giganten der Wall Street.

Ende der Übersetzung

Die Gründe für die Gaskrise

Die Gasspeicher in Europa sind mit etwa 70 Prozent so gering befüllt, wie praktisch noch nie zu Beginn der Heizsaison. Das Problem ist, dass die Speicher vor der Heizsaison gefüllt werden müssen, weil die Kapazitäten von Pipelines und Tankern nicht ausreichen, um den Bedarf im Winter zu decken. Deshalb werden die Gasspeicher normalerweise im Sommer gefüllt, was in diesem Jahr jedoch nicht geschehen ist.

Normalerweise sind die Gasspeicher zu Beginn der Heizsaison zu annähernd 100 Prozent gefüllt, derzeit sind es aber nur etwa durchschnittlich 70 Prozent. Wenn man nun noch bedenkt, dass sie nach der letzten Heizsaison nur noch zu 30 Prozent gefüllt waren, muss man kein mathematisches Genie sein, um zu verstehen, dass das Gas in Europa nicht über den Winter reicht, wenn der Winter nicht ausgesprochen mild wird und die Menschen nicht oder nur wenig heizen müssen. Und die Zeit reicht nicht mehr aus, die Speicher zu füllen, denn die Heizsaison beginnt Anfang Oktober.

Die Europäer haben es schlicht versäumt, die Speicher zu füllen, obwohl Gazprom in diesem Jahr eine Rekordmenge an Gas nach Europa gepumpt hat. Gazprom liefert deutlich mehr Gas nach Europa als 2020. Deutschland zum Beispiel hat in den ersten acht Monaten 2021 fast 40 Prozent mehr Gas erhalten, als im Vorjahreszeitraum. In den ersten acht Monaten hat Gazprom fast soviel Gas exportiert, wie im bisherigen Rekordjahr 2018. Die Gasknappheit in Europa hat also nicht Gazprom zu verantworten.

Aber das geben Politik und Medien nicht zu und beginnen, Russland wegen der hausgemachten Probleme zu beschuldigen.

Am 29. September hat der Gaspreis in Europa die Marke von tausend Dollar genommen und die Preise steigen weiter, denn nur einen Tag später liegt er bereits bei 1.150 Dollar. Man wundert sich dabei, dass die europäischen Gasimporteure ihre Bestellungen bei Gazprom nicht erhöhen, denn es gibt freie Kapazitäten in den Pipelines. Gerade die ukrainische Pipeline, die man offiziell doch schützen möchte, hätte freie Kapazitäten, nachdem Ungarn gerade erst einen Vertrag darüber geschlossen hat, sein Gas fast nicht mehr durch die Ukraine, sondern über die Türkei zu beziehen.

Und auch die Jamal-Pipeline, die russisches Gas über Weißrussland nach Europa bringt, ist nicht voll ausgelastet. Im Gegenteil: Am 29. September wurde gemeldet, dass die Durchleitung von Gas in der Pipeline auf ein Drittel gefallen ist und nur noch bei 1,5 Millionen Kubikmeter pro Stunde liegt. Ihre Kapazität liegt aber bei fast vier Millionen Kubikmeter pro Stunde. Dass man auch Nord Stream 2 in Betrieb nehmen könnte, was die EU jedoch mit einem künstlich verkomplizierten Zertifizierungsverfahren behindert, sei da nur noch nebenbei erwähnt.

Und auch die hohen Gaspreise in der EU sind hausgemacht, denn die EU-Kommission hat den Gasmarkt liberalisiert. Gazprom liefert sein Gas für 220 Euro nach Deutschland, die Verträge sind langfristig geschlossen. Aber innerhalb der EU wird das Gas von den Importeuren an der Börse gehandelt, was nun dazu geführt hat, dass das Gas, welches für 220 Euro in der EU ankommt, plötzlich über 1.100 Dollar kostet. Die Gewinne streichen die Konzerne ein, die Rechnung zahlen die Verbraucher.

Die EU behindert die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 und die europäischen Importeure nutzen die vorhandenen freien Kapazitäten der bestehenden Pipelines nicht für zusätzliche Bestellungen von Gas, weshalb man fast meinen könnte, die EU und die Gasimporteure seien an einer Energiekrise im Winter interessiert.

Wegen der niedrigen Füllstände der Gasspeicher ist eine Energiekrise in Europa in diesem Winter kaum mehr zu verhindern. Daran werden wohl auch zusätzliche Bestellungen von Kohle nichts ändern können.

Wegen des selbst verschuldeten Gasmangels: Europa bittet um zusätzliche Kohle aus Russland

Diskussionen

3 Gedanken zu “Kohleausstieg? Wegen des selbst verschuldeten Gasmangels: Europa bittet um zusätzliche Kohle aus Russland

  1. Tausende von Deutsche in Grossbritannien wurden von der Regierung aufgefordert, dem Mangel an Lkw-Fahrern abzuhelfen, selbst wenn sie noch nie einen Lkw gefahren haben. Hört sich an wie ein schlechter Scherz, ist aber keiner.

    In einem vom Verkehrsministerium verschickten Schreiben werden die Empfänger gebeten, eine Rückkehr in die Lkw-Fahrerindustrie zu erwägen. Der genaue Wortlaut:

    „Ihre wertvollen Fähigkeiten und Erfahrungen wurden noch nie so sehr gebraucht wie jetzt.“

    Deutsche die einen Führerschein vor 1999 erworben haben, sind mit diesem Führerschein berechtigt, kleine bis mittelgroße Lastkraftwagen bis zu 7,5 Tonnen zu fahren, selbst wenn sie dies noch nie getan haben.

    Fast alle deutschen Staatsbürger im Vereinigten Königreich haben diesen Brief erhalten, in dem sie um Hilfe gebeten werden, obwohl die überwältigende Mehrheit von ihnen noch nie einen Lkw gefahren haben dürfte.

    Klingt komisch, ist aber so.

    Nüchtern betrachtet zeigt dieses Schreiben eine Regierung, die verzweifelt versucht ein Problem zu lösen, welches sie selbst geschaffen hat und völlig planlos vorgeht. Danke Boris, Danke Nigel.

    Das Problem ist insgesamt nicht neu: In ganz Europa fehlen insgesamt 400.000 Lkw-Fahrer.

    Polen, Rumänen und Bulgaren sind vom Jahresende letzten Jahres noch stinksauer (völlig zu recht) nachdem sie tagelang festgehalten wurden und von Einheimischen mit Lebensmitteln versorgt wurden und an Weihnachten mit ihren Familien nur telefonieren konnten.

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    Verfasst von Pavlov | 2. Oktober 2021, 0:20
  2. Der Kapitalismus sägt fleißig an den Ast auf dem Er sitzt!

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    Verfasst von wolfgang fubel | 1. Oktober 2021, 12:08
  3. Also ich würde die heiße Luft, die unsere Politiker so absondern, verwenden, um eine Turbine zu betreiben.
    Wäre allemal günstiger.

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    Verfasst von V wie Vendetta | 1. Oktober 2021, 8:41

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