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Kultur, Satire

Zwischen Skylla, Charybdis und Annalena – Eine kleine Ikonographie der Laternendeko

von Dietmar Spengler

Sag einer bloß, der Wahlkampf 21 wäre langweilig. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Kalauer jagt den nächsten! Drei Kandidaten haben sich zur Kanzlerschaft angemeldet, der Vierte hält sich vornehm bereit, der Fünfte rabaukt und die Letzten müssen bangen.

Von den Dreien, die in die Zielgerade eingebogen sind, taugt allenfalls die Grünbeseidete für eine Loreley – obgleich die schwarze Kurzhaarfrisur…? Ihr Gesang geriet in den letzten Wochen leicht ins Stottern, nachdem sie einen veritablen Hymnus auf das Schöne, Wahre und Gute geträllert hat. Der Refrain auf den „ökologischen Kapitalismus“ allerdings misslang ihr mit einer Tonlage zu tief. Denn als sich herausstellte, dass sie mit allerlei Schummeleien ihr Image frisiert hat, war das Lametta am parteiverordneten Heiligenschein dahin.

Doch der Reihe nach: Da hätten wir den Kampf der Giganten aus dem Universum der Unzulänglichkeiten. Der eine geriert sich als Spaßmacher (nach seinem Ausrutscher im Ahrtal mit gequälter Mimik), der andere als Elder Statesman, verkniffenem Mund und verhangenem Blick – Corleone im Frack. Beide ‚können Kanzler‘. Einer wie der andere. Doch wer kann mehr? Nachdem der eine nach seiner Nominierung raketenmäßig aufstieg, verlor er rapide an Höhe mit hausgemachten Skandälchen, von Sohnemanns Protektion (Maskendeal) bis Katastrophenfeixen. Das nutzte der von Erinnerungslücken gequälte hanseatische Cum-Ex-Aussager aus und setzte sich souverän an die Spitze. Das Finish wird spannend, denn der Karnevalist aus der Grenzstadt hat sich den Wadenbeißer aus dem Sauerland ins Dreamteam geholt und an Farbdiversität hat er‘s auch nicht fehlen lassen.

Der gegenwärtige Favorit im kopflastigen Wahlplakat sieht aus, als wenn er Kreide gefressen hätte. Der Mann kriegt einfach den Mund nicht auf. Zwischen den schmalen Lippen erstarrt jeder Anflug von Lächeln. Mit dem strengen Schulmeisterblick ist kaum junges Volk zu locken. Bestatter-Image in Corona-Zeiten. „Kompetenz“ soll suggeriert werden, im Duz-Jargon, in Rotschwarzweiß. Den Obdach- und Arbeitslosen, den Hartzern, Minijobbern, Sozialhilfeempfängern, Sozialrentnern, Bafög-Studenten, den Menschen am Fließband und Automaten hat der Herr ohnehin nichts zu sagen. Denn auf die Gutverdienenden und Immer-schon-Sozi-Wähler hat er es abgesehen, und der jüngste Trend gibt ihm recht. Es ist sowieso egal ob Schwarz oder Rot ans Regieren kommt.

Da kommt unser Rheinländer, bezeugter Nachfahre des großen Karls und ausgezeichnet mit dem ‚Orden wider den tierischen Ernst‘, doch ganz anders daher. Mit schwarz-rot-goldenem Kringel steigt der gefotoschoppte Armin im blauweißen Outfit (mit Krawatte aus der Produktion seines Sohnesmanns) in den Ring. Hat er auf NRW-Plakaten noch die Zähne gezeigt, so sind auf neueren Werbeträgern seine Lippen verschlossen (da müssen die neuen Richtlinien für Passbilder durchgeschlagen haben, bzw. die Direktiven seines Image-Trainers). Die Parole „Weil es um Menschen geht, wenn es um Deutschland geht“ – wie immer, eine Plattitüde. Sein Glaubensbekenntnis ans „christliche Menschenbild“ und sein Verständnis von innerem Glück „Sonntagabend.‘ Tatort‘. Gyros. Weißbier.“ prädestiniert ihn fürs zweithöchste Amt der Republik.

Die Regionalkandidatin Köln-Nord der Partei bewirbt sich ein drittes Mal um den Berliner Fresstrog. Die Frau aus den hinteren Reihen wirbt mit Parolen wie „Verkehrswende: nachhaltig, individuell, bezahlbar“. Will sagen: Produzieren auf Deubel komm raus, exzessiver Individualverkehr mit mehr Lärm und Verschmutzung, billige Autos, billiger Sprit. Oder „Mittelstand stärken: NEIN zu Steuererhöhungen“. Will heißen: Mehr Staatssubventionen und weniger Steuern für Gutverdienende und Reiche. Oder „Pflege: stärken und von Bürokratie befreien“. Will heißen: Keine Kontrolle des Pflegesektors und schrankenlose Personalpolitik. Mit sowas will Armin „Klima schützen“, „soziale Sicherheit“ gewährleisten und „gutes Leben im Alter“ garantieren?

Nun zu Annalenchen. Politik stellt sie sich so vor, dass es nur einen Stupser brauche, damit die ökosoziale Wende von selbst beginne. Von selbst beginnt allenfalls die Wende vom Sonnenuntergang zum Mondaufgang. Und der Vize Habeck, der‘s vermasselt hat, wollte nach eigener Aussage nichts mehr, „als dieser Republik als Kanzler dienen“. Seit wann dient der Kanzler? Hier tritt machtgeiles Jungvolk, Joseph Martin Fischer nacheifernd, an, den Laden zu entstauben. Mit der grünstichigen Bärbaum und Bereitschaft zum …(?) wirbt die Kampagne „Bereit, weil ihr es seid“. Was uns das sagen will, haben deren Großväter zur Genüge genossen.

Neulich veröffentlichte die Partei ihren Wahlwerbespot der parteieigenen Agentur Neues Tor 1. Zur Melodie von „Kein schöner Land in dieser Zeit“, einem Volkslied aus dem Jahr 1840, singen da die Chorgemeinschaft „Heidelieb“ einen schwer verdaulichen Text: „Müssen uns’re Erde wahrn, fürs Leben wird es hier zu warm …“. Mit Heimattümelei soll Ewiggestrigen und RentnerInnen das grüne Kreuzchen schmackhaft gemacht werden. Vergebene Müh‘ – die sind ohnehin vergeben und mit Bienchensummen ist im Alter nichts zu holen! Der Spot der Graswurzler wirbt mit Popen im Dienstkragen, grillende Männer, mit Kaffeetanten, Bienchen und Natur, – „so viel Deutschland hätte sich die CDU nie getraut“, urteilte der Welt-Journalist und der Tagesspiegel munkelt von „hitverdächtig“. Mit „Des Glückes Unterpfand“ haben sie es bereits 2018 versucht, ihr gutverdienendes Intellektuellenklientel nach rechts zu erweitern. Das muss man ihnen lassen: vor Patriotismus haben die Grünen keine Angst. Vielleicht sind doch noch ein paar unauffällige Ministerjobs in einer Jamaikakoalition drin.

Gehen wir über zum Kleinvieh: Der Vierte im Wahl Karussell macht auf Understatement. Schwarzweiß der Verkannte. Im Designformat, leicht angeschnitten, elegisch, in romantisch verbrämter Pose der Vorsitzende. Darunter in Rotgelb die Parole „Nie gab es mehr zu tun“. Wann gab es das nicht? Mitunter auch Freiheitssymbolik im Dreitagebart „Aus Liebe zur Freiheit“. Zieht wohl immer noch der Genscher-Slogan! Ich dachte die DDR wäre längst gekapert. Der Lindner braucht sich am wenigsten säumen. Für den ist es längst gelaufen. Einer der Großen wird die Jungs, die am Samstag den Porsche wienern, ohnehin ins Boot holen.

Die AfD will „Deutschland. Aber normal!“. Was ist schon normal? Der 1. FC Köln ist dieses Jahr wieder mal abgestiegen und die Münchener Multimillionäre sind wieder auf Meisterkurs.

Für die Linken besteht keine Hoffnung mehr. Die plakatieren ihr komplettes inhaltliches Programm und keiner schaut hin. Das imperative „Jetzt!“, typografisch gut designt, stößt dem Deutschen Michel auf, wie „ab in die Kolchose“. „Lieber tot als rot“ gilt immer noch im gesamtdeutschen Konsens. Die es nötig hätten, gehen nicht zur Wahl oder laufen den Rattenfängern hinterher. Seit sie die Sahra Wagenknecht abgehängt haben, verzweifeln selbst die Linken in der Linken. Vergeblich hoffen sie aufs Gnadenbrot von Olaf Scholz.

Und für wen will die Tierschutzpartei die „Renten erhöhen!“ und „nachhaltigen Wohnraum“ schaffen? Darauf die Partei „Wir finden: Fickt euch doch alle!“ Ziemlich viele Imperative dieses Jahr!

 

 

Diskussionen

5 Gedanken zu “Zwischen Skylla, Charybdis und Annalena – Eine kleine Ikonographie der Laternendeko

  1. der Scholz ist mir irgendwie suspekt,
    der grient immer so pappa-schlumpfig

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    Verfasst von Peggi | 7. September 2021, 15:26
  2. warum ist shice braun?

    weil braun schon immer shice war 😀

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    Verfasst von schwarze Socke | 7. September 2021, 14:26
  3. Ich weiß gar nicht, ob ich wählen gehen soll. Wir haben ja keine Wahl. Keine dieser Parteien möchte etwas ändern.
    Wer sagt etwas gegen das verzinste Schuldgeldsystem? Die Deutsche Mitte ist die einzige Partei, die sich damit befasst, aber da sie im Gegensatz zur AfD nicht „medial begleitet“ und als böse Alternative für frustrierte Wähler angepriesen wird (um sie wieder ans System zu binden), bleibt sie unbekannt.
    Welche Partei möchte GG Artikel 120 abschaffen? Außer der Deutschen Mitte keine!
    Es gibt keine Partei, die sich für die Interessen der deutschen Völker einsetzt!

    Wir haben die Wahl: Neoliberalismus, Sozialabbau und Privatisierung in verschiedenen Verpackungen.

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    Verfasst von V wie Vendetta | 7. September 2021, 13:57
  4. In der Tat, Wir haben Alle den Kopf im Sand
    und wundern Uns in dieser Stellung am besten
    gefickt zu werden

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    Verfasst von wolfgang fubel | 7. September 2021, 10:59

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