//
du liest...
Asien, Ausland

Ein russischer Korrespondentenbericht über die Lage in Kabul nach den Bombenanschlägen

von Thomas Röper – http://www.anti-spiegel.ru

Das russische Fernsehen ist eines der wenigen, das einen eigenen Korrespondenten in Kabul hat. Der erfahrene Kriegsreporter des russischen Fernsehens hat in einem Korrespondentenbericht über die Lage in Kabul berichtet.

Ich habe mehrmals berichtet, dass ich am russischen Fernsehen eine Sache besonders zu schätzen weiß: Die Korrespondenten des russischen Fernsehens gehen dahin, wo es gefährlich ist und berichten von dort. Das ist ein großer Unterschied zum deutschen Fernsehen, dessen Korrespondenten oft tausende Kilometer entfernt in einem sicheren Studio sitzen und Nachrichten vom Blatt ablesen, anstatt aus erster Hand zu berichten. Das russische Fernsehen hat einige solcher furchtlosen Korrespondenten, die das tun, was früher – zum Beispiel im Vietnamkrieg – Leute wie Peter Scholl Latour im deutschen Fernsehen getan haben: Wirklich aus erster Hand zu berichten anstatt abzulesen, was andere ihnen auf den Schreibtisch legen. Zwei Beispiele für solche russischen Journalisten sind Anastasia Popova und Evgeny Poddubny, der derzeit aus Kabul berichtet.

Daher habe ich den Korrespondentenbericht aus Kabul übersetzt, der am Sonntag im Wochenrückblick „Nachrichten der Woche“ des russischen Fernsehens gezeigt wurde. Allerdings muss ich sensible Menschen davor warnen, den Bericht anzuschauen, der zusammen mit meiner Übersetzung auch ohne Russischkenntisse verständlich ist, denn es wurden dort Bilder von den Schäden der Bombenanschläge gezeigt, die definitiv nichts für schwache Nerven sind.

Beginn der Übersetzung:

Die weltweit wichtigste Nachricht der Woche waren die Bombenanschläge in der Nähe des Flughafens von Kabul. Fast 1.500 Menschen wurden verwundet, zweihundert wurden getötet. Darunter sind nach ersten Schätzungen 13 Amerikaner. Dies ist der größte einzelne Verlust an Menschenleben für die US-Streitkräfte in den 20 Jahren der schändlichen Militärkampagne in Afghanistan. Die Anschläge erfolgten inmitten des panischen Chaos – der Flucht der US-Armee aus Afghanistan. Die USA und ihre Verbündeten fürchten die Taliban wie das Feuer – bis hin zur Lähmung des Willens und des Gehirns. Am Ende erwies sich die gepriesene amerikanische Militärmacht angesichts der bärtigen Männer in Latschen als Lusche. Wie sich herausstellt, können die Amerikaner nicht einmal sich selbst und erst recht nicht andere schützen. Sie können dazu nicht einmal etwas sagen, geschweige denn etwas vorhersehen. In Kabul sind Amerika und der Westen insgesamt krachend gescheitert.

Inzwischen hat der Kreml ein Grundkonzept für Afghanistan, das Präsident Putin am Dienstag auf dem Parteitag von „Einiges Russland“ bekannt gab: „Natürlich werden wir uns nicht in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einmischen, geschweige denn unsere Streitkräfte in einen Konflikt alle gegen alle hineinziehen lassen, einen Konflikt, der in diesem Land schon seit Jahrzehnten andauert. Die UdSSR hat in diesem Land ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Wir haben die notwendigen Lektionen gelernt. Ich kann sagen, dass wir über wirksame Mittel verfügen, um unsere Sicherheit zu gewährleisten und vor allem, um Russland und unsere Bürger zuverlässig vor der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus zu schützen. Leider besteht diese Bedrohung fort und man muss das verstehen und mit größter Verantwortung behandeln“, sagte der Präsident.

Das Drama in Afghanistan spielt sich nahe den Grenzen unserer Verbündeten und Freunde in Zentralasien ab. Es ist klar, dass sich für Russland selbst Herausforderungen ergeben: „In dieser Situation müssen wir alle, die Gesellschaft, die Bürger, noch mehr zusammenhalten. Ein koordiniertes Vorgehen aller staatlichen Stellen ist ebenfalls äußerst wichtig. Ich fordere die Regierung, das Außenministerium und die Sicherheitsbehörden auf, gemeinsam mit den Parlamentariern ihre Arbeit in allen wichtigen Bereichen zur Gewährleistung der Sicherheit des Landes und seiner Bürger zu verstärken.“, fügte Putin hinzu.

Aus Kabul berichtet unser Korrespondent Evgeny Poddubny.

In Kabul fungieren nun die Taliban als Sicherheitskräfte. Das ist eine normale Taliban-Patrouille, deren Fahrzeuge jetzt an fast jeder Kreuzung im Einsatz sind. Nach den beiden Anschlägen hat die Bewegung, die jetzt in Afghanistan regiert, die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt und eine Operation gegen die Terroristen des so genannten Islamischen Staates angekündigt. Der 15. August ist in der Weltgeschichte der Tag, an dem die Amerikaner im Afghanistankrieg besiegt wurden und der Gegner der USA, die Taliban, zur herrschenden Bewegung in Afghanistan wurden. Der 26. August ist der Tag, an dem die Niederlage selbst den größten Anhängern amerikanischer Tollpatschigkeit klar wurde.

Die IS-Terroristen bekannten sich zu den Anschlägen. Ein Selbstmordattentäter zündete einen Sprengsatz in der Nähe eines Kontrollpunkts im Südosten des Flughafens, ein mit Sprengstoff beladenes Auto wurde von Terroristen des Pseudo-Kalifates in der Nähe des Baron-Hotels in die Luft gesprengt, das als Sammelpunkt für die zu evakuierenden amerikanischen Bürger diente. Die Explosionsorte waren buchstäblich in Blut getränkt. (Anm. d. Übers.: Die hier gezeigten Bilder sind nichts für schwache Nerven, überlegen Sie sich genau, ob Sie sich das anschauen wollen)

Einheiten der NATO-Streitkräfte, die sich am Ort des Angriffs befanden, eröffneten in Panik das Feuer. Dutzende von Krankenwagen konnten die Flut von Verwundeten nicht bewältigen und in Kabul bildeten sich stundenlange Staus.

Die Außenbezirke des Flughafens werden von Kämpfern kontrolliert. Auch Taliban wurden bei dem Terroranschlag verwundet, doch das Hauptziel des IS waren die Amerikaner. Gleichzeitig beschleunigten die Explosionen die Flucht der NATO-Militärs. Selbst unmittelbar nach dem Angriff starteten und landeten weiterhin NATO-Transportflugzeuge in Kabul.

Die Taliban, die Afghanistan heute praktisch kontrollieren, haben Washington für die schrecklichen Folgen des Anschlags verantwortlich gemacht. Der offizielle Sprecher, der Informationsminister der Taliban, hat erklärt, dass es die Aktionen der Amerikaner waren, die die Massenansammlung von Menschen an den Toren des Flughafens provoziert haben. Zabiullah Mujahid erklärte gegenüber unserem Filmteam, dass die Bewegung bereit sei, den normalen Betrieb des Flughafens so bald wie möglich wieder aufzunehmen.

„Die Situation rund um den Flughafen ist traurig. Daran sind die USA schuld, die die Menschen zum Verlassen des Landes auffordern. Die Menschen fliehen in Panik. Wir arbeiten daran, den Flughafen vollständig zu kontrollieren und Personen ohne Papiere nicht in den Abflugbereich zu lassen. Nachdem die USA Afghanistan und den Flughafen verlassen haben, kann jeder das Land wie gewohnt legal verlassen, ein Ticket kaufen und das erforderliche Visum erhalten. Wir werden niemanden behindern“, sagte Mujahid.

Nach dem Anschlag auf den Flughafen nutzten die IS-Kämpfer ihre Propagandamittel, um mit weiteren Anschlägen zu drohen. In Kabul herrschte Panik. Über Nacht gab es Schießereien und Explosionen in der Stadt, die unser Kameramann aus dem Hotel gefilmt hat. Die Explosionen wurden jedoch nicht von IS-Kämpfern verursacht; die Amerikaner zerstörten ihre Munitionslager, um die Evakuierung zu beschleunigen. Die Prozedur ist bei einer Flucht normal. Den Kämpfern der Taliban hingegen gelang es, die Lage in der Hauptstadt zu stabilisieren. Mehrere Unterstützer des Pseudo-Kalifats wurden festgenommen.

In Kabul sind Lebensmittelgeschäfte und Apotheken geöffnet. Trotz der großen Bedrohung durch Terroranschläge sind die Straßen überfüllt. Die Taliban tun in der Tat ihr Bestes, zumindest in der Hauptstadt, um sich zu beweisen: Die Bewegung hat sich in 20 Jahren Krieg mit den Amerikanern verändert. So ist beispielsweise eine Abteilung für die Sicherheit eines großen Bezirks in der Hauptstadt verantwortlich, in dem sich auch mehrere diplomatische Vertretungen befinden.

„Meine Aufgabe ist es, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um Kabul sicher zu machen, damit die Menschen nicht leiden müssen und es keine Verbrechen gibt. In den Tagen, in denen wir diesen Teil der Hauptstadt kontrollieren, war alles ruhig, Allah sei Dank“, sagte der Kämpfer des Roten Regiments, Mumin Nizami.

Außerdem sind die Vertreter der Bewegung heute besser bewaffnet und ausgerüstet als viele Einheiten der Armeen der Nachbarländer. Was die Amerikaner der afghanischen Armee übergeben haben und was sie selbst bei der Flucht zurückgelassen haben, haben die Kämpfer der Bewegung genommen. Wer hätte gedacht, dass amerikanische gepanzerte Humvees bei den Taliban im Einsatz sein würden. Mit diesen Fahrzeugen patrouillieren die Militanten in den Straßen der Großstädte. Die Fahrzeuge sind nicht neu, aber in gutem Zustand. Zuvor gehörten die gepanzerten Fahrzeuge der afghanischen Armee, davor der US-Armee. Jetzt werden die Taliban diesen Humvee bei Kampfeinsätzen gegen den IS einsetzen.

Dieser Mann erzählt uns: „Es ist eine große Freude und ein Glück, dass die Sicherheit Tag und Nacht gewährleistet ist. Es gibt kein Banditentum mehr. In der Vergangenheit konnte man für 200 Afghani getötet werden. Jetzt gibt es so etwas überhaupt nicht mehr.“ (Anm. d. Übers.: 200 Afghani entsprechen etwa zwei Euro)

Der Kampf gegen das Banditentum, Afghanistan war schon zu republikanischen Zeiten kein sicherer Ort, ist eine unbestreitbare Errungenschaft der Bewegung. Und sie hat viele Taliban-Gegner dazu gebracht, ihre Meinung zu ändern. Für die Bewegung ist jedoch jeder Tag ein Test für ihre Glaubwürdigkeit. Wenn es den Führern nicht gelingt, die staatlichen Institutionen bald wiederzubeleben, ist die Ernüchterung vorprogrammiert. Pir Syed Gilani, ein einflussreicher afghanischer Politiker und geistlicher Führer, glaubt, dass jetzt der denkbar schwierigste Zeitpunkt für die Taliban ist. Die Zeit des Kampfes ist vorbei, sie müssen lernen, etwas aufzubauen.

„Die Taliban werden mit Sicherheit etwas schaffen, aber sie werden nicht in der Lage sein, allein etwas Gutes zu schaffen. Sie müssen gebildete Menschen, gebildete Afghanen, einsetzen, um das staatliche System auf den internationalen Standard zu bringen. Wenn die Führer der Taliban sich und ihre Regierung nicht internationalisieren, wird es große Probleme geben“, sagte Gilani.

Am 31. August werden alle ausländischen Militäreinheiten Afghanistan verlassen. Das könnte schon früher der Fall sein, denn die Amerikaner haben bereits die Brücken hinter ihnen gesprengt. Außenposten und Stützpunkte wurden zerstört. Außerdem sagen die Opfer des Terroranschlags, dass einige der Menschen, die am 26. August starben, durch wahlloses Feuer des US-Militärs getötet wurden. Ein weiterer Grund, schneller zu wegzulaufen. Schon jetzt ist klar, dass die Amerikaner keine Zeit haben werden, alle ihre Bürger zu evakuieren; schon heute werden Afghanen mit blauen Pässen nicht zu den Flugzeugen gelassen. Zehntausende von amerikanischen Einflussagenten, Dolmetschern, Fahrern und Beamten werden ebenfalls im Land bleiben.

Die Führer der Taliban haben eine Amnestie für diejenigen angekündigt, die mit den Amerikanern zusammengearbeitet haben. Die Taliban müssen ihre Versprechen einhalten, sonst können sie die internationale Anerkennung vergessen. Aber die Rädelsführer der IS haben niemandem etwas versprochen und die von der Regierung Biden im Stich gelassenen Menschen werden zum Hauptziel der Terroristen. In Washington ist man sich dessen natürlich bewusst. Aber man scheint beschlossen zu haben, wenn man den Krieg schon verliert, dann mit einem großen Knall.

Ende der Übersetzung

Ein russischer Korrespondentenbericht über die Lage in Kabul nach den Bombenanschlägen

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Ein russischer Korrespondentenbericht über die Lage in Kabul nach den Bombenanschlägen

  1. Es ist doch ganz einfach: Halb Afghanistan würde am liebsten jetzt nach Westeuropa auswandern.
    Der Rest folgt dann per Familiennachzug.

    Das ist wenig verwunderlich, Osteuropa oder China nehmen bekanntlich keine Flüchtlinge auf.

    Gefällt mir

    Verfasst von Peggi | 31. August 2021, 19:47

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Archiv

%d Bloggern gefällt das: