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Architektur, Kultur

Neulich in Berlin. Eine architektonische Spätlese

von Dietmar Spengler

Acht Uhr am Hauptbahnhof Köln, Bahnsteig 7. Anzeige: „ICE 4563 nach Berlin Hbf. fällt aus“. Angebot: Regionalbahn bis Hamm, dort umsteigen in den ICE nach Berlin. Drei Stunden Bummelbahn, 40 Minuten Wartezeit, drei weitere Stunden im überfüllten ICE, der nur bis Berlin-Spandau fährt. Was die DB vertrödelt, macht die S-Bahn wett. Von der Endstation der S-Bahn-Linie 9 direkt bis Baumschulenallee, vorbei an den urbanen Glanzstücken der Regierungstopographie, der Wiederherstellungswut der Museumsinsel, der Wüstenei des Alexanderplatzes, dann 5 Minuten bis zum Quartier.

Meine Absicht, das Kupferstichkabinett zu besuchen, wird am nächsten Tag durch die Zielstation ‚Potsdamer Platz‘ torpediert. Aus dem S-Bahn-Schacht ans Licht: Ein Hammer! Auf der einen Seite reckt sich der Klinkerturm von Hans Kollhoff, dem man New Yorker Art Deco simulierend, goldene Plomben verpasste, daneben schiebt sich Renzo Pianos Schlachtschiff mit grünem Ausguck heran und auf der anderen Seite protzt das novitätsheischende DB-Monstrum mit seiner Spiegelfassade, die ohne 95er Sonnenglas nicht zu ertragen ist. Hightech-Tortenstücke aus der gigantomanischen Schublade von Profilneurotikern. Eine Chance mehr vertan, bei einem der Berliner Zentren mit humanorientierten Bauten an vergangene Lebendigkeit anzuknüpfen. Früher war hier ein beliebter Treffpunkt der politischen, sozialen und kulturellen Szene. Heute laufen sich hier Speichellecker und Wichtigtuer über den Weg, wuseln die systemrelevanten Finanzgruftis einher, rund um die Uhr vernetzt. Und dort, wo man sitzen kann, im Sony Center, droht einen die kolossale Dach-Illumination auf den Kopf zu fallen. Empfindlichen Naturen muss vom Cappuccino bei Luigi abgeraten werden.

Fünf Minuten weiter nimmt die schräge Betonplatte des Kulturforums Anlauf, die zur Spielwiese der Skateboarder verkommen ist: Nationalgalerie, Philharmonie und Bauzäune, hinter denen ein gigantisches Oktoberfest-Bierzelt aus Ziegelstein (Museum der Moderne) entstehen soll. Ein symbiotisches Pendant zum Beduinenzelt der Musikhalle von Scharoun. Vereinsamt inmitten dieser urbanen Gesichtslosigkeit die fast 50 Jahre alte Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe. Wenn da nicht die Preziosen der Kunst lockten! Der Gesamtkomplex gleicht eher einer „urbanistischen und architektonischen Rumpelkammer“ (FAZ), als einem der Kultur gewidmeten Bildungszentrum. Wo der Mensch in diesem steinernen Durcheinander bleibt, künden die verwaisten Granitblöcke, die als Sitzgelegenheiten ohne Rückenlehnen herumliegen.

Eine große architektonische Geste hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters angekündigt, was hinten rauskam (Altkanzler K.), erscheint eher blamabel. Es passt mal wieder ins Bild der mit allen Untugenden begabten Spitzenpolitiker, die sich, wenn’s oben nicht weitergeht, für die Untergrundvariante entscheiden.

Auf der Insel der Seligen

Überhaupt – die Berliner Museumsmisere – ein Spagat zwischen Scheune und Tempel, zwischen Spitzenexponaten und Banalitäten. Da wäre zuerst das Schatzkästchen der Museumsinsel. An der Spitze das fabelhafte Bode-Museum – eingerüstet und menschenleer: Andrea Mantegna, Donatello, Tilman Riemenschneider, Gian Lorenzo Bernini in alter Pracht unter der Wacht des Großen Kurfürsten. Hinter der S-Bahnbrücke schließt das Pergamonmuseum an. Hier tappen die Touris mit Stöpsel im Ohr und allgegenwärtigen Starrblick aufs Display durch die multikulturellen Architekturrelikte, die unsere Vorfahren in diversen Expeditionen zusammengerafft haben. Die himmlischen Schönheiten und die Rauferei von Pergamon bleiben in der Restaurierungskammer. Das 360 Grad – Panorama von 129 n. Chr. kann man mitsamt dem seinerzeitigen Publikum unter atmosphärischer Dudelei in der plumpen Rundtonne von gegenüber erleben. Ob das nötig war?

Dann geht’s weiter ins Neue Museum, von dem nur Schönes zu berichten ist. Chipperfield, der hier als Sanierer wirkte („Man kann nicht so tun als sei nichts geschehen“), hat mit aller Behutsamkeit Großes geleistet, aus der piranesischen Ruine die historische Bausubstanz mittels Erhalt der Fragmente konserviert, in moderne Architektur integriert und so zeitübergreifende Architektur geschaffen – der göttlichen Nofretete angemessen.

Beide Museen sind durch die neue James-Simon-Galerie zugänglich. Einen Tempel wollten die Auftraggeber haben, einen Menschenkäfig haben sie bekommen. Das aus scharfkantigen Betonstützen gewonnene Kolonnaden-Motiv Chipperfields ist Friedrich August Stülers dorischen Säulengang abgeschaut und verdeckt vollends die klassizistische Fassade des Neuen Museums. Der große Wurf des Ensembles ist dahin!

Bleiben noch die Alte Nationalgalerie und das Alte Museum. Jene als Walhalla der ‚Deutschen Kunst‘ aufgesockelt und vom bronzenen Pferdearsch des vierten Friedrich Wilhelm bewacht, dieses von 18 Adlern und martialische Siegesgruppen beschirmt. Dort hat sich nun ein Bekannter aus Köln, „der bedeutendste Künstler der Republik“ (Tagesspiegel), mit seinem „Birkenau-Zyklus“ betitelten Geschmiere breitgemacht zwischen Friedrich und Menzel, hier im Schinkel-Bau gefällt die wunderbare Rotunde mit „Menschenbildern der griechischen Klassik“.

Rhetorik der Macht

Da wäre noch gegenüber, der unselige Kasten des rekonstruierten Stadtschlosses, das sich ehemals der erste Friedrich zur Heimstatt hat errichten lassen. Darüber ist genug hergezogen worden, was durchaus nachvollziehbar ist. Dort vom Balkon über dem Trophäenwappen rief der Kaiser 1914 zum Krieg auf und ließ sich von den Sozialdemokraten die Kriegskredite bewilligen. Umsonst hat Ulbricht das „Symbol des preußischen Absolutismus“ abtragen lassen, die Bonner Republik hat mit der Machtübernahme umgehend nachgetreten! Purer Revanchismus. Dass man sich nicht erblödete, das von Friedrich Wilhelm IV. dekretierte Kauderwelsch aus der Apostelgeschichte 4,12, das die Unterwerfung aller fordert, in goldenen Versalien zu repetieren: „Es ist kein Heil, (…) denn der Name Jesu, (…), daß vor diesem sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind“ – und dem Ganzen ein riesiges Kreuz aufzusetzen, ist nicht nur dämlich, sondern auch national-paternalistisch! Mit dem Heil-Gruß ging Dezennien danach ein anderer hausieren und im Namen Jesu wurden Hekatomben von Unschuldigen ins Fegefeuer geschickt. Nun will es ein Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus sein!

Diese Gedenkschachtel ist bestens geeignet als Pendant zur Hofkirche der Hohenzollern, dem sog. Berliner Dom. Dieses Monstrum, im Stil der barocken Neorenaissance, um die Jahrhundertwende errichtet, hätte man als Kriegsruine mühelos beseitigen können, doch die sich in preußischer Tradition wähnende DDR-Regierung brauchte Statussymbole. Und die BRD hat nach dem Anschluss die prunkvolle Innenausstattung inklusive der Hohenzollerngruft (mit 93 Familien-Nummern „wichtigste dynastische Grablege Deutschlands“) beigesteuert. Hier wurde reinstes Staatskirchentum zelebriert. Unter der Ägide Wilhelms II. musste Imperial-Architektur her – konkurrierend zum vatikanischen Dom. Die knapp 100 Meter hohe Kuppel mit dem goldenen, 15 Meter hohen Kreuz wird heute als „Wahrzeichen Berlins“ angeboten (https://www.berlinerdom.de/). Seit jeher hat sich die politische Macht als religiös gegeben. Die Herrscher begründeten ihren Vorrang mit dem Gottesgnadentum („Gott mit uns“). Mit Abhaltung von Staatstrauerakten im Dom ist die Tradition gewahrt.

Machtsymbolik ist herrschendes Element des Berliner Zentrums. Unter den Linden, links und rechts, am Alten Palais, der Alten Bibliothek, der Staatsoper, dem Kronprinzenpalais, der Staatsbibliothek, der Humboldt-Universität, der Neuen Wache, dem Zeughaus, lichterts von den Giebeln und Gesimsen mit Trophäen, Triumphalia und martialischem Göttergedöns. Die Straße des 17. Juni mit dem das ‚klassizistische Meisterwerk‘ krönenden Vierergespann der Victoria, die sich die Preußen bedauerlicherweise aus dem napoleonischen Paris zurückgeholt haben, und der am anderen Ende triumphierenden Siegessäule, führt straight on in den Olymp. Pathos pur einer unter Endsiegverlust leidenden Nation. Da lob‘ ich mir die Russen, die mit ihrem Panzergrenadier dazwischen gegrätscht haben.

Und heute?

Als zeitgenössische Replik auf das Stadtschloss prunkt in Sichtweite des ehemaligen Reichstags, wo am 30. Januar 1933 Hindenburg Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler ernannte und Angela zur Nachfolgerin des Bosnienkriegers gekürt wurde, bald auch ein Abkömmling Charlemagnes gekrönt wird, das Kanzleramt. Vom Kanzler der Einheit verbrochen, verkündete stets von da die Nachfolgerin den „Guten Rutsch ins neue Jahr“. Geräumiger als das Weiße Haus oder der Elysée-Palast. Ein Gebilde ohne Maßstab, wie Daniel Libeskind sich empörte: „Weder außen, noch innen zeugt es von Demokratieverständnis“. Ein Albtraum für den ‚architékton‘, den Baumeister, der plant und gestaltet. Außen und innen zusammengestückelt mit Versatzteilen aus dem Schablonenfundus‘ von CAD-Programmen. Der arroganten Mousepadfront entspricht die Gebäudeausstattung mit der entlarvenden Kanzlergalerie und der mysteriösen ‚Geheim-Etage‘. Merkel hat sich an die Tradition gehalten und ein Porträt ihres Bonner Mentors zum Spindoc erwählt, während noch Schröder seinerzeit mit dem „stürzenden Adler“ von Baselitz sich abregierte. Das Beste daran ist noch die verschränkte Eisenskulptur von Chillida.

Letztlich ist Merkel selber schuld an der Baumisere des Regierungsviertels. Warum hat sie stets ihre geometrische Fingerraute im Bild herausgestrichen. Um sich selbst ein Bild zu machen von der neoneoklassizistischen Barbarei schaut man sich am besten die Kehrseite der Ministerien von der S-Bahn aus an. Hier herrscht Geometrie und Ordnung! Eine Apologie der Senkrechten in Kantbeton und Glas. Peter Eisenmans Waagerechte aufgebockt. Selbst Frank Gehry hat sich am Pariser Platz von diesen Gitterstrukturen und Würfelspielchen infizieren lassen und von Zumthor kennt man es bereits aus dem Westen. Der Hofarchitekt Hitlers hat mit seiner Hauptstadt-Vision ganze Arbeit geleistet. Belebung ist gefordert: Die AFD plädiert für das Führer-Konzept, die CDU möchte ein wenig Rheinland installieren, die CSU fordert den Biergarten, die SPD ein Spielzentrum für ihre Hartz4-Invaliden, die FDP was Liberales, die GRÜNEN Bepflanzung total und die LINKEN?

Bleibt nur noch die Tragödie um „Berlin Alexanderplatz“, ein Roman ‚wie im Film‘, eine atemberaubende Erfolgsgeschichte, was man von dem Titel-Objekt des Bestellers nicht behaupten kann. Als wenn die dort dramatisierte Außenseite der Gesellschaft sich niedergeschlagen hätte auf die Ödnis dieser Dauerbaustelle. Den eindrücklichsten Blickwinkel auf diese ‚Perle‘ der Stadtarchitektur hat man vom Fenster der S-Bahn aus, der sich durch die Lücke zwischen zwei Büroblöcken eröffnet. Noch herrscht DDR-Brache vor. Mit großen Möglichkeiten und viel Potenzial für Geldwäsche. Dort hat man angefangen Hochhaustürme hinzuklotzten, die bereits seit den 90er Jahren auf Realisierung warten. Hobbystadtplaner haben hier das Sagen und Immobiliendienstleister die Vermarktung übernommen. Mietwohnungen zu 19 Euro kalt pro Quadratmeter. Da werden goldene Eier ausgebrütet!

Fazit: Erklärt sich von selbst!

 

 

 

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