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Ausland, Naher Osten

Jahrestag der Explosion in Beirut: Was vom arabischen Frühling geblieben ist

von Thomas Röper – http://www.anti-spiegel.ru

Der arabische Frühling wird in westlichen Medien immer noch als Demokratiebewegung verherrlicht. Das russische Fernsehen hat aus Anlass des Jahrestages der großen Explosion in Beirut eine etwas andere Bilanz gezogen.

Schon Anfang des Jahres hat das russische Fernsehen eine Bilanz des arabischen Frühlings gezogen, die ganz anders klang, als die Berichte im Westen, meine Übersetzung des russischen Beitrags finden Sie hier. Am Sonntag hat das russische Fernsehen zum Jahrestag der schweren Explosion in Beirut eine Reportage aus dem Libanon gebracht und dabei einen Bogen vom arabischen Frühling zur Lage im Libanon gezogen.

Der arabische Frühling, der in westlichen Medien immer noch als demokratische Revolution verklärt wird, die leider nicht ganz geklappt hat, war eine Aneinanderreihung von aus dem Westen finanzierten und orchestrierten Regimewechseln. Jedes Mal haben die amerikanischen sozialen Netzwerke, die bei Protesten im Westen mit strenger Zensur reagieren, dabei die entscheidende Rolle bei der Koordinierung der Proteste gespielt und befeuern regelmäßig Proteste in vom Westen nicht gemochten Staaten. Das erleben wir bis heute, wie ich hier an einem Beispiel aus eigenem Erleben berichtet habe.

Die Staaten, in denen die Putsche des arabischen Frühlings stattgefunden haben, sind bis heute nicht zur Ruhe gekommen. Ägypten und Tunesien, das gerade wieder mit einer politischen Krise – manche sprechen von einem neuen Putsch – Schlagzeilen gemacht hat, sind noch die glücklicheren Länder, denn immerhin sind sie von Kriegen verschont geblieben. Libyen hatte nicht so viel Glück. Das – vor dem arabischen Frühling reichste Land Afrikas – ist heute zerstört, es gab hunderttausende Tote, im Land herrschen Krieg und Warlords. Das einzige, was in Libyen noch funktioniert, sind die Öl- und Gaslieferungen an westliche Konzerne und die Durchleitung von Flüchtlingen nach Europa, die Gaddafi vorher verhindert hat.

In Syrien ist der geplante Regimewechsel zwar gescheitert, aber auch Syrien ist im Krieg versunken und der Westen macht mit seinen Sanktionen und der Unterstützung für islamistische Gruppen, die westliche Medien als „demokratische Opposition“ bezeichnen, jeden Versuch des Landes, zur Normalität zurückzukehren, fast unmöglich.

Der Libanon ist von dem arabischen Frühling vor zehn Jahren verschont geblieben, das Land hatte seinen „Frühling“ schon in den 1970er Jahren, als es in dem 15 Jahre andauernden Bürgerkrieg versunken ist. Wie Libyen war auch der Libanon vor dem Krieg ein wohlhabendes Land, man sprach von der Schweiz des Nahen Ostens. Von dem Bürgerkrieg und mehreren Kriegen mit Israel hat sich das Land nie erholt und die große Explosion in Beirut vor einem Jahr hat dem Land den Rest gegeben. Nun versucht der Westen dem Libanon mit Zuckerbrot und Peitsche seinen Kurs aufzudrängen und macht finanzielle Hilfen von politischem Wohlgefallen der libanesischen Regierung abhängig. Auch hier reicht ein Blick auf die Landkarte, um zu verstehen, worum es dabei geht: Es geht um israelische Interessen in der Region und westliche Interessen in Syrien. Der Libanon ist dabei zur Geisel und zum Spielball ausländischer Interessen geworden.

Derzeit hat die russische Sendung „Nachrichten der Woche“, aus der ich normalerweise Sonntags und Montags Beiträge übersetze, Sommerpause. Als Ersatz gibt es auf dem Sender in dieser Zeit eine etwas andere Nachrichtensendung. Am Sonntag gab es da auch den Beitrag über die Jahrestage der Explosion in Beirut und des arabischen Frühlings. Ich habe den Beitrag übersetzt. Wer ihn ansehen möchte, findet ihn in diesem Video, er beginnt bei einer Stunde und dreißig Minuten und dauert ziemlich genau sieben Minuten.

Die Reportage aus dem Libanon ist von dem russischen Kriegsreporter Evgeni Poddubny, von dem ich schon viele Berichte übersetzt habe, so zum Beispiel diesen Bericht aus Kabul vor zwei Wochen.

Beginn der Übersetzung:

Der Nahe Osten hat es in dem Jahrzehnt des sogenannten Arabischen Frühlings schwer. Das Jubiläum hat der Welt vor Augen geführt, wie sich einst erfolgreiche Staaten verändert haben. Tunesien, das die Revolutionen in der Region ausgelöst hat, befindet sich erneut in einer akuten politischen Krise, da der Präsident das Parlament mit Hilfe des Militärs suspendiert hat. Libyen, gegen dessen Staatschef Gaddafi vor 10 Jahren ein internationaler Haftbefehl ausgestellt wurde, hat sich zu einem Umschlagplatz für Drogenhandel, illegale Einwanderer und den Schwarzhandel mit Waffen entwickelt. Die Situation im Libanon hat sich vor einem Jahr durch eine massive Explosion in Beirut verschärft. Davon kann sich das Land nicht erholen. Aus dem Libanon berichtet unser Korrespondent Evgeni Poddubny.

Ein Jahr nach der Explosion, bei der 280 Menschen starben und mit 300.000 Menschen die Bevölkerung einer durchschnittlichen Stadt obdachlos wurde, lebt der Libanon weiterhin von Aufruhr zu Aufruhr.

August 2020 im Libanon. Die Explosion von 3.000 Tonnen Ammoniumnitrat hat die Gesellschaft nicht geeint, sondern gespalten. Jetzt ist die Erinnerung an die Tragödie auch ein Grund für Auseinandersetzungen auf den Straßen und für Auseinandersetzungen zwischen den herrschenden Eliten.

Das sind die Folgen einer Trauerkundgebung im Zentrum von Beirut. Demonstranten sind in der libanesischen Hauptstadt auf die Straße gegangen, um der Opfer der schrecklichen Explosion zu gedenken, die sich vor einem Jahr im Hafen von Beirut ereignet hat. Aber auch diese Kundgebung hat neue Verwüstungen in der Stadt angerichtet. Unter den Zehntausenden von Menschen, die an der Trauerfeier teilnahmen, waren fast die Hälfte politische Aktivisten verschiedener libanesischer Gruppierungen, die nicht gekommen waren, um zu gedenken.

Die Untersuchung der Ursachen der Tragödie und die Suche nach den Tätern sind im Libanon ins Stocken geraten. Die Immunität der betroffenen Personen hat sie zum Stillstand gebracht. Niemand hat es eilig, die Immunität zu aufzuheben. Es ist ein gefährlicher Präzedenzfall für die Eliten.

Vor einem Jahr standen die Proteste unter dem Motto „alle bedeutet alle“, jede Fraktion sollte Positionen opfern und Verantwortung übernehmen. Nun werden die Gegner der Hisbollah immer lauter. Die pro-iranische Partei wird ohne Gerichtsverfahren, dafür mit Emotionen, unter Druck gesetzt. Die militärische Eskalation mit Israel, die 24 Stunden andauerte, hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Die israelische Armee und die Hisbollah haben sich einen Schlagabtausch geliefert.

Dies ist die Jumeizi-Straße, die dem Hafen von Beirut am nächsten liegt. Vor einem Jahr wurde dieses Wohnviertel am meisten beschädigt und es war auch das Viertel mit den meisten Todesopfern. Bisher sind die meisten Gebäude noch nicht wieder aufgebaut worden. Aber es wurde ein Denkmal für die Tragödie errichtet. Das Denkmal symbolisiert die Wiedergeburt der libanesischen Hauptstadt, obwohl das Land ein Jahr nach der Explosion um den Erhalt seiner Staatlichkeit kämpft. Schuld daran ist nicht nur die Katastrophe, sondern die Explosion ist zum Symbol für den Beginn der dunklen Zeit geworden. Und bisher glauben hier nur unverbesserliche Optimisten an eine Wiederauferstehung des Landes.

Der Bankensektor war in den vergangenen Jahrzehnten das Rückgrat der libanesischen Wirtschaft. Er galt als der ruhigste und zuverlässigste in der Region. Beirut wurde sogar als die Schweiz des Nahen Ostens bezeichnet. Als Juwel des Nahen Ostens zog die Stadt vor über 40 Jahren Touristen aus der ganzen Welt und Geld aus der arabischen Welt an. Die meisten Menschen auf der Trauerkundgebung erinnern sich nicht an ein solches Beirut und haben es auch nie gesehen. Und selbst diejenigen, die sich noch daran erinnern, können sich nicht mehr vorstellen, dass es mal anders war.

Der Bankensektor hat sogar den mehr als 15 Jahre andauernden Bürgerkrieg überstanden. Die Banken arbeiteten in dieser Straße sogar noch, als hier Kampfhandlungen stattfanden. Doch vor knapp zwei Jahren brach das Finanzsystem des Landes zusammen, die Landeswährung wurde abgewertet und die Banken froren Fremdwährungseinlagen ein. Damit ist der Libanon nun vollständig von ausländischen Subventionen abhängig. Und viele Geber haben gar kein Interesse daran, dass die Krise hier endet.

Damit endet die Reportage aus dem Libanon und es spricht wieder der Moderator im Studio.

Der Libanon ist ein Erbe des antiken Phöniziens, das durch den Handel reich wurde und das Alphabet erfand, um die Gewinne der Kaufleute aufzuzeichnen. Beirut folgte dem jahrhundertealten Erfolgsrezept und stützte sich auf Handel und Bankwesen. Bis 1975 der große Bürgerkrieg ausbrach, an den wir uns aus der sowjetischen Sendung „Internationales Panorama“ erinnern.

Doch mit einem Schlag wurde der Arabische Frühling ausgelöst, von dem Beirut noch immer betroffen ist, da es im vergangenen Jahr eine Milliarde Dollar nicht zurückzahlen konnte. Im Jahr 2011 verwandelte eine Welle von Revolutionen und Bürgerkriegen die Maghreb-Länder in einen Gürtel der Instabilität. Die Unruhen begannen in Tunesien, griffen auf Algerien, den Jemen, Ägypten und Jordanien über, wurden im Libanon und Libyen blutig niedergeschlagen – letzteres befindet sich immer noch im Krieg.

Die Handschrift der Kriegstreiber ist überall dieselbe. Twitter und andere soziale Medien waren im Nahen Osten noch nie so beliebt – dort wurden damals Propagandaparolen und belastendes Material über die Regierungen veröffentlicht. Die Proteste wurden über die sozialen Medien organisiert – der Klassiker der Farbrevolutionen. Die Regierungen schalteten das Internet ab, aber der amerikanische Suchmaschinenriese Google beispielsweise erlaubte schnell, Sprachnachrichten über Mobiltelefone auf Twitter zu senden.

Die Ereignisse in Tunesien, wo Präsident Ben Ali nach 23 Jahren an der Macht innerhalb eines Monats gestürzt wurde, wurden poetisch als Jasminrevolution bezeichnet. Als Belohnung dafür wurde dem tunesischen Dialogquartett 2015 sogar der Friedensnobelpreis verliehen – für den Pluralismus der Demokratie. Aber es war nichts mit Poesie und Pluralismus – im selben Jahr gab es einen Terroranschlag am Strand eines Fünf-Sterne-Hotels in Sousse, bei dem 38 Menschen starben. Und bis zum heutigen Tag gibt es ständig Proteste.

Der zynische Klassiker ist natürlich Libyen. Muammar Gaddafi, der über 40 Jahre lang unangefochten herrschte, wurde von Sarkozy die Hand geschüttelt, Gaddafi finanzierte Sarkozys Wahlkampf und zeltete während seines Besuchs in Frankreich vor Versailles. Im eigenen Land galt er als Vater der Nation – die Einnahmen aus den größten Öl- und Gasfeldern Afrikas kamen den Menschen zugute, in Libyen gab es keine Mieten, Benzin kostete fast nichts.

Doch dann organisierte die NATO eine Spezialoperation, an der Frankreich teilnahm, als alle anderen Beteiligten. Sarkozy hat, wie Gaddafi-Anhänger treffend sagen, libysches Geld genommen und mit Bomben zurückbezahlt. Es war ausgerechnet eine französische Rakete, die die gepanzerte Fahrzeugkolonne von Gaddafi traf, die Rebellen erledigten Gaddafi und warfen ihn in einen Graben.

Libyen, das sind heute aus zwei gegensätzliche Lager: Eines ist eine kriminelle Brutstätte in Nordafrika, die Europa mit Tausenden von illegalen Migranten versorgt, das andere sind Öl- und Gasfelder, die von Warlords und westlichen Konzernen kontrolliert werden. Die arabische Revolution hat ihre Aufgabe erfüllt und kann in die Geschichte eingehen. Und die Migranten gehen nach Europa.

Ende der Übersetzung

Jahrestag der Explosion in Beirut: Was vom arabischen Frühling geblieben ist

Diskussionen

2 Gedanken zu “Jahrestag der Explosion in Beirut: Was vom arabischen Frühling geblieben ist

  1. Ein erheblicher Teil der einst 2,5 Tonnen Kaliumnitrat war bereits an terroristische Netzwerke weiterverteilt worden. Bei der kompletten Menge wäre das Ausmass noch viel schlimmer gewesen.

    die Parallelen sind selbst fuer Laien unschwer zu erkennen

    https://www.tt.com/artikel/10389318/hunderte-tonnen-zyanid-waren-im-gefahrengutlager-von-tianjin
    https://de.wikipedia.org/wiki/Texas-City-Explosion
    https://de.wikipedia.org/wiki/Explosion_in_Toulouse
    https://de.wikipedia.org/wiki/Explosion_des_Oppauer_Stickstoffwerkes

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    Verfasst von Fred.Milkereit@web.de | 15. August 2021, 11:07

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  1. Pingback: Jahrestag der Explosion in Beirut: Was vom arabischen Frühling geblieben ist — Linke Zeitung | communesud - 9. August 2021

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