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Debatte, Internationales

Von der Dialektik zwischen Helfern und Mördern – Versuch einer Delegitimierung

von Hans Tigertaler

»Um ihnen zu zeigen, daß wir erhaben über sie sind, geben wir ihnen Beweise unseres Mitleids.« François La Rochefoucauld (1613-1680)

In der gesamten Menschheit dürfte sich wohl kaum ein Mensch finden lassen, der aus freien Stücken in ein aufgepustetes Schlauchboot steigt, um über ein ganzes Meer zu balancieren, genausowenig wie irgendein Mensch sich bloß im Raumanzug freiwillig ins Weltall schießen lassen würde. Wäre nicht schon das ziemlich ausgeschlossen, dürfte es noch mehr jenes sein, obendrein ein hundertfaches des denkbaren Fahrpreises den Besitzern der Schlauchboote für das Hinüberrudern in den Tod auch noch zu entrichten.

Während alle einfachen, also ein wenig vorausschauenden Menschen mühelos und sofort zur richtigen Erkenntnis gelangen, die unablässige und absolut mutwillige Herbeiführung von Lebensgefahr für Bürger entfernter Länder als eine absurde Spekulation auf maschinell zuckende Rettungsreflexe pawlowscher Art und damit auf die komplette Unterdrückung jedes Bedenkens anderer anzusehen, erschnüffelt gerade der traditionell besonders dünkelhafte Teil unserer Bourgeoisie endlich wieder ein Feld des Selbstbeweises seines ruhmsüchtigen Übermenschentums im moralisch aufgedonnertsten und rauschhaftesten aller denkbaren Schwerverbrechen, dem von Lebensrettungtaten zugedeckten erfolgreichen Massenmord.

Denn um die neue Spezies blind vertrauender Schlauchbootmenschen und die Tausende ihrer Ersäuften überhaupt hervorzubringen, bedurfte es ohne Zweifel dieser unserer hochstehenden Individuen, welche als besondere Menschenart in allen bildungsbürgerlichen Salons des Landes gefeiert werden: Nämlich jenes parfümierten Teils der Bourgeoisie und ihres lumpenproletarischen Anhangs, der seine parasitäre Überflüssigkeit traditionell in einem zur Schau getragenen moralischen Herrenmenschentum unablässig zu widerlegen weiß.

Diese Seenotretter sind die allertödlichsten Krankenpfleger, welche auf die malade Menschheit je losgelassen wurden, denn ohne sie würden jenseits jeden vernünftigen Zweifels Tausende noch leben, die von diesen, natürliche Todesfurcht betäubenden, öffentlich masturbierenden Sirenen und ihren nahe Rettung vortäuschenden Komplizen grausam ins tiefe Wasser gelockt werden.

Unsere hiesigen, erfahrenen Flüchtlinge aus früherer Zeit halten die heutigen Fluchtbewegungen evident, weil unmöglich von jemandem, es sei denn absichtlich, zu übersehen, nicht so sehr für Flucht-, sondern im Wesentlichen für Auswanderungsbewegungen vor allem junger Männer:

Denn Flucht vor Hunger und Lebensgefahr, wissen unsere Flüchtlinge aus eigener leidvoller Erfahrung, hat ihre absolut unverkennbare Charakteristik: Alles und Alle sind auf den Beinen, Jung und Alt, Mann und Frau, Greis und Säugling, Kind und Kegel, Gesunde und Krüppel, Kreti und Pleti, mit Sack und Pack und vielfach auch, als sorgfältig Bewahrtes, alle habhaften Familienpapiere mit sich führend.

Die immerhin selbst bei Abwesenheit von Lebensgefahr erforderliche materielle Hilfe für die Bürger dieser Länder wäre vor Ort weitaus effektiver und vor allen Dingen erheblich umfänglicher und nachhaltiger zu leisten möglich.

Ob aber europäische Länder nicht bloß Asyl-, sondern auch Einwanderungsländer sein sollten, wird nur scheinbar von der lebenshungrigen Polyglottie unseres parasitären Teils der Ober- und Mittelschicht bestimmt – in Wahrheit zum Besten der dahinter lenkenden Finanzaristokratie. Insofern ist zunächst zu

empfehlen, ein Blick in die Statistik der Bevölkerungsdichte der europäischen Länder zu werfen im Vergleich zu den außereuropäischen, auch wenn diese Zahlen stets relative Größen in Hinsicht auf andere Kennziffern sind. Dass das »Einwanderungsland« Deutschland schon heute eine fast 60fach höhere Bevölkerungsdichte als das Einwanderungsland Kanada ausweist und selbst noch eine zehnmal so hohe wie Schweden oder doppelt so hohe wie sogar noch das heutige nachkoloniale Frankreich, hätte allerdings schon längst die von der Finanzaristokratie gerühmten Kosmopoliten belehren müssen, wenigstens die letzte Kirche im Dorf zu lassen und die erst vor einiger Zeit begonnene, sardinenhafte Stapelung von Menschenmaterial in unseren Städten zu beenden, bevor es zu unkontrollierbarer Gegenwehr der verdrängten, durch Vermietergier ins Unglück getriebenen Bevölkerung kommt.

Immerhin lässt sich sagen, dass eine Nation bis auf jene Menschen, die um ihr Leben rennen müssen, vernünftigerweise niemanden ins Land lassen kann, dem es nicht auch dauerhaft ein Auskommen, also Arbeit, eine Ausbildung, eine Wohnung und soziale Sicherheit zu geben in der Lage ist. Denn was werden den Bewohnern dieses Landes am Ende viele jener antun, die ohne Perspektive, gar unbekannt, hier eingewandert sind und in großer Zahl der Armut oder dem Verbrechen anheimfallen? Wenn schon Millionen der eigenen Bürger arbeitslos sind, wie soll man eine Politik beurteilen, die weiteren millionenfachen Zuzug befördert oder hinnimmt? Wir sind, einigermaßen furchterregend, in die Hände haltlosen politischen Gesindels geraten, deren wichtigster Auftrag, Tag und Nacht das allerbilligste Menschenmaterial vorhalten zu können, vom moralischen Herrenmenschentum unserer verkommenen Bildungsbourgeoisie sogar noch als Humanismus beglaubigt wird.

Treten diese unsere seefahrenden Unternehmer des menschenrettenden Massenmords daheim vor ihre eigene Haustür, steigen sie bereits seit einigen Jahren über wahrhaft Elende und Obdachlose aus ganz Europa, die vor aller Augen auf offener Straße unbeachtet vor sich hin verrecken.

„Das Mitleid ist die letzte Weihe der Liebe, vielleicht die Liebe selbst.“ (Heinrich Heine).

Dort liegen sie noch heute. Das arische Getier würdigt sie keines Blickes.

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