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Ausland, Medien

Die Nachrichten – tödlich für die Satire

von Patrick Armstrong – http://www.theblogcat.de

Wie soll man angesichts dessen, was sie jeden Tag sagen, den Unterschied zwischen feierlichen offiziellen Verlautbarungen und schelmischer Satire erkennen?

Vor ein paar Jahren schlug ein Kollege die Idee vor, dass eine Gruppe von uns versuchen sollte, der steigenden Leidenschaft der Anti-Russland-Propaganda entgegenzuwirken, indem wir sie satirisch aufbereiten. Meine Reaktion war, dass das wahrscheinlich eine Verschwendung von Mühe sein würde (das war zu Trumps Zeiten, mit Rachel Maddow und dem Rest, die 24/7 immer absurdere Verschwörungsideen ausspuckten), weil sie schon weit über den Punkt hinaus waren, um überhaupt in der Lage zu sein, Satire zu bemerken.

Nichts hat mich seitdem dazu gebracht, meine Meinung zu ändern. Lest zum Beispiel das hier aus Australiens meistgelesener Zeitung – es geht hier um China, aber das spielt keine Rolle

Knuddelige Elefanten sind die neueste Waffe in der Propagandaoffensive von Präsident Xi Jinping, um ein „liebenswerteres“ globales Bild von China zu präsentieren.

Mit anderen Worten: Um den Westen davon abzulenken, dass Millionen von Uiguren in Ketten gefesselt sind und ihre Moscheen niedergerissen werden, während sie mit Schweinefleisch-Sandwiches zwangsgefüttert werden, haben die kommunistischen Diktatoren in Peking Geschichten über niedliche Kuscheltiere entfesselt. Wie könnte man das persiflieren? Und wenn es jemand versuchen würde, würde jemand merken, dass es Satire ist? Wie würde man den Unterschied zwischen Satire und ernsthaften Verlautbarungen von „Gelehrten“ in „Think“-Tanks erkennen? Knuddelige Elefanten sind glaubwürdig, aber knuddelige Pandas sind übertrieben?

Oder wie steht es mit der feierlichen Erklärung der BBC vor drei Jahren, dass Putins Russland den Humor in eine Waffe verwandelt habe? Was kommt als Nächstes? Putin macht Käse zur Waffe? Ups, das hat Masha Gessen schon getan mit ihrem unvergesslichen Lobgesang auf

Mein kleiner Gorgonzola. Mein kleiner Mozzarella. Mein kleiner Gruyere, Chevre und Brie. Ich hielt sie alle in meinen Armen – ich wollte sie nicht einmal mit dem Einkaufswagen teilen – und steuerte auf die Registrierkasse zu.

Putin macht dein Frühstücksmüsli zu einer Waffe! Das zieht danach nicht mehr so, nicht wahr? Bleiben nur noch Killer-Tintenfische – nee, das gab’s auch schon: Wird der 14-beinige Killer-Tintenfisch, der ZWEI MEILEN unter der Antarktis gefunden wurde, von Putin als Waffe eingesetzt?

https://www.express.co.uk/news/weird/735175/vladimir-putin-killer-octopus-organism-46-b-russian-army-secret-weapon-russia

(Der schlaue Putin hat es sogar geschafft, dem Tintenfisch sechs Killer-Tentakel hinzuzufügen – ein weiterer Durchbruch in der russischen Wissenschaft der dunklen Seite). Beluga-Wale? Nein, zu spät!

Im Jahr 2018 verbrachte Rachel Maddow auf MSNBC, das sich selbst bescheiden als „die erste Adresse für tiefgreifende Analysen der täglichen Schlagzeilen“ bezeichnet, fast drei Minuten damit, ausführlich zu erklären, dass Russland eine Grenze mit Nordkorea hat, was irgendwie zeige, dass Putins Handlanger Trump etwas Schreckliches tut. Seht es euch selbst an, es sei denn, ihr habt einen Termin für eine Wurzelbehandlung, zu der ihr lieber gehen würdet. Nochmal: wie soll man dazu Satire machen! Nun ist es möglich, dass sie einen Aufklärungsdienst für jene Amerikaner geleistet hat, die dachten, Nordkorea sei in Australien oder im Oman. Aber andererseits, wenn man bedenkt, dass ein Gericht festgestellt hat, dass

sich Maddows Show von einer typischen Nachrichtensendung unterscheidet, in der Moderatoren die Zuschauer über die Tagesnachrichten informieren. Der Sinn von Maddows Show ist, dass sie die Nachrichten liefert, aber auch ihre Meinung zu diesen Nachrichten kundtut.

… dann war das vielleicht schon eine Art Satire.

Diese „Nachrichten“ oben sind natürlich selbst Ablenkungen. Die Geschichten über die Uiguren sind größtenteils Unsinn, wie dieser ehemalige Gläubige erklärt.

https://ghazanfarsultan.medium.com/a-muslims-perspective-on-the-uyghur-narrative-6da0dfb1391e

Die abgerissenen Moscheen sind selektiv verwendete Satellitenbilder, wie hier erklärt wird (und das allzeit bereite Bellingcat, das genau dieselben Bilder selektiv verwendet

https://medium.com/@sunfeiyang/the-case-of-the-keriya-aitika-mosque-efa29e456339 )

Und die Zeugen ändern ständig ihre Geschichten, wie hier dokumentiert. Es ist also eigentlich nicht Peking, das Geschichten über wandernde Elefanten benutzt, um die Aufmerksamkeit abzulenken: Es ist genau umgekehrt. Putins „Humor-Waffe“ war auf die sich ständig ändernde Skripal-Geschichte gerichtet – hier ist eine kurze Liste der Absurditäten, die die Offiziellen von uns erwarten, dass wir sie schlucken – also ist die Anschuldigung der BBC eine weitere Ablenkung von der Realität. Käse in eine Waffe zu verwandeln war Anti-Putin Unsinn, der bereits aufgeflogen ist, jetzt wo Russland im Grunde autark in Lebensmitteln ist – nur eine weitere verpasste Vorhersage aus ihrer ständig wachsenden Liste. Was Maddow betrifft, nun, sie webt immer noch eine Brownsche Bewegung von Punkten in die Netze russischer Verschwörungen.

In der Vergangenheit habe ich meine eigenen Versuche unternommen, den sich ständig drehenden Unsinn über Russland und Putin zu sammeln, dem wir ausgesetzt waren: hier im Jahr 2015 (Asperger-Syndrom, Revolverheld-Gang), im Jahr 2019 auf dem Höhepunkt des Trumputin-Wahnsinns – erinnert ihr euch daran?: Trump will Grönland kaufen, was ein weiteres Zeichen für Putins Marionettenspiel ist. Wie kann man das persiflieren? Oder diese ekelhafte Karikatur aus der Quelle von „All the News that’s Fit to Print“; die bereits so weit über elf aufgedreht wurde, dass kein Satiriker die Lautstärke höher drehen könnte.

Ich fordere jeden Satiriker heraus, einen Sketch darüber zu machen, wie das vier Jahre lange Geschrei über Putins Einmischung in die US-Präsidentschaftswahlen 2016 mit der sichersten Wahl in der Geschichte 2020 zu einem plötzlichen, knallenden Ende kam. Haben Putin und seine Liga von Spionen plötzlich vergessen, wie man ausländische Wahlen manipuliert, nachdem uns gesagt wurde, wie viele erfolgreiche Versuche es gab? Gab es einen Sinneswandel im Kreml und sie haben unter Tränen erkannt, dass es falsch war, ausländische Wahlen zu manipulieren? Haben sie entschieden, dass Biden in ihrem Plan, die USA zu stürzen, besser wäre als Trump? Hat Putins Handlanger Trump irgendwie das amerikanische Wahlsystem so gefestigt, dass Putin nicht in der Lage war, ihn wieder einzusetzen? Hat Rachel Maddow jemals erklärt, was passiert ist? Oder die WaPo? Oder CNN? Vier Jahre des Gezeters über Putins Kontrolle der US-Wahlen verschwanden in einem Augenblick. Das weit verbreitete Wissen darüber, warum die US-Wahlen so anfällig für russisches Hacking sind, verwandelte sich über Nacht in eine verachtenswerte Verschwörungstheorie – Donald Trumps Große Lüge erklärt. Und das zu einer Zeit, wohlgemerkt, als russische Hacker angeblich alles in den USA hackten, nur nicht die Wahlen. Verwandelt das mal in Satire, wenn ihr euch traut.

Natürlich liegt die wahre Antwort auf der Hand: Diesmal hat der „Richtige“ gewonnen und es war nicht nötig, eine russische Verschwörungsgeschichte zu erfinden, um den „Falschen“ zu schwächen. https://www.realclearpolitics.com/video/2021/04/13/project_veritas_video_cnn_producer_admits_our_focus_was_to_get_trump_out_of_office.html#!

„Ich werde es zu 100 % sagen, und ich glaube zu 100 %, ich weiß nicht ob Trump ohne CNN abgewählt worden wäre. Ich bin zu CNN gekommen, weil ich ein Teil davon sein wollte.“

Als das Bedürfnis verschwand, verschwand auch die Geschichte und die US-Wahlen wurden wieder luftdicht. Aber wie kann man das persiflieren? Sie wussten, was sie taten, und die Wahrheit zu sagen, das war der geringste Teil davon.

Womit wir beim eigentlichen Punkt wären und dem Grund, warum Satire Zeitverschwendung ist: Man soll sich nicht an die Details erinnern; sie bauen keine Details in ihre Propagandageschichten ein, damit man sich an sie erinnern und sie mit anderen Details vergleichen kann. Ganz und gar nicht: Der Punkt ist, einen Eindruck zu hinterlassen. Im obigen Fall ging es darum, einen schlechten Geruch um Trumps Sieg herum zu hinterlassen – das war irgendwie – die Details änderten sich, aber der Geruch blieb – falsch und illegitim. Pipi-Tapes kamen und gingen, Mueller stieg und fiel, Maddow fand eine Karte; immer etwas Neues, wenn das letzte Ding verschwand. Satire kann dem nichts anhaben – bis der Satiriker seinen Sketch über (pinke) Muschis zusammen hatte, war es Zeit für „alle 17 Geheimdienste“; wenn die Mueller-Gebetskerzen ausbrennen, besticht Putin die Afghanen, damit sie tun, was sie gerne umsonst tun. Aber immer ist Trump irgendwie – ich weiß nicht mehr genau wie, habe auch da die Details vergessen – verdächtig mit einem bösen , aber unbestreitbar bösen, ausländischen Bösewicht verbunden. Die Show rollt weiter, immer mit einem neuen Eichhörnchen zur Ablenkung.

Eine der Freuden der Biden/Harris-Administration ist die Rückkehr alter Lieblinge. Hier ist John Kirby, der 2014 erklärt, warum es Russlands Schuld ist, dass es vor den Toren der NATO steht, und 2021 als Pentagon-Sprecher zurückkehrt, warum Russland uns „typischerweise“ desinformiert hat, als es Warnschüsse auf die HMS Defender abfeuerte. Ich fordere jeden auf, das zu persiflieren. Masters of Bullshit – mehr kann man dazu nicht sagen, oder? Psaki und Kirby, wieder zusammen. Und wo ist Harf, selbst keine schlechte Fachkraft? Beweise, dass sie Lügner sind, es ist ihnen egal.

Es ist unmöglich, dass jemand lügt, wenn er nicht glaubt, die Wahrheit zu kennen. Bullshit zu produzieren erfordert keine solche Überzeugung. Ein Mensch, der lügt, antwortet so auf die Wahrheit, und insofern ist er ihr gegenüber respektvoll. Wenn ein ehrlicher Mensch spricht, sagt er nur das, was er für wahr hält; und für den Lügner ist es dementsprechend unabdingbar, dass er seine Aussagen für falsch hält.

Für den Bullshitter hingegen ist alles möglich: Er steht weder auf der Seite des Wahren noch auf der Seite des Falschen. Sein Auge ist überhaupt nicht auf die Tatsachen gerichtet, wie es die Augen des ehrlichen Mannes und des Lügners sind, es sei denn, sie sind relevant für sein Interesse, mit dem, was er sagt, um damit durchzukommen. Er kümmert sich nicht darum, ob die Dinge, die er sagt, die Realität korrekt beschreiben. Er pickt sie sich einfach heraus oder erfindet sie, um seinen Zweck zu erfüllen. (Harry G. Frankfurt: Über Bullshit https://en.wikipedia.org/wiki/On_Bullshit )

Damit Satire wirksam sein kann, muss es einen Bezug zur Realität geben; aber diese Leute kümmern sich nicht um die Realität, also kann es keine Satire geben. Putin wappnet sich mit Humor, Kinderkarikaturen, Impfstoffen und vielem mehr – hier ist eine Liste: https://www.moonofalabama.org/2018/12/how-putins-russia-turned-x-into-a-weapon.html

Aber ach, ihr Möchtegern-Satiriker, alles, was ihr euch vorstellen könnt, ist wahrscheinlich schon von dem üblichen Konsortium von Ex-Sicherheitsorgan-Apparatschiks, die sich als objektive Experten ausgeben, feierlich diskutiert worden.

Und angesichts dessen, was sie jeden Tag sagen, wie soll man überhaupt noch den Unterschied zwischen feierlichen offiziellen Verlautbarungen und boshafter Satire erkennen?

The News Killed Satire

https://www.theblogcat.de/uebersetzungen/nachrichten-toeten-satire-13-07-2021/

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Die Nachrichten – tödlich für die Satire

  1. Missverstandene Satire gab es auch bei den den Trump Fanatikern.
    Die haben diese Form der Verarschung Trumps begeistert geschwenkt.
    Besser kann Realsatire kaum noch werden…

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    Verfasst von Ambros Bierce | 24. Juli 2021, 14:11

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