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Ausland, Russland

Putins Warnung an den Westen: Moskau sieht die Ukraine als Teil der „russischen Welt“ & das sollte von Außenstehenden ernst genommen werden

von Paul Robinson – http://www.rt.com

Übersetzung LZ

Paul Robinson ist  Professor an der Universität von Ottawa. Er schreibt über russische und sowjetische Geschichte, Militärgeschichte und Militärethik und ist Autor des Blogs Irrussianality http://t.me/irrussian

Der russische Präsident Wladimir Putin hat diese Woche den Startschuss zu einem neuen Streit mit Kiew gegeben. Die fraglichen Ereignisse sind jedoch nicht neu – sondern sehr, sehr alt, wobei Putin die Grundlage der ukrainischen Nationalität in Frage stellt.

„Ich betrachte die Mauer, die in den letzten Jahren zwischen Russland und der Ukraine entstanden ist, zwischen zwei Teilen eines einzigen historischen und geistigen Raums, als ein großes gemeinsames Unglück, eine Tragödie.“ Mit diesen Worten legte Putin seine Version der russisch-ukrainischen Geschichte in einem langen Artikel dar, der Anfang dieser Woche auf der Kreml-Website veröffentlicht wurde.

Für Putin sind die Bewohner beider Nationen „ein Volk“, dessen „geistige, menschliche und zivilisatorische Verbindungen über Jahrhunderte hinweg entstanden sind.“ Der Präsident fuhr fort, dass „unsere Verwandtschaft von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Sie ist in unseren Herzen… in den Blutbanden, die Millionen unserer Familien vereinen.“

Die Vorstellung, dass die Ukrainer Teil dieser einen Familie sind, ist für die Nationalisten im Land ein gefundenes Fressen. In einer wütenden Reaktion, die in der Kyiv Post veröffentlicht wurde, hieß es: „Putins Behauptung ist mehr Propaganda als Geschichte. Russen und Ukrainer haben sich historisch voneinander unterschieden. Russland hat jahrhundertelang den Mythos gefördert, dass die Russen, Ukrainer und Weißrussen eine Nation sind, mit Moskau in ihrem Herzen.“ Laut dem Artikel „wurde diese Theorie benutzt, um den russischen Imperialismus zu festigen und die ukrainische und weißrussische nationale Identität zu untergraben.“

Offensichtlich denkt Putin anders und bekräftigt frühere Aussagen, die er angesichts dieser Art von Kritik gemacht hat. In seiner langen Darstellung der russischen und ukrainischen Geschichte legt er dar, dass Kiew und Moskau durch Jahrhunderte gemeinsamer politischer und kultureller Prägung verbunden sind. Nebenbei tadelt Putin die aktuellen Behörden des Nachbarlandes für ihre Politik und macht westliche Mächte für die Spaltung zwischen Russland und der Ukraine verantwortlich, sowohl in der Vergangenheit als auch heute.

Dies ist nicht die erste historische Abhandlung Putins. Letztes Jahr veröffentlichte er zum Beispiel einen Artikel über die Ursprünge des Zweiten Weltkriegs. Man muss sich fragen, warum er sich die Mühe macht. Es ist ja nicht so, als ob sich viele Leute wirklich für alle Einzelheiten der Beziehung zwischen Bogdan Chmelnizki und dem alten Moskau interessieren. Warum sollte man sich auf die Geschichte konzentrieren und nicht auf die Probleme von heute?

Eine Erklärung ist, dass Putin im Vorfeld der Parlamentswahlen im September auf die einheimischen Wähler abzielt. Das erklärt jedoch nicht, warum Putin sein neuestes Werk nicht nur in russischer, sondern auch in ukrainischer Sprache veröffentlicht hat. Es ist klar, dass der russische Staatschef ein Publikum außerhalb der russischen Grenzen ebenso im Blick hat wie das innerhalb der Grenzen.

So betont Putin in seinem Artikel seine Überzeugung, dass „das ‚Anti-Russland‘-Projekt für viele in der Ukraine einfach inakzeptabel ist – und es gibt Millionen solcher Menschen.“ Das Problem, so Putin, sei, dass diese Gruppe „eingeschüchtert und in den Untergrund getrieben wird.“ Der Artikel stellt daher vielleicht einen Versuch dar, über die Köpfe der ukrainischen Regierung hinwegzugehen, um direkt an diese Millionen gewöhnlicher Ukrainer zu appellieren, von denen Putin denkt, dass sie seiner Erzählung wohlwollend gegenüberstehen werden.

Darüber hinaus steht er für die wachsende Bedeutung des historischen Schlachtfelds in der osteuropäischen Politik.

Sei es die sowjetische Hungersnot von 1932-33, die von den Ukrainern als „Holodomor“ bezeichnet wird, die Umstände, die zum Zweiten Weltkrieg führten, oder – wenn man noch weiter in die Vergangenheit zurückgeht – die tiefsten Ursprünge des russischen und des ukrainischen Volkes, die Interpretationen der Geschichte haben eine entschieden politische Färbung. Politiker auf allen Seiten glauben, dass derjenige, der das historische Narrativ kontrolliert, einen entscheidenden Vorteil gegenüber seinen Gegnern erlangt. Putins Artikel zeigt, dass er nicht die Absicht hat, dieses Schlachtfeld anderen zu überlassen.

Ob Putins detaillierte Darstellung der Anthropologie und der Völkerwanderung korrekt ist, überlässt man am besten professionellen Historikern. Zweifelsohne werden ihre Meinungen variieren. Geschichte ist selten eindeutig. Wichtiger ist, was Putins Erzählung von einem gemeinsamen russisch-ukrainischen Erbe für die heutige Politik bedeutet. In dieser Hinsicht ergeben sich aus seinem Artikel ein paar wichtige Punkte.

Der erste bezieht sich auf den Westen. Der russische Führer beschuldigt äußere Mächte für die Teilung Russlands und der Ukraine. Historisch gesehen, waren die Schuldigen Polen und Österreich. Heute ist es der Westen im Allgemeinen. Die Ukraine sei „ein Protektorat geworden, das unter der Kontrolle westlicher Mächte steht“, schreibt Putin. Auch hier gilt: Ob Putin Recht hat oder nicht, ist nebensächlich. Was zählt, ist, dass er den Westen als bösartig handelnd sieht. Das deutet nicht darauf hin, dass er sich von westlichem Druck beeindrucken lassen wird.

Der zweite Punkt bezieht sich auf den anhaltenden Krieg im Donbass, in der Ostukraine. Putin gibt der Regierung, die nach dem Maidan 2014 an die Macht kam, und ihrer Politik der „gewaltsamen Assimilation, der Bildung eines ethnisch reinen ukrainischen Staates“ die Schuld an dem Konflikt. Kiew weigert sich, den Krieg zu beenden, behauptet Putin, weil dies notwendig ist, um ein nationalistisches Projekt zu rechtfertigen, das die Ukraine als „Anti-Russland“ definieren will. Extreme Nationalisten warteten „auf ihre Chance“, den Donbass zu säubern, dessen Bevölkerung berechtigt sei, zu kämpfen, um „ihre Heimat zu verteidigen.“

Der dritte Punkt betrifft die territoriale Integrität der Ukraine. Bis zu einem gewissen Grad könnte man dies als Rechtfertigung für Beschwerden sehen, dass Putins „Ein-Volk“-Rhetorik den russischen Imperialismus ermöglicht. Die sowjetische Nationalitätenpolitik, die Territorien von einer nationalen Republik auf eine andere übertrug, bedeutete, dass „Russland beraubt wurde“, so Putin. „Wir werden niemals zulassen, dass unsere historischen Territorien … gegen unser Land verwendet werden“, fügt er hinzu.

Die Verwendung des Wortes „unsere“ ist aufschlussreich, da es darauf hindeutet, dass Putin bestimmte Teile der Ukraine als rechtmäßig russisch betrachtet. Er vermeidet es, einen direkten territorialen Anspruch zu erheben, und bekräftigt in der Tat seine Unterstützung für das Minsk-II-Abkommen von 2015, dessen Erfüllung die Wiedereingliederung des Donbass in die Ukraine zur Folge hätte. Doch neben seiner rhetorischen Unterstützung für den Separatismus in der Region gibt es hier eine klare Botschaft. Putin sieht die Ostukraine als Teil der russischen Welt und glaubt, dass, wenn Moskau den Donbass aufgibt, dieser einem völkermörderischen Angriff ausgesetzt sein wird.

Wer also glaubt, dass Putin jemals dem Druck des Westens nachgeben und den Donbass der Kiewer Regierung und ihren Streitkräften überlassen wird, der irrt mit ziemlicher Sicherheit.

Darüber hinaus gibt es aber noch eine tiefere Botschaft. Wenn die Ukraine versucht, das Problem des Donbass mit Gewalt zu lösen, wird sich Russland nicht durch Fragen der selbst erklärten territorialen Souveränität Kiews gegängelt fühlen. Denn tief im Inneren glaubt der Kreml nicht, dass die fraglichen Gebiete wirklich ukrainisch sind.

Putin hat diesen Artikel nicht geschrieben, weil er es für eine triviale Angelegenheit hält. Es ist ganz klar eine Herzensangelegenheit für ihn.

Daraus muss man schließen, dass er in Fragen, die die Ukraine betreffen, wahrscheinlich nicht zurückstecken wird. Der Artikel enthält auch eine versteckte Warnung. Es ist keine, die den Führern in Kiew oder im Westen gefallen wird. Es ist jedoch eine, die sie gut daran tun würden, zu beherzigen.

https://www.rt.com/russia/529177-putin-warning-west-ukraine/

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