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Ausland, Naher Osten

Der Westen flieht aus Afghanistan und Verrät seine Verbündeten

von Thomas Röper – http://www.anti-spiegel.ru

Was westliche Politiker und Medien als „Abzug“ aus Afghanistan bezeichnen, ist de facto eine überstürzte Flucht. Ihre (ehemaligen) Verbündeten überlassen die westlichen Staaten ihrem Schicksal.

Es gab und gibt reichlich Gründe, den Afghanistan-Krieg zu kritisieren. Nun kommt ein weiterer Grund hinzu, denn die derzeitige überstürzte Flucht des Westens zeigt auf, was Bündnisse und Hilfsversprechen der westlichen Staaten wert sind. Bei ihrer Flucht lassen die westlichen Staaten ihre Verbündeten und ihre ehemaligen Helfer im Land zurück und liefern sie den Mörderbanden der Taliban aus, die mit den „Verrätern“ kurzen Prozess machen werden.

Das Afghanistan-Fiasko des Westens

Ob ein Krieg erfolgreich war, kann man leicht überprüfen, indem man nach dem Krieg anschaut, mit welchen Zielen die Parteien in den Krieg gezogen sind. Im Falle Afghanistans wurde uns vor 20 Jahren erzählt, dass wir in Afghanistan Krieg führen müssten, um erstens die Taliban zu besiegen, denen man die Schuld an 9/11 gegeben hat. Zweitens sollte in Afghanistan endlich die Demokratie eingeführt werden und natürlich ging es drittens um Menschenrechte, vor allem um die Rechte der Frauen und das Recht der Mädchen auf Schulbesuch.

Erreicht wurde keines der Ziele, im Gegenteil: In Afghanistan herrscht immer noch ein Steinzeit-Islamismus ohne Frauenrechte. Von Demokratie kann keine Rede sein, denn im Land herrscht Krieg und die Zentralregierung, die nur kleine Teile des Landes kontrolliert, macht eher mit Korruption Schlagzeilen als mit Demokratie. Und die Taliban erobern Afghanistan gerade im Eiltempo zurück und besetzen die Teile des Landes, die bisher von Nato-Truppen gehalten wurden.

Im Grunde hat sich in Afghanistan durch den Nato-Krieg nichts geändert, außer dass es zehntausende Tote gab und dass Afghanistan unter Nato-Herrschaft zum weltweit größten Produzenten von Schlafmohn geworden ist, aus dem Heroin gewonnen wird. So ironisch es klingt, aber aus Sicht der Drogenbekämpfung kann man sich auf die Rückkehr der Taliban sogar freuen, denn unter deren Herrschaft der Anbau von Drogen in Afghanistan schon aus religiösen Gründen verboten, weshalb zu erwarten ist, dass sie – im Gegensatz zu den Nato-Staaten – wieder dagegen vorgehen werden.

Die Flucht des Westens

Was Politik und Medien als „Abzug“ bezeichnen, erinnert in frappierender Weise an die Flucht der USA aus Vietnam. Nachdem die USA erklärt haben, sich aus Afghanistan zurückziehen zu wollen, haben Deutschland und die anderen Staaten ihre Soldaten in aller Eile abgezogen. Wo eben noch die deutschen Soldaten waren, rücken nun bereits die Taliban vor. Und die USA haben Bagram, ihre wichtigste Basis in Afghanistan, in aller Heimlichkeit überstürzt verlassen.

Das russische Fernsehen hat schon am Sonntag in der Sendung „Nachrichten der Woche“ über die nächtliche Flucht der US-Truppen aus Bgram berichtet und Bilder davon gezeigt, wie überraschte Anwohner die leere US-Basis im Morgengrauen geplündert haben. In dem Bericht hieß es:

„Nachdem sie 20 Jahre lang in ihrem Hauptstützpunkt in Afghanistan gesessen hatten, verließen die Amerikaner Bagram im Schutze der Nacht fast blitzartig. Sie sind auf unschöne Art gegangen. Als wären sie auf der Flucht. Der Zeitpunkt, an dem der letzte Transport der U.S. Air Force abhob, wurde, offenbar aus Sicherheitsgründen, selbst den Alliierten verheimlicht. Für die lokalen afghanischen Behörden kam das überraschend. Aber nicht für die Plünderer, die sich in den frühen Morgenstunden als erste auf die Basis stürzten. Es gab keine Kräfte, die sie aufhalten konnten. Die Möglichkeiten der Behörden ist umgekehrt proportional zum Ausmaß der Angst derjenigen, die ihre Zukunft nicht mit den Taliban sehen. Und man kann sie verstehen.
„Die Situation in Afghanistan wird nur noch schlimmer werden. Es gibt keine Sicherheit. Den Regierungstruppen mangelt es an Waffen und Nachschub. Der Stützpunkt Bagram wird geplündert, würde man mich dort reinlassen, würde ich auch etwas mitnehmen“, sagte ein Anwohner.“

Was westliche Medien berichten

Solche Meldungen und Bilder wollen westliche Medien ihrem Publikum nicht zeigen, zu peinlich ist das Ausmaß des Fiaskos in Afghanistan. Der Spiegel berichtete erst am Mittwoch in einem Artikel über die Flucht der US-Truppen aus Bagram. Allerdings wurde nicht die Flucht aus Bagram in dem Artikel thematisiert, sondern die Vorwürfe der Afghanen, die USA hätten sie ohne Vorwarnung im Stich gelassen. So hieß es im Spiegel dazu:

„Der Abzug der US-Truppen in Afghanistan schreitet rasant voran – und sorgt zwischen dem US-Militär und den afghanischen Streitkräften für Verstimmung. Nun hat das Pentagon Vorwürfe zurückgewiesen, den Militärstützpunkt Bagram ohne Ankündigung in einer Nacht- und Nebelaktion verlassen zu haben.
Zivile und militärische Führungskräfte in Afghanistan seien angemessen über die Übergabe des Stützpunkts informiert worden, sagte Pentagon-Sprecher John Kirby am Dienstag. Aus Sicherheitsgründen habe man jedoch zum Beispiel nicht über die exakte Uhrzeit des Abzugs informiert. Man sei vorsichtig gewesen bei den Details, aber es habe Koordination gegeben.“

Die USA haben damit die Vorwürfe der Afghanen de facto bestätigt, denn was die USA als „angemessen informiert“ bezeichnen, wird nicht hinterfragt. Und danach bestätigt sich, dass die „exakte Uhrzeit des Abzugs“ niemandem mitgeteilt wurde. Der Grund: Sicherheitsbedenken.

Besser kann man eine Flucht nicht beschreiben. Nach 20 Jahren „Befriedung“ Afghanistans ist das Land so friedlich, dass die USA Angst haben, den Zeitpunkt ihres Rückzugs anzukündigen, weil sie befürchten müssen, die Nachhut werde angegriffen und könnte plötzlich einer Übermacht an Taliban-Kämpfern gegenüberstehen. Und der Spiegel übernimmt – wie immer – treuherzig die Formulierungen des Pentagon und stellt keine Fragen. Der Spiegel ist eben ein verlässliches Sprachrohr des Pentagon, das natürlich nicht eingestehen will, dass die USA in Afghanen eine krachende Niederlage erlitten haben und derzeit aus dem Land flüchten.

Der Verrat des Westens

Dabei gibt es eine Menge Fragen, die der Spiegel stellen könnte. Auch und gerade, wenn man – wie der Spiegel – ein Verfechter der US-geführten Politik des Westens ist.

Es ist in jedem Konflikt wichtig, verlässliche Verbündete zu haben und gerade in der Niederlage zeigt sich, ob man seine Verbündeten „hängen lässt“ oder sich für sie einsetzt. Der Westen lässt seine Verbündeten in Afghanistan hängen. Die regionalen Helfer, egal ob afghanische Politiker oder Leiter dortiger Behörden oder Soldaten und Offiziere der afghanischen Regierungstruppen erleben gerade, wie der Westen sie ihrem Schicksal überlässt. Nicht einmal den Zeitpunkt des Abzuges teilen die USA ihnen mit, dabei wäre es für die Planung ihrer Verteidigung wichtig zu wissen, ob sie noch US-Unterstützung haben oder ob sie bereits alleine gegen die vorrückenden Taliban stehen.

Gleiches gilt für die vielen Helfer der westlichen Truppen. Auch sie wurden über Nacht alleine gelassen. Die für den Fall eines Truppenabzugs versprochene Evakuierung der Helfer in westliche Länder findet praktisch nicht statt. So werden Dolmetscher und andere afghanische Hilfskräfte der Rache der Taliban ausgeliefert, die bekanntlich nicht zimperlich sind und sich oft gleich an der ganzen Familie rächen. Immerhin dazu kann man in dem Spiegel-Artikel kritische Worte finden:

„»Es ist furchtbar, was hier passiert«, der Vorsitzende des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte, Marcus Grotian, am Dienstag dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. »Ich kann das moralische Versagen, das ich hier wahrnehme, nicht in Worte fassen.«
Afghanen, die während des jahrelangen deutschen Einsatzes in ihrem Land, etwa als Übersetzer oder Fahrer für die Bundeswehr gearbeitet hatten, werden dort von den vorrückenden radikalislamischen Taliban bedroht. Die Vergabe von Einreisevisa nach Deutschland lief zuletzt allerdings nur schleppend.“

Verrat als westliche Tradition

Man muss sich jedes Mal wundern, dass der Westen, wenn er mal wieder ein Land angreift, noch Verbündete und Helfer findet, denn der Verrat an örtlichen Verbündeten und Helfern hat im Westen Tradition. Das letzte deutliche Beispiel dafür konnte man in Syrien beobachten. Dort haben die USA lange auf die Kurden als Verbündete gesetzt und die Kurden haben sich auf die Rückendeckung der USA verlassen.

Als aber Erdogan Ende 2019 die Nase voll von kurdischen Angriffen auf die Türkei und Waffenschmuggel aus kurdisch kontrollierten Gebieten in die Türkei hatte und ankündigte, auf syrischer Seite der türkisch-syrischen Grenze eine „Sicherheitszone“ zu schaffen, da verteidigten die USA ihre Verbündeten in Syrien weder politisch, noch militärisch, sondern flohen überstürzt aus den betroffenen Gebieten und überließen die Kurden ihrem Schicksal.

Es war ausgerechnet Russland, das Schlimmeres verhinderte, indem Russland Truppen in die Region brachte, um die syrische Souveränität zu schützen. Erdogan sah sich gezwungen, mit Putin eine Einigung zu finden und im Ergebnis haben dann russische und türkische Soldaten gemeinsame Patrouillen an der Grenze durchgeführt, was die militärische Eskalation beendet hat.

Die Taliban nehmen Afghanistan im Sturm

Kriegsproganda folgt bestimmten Regeln, die Sie hier nachlesen können. Die Regel Nummer 7 dieser Liste lautet:

„Wir erleiden nur geringe Verluste; die Verluste des Feindes sind riesig“

Die westlichen Medien reden ihren „Abzug“ in bester Tradition der Kriegspropaganda schön, denn während die westlichen Truppen Afghanistan Hals über Kopf verlassen, rücken die Taliban im Eiltempo vor. Internationale Nachrichtenagenturen berichten jeden Tag darüber, wie die Taliban eine Provinz des Landes nach der anderen einnehmen, oft sogar ohne auf Widerstand zu stoßen. Alleine am heutigen 7. Juli wurde gemeldet, dass die Taliban in den letzten 24 Stunden weitere drei Provinzen (Badakhshan, Badghis und Laghman) übernommen haben.

Im Norden grenzt Afghanistan an Tadschikistan und dort sind an einem Tag etwa 1.000 afghanische Regierungssoldaten vor den Taliban über die Grenze geflüchtet. Um ein Übergreifen der Kämpfe auf das angrenzende Tadschikistan zu verhindern, bietet Russland dem mit ihm verbündeten Land militärische Hilfe bei der Grenzsicherung an, wobei allein Tadschikistan 20.000 Reservisten zur Grenzsicherung einberufen hat.

Experten waren zu Beginn des westlichen „Abzugs“ aus Afghanistan davon ausgegangen, die vom Westen eingesetzte Zentralregierung könnte sich etwa ein Jahr halten, was Zeit für Verhandlungen mit den Taliban gegeben hätte. Inzwischen sprechen dieselben Experten von nur noch drei Monaten, die sich die Zentralregierung halten könne. Wozu sollten die Taliban aber noch verhandeln, wenn ihr Sieg schon greifbar nah ist?

Es sieht alles danach aus, als würde der endgültige Sieg der Taliban über die Nato bereits unmittelbar bevorstehen, was für die Region keine gute Nachricht ist. Und es ist ein ganz schlechte Nachricht für all jene Afghanen, die sich auf das Wort des Westens verlassen und mit den westlichen Truppen zusammengearbeitet haben.

Der Westen flieht aus Afghanistan und Verrät seine Verbündeten

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Der Westen flieht aus Afghanistan und Verrät seine Verbündeten

  1. Um Ihre eigenen „Interessen zu wahren,
    werden Sie auch Ihre Vasallen im Stich
    lassen, wenn es denn für Sie richtig erscheint
    Und damit meine ich gerade die Eurpäischen
    Staaten!

    Gefällt mir

    Verfasst von wolfgang fubel | 8. Juli 2021, 11:13

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