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Ausland, Europa

Propaganda und Zwang? Das gesamte TV-Interview von Roman Protasewitsch auf Deutsch

von Thomas Röper – http://www.anti-spiegel.ru

Da das Interview von Roman Protasewitsch im Westen Schlagzeilen macht und als „erzwungen“ bezeichnet wird, werde ich das gesamte Interview  übersetzen.

Teil 1

Die Übersetzung des Interviews ist schwierig, weil es kein Transkript gibt. Aber auf YouTube wurde es in Fragen aufgeteilt. Ich werde alle Fragen übersetzen und die Antworten von Protasewitsch mal wörtlich zitieren, mal zusammenfassen. Dabei werde ich immer die Zeitstempel der Frage beifügen, sodass jeder sich die betreffende Passage anschauen und zum Beispiel Mimik und Körpersprache sehen und für sich entscheiden kann, ob Protasewitsch gezwungen oder natürlich wirkt.

Der Journalist, der das Interview mit Protasewitsch geführt hat, war selbst auf der Todesliste, die die Putschisten für den vereitelten Putschversuch vorbereitet hatten. Der Putschplan sah vor, Lukaschenko, seine Söhne und einige Dutzend der wichtigsten Vertreter der weißrussischen Regierung und staatlichen Medien in der ersten Stunde des Putsches zu erschießen oder zu internieren. Das muss man wissen, wenn man sich vor Augen führen möchte, wie emotional schwierig das Interview wahrscheinlich für beide Beteiligten war, denn Protasewitsch wusste zumindest von den Putschplänen.

Daher leitete der Moderator das Interview mit folgenden Worten ein:

Journalist: „Für mich, der ich auf der Todesliste stand, ist es nicht einfach, über die Prozesse zu sprechen, an denen Sie direkt beteiligt waren und über die wir heute sprechen werden. Aber ich versuche es. Und ich sage es ehrlich, das tue ich nicht für mich, sondern eher für die Menschen, damit sie lernen, miteinander zu reden, wenn sogar wir beide das können.
Die Journalisten-Kollegen, da bin ich sicher, hätten gerne so eine Möglichkeit bekommen. Aber ich habe die Erlaubnis bekommen. Darum werde ich das Gespräch heute aufteilen und werde die Frage stellen, die wohl die von der Opposition abhängigen Medien stellen würden, und auch die Fragen, die die staatlichen Medien stellen würden. Ich werde diese Fragen also ab und an trennen.
Ich hoffe, dass zumindest Sie verstehen, dass es keine unabhängigen Medien gibt
.“
Protasewitsch: „Selbstverständlich.“
Journalist: Gut, dass Sie das verstehen, denn dann müssen wir vieles nicht extra erklären.“

0:01:21 Machen Sie dieses Interview freiwillig? Wie fühlen Sie sich?

Die Anwtort war kurz, Protasewitsch sagte, er mache das freiwillig und fühle sich bis auf eine Erkältung gut.

0:01:37 Wie werden Ihre Mitstreiter Ihrer Meinung nach über unser Gespräch denken?

Protasewitsch sagte dazu, dass ihm das egal sei, dass er aber vermute, er werde als Verräter bezeichnet werden. Aber er lebe im Hier und Jetzt, ihm sei das egal. Er wolle ehrlich den Schaden, den er angerichtet habe, wieder gut machen. Er fügte hinzu, dass er in der Opposition gezwungen war, „meine Nase immer weniger in Angelegenheiten zu stecken, die mich nichts angehen, woher welche Gelder kommen, welche Geheimdienste wen beeinflussen, je mehr ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, desto schlimmer wurde das alles.“

0:02:48 Hat die Opposition Angst vor Ihrem Auftritt?

Ich denke ja, das wird für einigen Wirbel sorgen.“

0:02:56 Wurden Sie vor diesem Interview geschminkt?

Ich wurde gar nicht angefasst, mir wurden nur diese beiden Mikrofone angesteckt.“

Wer das Video anschaut, kann das unschwer überprüfen. Sogar Pickel auf der Stirn und andere Unreinheiten der Haut sind deutlich sichtbar.

0:03:26 Wer wusste, dass Sie auf diesem Flug waren?

Der Journalist leitete die Frage mit den Worten ein, dass er über den Flug nicht sprechen wolle, da das Thema für beide bereits eindeutig geklärt sei, wozu Protasewitsch nickte.

Vorweg nennt Protasewitsch seinen Urlaub einen „erzwungenen Urlaub“. Warum das so ist, dazu wird er später noch erzählen. Weiter sagt er, er habe während des „erzwungenen Urlaubs“ nur einmal mitgeteilt, wo er sich befinde. Und das war 40 Minuten vor dem Abflug aus Athen in einem geschlossenen Chat. Er nennt dann einige der Teilnehmer der Chat-Gruppe, mit einem besonders bitteren Lächeln nennt er Franak Viačorka, den wichtigsten Berater von Tichanowskaja, der nach eigenen Angaben Fellow beim Atlantic Councel ist und früher bei den US-amerikanischen Staatsmedien USAGM und Radio Liberty gearbeitet hat.

Diesen Gesichtsausdruck bei der Nennung des Namens Viačorka griff der Journalist auf, als er die nächste Frage stellte.

0:04:11 Mit wem in dem Chat hat hatten Sie ein schlechtes Verhältnis?

Protasewitsch erzählte von persönlichen Konflikten, die er in der letzten Zeit mit einigen Vertretern der Opposition gehabt habe, weil er sich geweigert habe, „bestimmte politische Aufgaben zu übernehmen“ und dass Viačorka in einem Chat geschrieben habe, dass man nach der Rückkehr von Protasewitsch aus dem Urlaub generell über die Perspektiven der Zusammenarbeit sprechen müsse. Es sei über seine Entlassung aus den Oppositionsprojekten gegangen und er selbst hätte nichts dagegen gehabt, er hätte inzwischen lieber als Fotograf gearbeitet.

0:05:01 Wer hat mit Ihnen über Ihre Kündigung gesprochen?

Das war eine Online-Konferenz, an der ich selbst aus einem ganz dummen Grund nicht teilnehmen konnte, weil das W-LAN in dem Hotel so schlecht war. Da wurde über meine Kündigung gesprochen, weil ich irgendwelche unwichtigen Deadlines verpasst hatte.“

0:05:18 Wer konkret darauf aufmerksam gemacht, dass es ein Gespräch über Ihre Kündigung geben würde?

Protasewitsch nennt in dem Interview immer wieder Daniel Bogdanowitsch, so auch hier. Der soll es gewesen sein, mit dem Protasewitsch in Konflikt stand. Laut den verfügbaren Quellen ist Bogdanowitsch aus dem Umfeld von Tichanowskaja, aber über den Mann ist im Internet nicht allzu viel zu finden, er scheint aber im „Medienapparat“ der Opposition eine hohe Funktion zu haben.

0:05:34 Warum waren Sie sicher, dass Sie nicht von „denen“ verraten werden?

Bei der Diskussion über diese Frage ging es dann auch um Protasewitschs Beteiligung an dem Projekt „Weißrussisches Schwarzbuch“. Das war ein Projekt, bei dem die Opposition persönliche Daten von Polizisten, Journalisten der staatlichen Medien, aber Lehrern und anderen Staatsangestellten gesammelt hat, die sie der Treue „zum Regime“ verdächtigten. Diese Daten wurden dann im Internet mit der Aufforderung veröffentlicht, den Frauen und Kindern dieser Leute „Besuche abzustatten“. Es ging darum, in den Reihen dieser Menschen Angst und Schrecken zu verbreiten.

Protasewitsch bestreitet allerdings, mit dem Projekt etwas zu tun gehabt zu haben. Er habe dort nur einmal einen Grundkurs in Journalistik gegeben.

Der Journalist fragt dann nach der ebenfalls in Minsk verhafteten Freundin von Protasewitsch, Sofia Sapega, die Redakteurin in dem Telegramkanal „Weißrussisches Schwarzbuch“ war, was Protasewitsch bestätigt. Der Journalist erzählt dann, dass auch er und seine Mitarbeiter auf der Liste standen (das ist allgemein bekannt) und dass in Sofias Telefon noch etwa 80 weitere, noch unveröffentlichte Datensätze waren.

0:06:53 Wie sind Sie an die persönlichen Daten für das „Weißrussische Schwarzbuch“ gekommen? Wurde dafür bezahlt?

Protasewitsch weist nochmal darauf hin, mit dem Projekt nicht direkt zu tun gehabt zu haben. Aber nach dem, was er wisse, kämen die Daten von (ehemaligen) Kollegen der Betroffenen, es habe Maulwürfe gegeben.

0:08:05 Haben unsere ehemalige Kollegen, Journalisten, Informationen über uns durchsickern lassen?

Protasewitsch weist nochmal darauf hin, mit dem Projekt nicht direkt zu tun gehabt zu haben. Er wisse darüber nichts, er habe nur mal gehört, dass man Dienstpläne der Medien bekommen habe.

0:08:44 Wie denken Sie über weißrussische Prominente, die die Seiten gewechselt haben?

Es gab in den Zeiten der Proteste im Sommer 2020 viele weißrussische Prominente, die in sozialen Netzwerken mit der Opposition sympathisiert haben. Protasewitsch hatte nicht viele gute Worte für diese Leute übrig, denn er fragte, warum diese Leute ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ihre oppositionellen Einstellungen entdeckt hätten, oder – wenn sie schon immer mit der Opposition sympathisiert haben – wie das zu ihrer offiziellen Treue zu Lukaschenko passt. Mit anderen Worten, in seinen Augen waren das Opportunisten, für die er nicht viel Sympathie gezeigt hat. Konkret spricht er dabei Journalisten an, die immer treu für die staatlichen Medien gearbeitet haben und nun plötzlich ihre Sympathie für die Opposition entdeckt hatten.

Der Journalist sagte dazu: „Das ist wie in dem Witz, wenn einer in seinen Memoiren schreibt, er habe im System gearbeitet, um das System von Innen zu verändern…

Protasewitsch lachend: „Das ist lächerlich.“

0:10:03 Warum haben Sie und Sofia im Flugzeug nicht alle Informationen auf Ihrem Telefon gelöscht?

Protasewitsch erklärt das mit der Panik, in der sie sich befunden haben, als sie erfahren hatten, dass das Flugzeug nach Minsk fliegt. Er vergleicht das mit den Gedanken, die ein Menschen haben muss, wenn er zum Schafott geführt wird.

0:11:21 Warum haben Sie im Flugzeug darüber gesprochen, dass die Todesstrafe hier auf Sie wartet?

Protasewitsch erklärt das damit, dass er in die Liste der Terroristen aufgenommen wurde und für bestimmte Delikte in Weißrussland die Todesstrafe gilt.

0:11:37 Wofür sollten Sie Ihrer Meinung nach zur Rechenschaft gezogen werden?

Der Journalist fügte hinzu, dies sei kein Verhör und er sei kein Richter, ihn interessiere einfach, an welchem Punkt Protasewitsch erkannt hat, dass er die Grenzen des Zulässigen überschritten hat.

Protasewitsch erzählt, dass er bei der Verkündung der Anklage sofort und in vollem Umfang gestanden hat, zu Massenunruhen aufgerufen zu haben. Ihn habe es berührt, dass in Minsk danach drei Tage Chaos geherrscht hat.

Der Journalist hakt nach und weist auf ein Interview hin, dass Protasewitsch einem bekannten russischen Blogger gegeben hat, in dem er offen erzählt hat, dass er die Proteste koordiniert hat. Proteste ließen sich nicht mit einem einfachen Aufruf koordinieren, das brauche Organisatoren. Er weist auch auf Instruktionen hin, wie man in Weißrussland Terroranschläge auf die Eisenbahn verüben kann (solche Versuche gab es) und dass einfache Leute das Wissen dafür nicht haben, dass sie dafür Anleitungen bekommen haben müssen.

0:12:46 Ihr NEXTA-Kanal diente als Koordinator des Protests. War „Lavkhata“ ist ein Werkzeug dafür?

„Lavkhata“ war laut Protasewitsch ein Chat, in dem die Proteste geplant und koordiniert wurden.

0:14:41 Wer war Teil dieses geheimen „Lavkhata“-Chats?

Protasewitsch nennt viele Namen, darunter Bogdanowitsch und auch Viačorka, der dort konkrete Anweisungen gegeben habe. Aber auch andere von ihm genannte Namen sind in Weißrussland bekannt, darunter weitere Leute aus dem Stab von Tichanowskaja. Ein Name dürfte besonders interessant sein: Artjom Schraibman.

Schraibman war für das Protal tut.by tätig, dass der Opposition nahe stand und dem erst vor kurzem die Tätigkeit in Weißrussland verboten wurde, wobei Redakteure von tut.by verhaftet wurden.

In dem Chat wurde laut Protasewitsch alles geplant und festgelegt, er spricht von dem „Informationskrieg“, der dort koordiniert wurde.

0:16:21 Hat Schraibman die Unruhen koordiniert?

Das bestätigt Protasewitsch nicht, aber Schraibman habe dort sehr oft seine Meinung zu all dem gesagt und mitgeteilt, wie die Opposition seiner Meinung mehr erreichen könnte.

0:16:45 Woher wussten Sie, wer wer ist, da die Leute in geheimen Chats Codenamen tragen?

Protasewitsch sagt, dass nicht alle ihre Identitäten versteckt haben, aber es sei bekannt gewesen, wer hinter welchem Codes steckt, auch wenn die ihre Namen teilweise wöchentlich geändert hätten.

0:17:44 Ist dieser Chatraum noch aktiv?

Ja, aber er wurde sicherlich umbenannt oder neu gegründet.“

Der Journalist sagt dann, dass sich die verschiedenen Stäbe (und Strömungen) der Opposition in Vilnius und Warschau angeblich vereinigt hätten und fragt, ob Protasewitsch glaubt, dass diese Allianz funktionieren kann:

0:18:08 Glauben Sie, dass Putilo Vetscherko nicht verraten wird, dass Latuschko mit Tichanowskaja auskommen kann und Strizhak nicht alle verraten wird, wenn es zu seinem Vorteil ist? Glauben Sie an eine solche Allianz?

Protasewitsch unterbricht hier und nennt ein Beispiel für die internen Kämpfe in der Opposition. Latuschko in Polen habe Zugang zu einem Projekt von Tichanowskaja bekommen, in dem sie ihre Schattenregierung vorstellen wollte und hat ihr das Projekt einen Tag vor der Verkündung „gestohlen“ und es der Öffentlichkeit als sein Projekt präsentiert. Daraufhin habe Viačorka einem der Beteiligten „fast aufs Maul gehauen„.

Das sei eines der Beispiele für die große Zahl der inneren Konflikte und Machtkämpfe in der Opposition. Die größte Angst der Stäbe sei es, dass diese Dinge in die Öffentlichkeit gelangen.

0:19:48 Worum kämpfen die Gruppen innerhalb der Opposition?

Protasewitsch nennt mehrere Beispiele mit Namen, eine der genannten Frauen lebe seit 10 Jahren in Lettland, habe ein 600-Quadratmeter-Haus in bester Lage in Vilnius und sie versucht, sich in ihren Videos in den Vordergrund zu drängen, dabei sei sie zum Beispiel überhaupt nicht an Macht interessiert, ihr gehe es nur um Geld. Die Beispiele, die er nennt, drehen sich alle um die internen Kämpfe um die Gelder, mit denen die Opposition unterstützt wird.

0:21:25 Haben Sie dagegen protestiert?

Protasewitsch erzählt, dass diese Dinge „auf den Gängen“ aber nicht öffentlich kritisiert wurden. So habe sich Latuschko nie öffentlich gegen Tichanowskaja ausgesprochen, ihr das Projekt aber gestohlen, um seine eigenen Ambitionen zu verwirklichen, was Tichanowskaja geschluckt hat. Die Stäbe seien aber alle bemüht, diese Konflikte nicht öffentlich zu machen, es gäbe aber „massenhaft Beispiele„. Dabei gehe es um Geld, politischen Strömungen und „Einflusszonen„.

0:22:35 Wie leben die politischen Führer im Ausland, also Latuschko und Tichanowskaja zum Beispiel?

Protasewitsch sagt, dass die politischen Führer gut leben. Die wichtigsten Stäbe seien Tichanowskaja in Litauen und Latuschko in Polen, die allerdings in der Hierarchie nicht gleichberechtigt seien. Tichanowskaja sei für den Westen jetzt nun mal die wichtigste weißrussische Politikerin.

0:23:22 Was hält Latuschko davon, dass Tichanowskaja für den Westen die wichtigste Politikerin ist?

Der Journalist fügt hinzu, er kenne Latuschko persönlich, er sei ein intelligenter Mann und es sei offensichtlich, dass Latuschko Tichanowskaja nicht ernst nimmt.

Protasewitsch erzählt, dass Latuschko sich notgedrungen unterordnen muss, weil er zu wenig politisches Gewicht und vor allem zu wenig Unterstützung hat.

0:24:54 Wo wohnt Latuschko?

Nach Protasewitschs Aussage mietet Latuschko eine Wohnung für 3.000 Euro in Warschau, er sei da aber nie gewesen, das werde „in den Gängen“ diskutiert.

Über Tichanowskajas Lebenswandel könne er nichts sagen, er wisse nicht, in welchem Haus sie lebt und alle Informationen über ihre Finanzen seien vollkommen geheim. Aber sie wird vom litauischen Sicherheitsdienst wie eine Präsidentin bewacht und hat einen Mitarbeiterstab wie eine Präsidentin, was ja von irgendwem bezahlt werden müsse.

Tichanowskaja ist in russischsprachigen Ländern generell ein Thema, denn sie war früher eine „graue Maus“, die nun ihr Aussehen sehr verändert hat und jetzt in teurer Markenkleidung auftritt, wobei sich die Menschen fragen, wer das alles bezahlt.

0:26:02 Wer bezahlt für Tichanowskajas Aussehen?

Protasewitsch sagt, dass ein ganzes Team aus Designern und Stilisten für Tichanowskaja arbeitet.

Der Journalist fragt weiter nach den Kosten für ihre Reisen in andere Staaten, ihren großen Stab und all die Kosten, er fragt „Wer bezahlt das Bankett?

Protasewitsch sagt, dass ein Teil von litauischen Staat, „vom litauischen Steuerzahler„, bezahlt wird. Außerdem seien da einige litauische Geschäftsleute, wer die sind, wisse er aber nicht. Und dann käme noch Geld aus der weißrussischen Diaspora. Die größte Teil der Unterstützung käme aber vom Staat, er nennt nochmal die Sicherheitskräfte, ihre Autokolonne und so weiter.

0:28:12 Wer zahlt für Latuschkos Wohnung? Warum ist es für Polen vorteilhaft, Latuschko und Tichanowskaja zu unterhalten?

Das erklärt Protasewitsch mit Geopolitik. Er hat zunächst in Warschau und dann in Vilnius gelebt und nennt Litauen ein armes Land, wo die Preise höher und die Löhne geringer sind als in Polen. Litauen ist ein kleines Land. Aber – so Protasewitsch – Litauen wendet sich nun sogar gegen China.

Seine Erklärung für die Unterstützung der Opposition liegt in der westlichen Rückendeckung, die es Litauen und Polen erlaubt, in der Geopolitik eine weit größere Rolle zu spielen, als es ihnen nach ihrem politischen Gewicht und ihrer wirtschaftlichen Stärke eigentlich zusteht. Er sagt lachend: „Die Unterstützung des kollektiven Westens erlaubt es Litauen, ungestraft die ganze Welt anzubellen. Das ist nur lustig. Wo ist Russland? Wo ist China? Und wo ist Litauen? „

Ihr ungestraften außenpolitischen Ambitionen erkaufen sich die Länder seiner Meinung nach mit der Unterstützung der weißrussischen Opposition, was auch die Konflikte zwischen den oppositionellen Stäben in Warschau und Vilnius erklärt.

0:31:04 Ist BYPOL die Idee von Polen oder Litauen?

BYPOL ist eine Vereinigung ehemaliger Mitarbeiter von weißrussischen Militärs und Polizisten, die Daten über das Militär, die Polizei und ihre Mitarbeiter an die Opposition weitergeben.

Protasewitsch: „BYPOL ist in Warschau. Mehr noch, das ist lustig, die haben ihr Büro im gleichen Gebäude, die der Stab von Latuschko. Das muss ein unglaublicher Zufall sein (lacht). Auch die Finanzierung dürfte aus den gleichen polnischen Quellen kommen, die müssen ja Gehälter bezahlen, Wohnungen mieten und so weiter.“

Teil 2

Im Verlauf dieses zweiten Teils des Interviews merkt man, wie die zunächst leicht angespannte Interview-Situation mehr und mehr zu einem Gespräch, teilweise einer Diskussion wurde. Ich habe hier mehr Passagen wörtlich übersetzt, als im ersten Teil, weil es Passagen sind, die die „Qualitätsmedien“ in ihrer Berichterstattung aus dem Zusammenhang gerissen haben. Daher will ich hier die Möglichkeit geben, diese Teile im Wortlaut und nicht in einer Zusammenfassung zu lesen, damit die Leser sich ein Bild machen können.

Dass es mehr zu einem Gespräch wurde, sieht man auch daran, dass bei den Zeitstempeln jetzt immer öfter Themen stehen und nicht mehr immer die Fragen des Journalisten, wie das im ersten Teil noch der Fall war.

Am Ende des ersten Teils ging es um die Finanzierung der Opposition, das Thema wurde hier weitergeführt

0:31:50 Belsat und staatliche Gelder.

Belsat ist ein vom polnischen Staatsfernsehen betriebener Fernsehsender, der für Weißrussland sendet. Beide Gesprächspartner waren sich einig, dass das ein polnischer Fernsehsender ist.

Der Journalist interessierte sich weiter für die Finanzierung. Belsat sagt offen, dass er vom polnischen Staat finanziert wird. Litauen finanziert Tichanowskaja, was Protasewitsch gerade erklärt hatte. Außerdem hat Protasewitsch gesagt, dass litauische Geschäftsleute Tichanowskaja finanzieren. Der Journalist nannte Beispiele, die öffentlich geworden sind, in denen Geschäftsleute Interesse an weißrussischen Staatsbetrieben hatten, die Milliarden wert waren und es wurde besprochen, wie diese nach einem Regierungswechsel für einige hunderttausend Dollar privatisiert werden könnten. Das Interesse der Geschäftsleute, die Tichanowskaja finanzieren, liegt also auf der Hand.

Aber bei staatlichen Geldern, so der Journalist, müsste es doch Zwischenstationen, also NGOs geben, über die das Geld läuft. Das käme doch nicht direkt von Staaten.

Dem widerspricht Protasewitsch und führt Nexta und das „Weißrussische Haus“ als Beispiele an. Das „Weißrussische Haus“ ist offiziell eine humanitäre Organisation in Warschau, die Weißrussen im Exil unterstützen soll, die aber eine große Rolle in der Opposition spielt. Protasewitsch erzählt, dass das „Weißrussische Haus“ von der polnischen Regierung direkt etwa 50 Millionen Zloty (etwa 12 Millionen Euro) bekommen habe.

Protasewitsch erzählt, dass der polnische Ministerpräsident persönlich vorbei gekommen sei und vermutet, dass es da „wahrscheinlich Korruption“ gibt, dass also eventuell Geld an polnische Politiker zurückfließt.

0:33:06 Wann haben die Staaten genug davon, den weißrussischen Protest zu finanzieren? Immerhin geht das nun schon ein Jahr und die Revolution ist ausgeblieben.

Der Journalist fügt seiner Frage hinzu, dass es auch keine Revolution mehr geben wird, dem stimmt Protasewitsch zu, worauf der Journalist sofort sagt „Ich will Ihnen diese Meinung nicht aufzwingen…“

Protasewitsch unterbricht ihn: „Was heißt hier aufzwingen? Ich sage Ihnen noch mehr: In den letzten Monaten, als es noch alle möglichen Versuche gab, irgendwelche Aktionen zu organisieren, was Viačorka und andere wollten, bin ich mit denen – mit Viačorka – in Konflikt geraten, denn ich habe gesagt: Es ist vorbei, wir haben die Straße nicht. Wir haben sie nicht und bekommen sie auch nicht mehr. Es ist vorbei und es ist dumm, die Leute weiterhin auf die Straßen zu rufen, wenn objektiv gesehen schon keiner mehr kommt. Das ist sinnlos, wir müssen uns auf andere Aufgaben konzentrieren.
Aber dann kam Viačorka und hat gesagt: Roman, Du musst über die Straßen nachdenken. Du musst verstehen: Wenn es keine Straßenproteste gibt, gibt es keine Sanktionen.
Das hat er wörtlich gesagt, das habe ich oft von ihm gehört
.“

Der Journalist unterbricht: „Ich dachte, er würde sagen, dann bekommen wir kein Geld mehr.“

Protasewitsch: „Das hängt ja alles miteinander zusammen.“

Journalist: „Und darum musste das Flugueug in Minsk landen.“

Protasewitsch lacht: „Anscheinend. Darum haben sie mich ja in den Urlaub geschickt, weil ich gesagt habe: Das war´s. Wir haben objektiv verloren. Darum wollte ich gehen, die Telegrammkanäle verlassen, ich wollte am liebsten als Pressefotograf von Tichanowskaja arbeiten.

Journalist: „Wenn Sie, ein junge Mann von 26 Jahren das verstehen, warum verstehen Ihre Kuratoren das nicht?

0:35:20 Wann kommt der Punkt, an dem es heißt: Genug, es reicht, das alles zu finanzieren?

Protasewitsch: „Es gibt keine Straßenproteste mehr und sie kommen auch nicht wieder. Darum werden die Sanktionen forciert. Sanktionen sind ein Objekt für politischen Druck. Da es nun keine Straßenproteste für irgendwelche politischen Fragen mehr gibt, brauchen sie die Sanktionen, damit die Wirtschaft Weißrusslands schnellstmöglich zusammenbricht. Wenn die Wirtschaft zusammenbricht, gehen die Leute auf die Straße, das werden Hungerrevolten. Das ist eines der Ziele der Sanktionen.“

0:36:30 Versteht Tichanovskaya, dass sie Menschen hungern lassen muss, um ihr Ziel zu erreichen?

Protasewitsch: „Da bin ich mehr als sicher, dass alle das verstehen.“

Journalist: „Jetzt kommt eine schwierige Frage.“

0:36:47 Wie ist Ihre persönliche Einstellung zu Präsident Alexander Lukaschenko?

Protasewitsch: „Ich verheimliche das nicht, ich habe Herrn Lukaschenko viel kritisiert. Ich war der Meinung, dafür gibt es Gründe. Ich war mein Leben lang Journalist, aber je mehr ich in die politische Arbeit gerutscht bin, desto mehr wollte ich da raus. Ich habe verstanden, dass vieles, wofür er kritisiert wurde, nur dazu da war, Druck auf ihn auszuüben. Und – verzeihen Sie den Ausdruck – ich hatte das Gefühl, dass er sich verhält, wie ein Mann mit stählernen Eiern, trotz all dem Druck. Ich will es nicht verschweigen, es gab viele Momente, in denen ich seine Entscheidungen für falsch gehalten habe.

0:37:52 Haben Sie Respekt vor Alexander Lukaschenko?

Protasewitsch: „Auf jeden Fall.“

Journalist: „Ich gebe es offen zu, ich bin an Ihnen als Person interessiert, darum sitzen wir heute hier.“

0:38:19 An welchen Telegrafenkanälen waren Sie persönlich beteiligt?

Protasewitsch nennt hier Nexta und dessen Ableger.

Stepan Putilo ist ein junger Mann von 22 Jahren, der als der Hauptgründer von Nexta gilt. Nexta war nach allgemeiner Ansicht deren gemeinsames Projekt und der Journalist sagt, dass es aussah, als habe Putilo das Sagen und fragt:

0:38:34 Wie war die Hierarchie der Entscheidungsfindung bei Putilo und Ihnen?

Protasewitsch sagt, dass Putilo allgemein überschätzt wird und dass Putilo keinerlei Entscheidungen trifft. Sogar Nexta wäre nicht Putilos Idee gewesen, sondern die Idee des wesentlich älteren weißrussischen Oppositions-Journalisten Tschudentsow, der inzwischen in Haft sitzt. Die Geschichte habe im Jahr 2015 mit einem Lied angefangen, das Tschudentsow geschrieben und das Putilo übernommen habe. In dem Lied geht es um Fragen aus den 90er Jahren und Protasewitsch fragt:

Schreibt das ein Junge, der keine 18 Jahre alt ist? Offensichtlich nicht. Tschudentsow hat alles geschrieben und Putilo hat eine Rolle gespielt. Als Tschudentsow verhaftet wurde (im Jahr 2020) habe ich die Arbeit übernommen und schon vor den Protesten habe ich Nexta als mein Baby angesehen.“

0:40:54 Sind alle Abonnenten der destruktiven Telegrammkanälen echt?

Die Antwort von Protasewitsch ist ausführlich und analytisch und zeigt auf, wie viele Nutzer Telegram in Weißrussland hat. Seiner Meinung und seiner Analyse der Zahlen nach waren etwa 500.000 der 2,3 Millionen Abonnenten, die Nexta auf seinem Höhepunkt hatte, „echte“ Weißrussen. Nexta hatte weit mehr russische Abonnenten, sagt Protasewitsch.

0:42:04 Ist Putilo ein Projekt des polnischen Geheimdienstes?

Protasewitsch: „Ob von den polnischen oder nicht, jedenfalls hat er alle Lorbeeren für die Arbeit anderer Leute bekommen. Nexta hat zuerst nur von Werbung gelebt, es gab kein Geld von außen. Später, im Sommer 2020, sind dann interessante Dinge passiert. Die Redaktion von Nexta sollte in die Räume des „Weißrussischen Hauses“ in Warschau, das von Zarembyuk geleitet wird, umziehen. Der Raum war dreckig, vermüllt, nicht renoviert, wir sollten da selber aufräumen.
Ich erinnere mich noch wie heute. Wir standen da, hatten noch nicht entschieden, ob wir dahin umziehen, und da kommt Zarembyuk in den Raum, reibt sich die Hände und sagt: Jungs, ich habe hier ein sehr interessantes gemeinsames Projekt für amerikanisches Geld, lasst uns darüber mal nachdenken!
Wir haben hinter vorgehaltener Hand gelacht, denn wir hatten noch nicht einmal entschieden, ob wir umziehen, da fingen schon die Gespräche über Zuschüsse an
.“

Journalist: „War es für die von Vorteil, wenn Sie zu denen umziehen?

Protasewitsch: „Natürlich. Das „Weißrussische Haus“ zerfiel damals, sie hatten kein Geld. Und heute ist es die führende Organisation, die die ganze weißrussische Agenda kontrolliert.
Der polnische Ministerpräsident hat persönlich 53 Millionen Zloty locker gemacht, um weißrussischen Flüchtlingen zu helfen. Und wissen Sie was das Interessante ist? Das Geld war da und die Klingel hat täglich von morgens um 7 Uhr bis abends um 11 Uhr geläutet, unsere Redaktion saß ja da, aber sie haben nie die Tür aufgemacht. Die Leute wollten Hilfe, aber die Tür blieb zu.
Und als ich mich beschwert habe, wurde mir grob gesagt, ich solle meine Nase nicht in Dinge stecken, die mich nichts angehen, sonst bekäme ich Probleme
.“

0:45:12 Wo ist das ganze Geld jetzt?

Protasewitsch lacht: „Das ist eine rhetorische Frage. Nexta war deren Milchkuh. Was war das „Weißrussische Haus“ vorher und was ist es jetzt? Jetzt haben sie ein teures Haus in der besten Gegend von Warschau, mit Konferenzräumen und Räumen, in die niemand rein darf. Was ist da drin? Das ist die Frage. Dabei ist das doch nur eine Organisation für weißrussische Migranten.“

Weiter erzählt er, dass er in das neue Haus nicht einmal reindurfte und dass Zarembyuk Putilo seiner Meinung nach einfach nur als Milchkuh ausnutzt. Der Besuch des polnischen Ministerpräsidenten beim „Weißrussischen Haus“ wurde seinerzeit in den Medien gemeldet, der Journalist erfuhr in diesem Gespräch, dass es nicht Putilo war, der das eingefädelt hatte, sondern Zarembyuk, kaum dass er (den damals schon sehr bekannten Telegramkanal) Nexta überredet hatte, bei ihm einzuziehen.

0:46:30 Zarembyuks Arbeit mit Zuschüssen und Finanzen.

Protasewitsch erzählt weiter, dass Putilo sich dann an Zarembyuk angelehnt hat und dass es dadurch bei Nexta zu internen Konflikten gekommen sei, während das Geld plötzlich reichlich geflossen ist.

0:47:17 Waren es nur polnische Zuschüsse?

Protasewitsch sagt, dazu könne er nichts sagen, er sei „nie auch nur in die Nähe der Finanzen gelassen“ worden.

Aber er geht auf die Pressekonferenz ein, die seine Eltern vor einigen Tagen in Warschau gehalten haben und auf die sich westliche Medien berufen, wenn sie von Folter und von erzwungenen Aussagen sprechen, die Protasewitsch angeblich macht: „Da sitzen meine Eltern und hinter ihnen steht Zarembyuk. Was hat der mit meiner Familie zu tun? Und das alles passiert vor einer großen Wand mit dem Logo des „Weißrussischen Hauses in Warschau.“

Journalist: „Sie nützen ihm?

Protasewitsch: „Selbstverständlich! Das hat mich wirklich verärgert! Mehr noch: Ich bin sicher, dass es korrupte Verbindungen zwischen der polnischen Regierungspartei PIS und dem „Weißrussischen Haus“ gibt, die Verbindungen sind einfach zu eng. Und jetzt sitzen da meine Eltern vor dem Logo des „Weißrussischen Hauses“ und neben ihnen sitzen Putilo und Zarembyuk.
Was haben die mit mir zu tun? Das ist natürlich eine rhetorische Frage, aber mich hat das schwer beleidigt
.“

0:49:59 Eine russische Firma finanzierte das NEXTA-Projekt.

Danach kommt Protasewitsch wieder auf die Finanzierung von Nexta zurück. Der Kanal lebte zunächst nur von Reklame und kleinen Spenden von Unterstützern. Eines Tages habe Putilo ihm gezeigt, dass nun plötzlich regelmäßige Großspenden in Höhe von 3.000 bis 5.000 Euro pro Woche kamen, die von einer russischen Firma aus dem Ural gekommen sind.

Protasewitsch nennt nicht die Namen, aber er erklärt, dass es dabei offenbar um Intrigen im Konkurrenzkampf zweier bekannter russischer Geschäftsleute gegangen sei, die um ein Projekt in Weißrussland gekämpft haben. Und dann kam Putilo und hat von der Redaktion gefordert, bestimmte Informationen, die er von dem Spender über das weißrussische Geschäftsprojekt bekommen hatte, zu veröffentlichen.

0:53:20 NEXTA Life und russische Proteste.

Hier wurde es wieder sehr technisch, denn es Protasewitsch erzählte von inneren Streitereien bei Nexta, ob der Kanal russisch werden sollte, ob man für Russland einen eigenen Kanal eröffnen sollte und so weiter. Er geht dabei auf User-Zahlen und ähnliches ein, aber zur Unterstützung von Nexta für die Navalny-Proteste zu Jahresbeginn kann er nur wenig sagen, da er Nexta im September nach den weißrussischen Protesten verlassen habe. Aber dass Nexta auch die Navalny-Proteste koordiniert hat, ist kein Geheimnis, das konnte man bei denen ja lesen.

Der Journalist geht dann auf die perfekte Koordinierung der Stäbe der Opposition und die Unterstützung für Tichanovskaja ein, die nun bei den europäischen Spitzenpolitikern Dauergast ist, und fragt:

0:55:34 Stecken die Geheimdienste hinter den Stäben?

Protasewitsch: „Ja, stecken sie. Aber selbst ich als einer wichtigsten Kämpfer im Informationskrieg hatte keinen Zugang zu den Besprechungen, bei denen Entscheidungen getroffen wurden. Mir wurden nur meine Aufgaben mitgeteilt.
Man kann ja sehen, dass das die Arbeit von Profis waren. Solche Profis hat die weißrussische Opposition nicht, die hat nur Profis für Geldwäsche
.“

Im Internet sind Screenshots von Quittungen aufgetaucht, aus denen hervorgeht, dass Protasewitsch ein Monatsgehalt von 1.250 Euro bekommen hat. Der Journalist fragt, wie es sein kann, dass der Gründer eines erfolgreichen Kanals, der viel Geld verdient, mit so einer Summe abgespeist wird.

0:57:09 Haben Sie für ein Gehalt gearbeitet? Hatten Sie keine Anteile?

Protasewitsch erzählt, dass er immer nur kleine Summen bekommen hat, nur einmal wären es 5.000 Euro pro Monat gewesen, Anteile habe er keine gehabt und nie viel Geld bekommen.

0:58:30 Wo ist das ganze Geld von NEXTA hin?

Darauf geht Protasewitsch zunächst nicht ein, sondern er erzählt von Wachdiensten und Personenschutz, den einige Oppositionelle dann bekommen haben. Das habe mit Zarembyuk angefangen, nachdem er und seine Freundin eine falsche Nachricht an sich selbst mit einer Bombendrohung geschickt haben. Daraufhin hat der polnische Staat ihnen Personenschutz gegeben.

Erst auf Nachfrage sagt er wieder, dass er „nie in die Nähe der Finanzen gelassen“ wurde. Das Geld liege wahrscheinlich auf den Konten von Putilo, über Summen könne er nichts sagen. Protasewitsch hat von Putilo Gehalt bekommen, auch als Nexta noch unabhängig war und zehntausende Euro monatlich mit Reklame verdient hat, sagt er.

1:01:45 Jan Rudik, aus wessen Händen hat er sein Gehalt bekommen?

Rudik ist ein weiterer Kollege der Opposition unter anderem bei Nexta, der laut Protasewitsch auch von Putilo bezahlt wurde.

Teil 3

Das Thema der Finanzierung von Nexta war auch weiterhin Thema. Protasewitsch wies darauf hin, dass Nexta ab Herbst 2020 praktisch keine Werbung mehr geschaltet hat. Früher wurden die Einnahmen gebraucht, um Technik für die wachsende Redaktion zu kaufen und Gehälter zu bezahlen. Nun sei die Redaktion noch größer, aber es gibt keine Reklame mehr. Protasewitsch stellt daher fest, dass Nexta ganz offensichtlich von irgendwem finanziert wird. Wenn man bedenkt, dass es in den vorherhigen Fragen um die Rolle der westlichen Geheimdienste bei der Finanzierung der Opposition ging, ist klar, worauf Protasewitsch anspielt.

Der Journalist geht dann ausführlich darauf ein, wie perfekt die Proteste orchestriert waren, wie immer genau zum psychologisch richtigen Zeitpunkt die nötigen Posts bei Nexta veröffentlicht wurden und wie die Massen damit gelenkt wurden. Er meint, dass die wenigen jungen Leute bei Nexta für eine so generalstabsmäßige Planung weder die nötige Ausbildung noch die nötige Erfahrung hatten und fragt:

1:04:30 Könnte Putilo Anweisungen empfangen haben?

Protasewitsch sagt, dass das sein könnte. Der Moderator macht weiter und zählt auf: Putilo hatte die Macht über das Geld, bestimmte darüber und hatte Personenschutz. Das „Weißrussische Haus“ bekam eine Villa mit geheimen Zimmern und auch einen Sicherheitsdienst. Protasewitsch durfte da nicht einmal mehr rein, er bekam kaum Geld und keinen Personenschutz. Da dränge sich die Frage geradezu auf:

1:05:13 Wer profitiert von der Unterstützung der Proteste in Weißrussland?

Protasewitsch: „Polen und Litauen profitieren davon, die Proteste und die Opposition und die geflohenen Politiker zu unterstützen, weil das – wir sehen es am Beispiel Litauen – ihnen ermöglicht, laute politische Forderungen zu stellen, die vom kollektiven Westen unterstützt werden.“

1:05:40 Wer hat auf Putilo aufgepasst?

Protasewitsch: „Zuerst dachte ich, das wäre die Polizei. Aber später hatte er eine konspirative Wohnung. Zuerst haben wir uns immer zu viert getroffen, das war dann vorbei. Ich weiß nicht, wo er wohnt, ich habe nicht einmal seine neue Telefonnummer.“

1:06:26 Wettbewerb zwischen Polen und Litauen.

Der Journalist resümiert nun, dass es zwei Zentren der Opposition gibt, eines in Vilnius, eines in Warschau, die von verschiedenen Quellen finanziert und gelenkt werden. Daher fragt er, ob die Mitarbeiter unter sich manchmal über die zwangsläufige Konkurrenz zwischen den beiden Stäben und ihren unterschiedlichen Unterstützern gesprochen haben.

Protasewitsch stellt dazu fest, dass Latuschko zwar von Polen unterstützt wird, aber keine weitere Unterstützung hat, nicht einmal in der Opposition oder bei den weißrussischen Menschen, die gegen Lukaschenko sind. Außerdem unterstützen alle Telegrammkanäle Tichanovskaja, auch wenn sie in Warschau sitzen. Protasewitsch hat noch für einen anderen Kanal gearbeitet, nachdem er Nexta verlassen hatte, und er sagt, da durfte nicht einmal die leiseste Kritik an Tichanovskaja veröffentlicht werden:

Ich wollte Diskussionsforen schaffen, damit die Menschen ihre Meinung sagen können. Aber da kam sofort Viačorka und sagte, es dürfe auf den Telegrafenkanälen nicht die geringste Kritik an Tichanovskaja geben.“

1:07:56 Warum haben Sie Nexta verlassen?

Protasewitsch erzählt hier wieder von seinem Konflikt mit Putilo, der die Lorbeeren für die Arbeit anderer eingestrichen habe. Auch den Sacharow-Preis, so Protasewitsch, haben sie für die Arbeit bekommen, die Protasewitsch gemacht hat. Protasewitsch gibt zu, dass es durchaus um sein eigenes Ego ging, aber Putilo sei innerhalb eines Monats, als er im Westen zum Helden erhoben wurde, so abgehoben, dass er „sich beleidigende Witze in meine Richtung erlaubt hat, während er all den Ruhm für die Arbeit bekommen hat, die die Redaktion und ich gemacht haben, aber an die Redaktion hat er nirgendwo erinnert. Er hat allen Ruhm für die Arbeit bekommen, an der er nicht einmal mehr mitgewirkt hat.“

Der zweite Grund, warum Protasewitsch Nexta verlassen hat, waren nach seiner Aussage „die undurchsichtigen Finanzen und die undurchsichtigen Verbindungen zum „Weißrussischen Haus“ und zu Zarembyuk und zu all den NGOs.

1:10:05 Haben Sie in Polen unsere Sendungen verfolgt?

Hier haben beide Gesprächspartner gesagt, dass sie natürlich die Sendungen „des Gegners“ verfolgen, denn – wie Protasewitsch es ausdrückte: „Das war nun mal ein Informationskrieg, da muss man die Agenda des Feindes kennen.“

1:11:17 Haben Sie den Film „Kill the President“ gesehen?

Ich weiß nicht, was das für ein Film ist und auch Protasewitsch sagte, er habe ihn nicht gesehen.

Danach ging es um eine veröffentlichte Zoom-Konferenz der Putschisten, bei der ein Gesprächspartner ein ominöser schwarzer Bildschirm war. Das war anscheinend auch ein Element in dem Film. Als der Journalist das anspricht, lacht Protasewitsch und gibt zu, das er das war. Der Grund war, so sagt er, dass er das Verbindungsglied zwischen Tichanovskaja und den Putschisten sein sollte.

Eine der Schlüsselfiguren bei dem vereitelten Putschversuch war Dmitri Schigelski, mit dem Protasewitsch, so sagt er, in engen Kontakt stand und mit dem er sich gut verstanden habe.

1:13:29 Was war Schigelskis Interesse an Ihnen?

Protasewitsch erzählt, sie hätten sich gut verstanden, Schigelski habe ihm vertraut und er erzählt einige Beispiele.

1:15:07 Schigelskis Meinung über Tichanovskaja.

Schigelski habe gesagt, sie seien „alle Blümchen“ und sollten aufhören, die Menschen sinnlos durch die Straßen zu schicken, und stattdessen die Macht in Weißrussland mit Gewalt an sich reißen. Für Tichanovskaja hatte er laut Protasewitsch kein gutes Wort übrig.

Da Tichanovskaja aber vom Westen unterstützt wird, konnte er an ihr nicht vorbei. So kam es, dass Schigelski Protasewitsch angedeutet hatte, es könnte demnächst „etwas interessantes“ passieren und weil Protasewitsch nun im Stab von Tichanovskaja war, sollte er für Schigelski als Verbindungsglied zu Tichanowskaja fungieren. Und darum war Protasewitsch bei einer Zoom-Konferenz als schwarzes und anonymes Quadrat dabei.

1:15:53 Wie oft haben Sie mit Schigelski gesprochen?

Protasewitsch sagt, mindestens einmal pro Woche und da er im Stab von Tichanovskaja war, war er es, der ihr unter vier Augen erzählt hat, es könnte einen Putsch geben.

1:16:10 Wie konnten Sie mit ihr unter vier Augen reden, wenn sie bewacht wird?

Protasewitsch erzählt mit vielen Details, er habe um ein Gespräch gebeten und Wachleute seien in der Nähe gewesen, aber sie konnten unter vier Augen reden. Dabei habe er ihr davon erzählt und gefragt, was er den Putschisten ausrichten solle. Sie habe ihn an ihren Berater Dobrovolsky verwiesen und Protasewitsch erzählt mit Details von den Nachrichten, die zwischen Dobrovolsky und Schigelski über ihn gelaufen sind.

1:19:10 Wusste Viačorka von Ihren Gesprächen mit Schigelski und Dobrovolsky?

Protasewitsch sagt nein, was den Journalisten verwundert, denn Viačorka ist der engste Berater von Tichanovskaja. Aber Protasewitsch sagt, Viačorka habe ein „zu lockeres Mundwerk“ und hier sei es um strengste Geheimhaltung gegangen. Danach erzählt er ausführlich von dem, was ihm über die Putschpläne bekannt war und wie er als Bindeglied die Informationen hin und her gegeben habe.

1:22:40 Wer waren Sie beim Bataillon Asow? Warum haben Sie gerade diese Einheit gewählt?

Das Bataillon Asow ist ein Regiment im ukrainischen Bürgerkrieg, dem viele Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Protasewitsch wird vorgeworfen, sich nach dem Maidan dem Bataillon angeschlossen und auf seiner Seite gekämpft zu haben, was er abstreitet.

Das tut er auch dieses Mal. Daraufhin erwähnt der Journalist Fotos von Protasewitsch im Kriegsgebiet, auf denen er in Uniform und schwerbewaffnet mit den Insignien des Bataillons Asow zu sehen ist.

1:24:33 Was haben Sie beim Asow gemacht?

Protasewitsch bestätigt die Echtheit der Fotos, sagt aber, die Fotos wären auf Übungsplätzen gemacht worden.

Der Journalist fragt dann nach einem Interview aus der Zeit, das ein anonymisierter weißrussischer Kämpfer von Asow mit dem Kampfnamen „Kim“ gegeben hat und Protasewitsch bestätigt, dass er das war. Dann wird noch ein Video gezeigt, auf dem Protasewitsch in den Reihen der Asow-Soldaten steht und der Journalist merkt an, dass man als Journalist an der Seite steht, aber nicht in den Reihen der Soldaten. Er unterstellt Protasewitsch, die Unwahrheit zu sagen.

Aber Protasewitsch bleibt dabei, dass er dort nur als Journalist und Fotograf tätig war.

1:27:14 Gehörten Sie zum Stab dieses Bataillons?

Das bestreitet Protasewitsch mit dem Hinweis, dass er als Ausländer gar nicht offiziell zum Stab des Bataillons gehören konnte.

1:27:39 Wurde Ihnen das Maschinengewehr auf dem Foto zugewiesen?

Protasewitsch sagt, er habe das Maschinengewehr dauerhaft als Waffe gehabt.

Nachdem das Gespräch bis hierher locker und fast kollegial war, kippt die Stimmung jetzt. Die Lugansker Rebellen haben seine Auslieferung wegen Kriegsverbrechen gefordert und offenbar hat Protasewitsch die größte Angst davor, an die ukrainischen Rebellen ausgeliefert zu werden.

Er erklärt, dass seine Reise dorthin wohl der größte Fehler seines Lebens war. Er selbst teile die Ideologie derer, die dort kämpfen (es sind waschechte Nazis) nicht, aber viele in seinem Umfeld hätten diese Ideologie geteilt. Dass er dort war, sei das einzige, was er wirklich bereue.

1:29:07 Die Lugansker Generalstaatsanwaltschaft hat ein Strafverfahren gegen Sie eröffnet. Ihr Kommentar?

Hier beginnt Protasewitsch die Stimme zu versagen als er sagt, die Eröffnung des Verfahrens sei logisch.

1:29:49 Haben Sie Angst vor einem Auslieferungsantrag?

Protasewitsch: „Selbstverständlich. Das einzige, was ich hoffen kann ist, dass Herr Lukaschenko genug politischen Willen und Entscheidungskraft hat, mich nicht auszuliefern.“

1:30:35

Journalist: „Lassen Sie uns dieses für uns beide nicht einfache Gespräch mit einer letzten Frage beenden. Ihre Freundin hat ihrem Anwalt geklagt, dass sie jetzt unter Panikattacken leidet. Sagen Sie mir ehrlich, können Sie sich die Panikattacken der Frauen und Kinder derer vorstellen, die sie ins „Schwarzbuch Weißrusslands“ eingetragen hat?
Können Sie sich die Panikattacken der Leute vorstellen, die dank Ihrer Aufrufe an ungesetzlichen Aktionen teilgenommen haben und die nun ernsthafte Probleme mit dem Gesetz haben? Und zwar begründete, denn als die das getan haben, wussten sie, dass sie gegen das Gesetz verstoßen. Sie haben das getan, weil sie dazu aufgerufen und koordiniert wurden, sie wurden im Grunde mit psychologischen Tricks dazu gebracht.
Sehen Sie Roman, Sie sind jetzt mit Sofia im Urlaub gewesen, haben eine Liebesbeziehung, haben Urlaub und Fotos gemacht.
Uns „Propagandisten“ – wie wir genannt werden – fragt man oft „Schlafen Sie ruhig?“ Und ich sage es ehrlich, es schläft sich nicht gut, denn man möchte nicht schlafen, wenn die Menschen gespalten werden und es nicht klar ist, was aus dem Land wird. Das lässt einen oft nicht schlafen, nicht die Angst, nein
.“

01:32:02 Und Sie? Wie schlafen Sie? Nach all dem?

Protasewitsch: „Wie schlafe ich wohl? Wie ich schon sagte, habe ich in den letzten Monaten… Früher dachte ich irgendwie, das wäre alles weit weg. Aber in den letzten anderthalb Monaten habe ich angefangen, zu verstehen, was passiert, wie viel Schlechtes getan wurde. Ich habe viel darüber nachgedacht und habe sogar geträumt, dass ich in Minsk bin.
Kein Witz, kurz vor meinem Urlaub ist mir durch den Kopf gegangen, dass nicht mehr viel fehlt und ich gehe nach Minsk zurück. Weil…

Er verliert langsam die Fassung und seine Stimme versagt.

1:33:40 Werden Sie bei den Ermittlungen kooperieren?

Protasewitsch: „Ich kooperiere vollständig und offen und gebe ihnen viele einmalige Fakten. Zum Ende des Gesprächs kann nur noch sagen, dass ich über sehr viel nachgedacht habe und ich will nie wieder in die Politik gezogen werden und auch in keine schmutzigen Intrigenspiele.
Ich kann nur hoffen, dass ich alles gutmachen kann und ein ruhiges Leben führen, eine Familie mit Kindern gründen kann und nicht mehr weglaufen muss…

Hier versagt ihm endgültig die Stimme und er beginnt zu weinen. Das Interview wird ausgeblendet.

Dann kam noch ein Nachspann, in dem der Journalist sagte:

Im Grunde habe ich mich heute mit meinem ideologischen Feind getroffen, mit einem Mann, der offiziell in die Terrorliste aufgenommen wurde. Aber das Ende des Interviews war emotional völlig unerwartet. Das wird wahrscheinlich viele nachdenklich machen. Das Interview dauerte über vier Stunden, aber leider können wir nicht alle Namen, Ereignisse Fakten vor dem Ende der Ermittlungen offenlegen.“

Teil 1: Das gesamte TV-Interview von Roman Protasewitsch auf Deutsch

Teil 2: Das gesamte TV-Interview von Roman Protasewitsch auf Deutsch

Teil 3: Das gesamte TV-Interview von Roman Protasewitsch auf Deutsch

 

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Propaganda und Zwang? Das gesamte TV-Interview von Roman Protasewitsch auf Deutsch

  1. Ein Bauernopfer, den Verdacht hatte ich schon früh.

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    Verfasst von zivilistin | 6. Juni 2021, 19:29

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