//
du liest...
Kultur, Rezensionen

FREIE STUDIEN …

Buchvorstellung von Wilma Ruth Albreht

Heiner Jestrabek, Publizist, Sachbuchautor, Freidenker und Heimatforscher hat wieder einmal in Buchform einen Freiheitsbaum aufgestellt. Diesmal für den württemberger Revolutionär, Demokraten, Journalisten und Kunsttheoretiker Ludwig Pfau (1821-1894) anläßlich von dessen 200. Geburtstag.

In bewährter Weise beinhaltet das Buch eine Einleitung vom Herausgeber, in der Lebensstationen und Mitstreiter von Pfau vorgestellt, Pfaus Werk kurz  charakterisiert und seine Person von Zeitgenossen gewürdigt werden. (6-47) Dann folgen kommentierte Dokumente: „Eigenhändiger Lebenslauf“ (48-49), „Gedichte. Auswahl 1848-1859“ (50-57), „Freie Studien“ (58-62), die umfangreiche Schrift „Die Kunst im Staat“ (63-178), „Proudhon und die Franzosen“ (179-193), „Die Bretonischen Volkslieder“ (194-208), „`Das preußische Regiment“ vor Gericht´. Rede gehalten zur Verteidigung vor dem Stadtgericht in Frankfurt am Main“ (209-223), „Theoretisches Kirchentum und Autokratische Justiz. Ein Gotteslästerungs-Prozess vor dem Schwurgericht in Esslingen 1877“ (224-254), „Praktische Ethik und Polemik“ (255-259) und „Der Legitimismus“ (260-262); daran anschließend eine Rezension über Pfau von Jestrabek  (263) und das Literaturverzeichnis (266-267) – alles anschaulich und gefällig illustriert mit zeitgenössischen Stichen, Karikaturen und Fotos in Miniaturform.

Wer war dieser Ludwig Pfau? Er war einer der vielen selbstbewußten, klugen, literarisch-philosophisch und musisch gebildetn, freiheitsliebenden und vor allem mutigen Persönlichkeiten aus dem Volk im 19. Jahrhundert: am 25. August1821 als Sohn eines Gärtnermeisters in Heilbronn geboren, lernte er nach dem Besuch des Heilbronner Gymnasiums den Gärtnerberuf im väterlichen Betrieb. 1839 ging er nach Paris, wo er Porträtzeichnungen anfertigte und Bücher botanischen Inhalts illustrierte, kehrte 1841 nach Heilbronn zurück, um den Militärdienst abzuleisten und wieder im väterlichen Betrieb zu arbeiten. Nach dieser Übergangszeit begann er ein Studium der Philosophie in Tübingen. Dort lernte Pfau seinen Förderer Theodor Vischer (1807-1887) und die Ideen der Junghegelianer kennen. 1847 wechselte er an die Universität Heidelberg, fand Anschluss an die badische politische Opposition, zog jedoch schon Ende des Jahres nach Stuttgart, wo er zusammen mit Hermann Kurz das Witz- und Satireblatt „Der Eulenspiegel“ herausgab, selbst Beiträge verfasste und auch   agitatorische Revolutionsgedichte 1848/1849 publizierte. Selbstredend engagierte sich Pfau auch in der Revolution 1848/49, war sogar Vorstandsmitglied des „Württembergischen Landesausschusses“, der revolutionären Gegenregierung, flüchte nach deren Niederschlagung nach Baden, um sich an den Abwehrkämpfen der badisch-pfälzischen Revolutionäre gegen das preußische Militär Preußen zu beteiligen. Nach der am 18. Juni 1849 erfolgten gewaltsamen Auflösung des „Rumpfparlaments“, der Überreste der Nationalversammlung, die von Frankfurt nach Stuttgart ausgewichen war, wurde auch Pfau politisch verfolgt und strafrechtlich zu 21 Jahren Gefängnis verurteilt. Er floh am 11./12. Juli 1849 in die Schweiz, von dort 1852 nach Paris, wo er als Übersetzer von Romanen und des Hauptwerkes von Piere Joseph Proudhon (1809-1865) wirkte.

Nach der Generalamnestie politisch Verfolgter und Verurteilter in Württemberg kehrte Pfau 1863 nach Stuttgart zurück, wo er in der Redaktion der Tageszeitung „Der Beobachter. Ein Volksblatt für Schwaben“ arbeitete. Diese Zeitung unterstützte im Spektrum der liberalen Opposition, die kleinbürgerlichen Demokraten, die sich 1866 in der Demokratischen Volkspartei (DVP) zusammenschlossen. Wie diese Partei vertrat auch die Zeitung radikaldemokratische, antifeudale, antipreußische und antiklerikale politische Positionen. Ludwig Pfau brachte diese antipreußische und antiklerikale Haltung zuletzt 1877 und 1883 kurze Gefängnistrafen ein. Er starb 1894 in Stuttgart, wo er wie in seiner Geburtsstadt Heilbronn hohes Ansehen besaß und öffentliche Ehre erfuhr.

Ludwig Pfaus Texte, Gedichte und Schriften, wirken auf heutige Zeitgenossen vielleicht sprachlich befremdlich. Inhaltlich zeugen sie von einem Kleinbürgertum, das politisch das Freiheitsideal für den Menschen hochhält, die Anbiederung des Klerus an die weltliche Macht verurteilt, den (preußischen) Militarismus anprangert, ästhetisch das klassischen Schönheitsideal verteidigt und für diese Überzeugungen mit seiner ganzen Persönlichkeit auch einsteht.

Ja, die gute alte Zeit …

Ludwig Pfau: Freie Studien. Preußisches Regiment, Theokratisches Kirchentum und autokratische Justiz. Texte zu Ästhetik, Religions- und Herrschaftskritik. Hrsg. von Heiner Jestrabek. Reutlingen: Verlag freiheitsbaum, edition Spinoza, 2021, 267 S. ISBN 9783922589723, 10 €

Diskussionen

Ein Gedanke zu “FREIE STUDIEN …

  1. kleine Korrektur: die Autorin heißt Albrecht – der Buchpreis ist 16 €, also immer noch preiswert

    Gefällt mir

    Verfasst von Heiner Jestrabek | 8. Juni 2021, 8:04

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Archiv

%d Bloggern gefällt das: