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Ausland, Naher Osten

Der Staatsstreich, der in Jordanien nicht stattgefunden hat

von Thierry Meyssan – http://www.voltairenet.org

Bild: König Abdullah von Jordanien und sein Halbbruder Prinz Hamza (Foto vom April 2001)

Der gescheiterte Staatsstreich in Jordanien hat nichts mit einer internen Rivalität innerhalb der königlichen Familie zu tun, auch wenn diese es ermöglicht hat, einen Anführer zu finden. Es handelt sich um einen Widerstand gegen die Infragestellung der Normalisierung der arabisch-israelischen Beziehungen durch Donald Trump und die Reaktivierung eines dreiviertel Jahrhundert alten Konflikts durch Joe Biden. Washington will den „endlosen Krieg“ im erweiterten Nahen Osten wieder aufnehmen.

Jeder Artikel über das, was gerade in Jordanien passiert ist, wird jetzt im Auftrag des Königlichen Palastes zensiert. Es wird ihnen also nicht möglich sein, eine Erklärung für den Staatsstreich zu finden, den Prinz Hamza, der Halbbruder von König Abdullah, vorbereitete.

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Allenfalls ist bekannt, dass am 3. April 2021 der Generalstabschef, General Youssef Huneiti, höflich gekommen war, Prinz Hamza seinen Hausarrest und das Verbot zu übermitteln, sich an die Medien zu wenden. Das Gespräch, das aufgenommen wurde, ist bekannt geworden. Dort hört man einen arroganten und feurigen Prinzen, während der Offizier, immer höflich und unbeirrbar, ihm erklärt, dass er gerade die Grenzen des Akzeptablen überschritten habe. Es wird jedoch nichts über den Inhalt des Rechtsstreits gesagt. Gleichzeitig wurden 16 Persönlichkeiten verhaftet. Weit davon entfernt, zu gehorchen, verbreitete Prinz Hamza eine Videoaufnahme [Foto), in der er jeglichen Putschversuch dementierte und die Führung von König Abdallah kritisierte.

Schließlich erklärte sich Prinz Hamza in Anwesenheit seines Onkels, Prinz Hassan bin Talal, bereit, ein Kommuniqué zu unterzeichnen, in dem er der Krone Treue schwört: „Ich werde dem Erbe meiner Vorfahren, Seiner Majestät, dem König und seinem Kronprinzen treu bleiben und ihnen helfen und sie unterstützen“.

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Stellvertretender Premierminister Ayman Safadi.

Der stellvertretende Premierminister Ayman Safadi berichtete am 4. April, dass eine Verschwörung „im Keim erstickt“ wurde. Die Sicherheitsdienste hatten „die Kontakte [der Verschwörer] mit ausländischen Elementen überwacht, die die Sicherheit Jordaniens destabilisieren wollten“, einschließlich der Exfiltration der Ehefrau von Prinz Hamza. Es wurde keine Truppenbewegung beobachtet, die als Bestätigung für die Unterdrückung dieses Staatsstreichs angesehen werden könnte, während sich dieser noch in der Vorbereitungsphase befand.

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Cherif Hassan Ben Zaid (Mitglied der königlichen Familie) und Bassem Awadallah (ehemaliger Minister)

Die verhafteten Personen sind Bassem Awadallah, Cherif Hassan Ben Zaid und Mitglieder ihrer Umgebung. Diese beiden Männer sind mit dem Kronprinzen und dem wahren Herrscher von Saudi-Arabien, Prinz Mohamed bin Salman (genannt „MBS“) eng verbunden. Bassem Awadallah wurde festgenommen, als er aus dem Land fliehen wollte.

Eine saudische Delegation unter der Leitung des Außenministers, Prinz Faisal bin Farhan, kam nach Amman und forderte die Freilassung von Bassem Awadallah, der die doppelte jordanisch-saudische Staatsangehörigkeit besitzt. Laut der Washington Post weigerte sich die Delegation, das Land ohne Awadallah zu verlassen, was Arabien dementierte. Kurz darauf erklärte Saudi-Arabien jedoch in einer Mitteilung seine Unterstützung für die regierende jordanische Familie.

Die Beziehungen Jordaniens zu Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten waren sehr eng. Diese beiden Länder subventionieren großzügig dieses kleine, arme Königreich (3,6 Milliarden Dollar von 2012 bis 2017). Aber seit der Aufwärmung ihrer Beziehungen zu Israel haben sie sich von Jordanien entfernt. Die jordanische Wirtschaft ist dadurch stark betroffen: Das Jährliche Budgetdefizit beträgt etwa ein Fünftel.

Die internationale Presse begeistert sich für die Bedingungen für den Zugang zum Thron von König Abdullah auf Kosten seines Halbbruders Hamza in den späten 90er Jahren. Aber die Reduktion auf Eifersüchteleien innerhalb der königlichen Familie kann die gegenwärtigen Ereignisse nicht erklären.

Bassem Awadallah ist auch am jüngsten Erwerb palästinensischen Landes für die Emirate beteiligt. Man sollte eher auf dieser Spur suchen.

Alles verläuft so, als hätte Saudi-Arabien geplant, König Abdullah zu stürzen, um den zweiten Teil des Nahost-Plans von Präsident Trump umzusetzen, bevor die Regierung Biden ihre Meinung ändert. Tatsächlich hatte König Abdullah die Vorschläge von Jared Kushner für den „Deal des Jahrhunderts“ abgelehnt. Er unterstützte nicht den Plan, den Präsidenten des palästinensischen Staates, Mahmud Abbas, durch den ehemaligen Sicherheitsbeauftragten zu ersetzen, der Jassir Arafat ermordet hatte, Mohamed Dahlan (heute Flüchtling in den Emiraten) [1]. Nach 15 Jahren ohne demokratische Konsultation jeglicher Art wurden für den 22. Mai Parlamentswahlen in Palästina einberufen. Die Jordanier befürchten, dass die Palästinenser ihre Heimat verlassen und versuchen, ihr Land zu erobern, wie sie es 1970 getan haben („Schwarzer September“).

Die Entscheidung angesichts eines dreiviertel Jahrhundert alten Konfliktes besteht darin, entweder die unveräußerlichen Rechte des palästinensischen Volkes zu verteidigen oder zuzugeben, dass es sie nach fünf militärischen Niederlagen (1948-9, 1967, 1973, 2008-9, 2014) verloren hat. Die Mächte, die die Region ausbeuten wollen, schüren diesen Konflikt, indem sie die Palästinenser rechtlich unterstützen aber ihnen den Schutz der Vereinten Nationen vorenthalten. Israel wird von der UN-Generalversammlung immer wieder aufgefordert, aber nie vom Sicherheitsrat gezwungen. Dieser Konflikt ist umso komplexer, als die Hamas nicht gegen die israelische Kolonisierung (wie die Fatah) kämpft, sondern weil ein muslimisches Land nach einer Lesart des Koran nicht von Juden regiert werden kann. Mit dieser Vorgehensweise haben die Palästinenser weltweit jegliche Unterstützung verloren.

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Im September 2020 zwang Präsident Trump Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Israel zur Unterzeichnung der Abraham-Abkommen. Es ging darum, den israelisch-palästinensischen Konflikt zu beenden, der seit langen Jahren geschürt wurde, um den Nahen Osten jeglicher Zukunft zu berauben. Für die einen verriet er die Rechte der Palästinenser, für die anderen hörte er auf, ihnen den Mond zu versprechen, um ihnen endlich zu helfen, sich zu entwickeln.

In diesem Zusammenhang hatten Präsident Trump und sein Sonderberater Jared Kushner die „Abraham-Abkommen“ zwischen Israel einerseits und den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain andererseits ausgehandelt [2]. Sie haben die diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Marokko normalisiert und waren dabei, diesen Prozess auf die gesamte Region auszuweiten, als sie durch undurchsichtige Wahlen von der Macht verdrängt wurden. Im Gegenteil, die Biden-Administration will die Wunde wiederbeleben, um den „endlosen Krieg“ wieder in Gang zu setzen. So hat er beschlossen, die Agentur der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) erneut zu finanzieren oder die Anerkennung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara durch die Vereinten Nationen zu unterstützen, um Druck auf Marokko auszuüben, damit es sich zurückzieht. Je länger die Konflikte dauern, desto leichter ist Washington der Nutznießer. Egal, was seine anderen „Verbündeten“ denken, geschweige denn die betroffenen Bevölkerungen.

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Captain Roy Shaposhnik

Ein israelischer Geschäftsmann mit Sitz in Großbritannien, Roy Shaposhnik, bot Prinz Hamza sein persönliches Flugzeug an, damit er Jordanien verlassen konnte. Die jordanische Nachrichtenagentur Petra, die bemerkte, dass er ein Hauptmann von Tsahal war, behauptet, er sei ein Mossad-Agent, was er dementierte. Er behauptet, nur ein Freund des Prinzen zu sein, keine Politik zu machen und nur ihm und seiner Familie einen Gefallen tun zu wollen. Sein Unternehmen Global Mission Support Services widmet sich der Logistik im Nahen Osten und im englischsprachigen Afrika, besonders der Ausschleusung von Persönlichkeiten auf der Flucht.

In einem letzten Kommuniqué, das am 6. April in Amman veröffentlicht wurde, versichert der Palast, dass dies alles nur ein Irrtum sei, der auf Fehlinterpretationen der Sicherheitsdienste beruht. Dank der „Vermittlung“ des weisen Prinzen Hassan bin Talal kehrte der Frieden nach einem „Familienmissverständnis“ zurück.

Die 16 Verhafteten bleiben im Gefängnis, Prinz Hamza ist nicht erreichbar. Jeder Artikel über das, was gerade passiert ist, bringt seine Autoren auch ins Gefängnis.

Übersetzung
Horst Frohlich
Korrekturlesen : Werner Leuthäusser

[1] „Die politischen Umstände des Todes von Yasser Arafat“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 23. November 2013.

[2] “Abraham Accords Peace Agreement”, Voltaire Network, 15 September 2020.

https://www.voltairenet.org/article212682.html

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