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Gesundheit, Inland

Oben ohne! – Der Köln-Pass schützt nicht vor Corona

von Dietmar Spengler

Zur Erklärung: Der Köln-Pass ist ein lavendelfarbener Zettel, den die Oberbürgermeisterin ausgibt und der zu allerlei Vergünstigungen beim Besuch städtischer Einrichtungen berechtigt. Passberechtigt sind Empfänger von Grundsicherung, Bezieher von Wohngeld, Geringverdiener (Leistungen nach dem SGB II, SGB XII, AsylbLG, SGBVIII und BKGG) – quasi arme Leute, deren Einkommen weder hinten noch vorne reicht.

In der Hauptstadt der Ubier,[1] deren Klüngelsystem über die Grenzen hinaus Berühmtheit erlangt hat, gedenkt man seiner Ärmsten, die man an die Peripherie abgeschoben hat mittels dieses Passierscheins. Weil die Bemessungsgrenze der Sozialhilfe allzu eng gefasst ist, die Kundschaft des Sozialamtes aber den Corona-Pflichten genügen soll, musste eine Lösung gefunden werden. Nach zähem Ringen und mit einem Seitenblick auf die Nachbarstädte hat der Rat der Stadt beschlossen, das mit weit über fünf Milliarden Euro überschuldete Füllhorn zu öffnen und den rund einhundertachtundfünfzigtausend Leistungsbeziehern (2019) eine kostenlose Zuweisung von FFP2-Masken zu genehmigen.

Und hier beginnt die Geschichte:

Seit dem 19. Januar 2021 ist in der BRD eine verschärfte Maskenpflicht eingeführt. In öffentlichen Verkehrsmitteln, in Geschäften und in Gottesdiensten sind seitdem OP-Masken oder FFP2-Masken zu tragen. Vorher hatte man sich mit der selbstgeschneiderten Stoffmaske oder, um finanzielle Verpflichtungen zu umgehen, mit einem Schal oder Tuch begnügt. Nun aber ging es zur Kasse, die selbstverständlich leer war. Als Sechsundsiebzigjähriger hatte ich noch drei x-mal ausgewaschene FFP2-Masken aus der kostenlosen Charge von vor Weihnachten. Ich setzte mich mit den Stadtteilvertretern der verschiedenen Parteien, mit den Ratsfraktionen, mit der Oberbürgermeisterin, mit dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW, mit Hubertus Heil vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Berlin in Verbindung, schrieb die lokale Presse, den WDR an.

Als erster meldete sich am 27. Januar der SPD-Mann im Stadtrat mit der frohen Botschaft, dass sich bereits einen Tag vorher der Gesundheitsausschuss der Stadt mit dieser Problematik beschäftigt habe. Seine Fraktion habe zudem einen Antrag zur kostenlosen Bereitstellung der FFP2-Masken an die als bedürftig eingestuften Personengruppen gestellt, welchem stattgegeben wurde. Das Wie allerdings blieb offen.

Eine Woche später erreichte mich über die Fraktionsreferentin der Antragstext „Die Stadtverwaltung soll schnellstmöglich alle Köln-Pass-Inhaber*innen kostenfrei mit FFP2-Masken versorgen“. Wieder eine Woche später trudelte ein Schreiben des Büros des Bundesministers Heil ein, für Hartz-IV-Empfänger würden je 10 Masken zu Verfügung gestellt, ansonsten sei sich an die entsprechende Krankenkasse zu wenden. Gleichzeitig beteuerten die Fraktionsbüros der Linken sowie der Grünen, man werde diese Problematik im Rat der Stadt vorbringen und auf Abhilfe drängen! Von der Oberbürgermeisterin, die ich über das obligatorische Formular angeschrieben hatte, kein Wort. Auch der Landesminister ließ nichts von sich hören. Die Dumont-Schreiberlinge antworteten nicht, wohl wissend, dass Sozialrentner keine Abo-Aspiranten sind. Und der WDR hat wohl mit sich selbst zu tun.

Bis Mitte Februar geschah nichts. Am 14. des Monats riss mir der Geduldsfaden. Mein SPD-Mann teile mir einen Tag später mit, dass die zentrale Köln-Pass-Stelle die FFP2-Masken in Kürze per Post an die Köln-Pass-Berechtigten versenden werde. Danach: Pause! Kein Anruf, kein Brief, keine Mail, keine Sendung.

Am 2. März mein Anruf bei der zentralen Stelle für den Köln-Pass. Die für meinen Namen zuständige Sachbearbeiterin konnte auf Anhieb nichts zur Sache beitragen, kramte ihre Infos hervor, referierte mir den Stand der Dinge und nahm meine Daten auf, um sie an die Versandstelle weiterzuleiten. Zu meiner Überraschung erfuhr ich, dass erst eine persönliche Anforderung der FFP2- Masken zu einer Zustellung führe – eine automatische Versendung somit ausgeschlossen sei.

Dann, am 4. März das langersehnte Wunder: in meinem Briefkasten stak ein dicker Brief mit Absender „Stadt Köln: Die Oberbürgermeisterin: Amt für Soziales und Senioren: Bildung und Teilhabe: Köln-Pass“. Darinnen 10 Masken im Plastik-Beutel, mit einer „Product Certifikation“ für KN95 Face Mask (Non Medical) der Marke „Xiangang“ von der Firma Guangzhou Runjia Industrial Co.Ltd. in Long Hu town, Bayun River. Ein attraktiv mit chinesischen Buchstaben versehener roter Stempel beglaubigt die Herkunft des Päckchens. Ach ja, als Beiblatt, damit man sich nicht vertut, war da noch eine Anweisung „Maske richtig tragen!“ mit Illustrationen „Die Nasenklammer zeigt nach unten“, „Die Nasenklammer zeigt nach oben“, etc., auf recyclebarem Papier.

Ich bin ja ein geduldiger Zeitgenosse, doch irgendwo hat man auch seine Aufnahmegrenzen. Vom 19. Januar bis zum 4. März oben ohne. Ich könnte längst verhungert sein oder mit dem widerlichen Virus im Intensivstadium delirieren, hätten mir nicht mitleidige Freunde aus der Patsche geholfen. Da hat man der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner für ihre Waldbarone 700 Millionen aus dem Corona-Etat zugewiesen und die Ärmsten der Gesellschaft spannt man wegen Peanuts auf die Folter und gefährdet ihre Gesundheit?! Kann ja weg, dieses unproduktive Gesockse, das keinen Mehrwert schafft! Wenn die ins Gras beißen, braucht die Kommune keinen Unterhalt mehr zu zahlen und der Armutsbericht der Regierung bekommt wieder ein freundlicheres Gesicht. Für‘s Gesundheitssystem würde es auch von Vorteil sein und bei Wahlen kämen eindeutige Ergebnisse raus. Ob’s für die zweite Charge noch reicht?

[1] Ein westgermanisches Volk, das Caesar in Verkennung der Lage als bereits zivilisiert beschrieb.

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Oben ohne! – Der Köln-Pass schützt nicht vor Corona

  1. Gut, dann hast du jetzt wieder Freigang. Was tut man nicht alles für die Gesundheit. Keine Sorge, wenn der digitale Impfpass erst da ist wird es besser.

    https://www.epochtimes.de/meinung/analyse/impfpass-qr-code-big-data-schritt-fuer-schritt-in-den-totalitaeren-staat-a3466231.html

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    Verfasst von Mechthildt Frauman | 10. März 2021, 22:56

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