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Geschichte, Kultur

KALTE HINRICHTUNG

von Dr. habil. Richard Albrecht

Bild: Bertold Brecht (rechts) und der Komponist Hanns Eisler, März 1950. / Bundesarchiv, Bild 183-19204-2132 (CC BY-SA 3.0 cropped)

Der poetische Stückeschreiber und Wahrheitsfreund Bertolt Brecht als Rechts- und Justizkritiker

„Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf.
Aber wer sie weiß, und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“

(Bertolt Brecht, Leben des Galilei. Berliner Fassung 1955/56)[1]

I.

Das unter der bekannten Leitfrage „Sind Sie jetzt oder waren Sie jemals Mitglied einer Kommunistischen Partei?“ stehende hochnotpeinliche Verhör des poetischen Stückeschreibers und Wahrheitsfreunds Bertolt Brecht (1898-1956) fand am 30. Oktober 1947 in Washington (D.C.) statt.[2] Am nächsten Tag remigrierte Brecht nach Europa durch Ausflug aus den Vereinigten Staaten von Amerika, in denen er sechs lange Jahre lang als politischer Flüchtling (oder Emigrant oder Exulant) lebte und arbeitete. Ein scriptwriter-Kollege von Brecht soll nach dem Verhör angemerkt haben, Brecht sei ihm vorgekommen „wie ein Zoologe unter Affen“ (Vladimir Pozner). Daraus wurde 2005 eine Brecht selbst zugeschriebene Version, derzufolge Brecht nach dem Verhör vor dem Ausschuß zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeiten auf die Frage, wie es ihm dabei ergangen sei, geantwortet haben soll: »Wie einem Zoologen, der von Affen vernommen wird.«[3]

II.

Als Poet, Stückeschreiber und Publizist war Brecht einer der eierköpfigen Intellektuellen des vergangenen Jahrhunderts, der gesellschaftliche Wirklichkeit durch „eingreifendes Denken“ produktiv verändern wollte. Auch Brecht ging es darum, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Karl Marx). Brecht war als „Bolschewik ohne Parteibuch“[4] aktiver Feind des Alten und aktiverer Freund des Neuen. Brecht kämpfte auf der Seite der Wenigen mit seinen Mitteln für selbstbewußtes politisches Handeln der Vielen gegen den alten kadaverigen Gehorsam für neue bewußte Disziplin und damit auch gegen „die ganze Scheiße“ und dafür, „den ganzen alten Dreck vom Halse [zu] schaffen, um zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden“ (Friedrich Engels [und] Karl Marx).

III.

Einige Jahre nach „seinem“ Verhör durch Mitarbeiter des berüchtigten US-Kommunistenverfolgers „Senator Amok“ (Gerhart Eisler)[5] mit der berüchtigteren guilt-by-association- oder „Kontaktschuld“-Konstruktion[6] als Verfolgungsgrundlage arbeitete Brecht wie gut ein Jahrzehnt vorher seine Erfahrungen mit dem deutschen Nazi-Faschismus[7] auch seine repressiven US-Erfahrungen auf. Was Brecht vor sechzig Jahren, 1950, als „kalte Hinrichtung“ notierte, ist nicht nur historisch, sondern deshalb erinnerungs- und mitteilenswert, weil es nicht um die faschistische Vernichtung der Person, sondern „nur“ um ihre beruflichen (materiellen, finanziellen) Lebens- und Existenzgrundlagen geht: für eine Mitgliedschaft etwa in Kommunistischen Partei war in den USA damals „keine Gefängnisstrafe oder Geldstrafe vorgesehen; diese Partei war nicht illegal, damals. Jedoch gibt es in diesem Land andere Strafen, die weit harmloser scheinen, jedoch nicht harmloser sind. Während der Staat dabei nicht in Erscheinung tritt, kommt es doch zur Hinrichtung, man könnte es eine kalte Hinrichtung nennen […] Diese kalte Hinrichtung wird von der Industrie vollzog; der Delinquent wird nicht des Lebens, nur der Mittel zum Leben beraubt; er kommt nicht in die Todesanzeigen, nur auf die schwarzen Listen […] In unserem Falle leistete der Staat übrigens der Industrie Hilfestellung, er spielte die Rolle des Spitzels. Er befragte die Verdächtigen unter Eid nach ihrer Parteizugehörigkeit.“[8]

 

[1] Bertolt Brecht Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 5. Stücke 5, 1988: 248/249

[2] Ernst Schumacher, Wie ein Zoologe unter Affen: Heute vor 50 Jahren wurde Bertolt Brecht in Washington vor dem Untersuchungsausschuß unamerikanischer Betätigung verhört, Berliner Zeitung vom 30. Oktober 1997

[3] Arnold Schölzel, Gaga im Mainstream – die Antideutschen; junge Welt vom 18. März 2005

[4] Richard Albrecht [und] Matthias Mitzschke, Bertolt Brecht: ´Bolshevik Without a Party Book´ […]; in: Praxis Four, 1979: 297-303

[5] Hier sind (endlich mal auch) wikipedia-Einträge informativ:

http://en.wikipedia.org/wiki/Joseph_McCarthy   http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_McCarthy

http://en.wikipedia.org/wiki/McCarthyism   http://de.wikipedia.org/wiki/McCarthy-%C3%84ra

http://en.wikipedia.org/wiki/Communist_Party_USA   http://de.wikipedia.org/wiki/Gus_Hall

http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_der_USA   http://en.wikipedia.org/wiki/Gus_Hall

Anschaulich der Sammelband: Sind oder waren Sie Mitglied? Verhörprotokolle über unamerikanische Aktivitäten 1947-1956. Hg. Hartmut Keil. Reinbek: Rowohlt, 1979 [366 p.]

[6] Richard Albrecht, KONTAKTSCHULD: Eine FeindKritik; Druckfassung in: soziologie heute, Oktober 2020: 33-35

[7] Bertolt Brecht, Furcht und Elend des Dritten Reiches („The Private Life of the Masters Race“ [1938]; ursprünglicher Titel des Stücks: „Deutschland – ein Greuelmärchen“; Pariser Uraufführung 1938 udT. „99 %“): Gesammelte Werke 3. Stücke 3. Werkausgabe edition suhrkamp, 1967: 1073-1193; für mich besonders eindringlich die beiden breit ausgeschriebenen Szenen zum Spitzel (3. Das Kreidekreuz: 1079-1096) und zur Berufsrichterei (6. Rechtsfindung: 1103-1120)

[8] Bertolt Brecht, Wir Neunzehn; Gesammelte Werke 19. Schriften zur Literatur und Kunst 2. Werkausgabe 1967: 490-493

 

Dokumentarischer Anhang 

RECHTSPRECHUNG
EINE K-GESCHICHTE

Bertolt Brecht

„Herr K. nannte oft als in gewisser Weise vorbildlich eine Rechtsvorschrift des alten China, nach der für große Prozesse die Richter aus entfernten Provinzen herbeigeholt wurden. So konnten sie nämlich viel schwerer bestochen werden (und mußten also weniger unbestechlich sein), da die ortsansässigen Richter über ihre Unbestechlichkeit wachten – also Leute, die gerade in dieser Beziehung sich genau auskannten und ihnen übelwollten. Auch kannten diese herbeigeholten Richter die Gebräuche und Zustände der Gegend nicht aus der alltäglichen Erfahrung. Unrecht gewinnt [zu] oft Rechtscharakter einfach dadurch, daß es [zu] häufig vorkommt. Die Neuen mußten sich alles neu berichten lassen, wodurch sie das Auffällige daran wahrnahmen. Und endlich waren sie nicht gezwungen, um der Tugend der Objektivität willen viele andere Tugenden, wie die Dankbarkeit, die Kindesliebe, die Arglosigkeit gegen die nächsten Bekannten, zu verletzten oder so viel Mut zu haben, sich unter ihrer Umgebung Feinde zu machen.“

(Text nach: moz.art, 2. Jg. 2007/08: 94; vgl. auch die später „Rechtsfindung“ genante 6. Szene in Brechts Szenenmontage „Furcht & Elend des Dritten Reiches“ (1938) – „The Private Life of the Masters Race“ – in: Gesammelte Werke III = Stücke 3; Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1967: 1103-1120 [ = werkausgabe edition suhrkamp]); hier in geringfügig erweiterter Fassung.

Dr. habil. Richard Albrecht, Sozialwissenschaftspublizist, Bad Münstereifel

(c)Autor

 

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