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Ausland, Europa

Warum die USA auch bei einem Aus für Nord Stream 2 kaum eine Chance auf dem EU-Gasmarkt haben

von Thomas Röper – https://www.anti-spiegel.ru/

Eine aktuelle Nachricht hat mich sehr überrascht: Russland hat in 2020 erstmals mehr Flüssiggas in die EU verkauft als die USA. Was bedeutet das für den Streit um Nord Stream 2?

Bei dem Streit um Nord Stream 2 geht es nicht um Energiesicherheit, wie die USA und andere Gegner der Pipeline behaupten. Russland und vorher die Sowjetunion liefern seit fast 50 Jahren Gas nach Europa und das wurde weder von Russland, noch der Sowjetunion jemals als Druckmittel eingesetzt, nicht einmal auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges oder heute als Reaktion auf EU-Sanktionen. Die einzigen Unterbrechungen der Gaslieferungen aus Russland gab es, als die Ukraine im Streit mit Gazprom zu Erpressung gegriffen und die Durchleitung von russischem Gas nach Europa kurzerhand gestoppt hat. Dazu finden Sie hier sehr ausführliche Details.

Es geht bei dem Streit um Nord Stream 2 auch nicht um den Klimaschutz, wie andere behaupten. Die EU und auch Deutschland werden noch mindestens zwei bis drei Jahrzehnte fossile Energieträger brauchen. Und selbst wenn – wie einige Lobbyisten in letzter Zeit anführen – Gas kaum sauberer sein sollte als Kohle, ist Gas – im Gegensatz zu Kohle – dennoch unersetzlich. Der Grund ist, dass alternative Energien nicht stabil Strom liefern und man zum Ausgleich konventionelle Kraftwerke vorhalten muss, die die Schwankungen ausgleichen. Und im Gegensatz zu Kohlekraftwerken können Gaskraftwerke spontan hoch und wieder runtergefahren werden. Und da der Stromverbrauch alleine durch die Einführung von Elektroautos in Zukunft steigen und nicht sinken wird, wird in Zukunft (auch vor dem Hintergrund von Kohle- und Atomausstieg) eher mehr Gas als weniger gebraucht werden.

Auch wenn Ideologen in Politik und Medien es anders sehen mögen, um Erdgas kommen wir in den nächsten Jahrzehnten nicht herum. Die Frage ist also nur, welches Gas Europa von wem kauft, zumal die Gasförderungen der EU rückläufig sind.

Welche Wahl die EU hat

Es gibt zunächst einmal das Pipeline-Gas, das Europa zuerst über die beiden Pipelines durch die Ukraine und Weißrussland bezogen hat. Dann kam Nord Stream hinzu und kürzlich für Südeuropa Turk Stream. Aber selbst diese Pipelines dürften in Zukunft nicht ausreichen, zumal die Ukraine in den 30 Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion nicht in die Instandhaltung oder gar Modernisierung ihrer Pipeline investiert hat. Irgendwann dürfte es dort zu technischen Problemen kommen, das ist inzwischen nur noch eine Frage der Zeit.

Um zusätzliches Gas nach Europa liefern zu können (und erst recht, um für den Ausfall einer bestehenden Pipeline gerüstet zu sein) wird Nord Stream 2 gebaut.

Bei ihrem Kampf gegen Nord Stream 2 geht es den USA bekanntermaßen nicht um die europäische Energiesicherheit, sondern ganz banal um den Verkauf ihres Frackinggases, dass sie als Flüssiggas (LNG) mit großen Tankern nach Europa fahren. Das US-Gas ist jedoch ca. 30 Prozent teurer als russisches Pipeline-Gas, denn sowohl die Förderung durch Fracking ist teurer, als auch der Transport inklusive Verflüssigung des Gases. Und da niemand freiwillig das gleiche Produkt um 30 Prozent teurer einkauft, müssen die USA Nord Stream 2 verhindern, wenn sie im großen Stil in den europäischen Markt einsteigen wollen.

Russland überholt die USA bei LNG-Lieferungen nach Europa

Vor diesem Hintergrund fand ich die aktuelle Meldung des russischen Fernsehens sehr interessant. Dort wurde gemeldet, dass Russland in 2020 erstmals mehr Flüssiggas nach Europa verkauft hat, als die USA. Russland baut derzeit im hohen Norden derzeit riesige Terminals für Flüssiggas-Tanker und die nötige Flotte von Eisbrechern, die das Nordmeer dann ganzjährig befahrbar halten können.

Russland will nämlich im großen Stil in den Markt für Flüssiggas einsteigen und auch Länder (zum Beispiel in Afrika, Amerika oder im Fernen Osten) als Kunden gewinnen, die es nicht über Pipelines beliefern kann. Da Russlands Gas in der Förderung wesentlich billiger ist als das US-Frackinggas, ist auch das russische Flüssiggas billiger, als Flüssiggas aus den USA.

Die Ironie der Meldung ist daher: Selbst wenn es den USA doch noch im letzten Moment gelingen sollte, Nord Stream 2 zu verhindern, würde ihnen das die russische Konkurrenz in Europa nicht vom Hals schaffen.

Der Vollständigkeit halber übersetze ich noch die Meldung des russischen Fernsehens.

Beginn der Übersetzung:

Im vergangenen Jahr hat Russland mehr LNG nach Europa geliefert als amerikanische Unternehmen. Das gab der Chef von Shell in Russland, Cederic Kremers, im Rahmen der Präsentation des LNG Outlook 2021 bekannt.

Kremers wies darauf hin, dass die Hälfte des europäischen Flüssigerdgases normalerweise aus Russland und den Vereinigten Staaten stammt, aber im vergangenen Jahr wurde zum ersten Mal mehr russisches Flüssigerdgas nach Europa geliefert als amerikanisches Gas.

Insgesamt wurden im Vorjahr rund 84 Millionen Tonnen LNG nach Europa geliefert, davon 22 Millionen Tonnen aus Russland und 20 Millionen Tonnen aus den USA.

Darüber hinaus wird in dem Bericht darauf hingewiesen, dass der Anteil von Pipeline-Gas in Europa abnehmen und die Nachfrage nach Flüssigerdgas bis 2040 steigen wird.

Außerdem wird die Erdgasförderung in Europa voraussichtlich zurückgehen, aber die russischen Pipeline-Gaslieferungen werden auf dem gleichen Niveau bleiben.

Der stellvertretende Ministerpräsident Alexander Novak hatte zuvor berichtet, dass Russland plant, die Produktion von Flüssigerdgas bis 2035 von heute 29 Millionen Tonnen auf 120-140 Millionen Tonnen pro Jahr zu erhöhen und bis zu 20 Prozent des Marktes zu halten.

Ende der Übersetzung

Generell finde ich solche Berichte von Experten interessant. Energieexperten wissen, dass Erdgas für Europa auf Jahrzehnte unverzichtbar ist. Shell prognostiziert, “dass der Anteil von Pipeline-Gas in Europa abnehmen und die Nachfrage nach Flüssigerdgas bis 2040 steigen” wird. Was bedeutet dieser Satz?

Er bedeutet, dass die Nachfrage nach Gas in Europa wächst, denn die eigenen Quellen versiegen, die russischen Pipelines haben selbst zusammen mit Nord Stream 2 eine begrenzte Kapazität und können nicht mehr liefern. Also wird der Anteil von Flüssiggas in Europa zwangsläufig steigen, um den wachsenden Bedarf zu decken.

Da ich mich in das Thema schon vor Jahren eingearbeitet habe und diese Dinge schon lange weiß (sie sind ja nicht neu), bekomme ich immer fast ein Schleudertrauma vom Kopfschütteln, wenn ich die “Energie-Experten” der Grünen über das Thema reden höre und sie verkünden, wir bräuchten kein zusätzliches Erdgas, weil wir ja auf alternative Energien umsteigen. Bei allem Verständnis und aller Unterstützung für alternative Energien frage ich mich, ob diese Leute schlicht dumm sind, oder nichts von dem Thema verstehen, auf dem sie “Experten” sind, oder ob sie bewusst lügen. Es gibt nur diese drei Möglichkeiten, suchen Sie sich eine aus.

Das wäre wirklich unterhaltsam, wenn diese Leute nicht als Minister und Abgeordnete die Entscheidungen für die Zukunft treffen würden.

Warum die USA auch bei einem Aus für Nord Stream 2 kaum eine Chance auf dem EU-Gasmarkt haben

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