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And the winner is: Die dümmste Kolumne zum Thema Impfen im Spiegel

von Thomas Röper – https://www.anti-spiegel.ru/

Normalerweise schreibe ich nichts zu Kommentaren, Meinungsartikeln oder Kolumnen, denn jeder soll seine Meinung haben. Aber im Spiegel ist eine Kolumne erschienen, in der der Autor seine Meinung so derartig dumm und unwahr begründet, dass ich nicht widerstehen kann, sie zu kommentieren.

Am 20. Februar ist im Spiegel eine Kolumne von Alexander Neubacher mit der Überschrift “Biontech & Co. – Danke, liebe Reiche” erschienen. Die Überschrift gibt bereits die Richtung vor: Die Reichen haben gerade die Welt gerettet, wie auch in der Einleitung zu dem Artikel bereits zu lesen ist:

“Ein Glück, dass die Linke die Milliardäre noch nicht enteignet hat. Es gäbe keinen Impfstoff aus Deutschland.”

Und so beginnt der Artikel schon in der Einleitung mit einer Lüge oder doch zumindest mit einer gänzlich unwahren These: Wir haben einen Impfstoff in Deutschland, weil wir Milliardäre haben. Warum ist das unwahr?

Erstens haben wir in Deutschland keinen Impfstoff, was wir haben ist BionTech, die mit Pfizer einen Impfstoff entwickelt haben. Es ist also bestenfalls ein Gemeinschaftsprojekt, wobei man aber wissen muss, dass der Impfstoff außerhalb Deutschlands als amerikanischer Impfstoff bezeichnet wird. Und die internationalen Verhandlungen über Impfstofflieferungen für den Impfstoff führt Pfizer, nicht BionTech.

Zweitens braucht es überhaupt keine Milliardäre, ja nicht einmal Pharmakonzerne, um Impfstoffe zu entwickeln. Es reicht ein Staat, der genug in staatliche Forschungsinstitute investiert. Das tut Russland und bekannterweise hat Russland den derzeit besten Corona-Impfstoff der Welt entwickelt – Sputnik-V. Das soll keine Werbung sein, das geht aus den Ergebnissen von The Lancet hervor. Und der Impfstoff wurde von einem staatlichen russischen Institut entwickelt, finanziert aus dem staatlichen russischen Direktinvestitionsfond.

Drittens: Das war keineswegs ein glücklicher Zufall für Russland, denn was im Westen bisher kaum bekannt ist: Russland hat inzwischen zwei eigene Corona-Impfstoffe. Der zweite, der im Speziallabor Vektor in Novosibirsk entwickelt wurde, wird inzwischen ebenfalls verimpft. Und beide russischen Impfstoffe haben eins gemeinsam: Sie sind ganz ohne die Pharmakonzerne und ohne die “Hilfe” von Milliardären entstanden. Der russische Staat (das mag manchen überraschen) stellt für die Forschung genug Geld zur Verfügung, sodass Russland auf immer mehr High-Tech-Feldern an die Weltspitze aufrückt.

Aber Herr Neubacher will den Leser in eine andere Richtung drängen und schreibt:

“Der Welt fehlt es an Corona-Impfstoff? Da hat Bernd Riexinger eine bewährte Idee: Wir nehmen’s von den Reichen. Am Mittwoch postierte sich der Linkenchef vor dem Biontech-Werkstor in Marburg, um den Besitzern des Impfstoffherstellers einzuheizen. »Menschen vor Profite!«, lautete seine Forderung: Biontech solle gefälligst seine Impfstofflizenzen freigeben.”

Neubacher bedient dumme Klisches nach dem Motto “Die Linken wollen alle enteignen!” Darum geht es dabei gar nicht. Wenn BionTech seine Lizenzen freigeben würde, würde niemand enteignet werden. BionTech würde zwar weniger Geld verdienen, wenn andere seinen Impfstoff in Lizenz produzieren könnten, aber dafür würde es mehr Produktionskapazitäten geben und es wären schneller genügend Impfstoffe vorhanden. Und das ist es doch, was in Politik und “Qualitätsmedien” alle derzeit fordern!

Aber Neubacher scheint beim Spiegel zu denen zu gehören, die für Pharma-Lobbyismus zuständig sind, denn von dem Thema lenkt er sofort ab:

“Nun würde niemand bestreiten, dass in der Pandemie kreative Lösungen gefragt sind. Wie etwa bei Biontech, allerdings schon lange bevor Riexinger auf der Matte stand.
Bereits vergangenes Jahr ging die Firma eine Kooperation mit dem amerikanischen Pharmariesen Pfizer ein. Dann kaufte sie die Fertigungsstätte in Marburg, die früher einmal dem schweizerischen Konzern Novartis gehört hatte. Und vermutlich ab Sommer wird auch der französische Hersteller Sanofi mehr als 125 Millionen Impfdosen für Biontech abfüllen. Man kann gewiss davon ausgehen, dass alle Beteiligten dabei auf ihre Kosten kommen. Doch dass Biontechs Eigentümer auf ihrer Geheimrezeptur sitzen und niemandem davon abgeben, lässt sich nun wirklich nicht behaupten.”

Doch, das lässt sich behaupten. Der russische Sputnik-V wird bereits in vielen Ländern in Lizenz hergestellt, denn Russland hat damit kein Problem. Es geht Russland – im Gegensatz zu den Pharmakonzernen – nicht um Gewinnmaximierung. Und daher kann Russland problemlos jedem interessierten Land anbieten, Sputnik-V in Lizenz zu produzieren und so viel schneller genug Impfstoffe zur Verfügung zu haben.

Und genau das verweigern die westlichen Pharmakonzerne, daher kommen die Diskussionen über den Mangel an Impfstoffen. Geldverdienen ist wichtiger als Impfen, und die Politik unterstützt das, wenn Gesundheitsminister Spahn sich zum Beispiel dagegen ausspricht, die Hersteller zur Freigabe von Lizenzen zu zwingen. Und Schreiberlinge wie Neubacher unterstützen diese Gewinnmaximierung der Konzerne ebenfalls. Dass die Menschen dadurch viel länger im Lockdown gefangen sind als nötig, scheint ihm egal zu sein.

Neubacher geht es in seiner Kolumne um einen Frontalangriff gegen linke Positionen und Politiker einerseits und um volle Unterstützung für das neoliberale Wirtschaftsmodell andererseits, wenn er schreibt:

“Für Linke wie Riexinger müsste es eine irritierende Erfahrung sein. Während staatliche Stellen in der Coronakrise reihenweise versagen, Schulserver kollabieren, Gesundheitsämter per Fax kommunizieren, hat sich die profitgetriebene Privatwirtschaft als erstaunlich zuverlässig erwiesen.”

Nein, hat sie nicht. Woher kommen denn die vielbeklagten Engpässe bei den Impfstoffen? Etwa daher, dass “sich die profitgetriebene Privatwirtschaft als erstaunlich zuverlässig erwiesen” hat?

Und wenn staatliche Stellen in Deutschland und der EU “reihenweise versagen” (was niemand bestreiten kann), dann sollte man sich vielleicht mit der Suche nach den Gründen beschäftigen. Könnte der Grund sein, dass immer mehr staatliche Stellen von Politikern geleitet werden, die ihre Posten dank politischer Verbindungen bekommen und nicht wegen ihre Qualifikation für den Job?

In Russland läuft längst nicht alles perfekt, aber in Russland ist eine Technokratenregierung im Amt. Das Wort “Technokratenregierung” dürften Leute wie Neubacher hassen, denn es ist im Westen negativ besetzt. Dabei bedeutet es nur eins: Die leitenden Positionen (angefangen bei Ministern) werden von Fachleuten besetzt und nicht von Politikern. So ist der russische Gesundheitsminister zum Beispiel ein Arzt, der seit 2006 Erfahrung mit der Leitung von Ministerien hat. Damals wurde er Gesundheitsminister in einer russischen Region. Er ist ein Fachmann für Medizin und staatliche Behörden, der mit Medizinern in einer Sprache spricht.

Und das gilt für alle russischen Ministerien: Die Minister sind keine Berufspolitiker, sondern Technokraten, also Fachleute. Der Außenminister war sein Leben lang Diplomat, bevor Außenminister geworden ist. Und so weiter.

Und in Deutschland? Der Gesundheitsminister ist Bankkaufmann, die Forschungsministerin ist Hotelfachfrau und so weiter und so fort. Sie alle haben von ihrem Fachgebiet keine Ahnung! Wie sollen staatliche Stellen aber effektiv arbeiten, wenn die Chefs von dem Fachgebiet, für das sie zuständig sind, nichts verstehen?

Aber das weiß Neubacher nicht oder er will es nicht wissen. Er macht in seiner Kolumne fröhlich Werbung für dieses System, in dem staatliche Stellen von Leuten geführt werden, die keine Ahnung von dem Fachgebiet haben, für das sie verantwortlich sind, und daher die Milliardäre von Schreiberlingen wie Neubacher als “Retter in der Not” gefeiert werden können:

“Ohne Milliardäre gäbe es vermutlich keinen Impfstoff aus Deutschland; ein Glück, dass die Betreffenden noch nicht enteignet wurden. Hinter Biontech stecken die Milliardärszwillinge Andreas und Thomas Strüngmann. Die Hamburger Firma Evotec wurde schon früh von einem Mitglied des Oetker-Clans mitfinanziert. Bei Curevac in Tübingen wiederum arbeiten sie mit dem Geld von SAP-Gründer Dietmar Hopp: einem Mann, der von Fußballfans seit Jahren als »Hurensohn« bepöbelt wird. Nun hoffen dieselben Fans, dass sie bald geimpft werden, damit sie überhaupt mal wieder ins Stadion dürfen.”

Anschließend schlägt er noch einmal auf den Linken ein:

“Was würde passieren, wenn sich Riexinger mit der Forderung nach einer weltweiten Lizenzfreigabe durchsetzte? Ich fürchte, die Sache ginge schlecht aus. Die Linke mag vom Sozialismus träumen. Aber im Kampf gegen das Virus auf eine staatliche Pharmaindustrie von Venezuela zu setzen kommt mir riskant vor. Auch auf den Impfstoff aus Kuba, der derzeit angeblich in Iran getestet wird, sollten wir nicht warten.”

Es geht hier nicht um Sozialismus. Es geht um effektive Arbeit zu einem fairen Preis. Während der deutsche Staat nun Milliarden für Impfstoffe ausgibt, sind die Impfungen in Russland gratis, die Impfstoffe so reichlich vorhanden, so dass zumindest in den großen Städten bereits jeder geimpft werden kann, der es möchte (wie ich aus mehreren Beispielen in meinem Bekanntenkreis weiß) und der Staat verdient damit am Ende sogar noch Geld, denn durch die ins Ausland abgegebenen Lizenzen fließt mehr Geld zurück an den russischen Staat, als Entwicklung und Gratisimpfungen gekostet haben.

Das mag für Neoliberale wie Neubacher unvorstellbar sein, aber das ist erstens kein Sozialismus und zweitens funktioniert es besser, als in Deutschland: Der Staat verdient am Ende Geld und wer sich impfen möchte, kann es jederzeit tun. In Deutschland, mit dem von Neubacher so hoch gelobten System, ist das Gegenteil der Fall: Der Staat gibt Milliarden aus und trotzdem gibt es einen Impfstoffmangel. Tolles System, Herr Neubacher, das Sie da propagieren!

Um zu suggerieren, dass es bei all dem nur um eine Neiddebatte geht, endet die Kolumne mit folgenden Worten:

“Ich sehe es so: Wenn einige reich damit werden, dass bald alle geimpft sind, soll es mir recht sein.”

Dem kann ich nicht widersprechen, ich neide niemandem seinen Reichtum. Aber solche Propaganda-Machwerke für Neoliberalismus, Milliardäre und Pharmakonzerne sind nur nötig, weil das System nicht funktioniert. Wenn es funktionieren würde und es all die Probleme mit Impfstoffen in der EU nicht gäbe, bräuchte es solche Artikel gar nicht, die die Leser nur von den eigentlichen Problemen ablenken sollen. Und diese Probleme sind:

Erstens: Staatliche Stellen werden nicht von Fachleuten geleitet, sondern von Berufspolitikern, die von der Materie, für die sie verantwortlich sind, nichts verstehen. Das Ergebnis kann kein effektiver Staat sein!
Zweitens: Den Konzernen geht es um Gewinnmaximierung und das ist auch völlig in Ordnung, aber sie würden auch noch genug Geld verdienen, wenn sie die Lizenzproduktion der Impfstoffe erlauben würden. Dazu müssten sie aber von der Politik gezwungen werden, denn auf Geld verzichten sie nicht freiwillig.
Drittens: Schreiberlinge wie Herr Neubacher unterstützen dieses System der Inkompetenz mit Kolumnen wie dieser. Auch das ist verständlich, denn die Pharmaindustrie ist einer wichtigsten Werbekunden des Spiegel.

Aber im Ergebnis bedeutet das eben, dass es länger dauert, bis genug Impfdosen für alle Interessierten zur Verfügung stehen, was dafür auch noch teurer wird, als es sein müsste. Bis dahin gilt: Genießen Sie den Lockdown länger, als es notwendig wäre (vorausgesetzt, er ist überhaupt nötig).

Davon aber lenkt Neubacher geschickt ab. Propaganda eben…

https://www.anti-spiegel.ru/2021/and-the-winner-is-die-duemmste-kolumne-zum-thema-impfen-im-spiegel/

Diskussionen

Ein Gedanke zu “And the winner is: Die dümmste Kolumne zum Thema Impfen im Spiegel

  1. Niemand hat die Absicht eine medizinische Diktatur zu errichten, es geht darum Menschen zu schützen.

    Bund prüft Einführung eines digitalen Impfpasses: Das könnte das öffentliche Leben stark verändern

    https://www.corodok.de/bund-einfuehrung-impfpasses/

    Gefällt mir

    Verfasst von Flo | 23. Februar 2021, 12:21

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