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Kultur, Malerei

HOHE ZEIT

von Harry Popow

Bild: Gemälde von Harry Popow – 2011

ALEX, ein Freund, schrieb mir: Ich sitze beinahe seit einer Stunde vor Deinem Bild. Denke, mache Notizen, interpretiere, verwerfe Gedanken. Bin noch nicht fertig. Man kann vieles hineindenken… Unser blauer Planet, verbunden mit der Sonne durch eine unlösbare Klammer. Die Größe der Sonne, sie könnte ihre Bedeutung für uns symbolisieren. Deutlich auf ihrer südwestlichen Oberfläche Eruptionen. Auch im Südwesten der Erde eine sich explosionsartig ausbreitende, verschieden gerichtete Erscheinung. Wäre es Afrika und Arabien, würde ich es mit den völlig ungerichteten und verworrenen chaotischen Rebellionen und politischen Entwicklungen in Verbindung bringen. Und ich sehe vor allem aber auch aus dem Osten eine auf ein Haus zugehende weibliche Lichtgestalt. Sie möchte Euch Blumen bringen. Sie will Euch ihre Freude darüber ausdrücken, dass Ihr 50 Jahre in Freud und Leid zusammengestanden habt. Sie wäre gerne bei Euch – Tamara. Aber auch einen Galgen unterhalb des Hauses sehe ich. Kaum zu erkennen daneben eine menschliche Gestalt. Versteckter Hinweis auf immer noch auf dieser Welt verhängte und vollzogene Vernichtung menschlichen Lebens durch Todesstrafe und Krieg?

Diese folgenden Zeilen schrieb ich als Autor des Buches „Wir SONNENKINDER“ bereits 2017. Heute – im Jahr 2021 der noch drohend weltweit peitschenden Pandemie – bleiben sie aktueller denn je.

Die Frau auf dem Planeten. Einen Feldblumenstrauß in der Hand. Bescheidenheit. Unbescheidenheit, was das Leben betrifft. Nicht nur hoffen auf Frieden… Träume für die Zukunft? Was einmal zum Aufbruch gehörte im Sozialismus, Hoffnung auf Menschlichkeit auf diesem Planeten, das wird zertrümmert. Karl Marx, Friedrich Engels, Lenin – sie werden vor allem von der jüngeren Generation als veraltet angesehen. Schiefe Gesichter bei denen, die von diesen Klassikern hören, erst recht nicht nach gesellschaftlichen wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten fragen. Keine Ahnung von Mehrwertproduktion, Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, Extraprofite, Konkurrenzkampf, Klassenkampf (der sei überholt), Neoliberalismus, Gewaltherrschaft, Kriegsgeschrei und Kriege. Da schreibt das Blättchen zu Recht: Behauptungen, Lügen, Täuschungen, Manipulation und propagandistischer Schwarz-Weiß-Malerei) auffällt, ist, dass wir mit einem Stakkato von immer neuen Meldungen und Bedrohungen bombardiert werden, aber Ursachen, Hintergründe und Erklärungen für aktuelle Geschehnisse in den Hintergrund treten. Es ist ein Verbrechen, so eine Gehirnwäsche zu betreiben, um jegliche Suche nach politischen Ursachen der Fehlgeburten des überholten Kapitalismus kaschierend zu unterbinden. Es ist hohe Zeit, einmal richtig Erkanntes auf´s Neue auf den Plan zu rufen. Ohne Illusionen, ohne Wunschträume. So war kürzlich in der linken Zeitung (online) zu lesen: Die gelegentlich aufkeimende Hoffnung, auf kapitalistischer Grundlage könnte sich 492 ein Weltstaat allmählich herausbilden und den ewigen Frieden bringen, hat sich als bürgerliche Utopie herausgestellt. Es verhält sich auch in diesem Punkt bis heute immer noch so, wie schon Marx und Engels Mitte des 19. Jahrhunderts im Manifest der Kommunistischen Partei konstatierten, dass sich die Bourgeoisie in einem „fortwährenden Kampfe“ befindet und „stets gegen die die Bourgeoisie aller auswärtigen Länder“ kämpfen muss.

Man kann alles auch übersehen, nicht wahrnehmen wollen oder können. Sich feige zurückziehen – aus welchen Gründen auch immer. Das ist jedermanns Recht. „Die machen sowieso, was sie wollen.“ Damit sind die Politiker gemeint. Die Medien. Die Wirtschaftsakteure. Die Industriekapitäne. Die Regierenden schlechthin. Die brauchen das Volk nur zum Konsumieren. Und zum „Sich wählen lassen.“ Aber die Zeit ist nicht danach, sich gänzlich ins Private zurückzuziehen, so notwendig dies auch schon der Gesundheit wegen ist. Dennoch: Es ist Zeit, über den Tellerrand zu schauen und tatkräftig ins Geschehen einzugreifen, was allerdings eine große Portion Bildung voraussetzt.

Da hilft kein Geschwafel, kein Jammern. Leisetretertum und politische Feigheit scheinen manchen Leuten in die Wiege gelegt worden zu sein. Therapie tut Not. Durch Lesen. Sich an richtiger Stelle informieren. Oder jene befragen, die – aus der Geschichte lernend – persönlich Erlebtes und Erkanntes dem Nächsten mitteilen. Wie auch in diesem Buch. Fragt sich nur, ob man auch zu lesen gewillt ist. Oder Fragen stellt an die Aufbaugeneration – welch seltener Fall. Schon hier fängt das Dilemma an: Wer will denn geistige Antennen ausstrecken? Um dann noch zum aktiven Mittun animiert zu werden? Kürzlich hörte ich im Gespräch über Krieg und Frieden jemanden zur Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung, die das Ende des Planeten bedeuten könnte, abwehrend und lakonisch murmeln: Na und, dann ist es eben so…

Berthold Brecht sprach bereits Anfang der 50er Jahre davon, den Kriegstreibern in den Arm zu fallen. Noch vor der großen Katastrophe. Ich stimme denen gerne zu, die da fordern, raus aus der NATO, Ende der Rüstungsspirale. Aber schweigend hört man noch dem allzu fernen Lärm zu… Ich persönlich hatte schon einmal Angst, damals, als in Berlin noch die Bomben fielen… Seitdem rühre ich mich, auch noch als 80-Jähriger und viele User, an die ich zur Zeit denke, und mit denen ich einen so guten Draht zwischen Gleichgesinnten habe.

Lucien Séve, französischer Philosoph, sieht die Sache so: „Die auffälligste Fehlentwicklung der Zivilisation ist die Vermarktung alles Menschlichen. Der Kapitalismus begründete die universelle Warenherrschaft, die den Verkauf von Arbeit als Quelle des privaten Profits bevorzugt. Indem er die menschliche Arbeitskraft selbst zur Ware macht, verdinglicht er mit den Sachen auch die Personen: Seine Majestät, das Kapital, ´gibt Arbeit an die Arbeitskräfte´, so die Sichtweise. In Wirklichkeit sind es die Lohnabhängigen, die den Kapitalisten ihre Arbeit notgedrungen zur Verfügung stellen. Das Neue aber und zunehmend Verheerende ist, dass nichts Menschliches mehr der Logik der Finanzmärkte entzogen bleibt: Alles muss möglichst hohe Profite abwerfen, vom Ersatzteil zum Krankenhausbett, vom E-Commerce zum Nachhilfeunterricht, vom neuen Medikament zum Transfer von Fußballspielern.“ An anderer Stelle heißt es: „Die Bildung wird Profitraten unterworfen – kann man ein solches Verbrechen dulden?“ Schließlich stellt er die Frage: „Sind wir nicht in vielerlei Hinsicht auf dem Weg zu einer Welt, die für uns kaum noch bewohnbar ist? Wird nicht die alte Maxime ´Der Mensch ist des Menschen Wolf´ zum Gesetz auf allzu vielen Gebieten, mit womöglich verheerenden Folgen?“

Kurzum: In diesen verrückten Ohne-Ziel-Zeiten, ohne weitreichende Inhaltsansprüche und mit zunehmend triumphierender Mittelmäßigkeit, kann es passieren, dass gewisse 494 Kulturleistungen sanft entschlummern, ehe sie richtig wahrgenommen werden. In den braunen Zeiten wurden Missfallen erregende Texte verbrannt. Heute werden sie – dank des gesteuerten göttlichen Bekenntnisses zu „Freiheit und Demokratie“ – ans Licht der Öffentlichkeit gelassen, so sie denn aber zu bissig werden, nur geduldet und schließlich totgeschwiegen. Demokratie? Professor Rainer Mausfeld in einem Interview mit der Neuen Rheinischen Zeitung dazu: Man komme lt. Demokratietheoretiker Sheldon Wolin ohne offene Unterdrückung von Dissidenten aus, „solange diese politisch unwirksam sind, also den Zentren der Macht nicht gefährlich werden.“

Was da dem streitbaren Volk mitunter verborgen bleibt, ist gar nicht zu ermessen. So entstehen immer mehr Lücken im geistigen Kunstbetrieb und die Flut von übelriechender Kloake, mitunter mit brauner Soße vermischt, breitet sich aus über das politisch flach gebürstete Land.

Sind Unruhe stiftende politische Bücher auch nicht allein der Stein der Weisen, so bilden sie doch – Sandkorn für Sandkorn, und es werden immer mehr – einen langsam ansteigenden Damm gegen Verdummung und Ablenkung von wesentlichen gesellschaftlichen Fragen.

So kann man unbehelligt zahlreiche Buchtipps, die vor allem oft genug in der scharfen Linkskurve liegen, ins Netz stellen. Die angepriesene Vielfalt soll für Demokratie stehen. Das ist irritierend. Und bemäntelt gleichzeitig die wahren Absichten der oberen Zehntausend nach Macht und Profit auf Kosten des Sozialen. Verzettelung, Vereinzelung, Reduzierung auf´s Detail, die Entpolitisierung, die Negierung des Gesamtzusammenhangs – das ist Ideologie der schlimmsten Art, das ist Methode. Warum? Weil das Ende der Geschichte ausgerufen ist. Keine Veränderungen mehr. Genug. Alles bleibt beim Alten. Diese geduldete „Offenheit“ und „Meinungsfreiheit“ sind der geistigen Kommerz-Treibjagd 495 durch Politik und Medien geschuldet. Was ist eine Hochwassergefahr, die gebändigt werden kann, gegen eine mächtiger werdende geistige Kloaken-Flut? Wie aufregend! Meinst du wirklich??? Wer fragt da nach Alternativen? Seelen, die da verarmen…

Eine Sache der Gewöhnung? So ist es. Nicht jeder lässt gerne Ernsthaftes an sich heran. Wie auch, wenn sich die herrschende Clique mit einem raffinierten Blendwerk umgibt und ihre wahren Ziele nicht so leicht zu durchschauen sind. Da lässt man lieber die Finger von aufklärerischen politischen Sachbüchern. Solche Politischen? Hände weg! Unterhaltung auf seichteste Art liegt immer gut im Rennen, lässt sich gut verkaufen, ist richtig cool.

Was zu tun ist? Wolfgang Bittner bringt es in seinem Buch „Die Eroberung Europas durch die USA“ auf den Punkt: Wir brauchen eine machtvolle Friedensbewegung (siehe Rezension). Sich vom Eise befreien – das können nur die Menschen selber tun…

Morgendämmerung ist nicht umsonst zu haben: Durchbruch durch acedia – es ist HOHE ZEIT.

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