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Asien, Ausland

Facebook gegen die indischen Landwirte

von Satya Sagarhttp://www.tlaxcala-int.org/

Bild: Der Traktorzug der indischen Bauern nach Neu-Delhi am 26. Januar wurde mit Lathis (Schlagstöcken) und Tränengas beantwortet

Übersetzt von Milena Rampoldi

Das Tauziehen zwischen den indischen Landwirten und der indischen Regierung wegen der neuen Gesetze, welche die Übernahme der Landwirtschaft durch die Unternehmen erleichtern, wird von Stunde zu Stunde abscheulicher und mit Sicherheit auch ziemlich blutig.

Und wenn Blut fließt, machen sich nicht nur die indischen Unternehmen ihre Hände schmutzig, sondern auch die internationalen Investoren, die sie unterstützen.

Das Modi-Regime nutzt einige streunende Fälle von Gewalt während der Traktorenkundgebung der Landwirte am 26. Januar in Neu-Delhi als Vorwand, um brutal gegen die Landwirte vorzugehen. Die Anhänger der Regierungspartei schüren in einem offen faschistischen Schritt auch Mob-Gewalt gegen die Landwirte, von denen viele der religiösen Minderheit der Sikhs angehören.

Neben zahlreichen Indern verfolgt auch eine Gruppe von Großinvestoren aus den entferntesten ausländischen Hauptstädten die Entwicklung der Lage voller Besorgnis. Für sie stehen Milliarden Dollar auf dem Spiel, die durch indische Konzerne wie Mukesh Ambanis Reliance Industries und die Gautam Adani Group fließen, die ihre Rammböcken sind, um die Tore des großflächigen Landwirtschaftshandels und der Online-Lebensmittelmärkte aufzureißen.

Mark Zuckerberg und Mukesh Ambani

An der Spitze steht der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mit seinem Babygesicht. Sein Unternehmen hat im vergangenen Jahr 5,5 Milliarden US-Dollar (43.573 Mrd. Rupien) in Ambani-eigene Jio-Platforms investiert, um auf diese Weise die Kräfte zu bündeln und ihre Vormachtstellung in der indischen Lebensmittelbranche zu stärken [1 ]. Jio Platforms betreibt Indiens größten Mobilfunknetzdienst Jio und andere digitale Unternehmen von Reliance.

„Indien ist ein besonderer Ort für uns. Wir verpflichten uns auch, im Rahmen einiger kritischer Projekte zu kooperieren, von denen wir überzeugt sind, dass sie dem Handel in Indien viele Möglichkeiten eröffnen werden“, so  Zuckerberg nach seiner Unterzeichnung des Vertrages mit Reliance Anfang 2020. (Es war kein Zufall, dass die Regierung Modi innerhalb weniger Monate nach dieser Investition auch die drei Landwirtschaftsgesetze verabschiedete [2]).

Nein, Facebook oder Reliance haben keineswegs vor, sich die Hände schmutzig zu machen und die Felder von Punjab zu pflügen. Die Idee besteht in erster Linie in der Erkämpfung einer Vormachtstellung auf dem Onlinelebensmittelmarkt in Indien, der sich in einem schnellen Wachstum befindet. Innerhalb des Jahres 2024 wird er voraussichtlich Umsatzzahlen in Höhe von 18.000 Milliarden US-Dollar erreichen [3]. E-Commerce-Unternehmen, die lebenswichtige Produkte verkaufen, verzeichneten während des Covid-19-Lockdowns in Indien, das als einer der größten Zukunftsmärkte gilt, einen enormen Anstieg der Nachfrage.

WhatsApp, das ein Unternehmen des Facebookkonzerns ist und vor kurzem auch Online-Zahlungsdienste eingeführt hat, hat schätzungsweise 400 Millionen Abonnenten in Indien. Sie werden als potenzieller Kundenstamm für Jio Mart, ein Netzwerk von Lebensmittelgeschäften von Jio Platforms, ausgewählt, das bereits in über 200 indischen Städten vertreten ist und Lebensmittel, Milchprodukte, Obst und Gemüse liefert.

Jio Mart hofft auch, mit WhatsApp Tausende von Tante-Emma-Läden in das Online-Einzelhandelsnetzwerk integrieren zu können. (Diese kleinen Ladenbesitzer werden wahrscheinlich das gleiche Schicksal wie die indische Landwirte erleiden und als Anhängsel von Ambani oder eines anderen Unternehmensimperiums enden.)

Während Reliance auf der Suche nach ausländischen Investments ist, gibt es sich ironischerweise als die „indische“ und „nationalistische“ Alternative zu den Wettbewerbern in ausländischem Besitz wie Amazon und Flipkart, die zusammen derzeit über 60% des gesamten E-Commerce-Marktes des Landes kontrollieren. Der Online-Handelsmarkt in Indien wird voraussichtlich bis 2024 99.000 Milliarden US-Dollar und bis 2026 200;000 Milliarden US-Dollar erreichen [4].

All diese Pläne werden jedoch scheitern, wenn die drei neuen Landwirtschaftsgesetze nicht in Kraft treten, da sie die Rechtsgrundlage für den Eintritt von Großunternehmen in den stark fragmentierten und vielfältigen indischen Markt für die Herstellung, Verarbeitung und den Vertrieb von Lebensmitteln bilden. Die genannten Gesetze schaffen einen nationalen Rahmen für die Vertragslandwirtschaft, deregulieren die Preisgestaltung, den Kauf und die Lagerung vieler Grundnahrungsmittel und erleichtern auf diese Weise den Online-Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse.

Im Wesentlichen ermöglichen diese Gesetze Unternehmen wie Jio Platforms, die gesamte Lieferkette für Lebensmittel und verwandte Artikel zu kontrollieren – Beschaffung zu niedrigen Preisen von Landwirten, Lagerung und Verarbeitung zur Wertschöpfung, Online-Buchung von Bestellungen und Lieferung des Endprodukts an inländische oder sogar an ausländische Verbraucher je nach Bedarf.

In naher Zukunft sehen Landwirte aus Punjab und Haryana, welche die derzeitigen Proteste leiten, die neuen Gesetze als Bedrohung für die Mindeststützungspreise, die sie von der Regierung für Pflanzen wie Weizen und Reis erhalten haben. Auf lange Sicht befürchten Landwirte in ganz Indien, habgierigen Unternehmen ausgeliefert und sowohl ihres Einkommens als auch ihrer Unabhängigkeit beraubt zu werden.

Was im indischen Kontext geschieht, ist Teil eines globalen Trends, bei dem Big-Tech-Unternehmen, große Vermögensverwaltungsfonds und Agrobusiness-Unternehmen das Ziel verfolgen, bestehende, unorganisierte Agrarmärkte „durcheinanderzubringen“ und eine Monopolkontrolle zu etablieren. Da es sich im Falle der Lebensmittel um absolut notwendige Produkte handelt, geht man davon aus, dass die Kontrolle ihrer Produktion, ihres Verkaufs und Vertriebs auf Dauer gewinnbringend sein wird.

Während Facebook der Hauptinvestor von Jio Platforms ist, zieht Google mit 4,5 Milliarden US-Dollar nach. Andere Ambani-Investoren sind der Public Investment Fund, der Staatsfonds von Saudi-Arabien mit 1,5 Milliarden US-Dollar; KKR, ein großer US-Investmentfonds mit 1,5 Mrd. USD, Mubadala und ADIA, beide Investmentfonds mit Sitz in Abu Dhabi mit 1,2 Mrd. USD und 750 Mio. USD, und TPG Capital, eine globale Vermögensverwaltungsgesellschaft mit 600 Mio. USD [5].

Natürlich interessieren sich nicht alle diese Investoren, die ihr Geld in Jio Platforms stecken, besonders für die Zukunft der indischen Landwirtschaft an sich. Denn sie sind sich ganz klar dessen bewusst, dass eine Partnerschaft mit Ambani und Adani aufgrund ihrer politischen Schlagkraft in Indien eine hohe Investitionsrentabilität bietet.

Im Laufe der Jahre haben sowohl die Ambani- als auch die Adani-Gruppe, die auch die größten Sponsoren von Narendra Modi aus der Geschäftswelt sind, ihren Einfluss genutzt, um Richtlinien festzulegen, die ihnen einen Vorteil gegenüber allen ihren Konkurrenten in der Unternehmenswelt verschaffen. Da sie die inländischen Politiker in der „Tasche“ haben, haben sich die beiden Gruppen dann an die ausländischen Höchstbietenden verkauft. Wäre Mark Zuckerberg mit anderen Worten der Gegenwert von Robert Clive, dann wären Ambani und Adani die zeitgenössischen Mir Jafar und Jagat Seth, die ihn bei der Eroberung Indiens unterstützen.

Die Tatsache, dass die Modi-Regierung, trotz des massiven Gegenwindes, auf der Einführung der Landwirtschaftsgesetze besteht, hat nicht nur mit der indischen Landwirtschaft zu tun. Denn sie sind auch ein Mittel, um allen ausländischen Investoren zu signalisieren, dass die indische Regierung fest auf ihrer Seite steht und dazu bereit ist, ihre eigenen Leute – bei Bedarf mit Kugeln – niederzuschlagen, um ihre Gewinne zu schützen. Regierungsberater befürchten, dass ein „harter“ Umgang mit den protestierenden Landwirten zu einem Vertrauensverlust der Anleger führen und den Geldfluss stoppen könnte.

Während das Modi-Regime und Unternehmen wie Ambani und Adani zu Recht von den Gewerkschaften der Landwirte ins Visier genommen werden, ist es an der Zeit, dass sie auch ihren internationalen Unterstützern nachgehen, die als die Zahlmeister hinter der „wirtschaftsfreundlichen“ Gesetzgebung gelten.

Aus diesem Grund sollte die nächste große Traktorenkundgebung, wenn ich einen Vorschlag unterbreiten darf, vor dem Gebäude der Facebook Inc. oder dem Google-Hauptquartier in Kalifornien abgehalten werden. Von Mark Zuckerberg über Sundar Pichai bis hin zu Mohammad Ben Salman, dem Prinzen von Saudi-Arabien, sollte jeder, der versucht, vom Blut indischer Landwirte zu profitieren, vor der ganzen Welt benannt und beschämt werden.

 

Anmerkungen

[1] https://www.techradar.com/news/facebook-floats-jaadhu-holdings-to-do-business-with-jio

[2] https://www.outlookindia.com/newsscroll/cabinet-clears-ordinances-for-agriculture-market-reforms/1855142

[3] https://economictimes.indiatimes.com/industry/services/retail/online-grocery-to-become-18bn-industry-in-india-by-2024-report/articleshow/78315160.cms?from=mdr

[4] https://www.ibef.org/industry/ecommerce.aspx

[5] https://www.techradar.com/in/news/reliance-jio-investments

Vancouver, am 20. Dezember 2020

Danke Tlaxcala
Quelle: https://countercurrents.org/2021/01/its-facebook-versus-indias-farmers/
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 29/01/2021
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=30687

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