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Ausland, Russland

Das Navalny-Video über Putins angebliche Korruption – Das perfekte Timing

Thomas Röper – https://www.anti-spiegel.ru/

Unmittelbar nach seiner erwarteten Verhaftung hat Navalny ein neues Video über angebliche Korruption veröffentlicht, das vor allem in Russland Furore macht, aber in einer Version auch mit englischen Untertiteln versehen wurde, um im Westen die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Bevor wir auf das Video von Navalny kommen, zunächst ein paar Worte über das Timing. Navalny sagt in dem Video gleich zu Anfang, dass das Video schon fertig war, als er angeblich vergiftet wurde. Das geht aus dem Satz hervor, dass über den Veröffentlichungszeitpunkt des Videos entschieden wurde, als er noch auf der Intensivstation lag.

Das perfekte Timing

Das wirft Fragen auf, denn wenn ich mir vorstelle, ich wäre in Navalnys Team und wir haben ein angeblich brisantes Video, das die Korruption von Putin selbst aufzeigt, und just in dem Moment wird Navalny vergiftet, dann hätte ich das Video augenblicklich veröffentlicht, um zu zeigen, warum Navalny von Putin vergiftet wurde. Wozu in einem solchen Fall mit der Veröffentlichung warten?

Aber es wurde gewartet und dann, nachdem Navalny aus seinem Koma erwacht ist, beschlossen, mit der Veröffentlichung zu warten, bis Navalny wieder in Russland ist. Die Begründung laut Navalny in dem Video: Er wollte zeigen, dass er keine Angst hat und das Video veröffentlichen, wenn er wieder in Russland ist und es nicht aus dem sicheren Exil in Deutschland tun.

Laut dem von der Charité in The Lancet veröffentlichten Bericht über die Behandlung von Navalnys Symptomen war Navalny am 12. Oktober wieder gesund. Ich will hier nicht auf die Frage eingehen, wie es sein kann, dass Navalny als einziger, der jemals angeblich oder tatsächlich mit Novitschok vergiftet worden ist, wieder vollständig genesen ist. Alle anderenwirklich oder angeblich mit Novitschok in Kontakt geratenen Personen sind daran entweder gestorben oder haben erhebliche Folgeschäden davon getragen.

Mir geht es um etwas anderes: Navalny hat von Anfang gesagt, er wollen wieder nach Russland zurückkehren. Aber warum ist nicht im Oktober zurückgeflogen, nachdem er wieder gesund war? Worauf hat er gewartet? Okay, er wird sicher einen schönen Urlaub auf Kosten der deutschen Steuerzahler verbracht haben, als er in einem malerischen Dorf in einem Luxushotel einquartiert und von der deutschen Polizei bewacht und abgeschirmt wurde. Aber medizinisch notwendig war das laut Charité nicht.

Navalny wusste, dass er in Russland unter Bewährungsauflagen stand und sich zweimal monatlich bei der Polizei melden musste. Das hat er aus seinem Urlaubsort in Deutschland nicht tun können und auch nicht einmal versucht. Er hat also bewusst gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen. Und wie in jedem Land führt ein (fortgesetzter) Verstoß gegen Bewährungsauflagen auch in Russland zu Konsequenzen. Auch das wusste Navalny und er hat das herausgefordert.

Die russische Justiz hatte nur die Wahl, ihn wie jeden anderen Verurteilten zu behandeln und schlussendlich einen Haftbefehl auszustellen, oder sie hätte bewusst wegschauen können und damit hätte jeder andere, der in Russland auf Bewährung frei ist, sich gefragt, warum die russischen Gesetze für ihn gelten, für Navalny aber nicht. Ende Dezember, also zweieinhalb Monate nach Navalnys Genesung, haben die russischen Behörden schließlich den Haftbefehl ausgestellt.

In Russland ist Neujahr der wichtigste Feiertag und die Feiertage (also arbeitsfreien Tage) dauern bis zum 10. Januar. In der Zeit interessiert sich in Russland niemand für Nachrichten. Aber kaum waren die Feiertage vorbei, hat Navalny am 13. Januar auf Twitter seine Rückkehr für den 17. Januar angekündigt und seine Anhänger aufgefordert, ihn am Flughafen zu empfangen.

Er hat also mit der Rückkehr gewartet, bis der zu erwartende Haftbefehl ausgestellt war und bis alle Russen die Feiertage hinter sich hatten. Navalny hat offensichtlich auf eine maximale mediale Wirkung gesetzt und seine kamerawirksame Verhaftung bewusst einkalkuliert.

Und nun tut Navalny alles, um die Medienmaschine am Laufen zu halten. Er hat sein Video nicht etwa veröffentlicht, als er im Flugzeug war, denn dann hätte der Wirbel um sein Video den Wirbel um seine Verhaftung gestört. Er hat dann auch noch abgewartet, bis das Gericht darüber entschieden hat, ob er bis zur anstehenden Hauptverhandlung in Haft bleibt oder freigelassen wird. Auch den Wirbel hat er inklusive auf Twitter gepostete Videos aus dem Gerichtssaal ausgekostet.

Da er nun nach seiner Einreise aus der EU zunächst 14 Tage in Corona-Quarantäne muss, wäre es medial zwangsläufig ruhiger um ihn geworden und um das zu verhindern, hat er nun das Video veröffentlicht.

Egal, ob man an seine Vergiftung glaubt oder nicht, das Timing war beeindruckend perfekt. Und offensichtlich seit Monaten so geplant, denn das sagt er ganz zu Beginn des Videos ja selbst.

Aus dem Westen wird das Timing unterstützt, denn kaum war Navalnys Verhandlung vorbei und er in die 14-tägige Quarantäne verschwunden, haben zum Beispiel EU-Abgeordnete seinen Fall als Vorwand genommen, das Ende von Nord Stream 2 zu fordern. So ist sichergestellt, dass sein Name in den Medien bleibt, auch wenn er selbst einige Wochen nicht vor Kameras treten kann.

Das Video

Das Video ist hochprofessionell gemacht. Navalny behauptet darin, dass Putin sich am Schwarzen Meer einen wahren Palast gebaut hat, der vor Luxus nur so strotzt, zu dem ein riesiges Gelände und sogar ein eigenes Weingut gehört. All das, so Navalny, hat Putin schwarz über durch Korruption erhaltene Gelder finanziert und lässt es vom russischen Geheimdienst bewachen. Und den Wein kauft der Kreml, um ihn bei Empfängen auszuschenken.

Ob das alles stimmt, ist schwer zu überprüfen. Navalny zitiert für viele seiner Behauptungen Quellen aus westlichen Staatsmedien wie Radio Liberty oder der Deutschen Welle. In anderen westlichen Dokumenten, die er als Belege anführt, sind die Formulierungen zurückhaltender, als in Navalnys Video. Wo Navalny Tatsachenbehauptungen aufstellt, steht im englischen Original “könnte”, also der Konjunktiv.

Außerdem beruft Navalny sich auf Aussagen, die sein Team von Bauarbeitern bekommen haben will, die an dem nach Navalnys Worten streng geheimen Bau arbeiten. Überprüfen lassen sich diese Aussagen nicht.

Andere Quellen sehen allerdings echt aus, so zeigt das Video viele Auszüge aus russischen staatliche Registern, die seine Thesen belegen sollen. Sein Kronzeuge ist ein Mann, der sich 2010 über den Bau in einem offenen Brief beschwert und von massiver Korruption gesprochen hat.

Das ist der nächste interessante Punkt: Fast alles, was Navalny in seinem Video erzählt, ist zehn Jahre alt und älter und war schon lange öffentlich bekannt. Er hat also viele seit langem öffentlich zugängliche Informationen zusammengepackt und mit Presseberichten aus den bekanntermaßen Putin-feindlichen westlichen Staatsmedien vermischt und noch ein paar nicht nachprüfbare Aussagen von Bauarbeitern hinzugefügt.

Um Stimmung gegen Putin zu machen ist er zu Anfang des Videos auf die wilden 90er Jahre eingegangen, als Russland ein Mafiastaat war und Petersburg als “kriminelle Hauptstadt” Russlands berüchtigt war. In dieser Zeit war Putin dort stellvertretender Bürgermeister und hatte dabei auch Kontakt zu Kriminellen. Das war in den 90ern nicht zu vermeiden, ich selbst habe damals auch schon in Petersburg gelebt und gearbeitet und wer in der Stadt irgendein Geschäft eröffnen wollte, kam zwangsläufig mit Kriminellen in Kontakt. Der Sumpf war seinerzeit undurchdringlich.

Das ist aus Sicht vieler Russen einer der größten Verdienste Putins: Er hat den Mafia-Sumpf in sehr kurzer Zeit ausgetrocknet, nachdem er Präsident geworden ist. Navalny hingegen behauptet, dass die Mannschaft um Putin diese kriminellen Geschäfte geschluckt hat.

Wie ein roter Faden ziehen sich alte Bekannte Putins durch das Video, die immer wieder eine Rolle spielen. Das Putin sich mit engen Vertrauten umgibt, denen er vertraut, verwundert mich überhaupt nicht, denn um die Mafia zu besiegen, braucht man nun einmal vertrauenswürdige Leute, die dann in der Folge zwangsläufig auch Karriere machen. Das kann jeder sehen, wie er will, aber da ich Russland aus der Zeit kenne, sehe ich keine andere Möglichkeit, wie Putin mit der Mafia und den mafiösen Oligarchen, die das Land unter Jelzin regiert haben, fertig werden konnte.

Wieviel Wahrheit steckt in dem Video?

Die Frage ist schwer zu beantworten, aber die Quellen machen mich misstrauisch. Putin ist das Feindbild der westlichen Medien und erst recht westlichen Staatsmedien, die Navalny in seinem Video als Belege zitiert. Und die haben über Putin schon sehr viel Unwahrheiten berichtet.

Aber es sind auch Dokumente in dem Film, die seriöser aussehen, wobei ich mir die noch nicht näher angeschaut habe. Ich arbeite alleine und all diese Dokumente und Behauptungen, die auf den ersten Blick seriös aussehen, zu prüfen, würde sicher Tage, vielleicht sogar eine Woche dauern und so wichtig ist das Video in meinen Augen nicht, dass ich den Anti-Spiegel deswegen eine Woche stilllegen würde. Es wird also einige Zeit dauern.

Was mit dem Video erreicht werden soll

Das Video ist sehr propagandistisch aufgebaut. Um den O-Ton zu zeigen, reicht es, sich nur die ersten Sätze anzuschauen. Es beginnt mit eingeblendeten Texten:

“Im August 2020 wurde Navalny auf Befehl von Vladimir Putin mit der Chemiewaffe Novitschok vergiftet. Er hat überlebt, ist nach Russland zurückgekehrt und wurde direkt auf dem Flughafen verhaftet. Am 18. Januar hat das Gericht seine Verhaftung in einer illegalen Entscheidung bestätigt und er wurde ins Untersuchungsgefängnis Matrosenruhe gebracht. Navalny kämpft seit vielen Jahren für die Wahrheit, nun ist unsere Zeit gekommen, für ihn zu kämpfen. Geht am 23. Januar auf die zentralen Straßen Eurer Städte. Geht raus. Bleibt nicht außen vor.”

Es geht also darum, in Russland Massenproteste zu organisieren. Wieder ein deutlicher Hinweis darauf, dass Navalny das ganze von langer Hand mit dem Ziel geplant hat, in Russland für Unruhe und Proteste zu sorgen.

Ich will auch seine ersten gesprochenen Sätze aus dem Video übersetzen, denn sie zeigen, in welchem Ton es gehalten ist. Bemerkenswert und ein weiteres Zeichen dafür, dass er es von langer Hand geplant hat, ist der Ort, wo er die ersten Sätze spricht. Er sitzt in Hemd und offener Jacke in Dresden, es war zu dem Zeitpunkt offenbar noch warm dort. Die Einleitung hat er demnach vor Monaten eingesprochen. Er sagt:

“Hallo, hier ist Navalny. Diese Ermittlung haben wir uns ausgedacht, als ich noch auf der Intensivstation lag, aber veröffentlichen werden wir sie erst, wenn ich nach Hause komme, nach Russland, nach Moskau, weil wir nicht wollen, dass der wichtigste Held dieses Filmes denkt, dass ich Angst vor ihm habe und seine schlimmsten Geheimnisse erzähle, während ich im Ausland bin. Und ein Zuschauer unserer Arbeit, auf dessen Befehl ich vergiftet wurde, Vladimir Putin, der schaut jetzt sicher zu und sein Herz presst sich vor Nostalgie zusammen. Dies ist nicht nur eine Ermittlung, sondern das psychologische Portrait eines Offiziers, der sich in einen Verrückten, einen von Geld und Luxus Besessenen, verwandelt hat. Nicht nur in einen Besessenen, sondern in einen, der bereit ist, für seine Koffer voll Gold das Land zu opfern und zu töten.”

Solche Formulierungen ziehen sich ohne Unterbrechung durch das ganze Video. So klingen keine Enthüllungsvideos, so klingen Propaganda-Videos, die die Menschen emotionalisieren und auf die Straße treiben sollen.

Wie reich ist Putin wirklich?

Das ist die Frage, auf die alle Welt eine Antwort sucht. Seine Vermögenserklärung, die er nach russischem Recht einmal pro Jahr veröffentlichen muss, klingt für einen Präsidenten bescheiden, wie man zum Beispiel 2019 in der FAZ lesen konnte:

“Laut Angaben des Kremls erhielt Putin 2017 18,7 Millionen Rubel (etwa 242.000 Euro). Daneben besitzt Putin eine 77 Quadratmeter große Wohnung in St. Petersburg mit Garage, vier Autos und mehrere Bankkonten, auf denen etwa 200.000 Euro liegen sollen.”

In dem Artikel der FAZ ging es um ein US-Gesetz. Die FAZ berichtete damals:

“Wie viele Nullen Wladimir Putin auf der Bank hat, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse im Land. Die Amerikaner wollen Putin nun auf die Schliche kommen – und zwar per Gesetz. Der amerikanische Senat hat diesen ungewöhnlichen Auftrag zusammen mit weiteren Gesetzen beschlossen, die die russische Aggressionspolitik bestrafen sollen.”

Der Business-Insider hat damals detaillierter über das US-Gesetz berichtet:

“Ein durch den amerikanischen Senat beschlossenes Gesetz soll das wahre Vermögen von Putin offenlegen (…) Demnach solle die National Intelligence Agency, eine Organisation, die dem Auslandsgeheimdienst der USA, der CIA, untersteht, die Einnahmen von Putin offenlegen. Der Bericht soll 180 Tage nach Eingang des Dokuments veröffentlicht werden.”

Das war vor zwei Jahren, aber veröffentlicht wurde bis heute nichts.

Navalny behauptet nun, dass er mehr weiß, als die US-Geheimdienste, wenn er so detailliert über Putins angebliches Vermögen berichtet. Das erinnert mich irgendwie an Bellingcat und Konsorten, die immer alles wissen und herausfinden, was niemand sonst – inklusive Geheimdienste oder Staatsanwälte – herausfinden kann. Auch im Fall Navalny hat Bellingcat seine Rolle gespielt.

Ist es glaubwürdig, dass sogenannte Enthüllungsplattformen wie Bellingcat oder Blogger wie Navalny mehr herausfinden, als die mit Milliarden ausgestatteten westlichen Geheimdienste? Oder ist das Video nur ein weiterer Schachzug im Informationskrieg?

Der Kremlsprecher hat das Navalny-Video wenig überraschend als “reinen Quatsch” bezeichnet. Und wenn ich mir die Umstände, das Timing und die Machart des Videos, und die Quellen, die ich bisher überprüfen konnte, anschaue, dann neige ich dazu, mich dieser Formulierung anzuschließen.

Im Westen wird das Video von den Medien gehypt und YouTube zeigt es in seinen Empfehlungen an prominenter Stelle, während die Videos, die die Korruption von Joe Biden mit Kontoauszügen und mitgeschnittenen Telefonaten belegt haben, von YouTube gelöscht worden sind. Im Gegensatz zum Navalny-Video, das versucht durch Indizien Korruption zu zeigen, brauchten die Videos über Bidens Korruption keine langatmigen Erklärungen, die Fakten haben unkommentiert für sich selbst gesprochen.

Sollte es zu dem Video im Laufe der Zeit weitere Informationen geben, werde ich berichten. Da ich zu dem Video viele Fragen bekommen habe, wollte ich über meinen ersten Eindruck und die für mich schon jetzt offensichtlichen Dinge berichten. Ich werde mir die anderen in dem Video genannten Quellen in Ruhe anschauen, ohne deshalb den Anti-Spiegel für eine Woche stillzulegen, es wird also einige Zeit dauern, bis ich dazu mehr sagen kann.

Das Navalny-Video über Putins angebliche Korruption – Das perfekte Timing

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Das Navalny-Video über Putins angebliche Korruption – Das perfekte Timing

  1. sehr Putinfreundlich verfasst

    Gefällt mir

    Verfasst von Orin | 25. Januar 2021, 1:20

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