//
du liest...
Dienstleistungen, Wirtschaft

Uta Meier-Gräwe: Die Niedriglohnstrategie macht aus Deutschland eine Dienstleistungswüste

von Uta Meier-Gräwe – https://norberthaering.de/

Viele Produkte sind im Überfluss erhältlich. Es mangelt jedoch eklatant an wichtigen Dienstleistungen – beispielsweise in der Pflege. Das hat auch mit Fehlern in der vorherrschenden ökonomischen Theorie zu tun, argumentiert Uta Meier-Gräwe in diesem Gastbeitrag.

Uta Meier-Gräwe.* Mein Smartphone versucht mich täglich zum Kauf von Schokolade, Klamotten, Wohnaccessoires und Traumautos zu animieren, obwohl ich das meiste davon in meinem Alter einfach nicht brauche. Bücher kann ich zwar schon eher gebrauchen. Aber muss es gleich eine digitale Bibliothek aus 300.000 E-Books und 10.000 Hörbüchern für 19,99 Euro im Monat sein?

Vor allem im Internet werden Produkte im Überfluss angeboten. Anders verhält es sich jedoch bei Dienstleistungen: Meine alleinerziehende Freundin sucht vergeblich nach einer verlässlichen Kinderbetreuung für ihre kleine Tochter in den Morgenstunden, um selbst pünktlich ihren Dienst als OP-Schwester antreten zu können.

Unser Nachbar bemüht sich seit Monaten verzweifelt um einen Platz im Pflegeheim für seine schwer an Demenz erkrankte Frau. Und das Doppelverdienerpaar von nebenan mit zwei kleinen Kindern hält seit Längerem nach einer vertrauenswürdigen Haushaltshilfe Ausschau.

Es war der französische Ökonom Jean Fourastié, der dem Dienstleistungssektor im 20. Jahrhundert eine große Zukunft vorausgesagt hatte. Er argumentierte, dass die Nachfrage hoch sei und der Markt nicht gesättigt sein könne, zumal Dienstleistungen auch für die Herstellung von Agrar- und Industrieprodukten „absolut unerlässlich“ seien.

In der Tat gibt es heute einen stetig steigenden Bedarf an personen- und sachbezogenen Dienstleistungen im Beherbergungs- und Gastronomiegewerbe, in den Gesundheits-, Erziehungs-, Sozial- und Pflegeberufen sowie in der Hauswirtschaft. Dieser Care-Sektor wird 2030 den mit Abstand größten Berufsbereich ausmachen.

Wie katastrophal unterfinanziert viele dieser Bereiche sind, hat die Corona-Pandemie einer breiten Öffentlichkeit stärker als je zuvor bewusst gemacht. So zeichnen die Pflege und den Einzelhandel, die ja nicht nur im Lockdown „den Laden am Laufen“ halten, seit Jahren Arbeitsverdichtung, Überlastung, Personalmangel und grottenschlechte Löhne aus.

Jetzt rächt sich, dass die Ausweitung des Dienstleistungssektors hierzulande vor allem über eine Absenkung der Arbeitskosten – Stichwort „schlanker Staat“ – vorangebracht wurde. Das geschah oft unter Berufung auf den amerikanischen Ökonomen William Jack Baumol, der den Care-Dienstleistungen per se eine „Kostenkrankheit“ attestierte und sie als „stagnierenden“ Sektor abwertete.

Mit dem Festhalten an dieser fatalen Strategie werden wir jedoch aus der Corona-Pandemie nicht herauskommen. Schluss also mit der ökonomischen Blindflugthese, dass erst Industrie und Handwerk wieder richtig laufen müssen, bevor man Care-Arbeit angemessen finanzieren könne.

Care-Dienstleistungen sind Voraussetzung für eine gut laufende Wirtschaft. Sie müssen in Zukunft über Digitalisierungsgewinne und Produktivitätsfortschritte mitfinanziert werden. Anders werden auch künftige Pandemien nicht gut zu bewältigen sein.

*Uta Meier-Gräwe war bis 2018 Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Beraterin der Bundesregierung.

Uta Meier-Gräwe: Die Niedriglohnstrategie macht aus Deutschland eine Dienstleistungswüste

Diskussionen

2 Gedanken zu “Uta Meier-Gräwe: Die Niedriglohnstrategie macht aus Deutschland eine Dienstleistungswüste

  1. Norbert Häring fällt üblicherweise durch Realismus auf. Hier nicht. Frau Meier-Gräwe lebt auf einem Planeten, auf dem es keine lang schon verfallene global durchschnittliche Kapitalrendite gibt. Hier auf dem Planeten Erde hingegen ist jene Rendite vor etwa 120 Jahren erstmals so weit zusammengeschnurrt, daß die „normale“ Ausbeutung des warenproduzierenden Arbeiters vermöge von Mehrwertaneignung seitdem längst nicht mehr ausreicht. Weswegen zum Imperialismus übergegangen werden mußte, um dem Kapital anderweitige profitable Investitionsgelegenheiten zu verschaffen: rücksichtslose Plünderung von Menschen, Natur und Ressourcen; große und unzählige kleinere Kriege; weltumspannender Waffen- und Drogenhandel; Verarmung und Verelendung; Aufbau einer gigantischen Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privaten; Terror und Installieren korrupter Regime; und mit der Plandemie nun die Einleitung zu einem genozidalen Weltfaschismus.

    Gesellschaftliche Verteilung von „Produktivitätsfortschritten“, aha! Mmhhh — noch nie davon gehört, daß jeder einzelne solcher Fortschritte auf die global durchschnittliche Kapitalrendite und die Staatshaushalte drückt!? Altenpflege, aha! Mmhhh — warum sollte ein vor 120 Jahren bereits den Eisberg gerammt habendes und seitdem untergehendes privat akkumulierendes Kapital auch nur einen einzigen Cent von seinen mageren Renditen für arme Alte verschenken? Wer sollte es dazu zwingen können. Etwa die Konzernmedien und die „Öffentlichkeit“? Oder eine von Konzernen leicht erpreßbare Politik?

    Da wird Volkswirtschaft studiert, und solch ein phantastischer Unsinn kommt dabei heraus. Die drei Bände von Marxens «Das Kapital» verlangen nur etwa sechs Monate Lektürearbeit. Lenins «Der Imperialismus als höchste Phase des Kapitalismus» nur einige Leseabende. So einfach ist das! Verschwendung ist, anstatt von sechs Monaten + einigen Abenden verständiger Lektüre allein zu Haus sich jahrelang in volkswirtschaftlichen Fakultäten von Unsinnsversitäten herumzutreiben.

    Privat akkumulierendes Kapital hat fertig. Lange schon. Herr, wirf Hirn vom Himmel! Und starken Kaffee für Frau Meier-Gräwe.

    Gefällt mir

    Verfasst von No_NWO | 9. Januar 2021, 19:01
  2. „..Meine alleinerziehende Freundin sucht vergeblich nach einer verlässlichen Kinderbetreuung für ihre kleine Tochter in den Morgenstunden, um selbst pünktlich ihren Dienst als OP-Schwester antreten zu können.

    Unser Nachbar bemüht sich seit Monaten verzweifelt um einen Platz im Pflegeheim für seine schwer an Demenz erkrankte Frau. Und das Doppelverdienerpaar von nebenan mit zwei kleinen Kindern hält seit Längerem nach einer vertrauenswürdigen Haushaltshilfe Ausschau. ..“

    Die Mittelschicht will also gute und verlässliche Dienstleistungen, bei fairer Bezahlung bzw. fairem Preis?

    Das Konzept dafür gibt es schon seit langem, es heisst „Familie“.

    Vielleicht denken diese Leute mal darüber nach das man nicht alles kaufen kann, jedenfalls nicht für ihre Mittelschichtsgehälter.

    Gefällt mir

    Verfasst von Benno | 9. Januar 2021, 11:28

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Archiv

%d Bloggern gefällt das: