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Ausland, Naher Osten

Neun Jahre Krieg und wie weiter? Assad gewinnt

von Michael Winkler – https://yourmediaagencypressdotcom.wordpress.com/

Syrien stabilisiert sich dank Russland

Es ist Zeit Bilanz zu ziehen. 2021 „feiern“ Terroristen in Syrien zehn Jahre Krieg gegen Assad und das „Regime“. In all den Jahren ist es weder den US-Hardlinern in Washington noch ihren radikal-islamistischen Vasallen im arabischen Raum gelungen, Assad zu stürzen. Auch die neue Biden-Regierung wird daran nichts ändern. Putins Freundschaft zu Assad ist der Schlüssel zum Erfolg. Und deren geschickte Diplomatie im Spannungsfeld mit Erdogan, dem Iran, Irak, Libanon und Israel.

In Sachen Syrienkrieg hat sich Erdogan innerhalb kurzer Zeit zum Lieblingsfeind in Afrika und Arabien entwickelt. Zahlreiche Staaten, Völker und Völkerschaften haben mitbekommen, dass der „Diktator vom Bosporus“ versucht, in ihren Hoheitsgebieten Fuß zu fassen. Wie in Syrien. Zuerst militärisch. Dann ideologisch. Religiös. Und letztendlich wirtschaftlich. Und sie wissen: Nur Putin hat ihn im Griff. Zum Ärger Europas und der USA. Was also tun? Mit Putin Kontakt aufnehmen. Um Erdogans Einfluss zu mindern. So geschehen in Nordsyrien, im Kaukasus, in Libyen, Pakistan. Und das geht weiter. Erdogan könnte stolz auf seine Diplomatie sein. Wären da nicht Gülen und Assad. Ersteres Problem muss er zukünftig mit dem neuen US-Präsidenten Biden klären. Beim zweiten hängt er schon wieder – und zunehmend kontraproduktiv – an Putin. Der hat ihn ins „Astana-Geflecht“ verstrickt, aus dem der Türke so schnell nicht mehr herauskommt. Vor allem in Syrien.

Nordsyrien: Die Uhr läuft für Damaskus

Ankaras „Friedenszonen“ im Norden Syriens sind nichts weiter als von Moskau geduldete Gebiete, in denen Erdogan Wild-Ost-Krieg spielen darf. Wenn er sich ausgetobt hat, kommt der Stopp aus Moskau und Washington. Und der steht offenbar kurz bevor. Die USA möchten keinesfalls, dass ihre kurdischen „Freunde“ (SDF/YPG) vernichtet werden. Die benötigt man in den nächsten Jahren weiterhin als ethnologisches Vorzeigemodell westlicher Kultur/Ideologie im Nahen und Mittleren Osten. Biden wird sich sehr schnell vom Erdogan-Modell des „Turkish Way o f Life“ in Afrika, Arabien und Asien distanzieren. Eines radikal-religiösen, welches noch dazu auf rassistisch-nationalistischen Füßen thront. In diesem Zusammenhang sollten die derzeitigen Gespräche der USA-Administration mit den Kurden (SDF/YPG) in Nordsyrien nicht überbewertet werden. Die Führer der syrischen Kurden neigen seit jeher zur Selbstüberschätzung, zum Eigenlob und zur Glorifizierung. Und sie halten gern die Hand auf, wenn es ums Geld geht. Die Kurden selbst, das Volk, ist eher bescheiden und zurückhaltend. Und sie sind die, die wirklich die Lasten des Krieges in AinIssa, Afrin, Manbidsch, Hasaka und andernorts tragen.

Das Modell Rojava hat sich überlebt. Die Kurden sind politisch und militärisch untereinander so zerstritten wie kaum je zuvor. Erdogan freut sich darüber. Aber auch Damaskus. Rojava hatte eine einzige Chance. Vor drei Jahren. Bevor Erdogans Terrorbanden kamen. Hätten sie sich damals mit Assad versöhnt, wären sie einen gemeinsamen Weg gegen Aggressoren von außen her gegangen, gäbe es heute keinen Krieg mehr in Nordsyrien. Es würde Frieden herrschen.

So steht Assads Regierung mittlerweile als stiller Sieger da. Nicht alles gewonnen. Aber viel erreicht. Und der Norden – das mit den Kurden – dürfte sich schon bald von selbst erledigt haben. Problem bleibt dennoch das Steppengebiet der Dschazira, nordöstlich des Euphrat. Früher Ödland. Heute ölreich. Hier regieren arabische Stämme seit Jahrhunderten. Dennoch versucht die US-Kurdenmiliz SDF/YPG sich als dominierende politisch-militärische Macht aufzuspielen. Im Stillen jedoch entwickelt sich eine Art neuer „arabischer Revolution“ gegen die Kurden. Es ist alles nur eine Frage der Zeit, zugunsten von Assad.

Idlib: Emir Julani und das Ende al-Baghdadis

In den letzten anderthalb Jahren war Nordwestsyrien, die Provinz Idlib, Hauptkampfgebiet. Hier schien sich die Zukunft der Regierung in Damaskus, die von Assad, zu entscheiden. Das hat sich geändert. In einer grandiosen Bodenoffensive gelang es der syrischen Armee (SAA), die dort ansässigen Terroristen (HTS) und ihre türkischen Unterstützer zu vertreiben. Vor allem aus den Höhlensystemen des südlichen Zawiya-Bergsystems und der nahe liegenden strategisch wichtigen Ghaab-Ebene wie ehemals Osama Bin Laden in Afghanistan. Die Autobahn Aleppo-Damaskus wurde befreit und ist wieder unbegrenzt befahrbar. Bis die Türkei militär-technologisch aufholte und mit ihren modernen Drohnen zurückschlug. Seitdem herrscht einen Art Patt-Situation. Zwischen Damaskus und Ankara. Von Moskau gesteuert. Der „alte“ Erzfeind von Damaskus, Emir Julani, militanter Anführer der HTS-Milizen (HayatTahrirAlSham) ist untergetaucht. Nachdem sein „Freund-Feind“, der Daesh-ISIS-Anführer al-Baghdadi, von den USA in Nordostsyrien unter ominösen Umständen zu den Jungfrauen Mohammeds in Paradies gebombt wurde. Zwischen den Fraktionen der islamistischen Terroristen ist ein blutiger Bruderkrieg entbrannt. Ein Ende ist unabsehbar. Für Assad bestens. Versuche des türkischen Geheimdienstes, Emir Julani als „liberalen“ Anführer der Idlib-Bevölkerung umzuformen, sind bisher gescheitert. Zu sehr herrschen in den Köpfen der Menschen noch die Bilder der grausamen Hinrichtungen von Julanis Terrormilizen vor. HTS und andere Banden führen immer mehr ein isoliertes Eigenleben. Ankara gelingt es bisher nicht, diese vollends zu kontrollieren. Damit kann Damaskus leben.

Der Südwesten (Israel/Libanon) wird zur Problemzone

Während der Damaskus-Regierung im Norden, Osten und Nordwesten nur begrenzt schwere Konflikte drohen, sieht das im Südwesten ganz anders aus. Hier kann Putin nur teilweise schützend eingreifen. Die Grenzen zum Libanon, Israel und zu Jordanien sind seit jeher, seit Jahrzehnten, ja Jahrhunderten Gegenstand ständiger Streitigkeiten zwischen alten und neuen Staaten und Herrschenden. Radikale Zionisten in Israel versuchen, die innenpolitischen Krisen ihres Staates für ihre außenpolitischen Aggressionsgelüste zu nutzen. Immer wieder kommt es zu Raketenangriffen auf Damaskus. Im Libanon steht ein Einmarsch der Armee Israels kurz bevor. Die mächtige Schiiten-Miliz/Armee Hiszbollah (Iran) wartet nur auf den „totalen“ Krieg. Sie ist bis an die Zähne bewaffnet. Bis hin zu Nuklearwaffen. Israel gehört zu den Staaten der Welt mit den supermodernsten Atomwaffen (Wüste Negev). Die Hizbollah-Miliz ist mit Damaskus und Teheran verbündet. Eine mehr als heikle Situation für Assad. Hier gilt es, sich geschickt aus allen Konflikten heraus zu halten.

Der Wiederaufbau Syriens, die beste Werbung

Warum Syrien seit fast zehn Jahren vom Westen gehasst, bedroht und bekämpft wird, weiß heute kaum noch ein Mensch. Zu kompliziert, zu verworren ist die Weltpolitik geworden. Immer neue Sanktionen sollen Assad und seine Getreuen (auch Putin) doch noch in die Knie zwingen. Was immer mehr misslingt. Viele können sich kaum noch daran erinnern, dass Syrien und auch Assad selbst vor über zehn Jahren beste Freunde und Partner Europas und Deutschlands waren. Damals reisten deutsche Touristen mit Zustimmung der deutschen Regierungen begeistert nach Damaskus und Palmyra. Wirtschaftshelfer aus Deutschland kümmerten sich in der Wüste Syriens um Wasser, Abwasser, Landwirtschaft und die dringend nötige Modernisierung. Warum ist all das kaputt gegangen? Weil der damals so gute Assad plötzlich (über Nacht) ganz böse wurde?

Heute gibt es neue Fachleute für den wirtschaftlichen Aufbau dort. Sie kommen nicht mehr aus Deutschland. Sondern aus Russland, China, Tschechien. Und das, was man „Rebuilding Syria“ nennt, nimmt Gestalt an. Der Wiederaufbau nach dem Krieg. Die Autobahn und die Eisenbahnlinie Aleppo-Damaskus sind frei befahrbar und modern ausgebaut. Obwohl sie viele Jahre von Terroristen besetzt und zerstört waren. Die Flughäfen Damaskus, Tartous, Aleppo, Hasaka funktionieren. Fieberhaft wird am Wiederaufbau der Infrastruktur in den vom Terrorismus befreiten Gebieten gearbeitet. Und es geht eben auch ohne den vor 2010 „beliebten“ Westen. Damaskus wird immer mehr zu einer modernen Großstadt als Drehkreuz des Mittleren Ostens. Auch für Individualtouristen, denen die Sanktionen des Westens schnuppe sind. „Rebuilding Syria“ wird zum Markenzeichen der Regierung Assads.

Michael Winkler (Freier Journalist)

1983 bis 1986 Diplom an der Sektion Afrika-, Asien- und Nahostwissenschaften der Leipziger Universität zum Thema: „Gegenwartsbezogene Islamwissenschaft der BRD – Re-Islamisierung“

1986 bis 1990 Aspirantur an der Leipziger Universität zum Thema: „Drohender Islamismus – Re-Islamisierung“. Betreuer: Prof. Dr. Dr. Holger Preißler (Syrien- und Islamexperte der DDR)

1990 bis 2007 Redakteur einer sächsischen Tageszeitung

seit 2008 – Freier Journalist mit den Spezialgebieten radikaler Islam, Daesh (IS), Russland, Syrien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen, Oman, Saudi-Arabien; zahlreiche Reisen in Länder des Nahen und Mittleren Osten

Mitglied der Deutschen Orient-Gesellschaft Berlin

Mitglied bei Reporter ohne Grenzen

https://yourmediaagencypressdotcom.wordpress.com/2020/12/31/3321/

Diskussionen

3 Gedanken zu “Neun Jahre Krieg und wie weiter? Assad gewinnt

  1. so ein bisschen Giftgas, ist doch nicht so schlimm
    (sagt Assad)

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    Verfasst von Fleischerei Aleppo | 4. Januar 2021, 14:00

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