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Kultur

Corona-Highlights oder wie die Kultur baden geht

von Dietmar Spengler

Corona-Zeit ist Fernseh-Zeit. Der Mensch fläzt sich vor der Glotze herum und tröstet sich mit Süßem und Saurem. Was bleibt ihm anderes übrig, als sich mit dem Hochglanzflimmer im trauten Heim abzufinden. Während die Wall Street einen Rekord nach dem anderen verzeichnet, sich an der Börse die Pharmariesen ein Milliardenrennen um den Corona-Impfstoff liefern und Banken und Konzerne von Merkels Gabentisch üppig beschenkt werden, profitiert vor allem die TV-Sparte vom „Wir bleiben zuhause-Lockdown“. Ohne „Corona“ geht im Mediengeschäft gar nichts mehr. Ob im Fernsehen oder im Internet: der Rhythmus von Livetickern und Talkshow-Dramen hat unser Leben okkupiert. Das Corona-TV-Programm ist ein Klassiker der Volksaufklärung.

„Was hätten seine Fans dafür gegeben, ihn mal wieder im Fernsehen zu sehen“ schwärmt das Musik-Portal „Schlager.de“. Hansi Hinterseer bleibt daheim, denn mit dem Kronen-Virus ist nicht zu spaßen. Da konnte sich der frischverliebte, 66-jährige YouTube-Star prompt seine Dauerwelle sparen. Gleich drei Sender hatten ihn im Programm. Zur besten Abendzeit promoteten BR, HR und MDR „Hansi Hinterseer mit den Kastelruther Spatzen“ und dem „Zillertaler Schmiss“. Geballte Dröhnung fürs Stammhirn – ganze 91 Minuten lang! Von den Bajuwaren ist man dies ja gewöhnt. Die jodeln seit Jahrzehnten den „Ruf der Berge“ ins schöne Bayernland hinaus und „Dahoam is Dahoam“ beschwört seit 2007 viermal die Woche den Identitätsstarrsinn als Schmankerl zur obligatorischen Tagesschau. Es soll Leute gegeben haben, die sich deshalb aus dem Sendegebiet verabschiedet haben. Zwischen „Landfrauenküche“ und „Chiemgauer Volkstheater“ wird der Heimat gehuldigt und, was an Geist noch verblieben ist, wird der Verblödung anheimgegeben. Abschalten!

Kulturpolitische Bildung betreibt in erster Linie die seit Oktober 2000 ausgestrahlte „ZDF-History“ von ZDF INFO, die regelmäßig aus Hitlers Tagebüchern berichtet und den Wehrsportgruppen Nachhilfe bietet. Die morgens, mittags und abends gesendete Info-Schau sorgt dafür, dass auch die Kommunisten von drüben ihr Fett abbekommen. Ein anspruchsvolles politisches ‚Aufklärungsprogramm‘, das neben Cäsar und Kleopatra, Royale Ehefrauen, Kongos Superreiche auch Walter Ulbricht, Eva Braun, Leni Riefenstahl, Rudolf Heß und Hitlers Schäferhund Blondi auf die Bühne bringt. Abschalten!

Seriöse politische Kultur wird in den diversen Talkshows gepflegt. „Hart aber fair“ am Montag, „Markus Lanz“ am Dienstag, „Maischberger“ am Mittwoch, „Maibritt Illner“ am Donnerstag, zwei Tage zum Nachdenken und am Sonntag „Anne Will“. Rede und Gegenrede werden hier in Neudeutsch vorgeführt. Einer fällt dem anderen ins Wort, im Idealfall quatschen alle Kombattanten gleichzeitig. Die Talkshows geben Rassisten und Faschisten, Lauterbachern und Politdeppen, Lobbylumpen und Möchtegernprominenz regelmäßig eine Bühne, schließen aber die Betroffenen aus. Soziale Problemfelder wie Armut und Reichtum in der Gesellschaft sowie die Steuertricks der bundesdeutschen Elite erreichen fast nie Bildformat. In nur sechs von 204 Sendungen wurde über Armut und Ungleichheit diskutiert. Wegschauen und Weitertalken ist die goldene Regel des Entertainments. Wenn überhaupt etwas gesellschaftlich Relevantes über den Bildschirm flimmert, dann erst kurz vor Mitternacht ist der Großteil des Publikums bereits eingenickt ist. Abschalten!

Zu den Lieblingsfolgen des Deutschmichels: Da versetzt uns der Psychiater Dr. Wendelin Winter alias Fritz Wepper mit stimmungsvollen Bildern und seiner überbordenden kriminalistischen Connaissance seit 2007 stets in Erstaunen, dort tanzt Börne mit Thiel um die Leiche auf dem Obduktionstisch und Staatsanwältin und Polizist zelebrieren Brüderschaft in der Asservatenkammer.  Neben der Kriminalfilmreihe „Mord in bester Gesellschaft“ ist es der alltägliche „Tatort“-Grusel, der die Leichen, mit und ohne Kopf, seit 1970 getreulich zum Abendtisch kredenzt. Der Ohrwurm der Titelmelodie, bei der „Schlapphut-Udo“ (Dum-di-dum-didl-dum) sein Debut gab, wird mittlerweile als Kunst gehandelt. Tatortkonsum ist uns tierischer Ernst. Da hört für jeden halbwegs anständigen Beitragszahler der Spaß auf. Wikipedia zählt über 1100 Tatort-Filme auf – und die mehrfach pro Tag, auf allen öffentlich-rechtlichen TV-Sendern gezeigt. Schade, dass man „Kommissar Rex“ inzwischen ins Tierasyl verbannt hat.

Keineswegs zu vergessen ist „Aktenzeichen XY…ungelöst“ als Reality-TV und Dauerbrenner seit 1967. Selige Zeiten, als noch 20 Millionen Zuschauer mit Ganoven-Ede die Wackersdorf-Gegner jagten. Jedermann kann kriminalistisch tätig werden und seine Erfahrungen aus den Thrillern von RTL und Sat1 zu barer Münze machen. Da werden durch Zuschauertipps 80-jährige Bankräuber gefasst und vermisste Jugendliche in Gomera ausfindig gemacht. Blockwartmentalität und Spitzeldienste sind hier gefragt. Abschalten!

Hohe Literaturverfilmung bieten die ‚Romanzetten‘ „Inga Lindström“ und „Rosamunde Pilcher“ – Herzschmerz inbegriffen. Nicht zu verwechseln mit Corona Symptomen. Und wo bleibt der klassische Liebesfilm? TV-Spielfilm zählt sie alle auf. Tag für Tag, quer durch die bundesdeutsche Fernsehlandschaft beglücken uns Typen wie Christine Neubauer („Die Schokoladenkönigin“, „Ein Sommer auf Sylt“, „Moppel-Ich“), Veronica Ferres und Sascha Hehn. Die Vorfreude auf‘s Adventsprogramm mit „Sissi, die junge Kaiserin“ und „Doktor Schiwago“ ist kaum zu bremsen.

Einschaltquoten-Spitzenreiter ist „Bares für Rares“, ein Kulturevent für jedermann. Diese ZDF-Sendereihe, die seit 2013 acht Staffeln mit mehr als 1000 Folgen produziert hat, macht uns mehrfach die Woche vertraut mit dem Geschäft um Antiquitäten, Kuriosita und Raritäten. Sprücheklopfer und Laberfritzen erklären, ‚wie Kunst geht‘. Da wird auch geduzt und rumgeflachst, mit Horst und Waldi, mit Prolls und Banausen. Ein Kulturtsunami, der einen umbringt. Rette sich wer kann!

Lockdown der Kulturvermittlung

Was das alles mit dem Bildungsauftrag des Öffentlichen Fernsehens zu tun hat, ist mir schleierhaft. Denn mit Kultur hat das nichts zu tun. Was sich im Heimkino als „Kultur“ geriert, ist kaum anderes als das Gegenteil davon. Was Kultur ausmacht – der Geist – wird ihr ausgetrieben. Wenn Geist nicht mehr verbindlich der Kultur eigen ist, hat sie ihren Namen verwirkt. Adorno bezeichnete das Misslingen der Kultur vor fast 80 Jahren „Kulturindustrie“. Alles nur Greifbare subsumiert sie und macht es zu kommerziell Verwertbarem. Unterhaltung wird zur Kultur und Kultur kommerzialisiert sich. Die Kunst wird so zugerichtet, dass sie spielend konsumierbar ist. Es kommt, so der Philosoph, zur „Entkunstung der Kunst“.

Ebenso wenig wird Bildung, die Agens von Kultur ist, im Öffentlichen Fernsehen vermittelt. Der Rundfunkstaatsvertrag schreibt für das Öffentlich-rechtliche Fernsehen die Aufgaben „Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung“ vor. Was allerdings unter dem Begriff „Bildung“ realiter fällt, wird vom beliebig interpretierbaren Kultursektor verwaltet, der Literatur, Musik und Kunst definitiv außen vorlässt.

Wo Kultur sich präsentieren sollte – im Museum, im Konzertsaal, im Schauspiel, im Literaturzirkel – dort herrscht Leere. Die pandemische Administration hat alle Kulturorte als „nicht systemrelevant“ eingestuft und lahmgelegt. Seit Ausbruch der Pandemie stehen die Museen so gut wie ohne Besucher da. Selbst in der besucheroffenen Zwischenphase konnten sich nur wenige Musenfreunde in Kunst- und Kulturzentren einfinden. Zudem sorgten Hygienekonzepte und strenge Kontrollen in den Galerien und Ausstellungshallen dafür, dass es zu keinen größeren Publikumskontakten kam. Der Kunsttourismus war ohnehin am Ende. Durch den undifferenzierten Lockdown – Kulturinstitutionen wurden mit Vergnügungsstätten und Freizeiteinrichtungen in einen Topf geworfen – wurde der Kulturvermittlung der Garaus gemacht. Der Begriff der Bildung wird hiermit obsolet und die kulturtragenden Kommunikationsstätten verwaisen. Die Folgen sind nicht absehbar.

Denn in Wahrheit geht es hier keineswegs um Kultur oder gar Kunst. Es geht um Einschaltquoten, ums Geschäft, um Subventionen, um Profite. Da hilft es auch nicht, wenn Kulturfunktionäre und Künstler Museen, Theater, Konzertsäle und Opernhäuser als „humanrelevant“ definieren. Solange Makler und Spekulanten bestimmen, was Kunst sei, besteht kaum Hoffnung, dass die Politik sich annähernd einen Begriff davon zu machen im Stande ist.

Bereits vor Ausrufung des Krisenmodus befand sich die Gesellschaft im medialen Ausnahmezustand. Ohne glotzen, googeln, talken, twittern, simsen, tickern, bloggen und downloaden geht gar nichts mehr. Digitalisierungspropheten lassen die Korken knallen! Durch die ungebremste Aneignung von Information greift die allgemeine Verblödung um sich. Epidemisch dockt sie an Covid-19 an. Den in der Event- und Spaßgesellschaft grassierenden, besinnungslosen Bilder- und Nachrichtenkonsum brachte ein renitenter TV-Kritiker auf den Punkt: „Fernsehen macht die Dummen dümmer und die Klugen…“ (darin hat sich der alte Herr wohl geirrt!) keineswegs klüger!

Die letzte Meldung betrifft den heiligen Gral des Rheinländers. Der würde ganz besonders unter dem Lockdown leiden, denn „keine Partys, kein Karneval“ in Sicht, vermeldet Dylan Cem Akalin im Kölner Käseblättchen.

 

 

 

 

 

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Corona-Highlights oder wie die Kultur baden geht

  1. Die öffentlich- rechtlichen müssen sich nicht um Einschatquoten kümmern, die müssen bloß ein bisschen so tun als ob. Wichtig ist, das sie sich um Linientreue bemühen, damit ihr Subventions- und Rundfunkgebühren Geschäftsmodell weiterläuft

    Das Bürgertum kommt während der gegenwärtigen Krise heftig unter die Räder. Die Schulen und Unis sind ein Schatten ihrer selbst, die „bürgerliche Kultur“ hat geschlossen. Eine bloße Simulation von Bürgertum und „bürgerlicher Kultur“ die täglich durch die Mainstreammedien präsentiert wird, unauthentisch und blutleer. Das simulierte Ideal vom Aufstieg durch das Anwendung bürgerlicher Tugenden ist nun so weit von Realität ab, die verlieren ihren eigenen Glauben.
    „Free-TV“ ist sowas wie ein Heimatfilm, etwas nostalgisch verklärtes aus einer früheren Zeit.

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    Verfasst von Alf | 3. Dezember 2020, 12:00

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