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Geschichte, Kultur

Friedrich Engels zum 200. Geburtstag!

von https://www.arbeit-zukunft.de/

Bild: Friedrich Engels im Jahr 1891, Fotograf William Elliott Debenham (1839–1924), gemeinfrei, wikimedia.org

„Dieser harte Kämpfer und strenge Denker konnte aus tiefstem Herzen lieben“

Lenins berühmte Charakterisierung von Friedrich Engels ist nicht nur tief empfunden. Sie umfasst den ganzen Spagat dieses unglaublich kämpferischen Lebens. Der legendäre Freund und Kampfgenosse von Karl Marx, Fiedrich Engels, wurde vor zweihundert Jahren, am 28. November 1820, in Barmen (heute Teil von Wuppertal) geboren.

Harter Kämpfer ein ganzes Leben lang!

Er war Sohn einer Kapitalistenfamilie, sein Vater war Textilfabrikant, ein knochen-reaktionärer aktiver Christ (Pietist). Dieser beschwerte sich schon über den 14 Jährigen, er entwickle „eine beunruhigende Gedanken- und Charakterlosigkeit“ bei seinen sonst „erfreulichen Eigenschaften“. Schon der Schüler trachtet in Opposition zum Vater nach eigenständigem Denken. Früh erlebt er den Widerspruch zwischen pietistischer Frömmelei und der brutalen kapitalistischen Wirklichkeit, auch in den Fabriken der eigenen Familie. Deswegen nimmt ihn jener „fanatische und despotische Alte“ (Engels über seinen Vater ) ohne Abitur vom Gymnasium und zwingt ihn gegen seinen Willen in eine Kaufmanns-Lehre, zunächst im eigenen Unternehmen, kurz darauf in einem befreundeten Handelshaus in Bremen. Aber schon beginnt sich seine außerordentliche Qualität herauszubilden: Trotz großen Widerwillens lernt er den Beruf sorgfältig, beherrscht ihn bald, kennt sich sowohl mit Waren und allen Handelsabläufen bestens aus, lernt mehrere damalige Handelszentren kennen – für das, was in seinem Leben kommen sollte, ein unschätzbarer Vorteil.

Dasselbe gilt auch für „Militärfragen“ – wieder „typisch Engels“: Ab September 1841 leistet er Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger. Er setzt durch, dass er zur preußischen Garde-Artillerie-Brigade nach Berlin kommt. Dort kann er nebenher Vorlesungen in Philosophie, orientalischen Sprachen und Finanzwesen an der Universität besuchen. Dort knüpft er Verbindungen zu liberalen, anarchistischen und links-hegelianischen Kreisen, denkt aber gar nicht daran, deren Ideologien einfach zu übernehmen. Auch seine Militärkenntnisse nimmt er ausgesprochen ernst (dazu später). Um seine Ausbildung abzurunden, arbeitet er ab 1842 in der Baumwollspinnerei des väterlichen Unternehmens in Manchester. Hier, im Zentrum der englischen Industrie, verbringt er seine Zeit nicht nur im Fabrikbüro. Er durchwandert die schmutzigen Stadtviertel, wo die Arbeiter hausten, sieht das Elend und die Not des Proletariats. Er schließt Bekanntschaft mit englischen Arbeiterführern. Eine Arbeiterin, die Irin Mary Burns, wird seine Frau. In Manchester wird er zum Sozialisten!

Lenin über Engels: „Er las alles, was vor ihm über die Lage der englischen Arbeiterklasse geschrieben worden war, und studierte sorgfältig alle ihm zugänglichen amtlichen Dokumente. Die Frucht dieser Studien und Beobachtungen war das 1845 erschienene Buch >Die Lage der arbeitenden Klasse in England<“.

Dort arbeitet er heraus: Das Proletariat ist nicht nur leidende Klasse. Gerade ihre üble wirtschaftliche Lage treibt die Arbeiter unaufhaltsam voran. Die Lage zwingt das Proletariat, um seine Befreiung zu kämpfen. Es werde sich selbst helfen. Die politische Bewegung der Arbeiterklasse werde die Arbeiter unvermeidlich zu einer Erkenntnis führen: Für sie gibt es keinen anderen Ausweg als den Sozialismus. Aber dieser werde zu einer Macht nur, wenn die Arbeiterklasse ihn sich bewusst zum Ziel setzt.

Das schlug damals ein wie eine Bombe. Als 25 jähriger legt er ein eigenständiges Werk vor, das bis heute Anerkennung findet, ja als Musterbeispiel einer frühen soziologischen Untersuchung der Arbeiterklasse und ihrer sozialen Lage gelten kann. Aber er war längst (!) kein unbeschriebenes Blatt mehr. 1844 schon hatte er in Arnold Ruges „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“, an denen auch Karl Marx mitarbeitet, seine Arbeit „Umrisse einer Kritik der Nationalökonomie“ veröffentlicht, in der er vom sozialistischen Standpunkt aus die grundlegenden Erscheinungen der modernen Wirtschaftsordnung als zwangsläufige Folgen der Herrschaft des Privateigentums untersuchte. Der Umgang mit Engels trug Lenin zufolge „zweifelhaft dazu bei, dass Marx den Entschluss fasste, sich mit politischer Ökonomie zu befassen, der Wissenschaft, in der seine Werke eine wahre Umwälzung herbeigeführt haben“.

In Paris beginnt die intensive und bis zu dessen Tod 1883 nie mehr abreißende Zusammenarbeit und Freundschaft mit Karl Marx.

Bis im Jahre 1848 in Europa wie (tatsächlich!) auch in Deutschland ein Sturm demokratischer Revolutionen losbricht, entwickelt sich die Zusammenarbeit der beiden immer intensiver – an verschiedensten Orten: Brüssel, London, Paris. 1848 veröffentlichen sie das welthistorische „Manifest der Kommunistischen Partei“. 1848 arbeiten beide auch in der Redaktion der revolutionären „Neuen Rheinischen Zeitung“, die Marx leitet. Das Blatt wie seine Redaktion – sie sind ständiger drakonischer Verfolgung durch den preußischen Staat ausgesetzt, sie werden vor Gericht gezerrt. Freigesprochen, wieder verfolgt. In Zuge der Niederschlagung der deutschen Revolution muss Marx das Land verlassen, er wird aus der Arbeit heraus ausgewiesen, schon lange ist er als Revolutionär ausgebürgert und damit staatenlos.

Engels dagegen greift auf seine Militärerfahrung zurück. Er kämpft im Mai 1849 aktiv auf den Barrikaden in seiner Heimat, in Barmen und Elberfeld, während des Aufstandes gegen die Reaktion. Im Juni kämpft er im badischen-pfälzischen Aufstand als Adjutant von August Willich in den von Friedrich Hecker (1811-1881) geführten demokratisch-republikanischen Freischaren, steht u. A. mitten im Gefecht bei Rinnthal am 17. Juni 1849, einer entscheidenden Schlacht des pfälzischen Aufstands. Nach der Niederschlagung durch preußische Truppen muss Engels in die Schweiz fliehen. Er wird von preußischer Polizei steckbrieflich gesucht. Engels weiß, was bewaffneter Aufstand praktisch heißt. Er kennt sich aus in Fragen des bewaffneten Kampfes. Und er belässt es nicht dabei. Er verarbeitete die Erfahrungen in einer Denkschrift, die die Erfahrungen der Niederlage aufarbeitet, die Schwächen der revolutionären Kräfte analysiert, aber auch mit revolutionärer Leidenschaft die preußische Soldateska anklagt: „Die preußische bürgerliche und militärische Bürokratie hat von jeher ihren Ruhm darin gesucht, Triumphe über schwache Feinde mit großem Eklat davonzutragen und sich an den Wehrlosen mit der ganzen Wollust des Blutdurstes zu rächen….“(MEW. Band 7. Die deutsche Reichsverfassungskampagne. Dietz Verlag, Berlin/DDR 1960, S. 167)

Nach Zwischenstationen in der Schweiz, Belgien und Frankreich ist er ab 1850 wieder in Manchester, wo er wieder in der Spinnerei von Ermen & Engels arbeitet, daneben unermüdlich revolutionäre Tätigkeit, Organisation, Unterstützung für Marx und vieles mehr betreibt. Marx hat sich in London niedergelassen. Beide begleiten die IAA, die Internationale Arbeiter Assosiation (der ersten Internationale), die Schaffung der deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach. Sie helfen international ungezählten anderen Arbeiterparteien, -Zeitungen und -Organisationen.

Marx beginnt nun seine systematische Arbeit an der materialistischen Kritik der bürgerlichen politischen Ökonomie, die in der Veröffentlichung des ersten Bandes von „Das Kapital“ 1867 gipfelt. Ohne die ständige fachliche, wissenschaftliche Beratung und materielle Unterstützung durch Friedrich Engels wäre es sicherlich nicht soweit gekommen. Nach Karl Marx´ Tod 1883 gibt Engels die beiden weiteren Bände des „Kapital“ heraus, ist Kopf und Herz der internationalen sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung und stirbt 1895 mit „nur“ 75 Jahren, nach einem unvergleichlichen revolutionären Leben. Die von ihm angekündigte Herausgabe eines Bandes IV des „Kapital“ vollbringt er nicht mehr (Später als „Theorien über den Mehrwert“ veröffentlicht).

Strenger Denker – Materialist


Engels Schrift „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ – ein historisch-dialektisches Meisterwerk

Es ist kein Zufall, dass Engels einer der konsequentesten materialistischen Denker und Philosophen wurde: Abscheu gegen die frömmelnde Verlogenheit des Elternhauses, Abkehr von und gründliche Kritik an der Religion, stete und ständige Bemühung allen Dingen anhand der Tatsachen, der materiellen Verhältnisse auf den Grund zu gehen, praktisch Bescheid zu wissen, sich nicht vor schwierigsten und den ganzen Mut fordernden Auseinandersetzungen zu scheuen – das alles ist die Basis für Engels kämpferischen, dynamischen, keinerlei unveränderliche Verhältnisse akzeptierenden Materialismus. Unabhängig vom Bewusstsein der Menschen gibt es eine sich in endloser, mal rasend schneller, dann wieder allmählicher, dann wieder sprunghafter Entwicklung befindliche Materie. In ihr prallen scharfe Gegensätze aufeinander, und gerade dadurch werden die Entwicklungen vorangetrieben. Zusammengefasst sieht man es in der materialistischen, nicht – wie bei Hegel – idealistischen Dialektik. Aber nicht nur das: Mit Marx verbanden ihn Überzeugung und Erkenntnis, dass diese, mittels der Dialektik nachzuzeichnenden, materiellen Entwicklungen gesetzmäßig auch in der Gesellschaft, in der menschlichen Geschichte herrschen. Lenin: „Marx und Engels, die den Hegelschen Begriff des ewigen Entwicklungsprozesses festhielten, verwarfen die vorgefasste idealistische Anschauung; sie wandten sich dem Leben zu und erkannten, dass nicht die Entwicklung des Geistes die Entwicklung der Natur erklärt, sondern umgekehrt, dass der Geist aus der Natur, aus der Materie zu erklären ist… Im Gegensatz zu Hegel …waren Marx und Engels Materialisten. Sie betrachteten die Welt und die Menschheit vom materialistischen Standpunkt aus und erkannten, dass ebenso wie allen Naturerscheinungen materielle Ursachen zugrunde liegen, auch die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft durch die Entwicklung materieller Kräfte, der Produktivkräfte, bedingt wird…“

Der Beitrag von Friedrich Engels zur Ausarbeitung dieses revolutionär-materialistischen Standpunktes, der Beitrag dieses klar, scharf und auch auf Grundlage weitreichender konkreter Erfahrung denkenden, blitzgescheiten, leidenschaftlichen Kämpfers kann und darf nie unterschätzt werden. Gerade Lenin hat Engels mit großer Entschlossenheit gegen zahlreiche Angriffe verteidigt und ihm in seiner großen philosophischen Monografie „Materialismus und Empiriokritizismus“ ein Denkmal gesetzt!

Engels übernahm in dem Team mit Marx in gewisser Weise die Rolle des Liberos. Er leistete philosophische und wissenschaftliche Grundlagenarbeit, wo Marx sich immer weiter in die Tiefen der Kritik der politischen Ökonomie voran arbeitete. „Engels beleuchtete in außerordentlich leicht geschriebenen, oft polemischen Arbeiten die allgemeinsten wissenschaftlichen Fragen und die verschiedensten Erscheinungen der Vergangenheit und Gegenwart im Geiste der materialistischen Geschichtsauffassung und der ökonomischen Theorie von Marx.“, so Lenin. „Anti-Dühring“, „Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“, „Der deutsche Bauernkrieg“, Arbeiten in Sprachwissenschaft( !) und Geschichte sind brillante Zeugnisse dafür, oftmals aktuell bis heute.

… aus tiefstem Herzen lieben

Zahllos sind die Anekdoten und Berichte über den großzügigen, humorvollen, geistreichen Gastgeber, dessen Wohnungen in Manchester und später in London ein gastliches, offenes und immer wieder auch Zuflucht gewährendes Haus waren. Er war mit einer irischen, revolutionären Frau, der Baumwollarbeiterin Mary Burns verheiratet, die ihn leidenschaftlich unterstützte.

Vor allem aber war er ein uneigennütziger Helfer für zahllose Genossinnen und Genossen, nicht zuletzt aber für Karl Marx und seine Familie. Er stellte seine ganze Kraft und auch sein ererbtes Vermögen dem Kampf der Arbeiterklasse zur Verfügung. Ein Grab von ihm gibt es nicht. Seinem Wunsch entsprechend soll seine Urne bei Eastbourne ins Meer versenkt worden sein.

Noch einmal Lenin:

Das europäische Proletariat kann sagen, dass seine Wissenschaft von zwei Gelehrten und Kämpfern geschaffen worden ist, deren Verhältnis die rührendsten Sagen der Alten über menschliche Freundschaft in den Schatten stellt. Engels hat stets – und im allgemeinen durchaus mit Recht – Marx den Vorrang gegeben. Einem alten Freund schrieb er: „Bei Marx’ Lebzeiten habe ich die zweite Violine gespielt.“ Seine Liebe zu dem lebenden Marx und seine Ehrfurcht vor dem Andenken des Verstorbenen waren grenzenlos. Dieser harte Kämpfer und strenge Denker konnte aus tiefstem Herzen lieben.“

Alle Zitate aus: Lenin: Friedrich Engels, Lenin Werke, Bd. 2, S. 1-14

Friedrich Engels zum 200. Geburtstag!

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