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Ausland, Russland

Valdai-Konferenz: Putin im O-Ton über Erdogan und dessen Rolle im Krieg um Bergkarabach

von Thomas Röper – https://www.anti-spiegel.ru/

Auf der Valdai-Konferenz wurde Putin auch zu dem Krieg um Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbeidschan befragt. Dazu gab es viele Fragen, am interessantesten fand ich jedoch die Frage zur Rolle Erdogans und Putins Antwort auf die Frage, daher habe ich beides komplett übersetzt.

Der Krieg um Bergkarabach ist in Russland ein sehr wichtiges Thema und dazu gab es auf der Valdai-Konferenz viele Fragen an Putin. In der Sache hat Putin nicht viel Neues gesagt, Russland bemüht sich um Neutralität und versucht, die Seiten an den Verhandlungstisch zu bekommen. Das hat nicht nur historische – immerhin kämpfen zwei ehemalige Sowjetrepubliken gegeneinander – oder geopolitische Gründe – immerhin gilt der Kaukasus als russische Einflusszone. Der Grund ist auch, das hat Putin hier wieder gesagt, dass in Russland jeweils über eine Million Armenier und Aserbeidschaner leben. Der Krieg betrifft also Russland ganz direkt, denn viele von denen leben seit Jahrzehnten in Russland haben auch die russische Staatsbürgerschaft.

In dem Krieg verhält Erdogan sich hingegen als Scharfmacher, unterstützt Aserbeidschan offen bei seinem Versuch, Bergkarabach zurückzuerobern und wie Analysten meinen, will Erdogan so seine Einflusszone in den Kaukasus ausdehnen, was ihn in Konflikt mit Russland bringen könnte. Über diese geopolitischen Aspekte und die mögliche Eskalation des Konfliktes zu einem regionalen Flächenbrand im Pulverfass Kaukasus habe ich eine Analyse geschrieben, die Sie hier finden können.

Nun aber zu der Frage des Moderators der Podiumsdiskussion des Valdai-Forums an Putin zu dem Thema und zu Putins Antwort, beides habe ich komplett übersetzt.

Beginn der Übersetzug:

Moderator: Wladimir Wladimirowitsch, wenn ich darf, möchte ich noch auf ein sehr heißes Thema kommen.

Schließlich ist der qualitative Unterschied der aktuellen Krise im Südkaukasus zu früher gerade die Rolle der Türkei, die viel aktiver ist, als zuvor. Sie haben gesagt, Präsident Erdogan sei ein flexibler Mann. Das ist möglich. Sie haben viel Zeit mit ihm verbracht. Gleichzeitig glauben viele Experten jedoch, dass Erdogan tatsächlich eine Politik verfolgt, um seine Einflusszone auf die Grenzen des ehemaligen Osmanischen Reiches auszudehnen. Und das sind, wie wir wissen, sehr große Gebiete, zu denen viele andere gehören. Auch die Krim gehörte mal dazu. Das ist zwar lange her, aber trotzdem.

Müssen wir nicht Angst haben, dass es, wenn dies seine konsequente Linie ist, zu gewissen Diskrepanzen mit Ankara kommt?

Wladimir Putin: Russland hat vor nichts Angst. Wir sind heute Gott sei Dank nicht in der Situation, vor etwas Angst haben zu müssen.

Ich weiß nicht, was Präsident Erdogan plant, wie er über das osmanische Erbe denkt. Das müssen Sie ihn fragen. Ich weiß, dass unser gemeinsamer Handel heute mehr als 20 Milliarden Dollar beträgt. Ich weiß, dass die Türkei wirklich daran interessiert ist, diese Zusammenarbeit fortzusetzen. Ich weiß, dass Präsident Erdogan eine unabhängige Außenpolitik verfolgt. Trotz allen Drucks haben wir das Projekt Turk Stream in relativ kurzer Zeit umgesetzt.

Mit Europa konnten wir das noch nicht, seit Jahren kauen auf diesem Thema rum, Europa kann nicht einmal die elementare Unabhängigkeit und Souveränität zeigen, um das für Europa absolut gewinnbringende Projekt „Nord Stream-2“ umzusetzen. Aber mit der Türkei haben wir es recht schnell umgesetzt, trotz aller Aufschreie. Erdogan kannte und verstand seine nationalen Interessen und sagte, wir setzen es um, und wir haben es umgesetzt. Wie in anderen Bereichen auch. Zum Beispiel im Bereich der militärisch-technischen Zusammenarbeit. Die Türkei hat entschieden, dass sie ein modernes Luftverteidigungssystem braucht, und das beste System der Welt heute ist die S-400 aus russischer Produktion. Er sagte es zu und hat es gekauft. Mit einem solchen Partner arbeitet es nicht bloß angenehm zusammen, sondern auch zuverlässig.

Was irgendwelche Bestrebungen betrifft – die Krim oder was auch immer -, so weiß ich nichts davon und es interessiert mich nicht, weil Russlands Interessen sicher geschützt sind, daran kann nicht einmal eine Sekunde gezweifelt werden. Ich bin sicher, dass unsere anderen Partner dies sehr gut verstehen und sich dessen bewusst sind.

Was die Nichtanerkennung der Krim durch die Türkei als russisch betrifft. Na und? Nicht in allen Punkten sind wir der gleichen Ansicht, so wie auch, sagen wir, bei der Situation im Kaukasus. Unsere Standpunkte sind oft unterschiedlich. Aber wir kennen auch die Positionen Europas und der Vereinigten Staaten, die sind alle solche Demokraten, und die Tatsache, dass die Menschen auf der Krim ein Referendum abgehalten haben – es ist das höchste Maß an Demokratie, dass die Menschen abgestimmt haben – interessiert niemanden.

Ich habe bereits gesagt, dass Sanktionen gegen die Krim verhängt wurden. Wenn der Grund die Annexion ist, dann sind die Menschen die Opfer davon, warum werden dann Sanktionen gegen sie verhängt? Und wenn sie abgestimmt haben, dann ist das eine Manifestation der Demokratie, wie kann sie dann für Demokratie bestrafen? Das ist völliger Unsinn, einfach Quatsch. Aber es geschieht. Warum also mit dem Finger auf Erdogan zeigen? Sehen Sie, was in anderen Ländern passiert.

Aber das ist seine konsistente Position, er erkennt die Krim nicht an, er erkennt Bergkarabach nicht an. Was bedeutet das für unsere Seite? Wir müssen mit allen hart arbeiten, geduldig sein, bei dem, was wir tun, und allen aufzeigen, dass unsere Position richtig ist, und wir werden sie verteidigen. Und wo unsere Positionen und unsere Ansätze nicht übereinstimmen, müssen wir einen Kompromiss finden.

Ich verstehe es beispielsweise so, dass unsere Standpunkte bei der Situation im Südkaukasus nicht übereinstimmen. Weil wir meinen, dass man kontroverse Fragen dieser Art nicht mit Gewalt, nicht mit Waffen, sondern auf diplomatische Weise am Verhandlungstisch lösen muss. Ja, natürlich kann man sagen, dass sie dort seit 30 Jahren verhandeln und dass es nichts gebracht hat. Na und? Meiner Meinung bedeutet das nicht, dass man deshalb anfangen muss zu schießen

Moderator: Vielen Dank.

Herrn Erdogans Position ist natürlich konsistent. Aber zum Beispiel Nordzypern erkennt er an. Aber das geschieht wahrscheinlich im Rahmen der Flexibilität, von der Sie gesprochen haben. (Anm. d. Übers.: Der ironische Ton des Moderators ist nicht zu überhören, als er das sagt)

Wladimir Putin: Ja, Sie haben Recht. Das stimmt. Das hätte ich auch erwähnen sollen, das hatte ich nicht im Kopf. Aber Sie haben Recht, was Nordzypern betrifft. Aber soweit ich weiß, hat die Türkei nichts dagegen, dass sich das Land am Ende vereinen wird, es geht nur um die Prinzipien dieser Vereinigung. Aber insgesamt haben Sie Recht.

Ende der Übersetzung

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