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Ausland, Naher Osten

Wird Arzach (Karabach) das Grab von Erdoğan werden?

von Thierry Meyssan – https://www.voltairenet.org/

Bild: Auf seinem Twitter-Account schrieb Präsident Erdoğan am Tag des Beginns der Feindseligkeiten: „In den Telefonanrufen, die wir heute hatten, bezeugt eine kluge und entschlossene Position, – der Ansatz „eine Nation, zwei Staaten“, einmal mehr, wie ich Ilham Alijew, dem Präsidenten von Aserbaidschan mitteilte, dass die Türkei ihre Zusammenarbeit mit ihren aserbaidschanischen Brüdern weiter verstärken wird. – Während wir das armenische Volk einladen, seine Zukunft gegen seine Herrschaft und diejenigen, die sie als Marionette benutzen, zu verteidigen, rufen wir die ganze Welt auf, Aserbaidschan im Kampf gegen Besatzung und Unterdrückung zu unterstützen. – Die internationale Gemeinschaft, die nicht in der Lage war, eine notwendige und ausreichende Antwort auf die provozierende Aggression Armeniens zu geben, zeigt einmal mehr ihr doppeltes Spiel. Das Minsker Trio, das 30 Jahre lang seine nachlässige Haltung beibehalten hat, ist leider weit davon entfernt, auf eine Lösung ausgerichtet zu sein. – Durch die Hinzufügung eines weiteren Angriffs auf Aserbaidschan hat Armenien erneut gezeigt, dass es die größte Bedrohung für Frieden und Ruhe in der Region darstellt. Die türkische Nation unterstützt ihre aserbaidschanischen Brüder mit allen Mitteln, wie immer.

Der Konflikt in Berg-Karabach hat zwar seinen Ursprung in der Auflösung der UdSSR, wurde aber durch den Willen des türkischen Präsidenten wiederbelebt. Es ist unwahrscheinlich, dass er diese Initiative ergriffen hat, ohne sich vorher an Washington gewendet zu haben. Das ist das, was auch Präsident Saddam Hussein getan tat, bevor er in Kuwait einmarschierte, und aus Ehrgeiz in die Falle geriet, die ihm gestellt wurde, und zu seinem Sturz führte.

Ein sehr alter, seit 30 Jahren eingefrorener Konflikt

Das türkische Volk definiert sich als die „Kinder des Steppenwolfs“, das heißt als Nachfahren der Horden von Dschingis Khan. Es bildet zugleich „ein Volk und zwei Staaten“: die Türkei und Aserbaidschan. Die politische Wiedergeburt der Türkei führt also automatisch zur Präsenz von Aserbaidschan auf der internationalen Bühne.

Natürlich bedeutet diese politische Wiedergeburt nicht ein Wiederaufleben der Gewalt der barbarischen Horden, aber diese Vergangenheit hat die Mentalitäten in nicht geringem Maße geprägt, trotz der Bemühungen vieler Politiker, die seit einem Jahrhundert versuchen, das türkische Volk zu normalisieren.

In den letzten Jahren der osmanischen Zeit wollte Sultan Abdulhamid II. das Land auf der Grundlage seiner Auffassung des muslimischen Glaubens vereinen. So befahl er die physische Beseitigung von Hunderttausenden von Nicht-Muslimen. Sie wurde von deutschen Offizieren betreut, die bei diesem Genozid eine Erfahrung sammelten, die sie später in den Dienst der nationalsozialistischen Rassenideologie stellten. Die osmanische Säuberungspolitik wurde von den ‚Jungen Türken‘ zu Beginn der Republik in größerem Umfang fortgesetzt, insbesondere gegen die armenischen Orthodoxen [1].

Da der Mord eine Sucht ist, taucht er sporadisch im Verhalten der türkischen Streitkräfte auf. So begleiteten sie im März 2014 Hunderte von Dschihadisten der al-Nusra Front (Al-Qaida) und der Armee des Islam (pro-Saudi) bis zur Stadt Kessab (Syrien), um dort die armenische Bevölkerung zu massakrieren. Die Dschihadisten, die sich an dieser Operation beteiligten, wurden heute nach Karabach geschickt, um andere Armenier zu töten.

Diese Massaker hörten in Aserbaidschan während der kurzen Demokratischen Republik (1918-20) und der Sowjetzeit (1920-90) auf, wurden aber 1988 durch den Zusammenbruch der Moskauer Macht wieder aufgenommen.

Ausgerechnet während der Sowjetzeit, entsprechend der Nationalitätenpolitik von Joseph Stalin, wurde eine armenische Region mit Aserbaidschan verbunden, um eine sozialistische Republik zu bilden. Als die UdSSR aufgelöst wurde, erkannte die internationale Gemeinschaft Karabach nicht als armenisch an, sondern als aserbaidschanisch. Der gleiche Fehler wurde in der Eile in Moldawien mit Transnistrien, in der Ukraine mit der Krim, in Georgien mit Südossetien und Abchasien begangen. Es folgte sofort eine Reihe von Kriegen, darunter der Berg-Karabach-Krieg. Dies sind Fälle, in denen sich das internationale Recht wie in Palästina aus einer Fehleinschätzung zu Beginn der Konflikte entwickelt hat, die nicht rechtzeitig korrigiert wurde und zu unlösbaren Situationen führte.

Der Westen trat dazwischen, um einer weitergehenden Verwicklung vorzubeugen. Das Beispiel Transnistrien bezeugt jedoch, dass dies nur das Unvermeidliche hinauszog: So nutzten die Vereinigten Staaten die rumänische Armee, um zu versuchen, das aufkeimende Pridnestrowien zu vernichten [2]].

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE, damals CSCE) gründete die „Minsk-Gruppe“ unter dem gemeinsamen Vorsitz der USA, Frankreichs und Russlands, um eine Lösung zu finden, was sie nie tat: Russland wollte nicht zwischen seinen ehemaligen Partnern wählen, Frankreich wollte eine wichtige Rolle spielen, und die USA wollten ein Konfliktgebiet an der russischen Grenze aufrechterhalten. Die anderen Konflikte, die während der Auflösung der UdSSR entstanden sind, wurden von Washington und London mit der Aggression Georgiens gegenüber Südossetien im Jahr 2008 oder dem Staatsstreich des Euromaidan, der unter anderem auf die Ausweisung der Russen von der Krim im Jahr 2014 abzielte, absichtlich angeheizt.

Der Angriff auf die Republik Arzach (Karabach) durch Aserbaidschan und die Türkei wurde durch die Rede des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 24. September gerechtfertigt [3]. Sein Grundgedanke war, dass die Minsker Gruppe den Status quo als inakzeptabel qualifiziert hatte, aber dass „die Erklärungen nicht ausreichen. Wir brauchen Taten.“ Er konnte nicht klarer sein.

Im Einklang mit der Ideologie seiner Familie hat er seine Gegner so weit wie möglich belastet, indem er beispielsweise das Massaker von Khojaly (1992, mehr als 600 Opfer) den „armenischen Terroristen“ zuschrieb, während es sich um eine schwarze Operation während eines Putschversuchs in seinem Land handelte; Auf jeden Fall erlaubte es ihm, die Aktionen der ASALA (Armenische Geheimarmee für die Befreiung Armeniens) in den 70er und 80er Jahren voreingenommen darzustellen. Er hob hervor, dass der Sicherheitsrat in vier Resolutionen den Abzug der armenischen Truppen anordnete, wobei er die Homonymie der armenischen Bevölkerung von Karabach und dem Nachbarstaat Armenien ausnutzte; Eine Art und Weise, zu verschweigen, dass der Rat auch Aserbaidschan aufforderte, ein Referendum zur Selbstbestimmung in Karabach abzuhalten. Nicht ohne Grund beschuldigte er den neuen armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinyan, einer der Männer des Spekulanten „George Soros“ zu sein, als ob dies das vorhergehende auslöschen würde.

Der Konflikt kann erst nach einem Referendum der Selbstbestimmung beendet werden, dessen Ausgang wenig Überraschung bringt. Im Moment nützt er denen, die wie Israel Waffen an den Angreifer verkaufen.

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Die türkischen, aserbaidschanischen und pakistanischen Armeen zeigen ihre Einheit gegenüber den Armeniern

Für Erdoğan, der Krieg der zu viel ist?

Mit diesem Hintergrund, lassen Sie uns den gegenwärtigen Konflikt aus einem anderen Blickwinkel betrachten, nämlich dem internationalen Gleichgewicht, wobei wir bedenken müssen, dass die türkische Armee bereits illegal in Zypern, Irak und in Syrien präsent ist; dass sie gegen das Militärembargo gegen Libyen verstößt und jetzt auch gegen den Waffenstillstand in Aserbaidschan.

Baku organisiert sich, um den unvermeidlichen Termin weiter zu verschieben. Aserbaidschan hat bereits die Unterstützung von Katar erhalten, das auf diesem Einsatzgebiet auch die Finanzierung der Dschihadisten überwacht. Unseren Informationen zufolge wurden mindestens 580 von ihnen aus Idlib (Syrien) von der Türkei dorthin transportiert. Dieser Krieg ist teuer, und KKR, die mächtige Gesellschaft des US-israelischen Henry Kravis, scheint genauso involviert zu sein, wie sie es immer noch im Irak, in Syrien und Libyen ist. Wie bei der Destabilisierung des kommunistischen Afghanistans könnten israelische Waffen über Pakistan transportiert werden. Auf jeden Fall blühen in der Türkei Plakate auf, die die Flaggen der drei Länder nebeneinanderstellen.

Noch erstaunlicher: Präsident Alijew hat die Unterstützung seines weißrussischen Amtskollegen Alexander Lukaschenko erhalten. Es ist wahrscheinlich, dass dieser im Einklang mit dem Kreml handelt, was eine sichtbarere Unterstützung Russlands für das orthodoxe Armenien ankündigen könnte (Russland, Belarus und Armenien sind alle drei Mitglieder der Eurasischen Wirtschaftsunion und der Organisation des Vertrags über die kollektive Sicherheit).

Seltsamerweise hat der schiitische Iran keine Stellung bezogen. Obwohl sie ethnisch türkisch sind, sind die Aserbaidschaner das einzige andere schiitische Volk der Welt, da sie dem Safawiden-Reich angehörten. Präsident Hassan Rohani hatte es in sein Projekt der schiitischen Föderation aufgenommen, das während seines zweiten Wahlkampfes vorgestellt wurde. Dieser Rückzug erweckt den Eindruck, dass Teheran keinen Konflikt mit dem offiziell neutralen Moskau anstrebt. Zumal Armenien eine nicht zu vernachlässigende Rolle bei der Umgehung des US-Embargos gegenüber dem Iran spielt.

Auf armenischer Seite betreibt die Diaspora in den USA eine intensive Lobbyarbeit im Kongress, um Präsident Erdoğan – dessen Land zwar Mitglied der NATO ist – vor einem internationalen Tribunal für den Konflikt verantwortlich zu machen.

Im Falle einer stillschweigenden Vereinbarung zwischen Moskau und Washington könnte sich dieser Krieg diplomatisch gegen Präsident Erdoğan wenden, der jetzt den beiden Großen unerträglich geworden ist. Wie einst der irakische Präsident Saddam Hussein, der plötzlich vom Diener des Pentagon zum Staatsfeind Nr. 1 wurde, als er glaubte, er hätte die Erlaubnis, in Kuwait einzumarschieren, wurde der türkische Präsident vielleicht zum Fehler ermutigt.

Übersetzung
Horst Frohlich
Korrekturlesen : Werner Leuthäusser

[1] „Die Türkei von heute setzt den armenischen Genozid fort“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Sabine, Voltaire Netzwerk, 2. Mai 2015.

[2] « En 1992, les États-Unis tentèrent d’écraser militairement la Transnistrie », par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 17 juillet 2007. [Anm.d.Ü. : “1992 versuchten die USA Transnistrien militärisch zu vernichten”. In der Verwirrung der Explosion der UdSSR und der Unabhängigkeitserklärungen der Sowjetischen Staaten wurde die von Transnistrien so wenig in den Medien bekannt, dass die Vereinigten Staaten sich beeilten, ihren Einfluss geltend zu machen, und sich seiner Anerkennung durch die UNO widersetzten und versuchten, Transnistrien zu zerschlagen, indem sie eine Rumänisch-Moldawische-Invasion jenseits des Dnjestr unterstützten. Aber sie unterschätzten ernstlich die Moskauer Boris Jelzin feindlich gesinnten Generäle, welche mit Hilfe der 14. Armee, die vor Ort stationiert war, den Sieg des Widerstands des Volkes unter der Führung des derzeitigen Präsidenten von Transnistrien (Pridnestrovie), Igor Sinnow, ermöglichten. Bericht über die unbekannten Ereignisse, die zu einem Status quo führten, der durch die Diskussionen über den Status des Kosovo und den russischen Rückzug aus dem CFE wieder in die Debatte gebracht wurde.

[3] “Intervention by Ilham Aliyev the 75th meeting of the United Nations General Assembly”, by Ilham Aliyev, Voltaire Network, 24 September 2020.

https://www.voltairenet.org/article211032.html

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