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Ausland, Naher Osten

Nassers Vermächtnis: Die Sehnsucht nach arabischer Einheit, Freiheit und Identität

von Havva Kökbudak – https://deutsch.rt.com/

Gamal Abdel Nasser – ägyptischer Staatspräsident von 1954 bis 1970, Umstürzler, Republikgründer, Nationalist, Panarabist, arabischer Sozialist. Doch was ist von seiner Ideologie des Nasserismus, seinen Errungenschaften für den Fortschritt Ägyptens geblieben? Wie denkt die ägyptische Bevölkerung heute – 50 Jahre nach seinem Tod – an die Tragödie des Sechstagekrieges? Ein historischer Rückblick auf Gamal Abdel Nasser.

Wenn Kenner der Region gefragt würden, welche politische Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts nicht nur Ägypten, sondern das politische Denken und Handeln in der gesamten arabischen Region dauerhaft geprägt habe, müssten sie nicht lange überlegen. Die Antwort wäre bei allen ohne Zweifel: Gamal Abdel Nasser.

Um die Grundhaltung in seinem politischen Denken und Handeln verstehen zu können, müssen wir in das Ägypten des ausgehenden 19. Jahrhunderts eintauchen. Das unter osmanischer Herrschaft stehende Land wurde von relativ selbstständigen Khediven – also Gouverneuren des Osmanischen Reiches – verwaltet, die ihren Blick nach Europa gekehrt und fortschrittliche Projekte für Ägypten ins Auge gefasst hatten.

Die Autonomie fand mit dem Anstieg des britischen Einflusses im Land ein Ende. Ausgerechnet ein Projekt, das Ägypten Freiheit, Fortschritt und einen Anschluss an den Welthandel bringen sollte, der Bau des Sueskanals (1859 bis 1869), brachte dem Land die Unfreiheit und das britische Joch. Der Kanalbau wurde durch immense Schuldenaufnahme finanziert. Frankreich und Großbritannien verwalteten nicht nur die Schuldenlast, Großbritannien sicherte sich auch noch die Verbindungswege über den Sueskanal, indem es die Kanalaktien kaufte. Der Sueskanal, der Ägypten Freiheit bringen sollte, brachte stattdessen Unterdrückung, Hunger und Ausbeutung. Über 90 Prozent der Ausfuhren Ägyptens bestanden aus Baumwolle, da Großbritannien billige Baumwolle brauchte. Getreide musste importiert werden. Der Großgrundbesitz breitete sich aus.

Dies war gleichzeitig die Geburtsstunde des ägyptischen Nationalismus. Als Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg die Teilnahme einer Delegation der nationalistischen Wafd-Partei an der Pariser Friedenskonferenz verhinderte, kam es in Ägypten zu Ausschreitungen und Streiks. Als Folge wurde Ägypten von Großbritannien im Jahr 1922 einseitig die Unabhängigkeit gewährt. Fuad I. wurde König von Ägypten. Unter dem Deckmantel der Unabhängigkeit festigte Großbritannien jedoch seinen Einfluss.

Unter diesen Bedingungen entwickelte sich Gamal Abdel Nassers politisches Bewusstsein.

Die britische Ägide über Ägypten war der Ausgangspunkt für Nassers Entscheidung: Ägypten musste vom britischen Einfluss und von der mit ihr kollaborierenden Monarchie befreit werden.

Er schlug eine militärische Laufbahn ein, distanzierte sich von monarchietreuen Offizieren, da sie seiner Ansicht nach ebenso wie der schwache König von der Unterwürfigkeit gegenüber Großbritannien durchdrungen waren. Er gründete 1949 das „Komitee der Freien Offiziere“. Im Juli 1953 stürzte das Komitee den König, General Muhammad Nagib. Der ranghöchste Offizier des Komitees wurde Präsident, Nasser erst einmal „nur“ Ministerpräsident. Es folgten Konflikte, da Nagib nicht an einen Umsturz der Ordnung dachte und die Herrschaft an die Zivilisten, an die bestehenden Parteien – an den Status quo also – abgeben wollte. Nicht so Gamal Abdel Nasser. Er setzte Nagib ab, stellte ihn unter Hausarrest und übernahm die Macht vollständig. 1954 ließ er sich dann zum Präsidenten wählen.

Die Sueskrise

Ab diesem Zeitpunkt folgten fortlaufende politische Siege. Mit der Sueskrise begann die Auseinandersetzung Nassers mit den europäischen Mächten und Israel. Auf Nassers Plan stand die Nationalisierung des Sueskanals, der nächste Schritt zur Befreiung Ägyptens aus der britischen Einflusssphäre. Mit einem perfiden Plan – festgehalten im „Protokoll von Sèvres“ – wollten Großbritannien, Frankreich und Israel Nassers Absicht der Verstaatlichung des Kanals durchkreuzen: Sie beabsichtigten, Ägypten durch einen israelischen Angriff auf der Sinai-Halbinsel und am Gazastreifen in einen Krieg zu verwickeln, um dann unter dem Vorwand zu vermitteln, militärisch zu intervenieren und den Sueskanal zu besetzen.

Einerseits ging es natürlich darum, die Erdölrouten zu sichern. Frankreich beschäftigte zu dieser Zeit aber noch ein anderes Problem, verfolgte jedoch auch ein Ziel: Es ging um die Kontrolle seiner Kolonie Algerien. Dort war 1954/55 ein Guerillakrieg gegen die Kolonialmacht ausgebrochen. Nasser hatte sich auf die Seite der FLN (Front de Libération Nationale) gestellt, und die algerischen Aufständischen ihrerseits betrachteten die „ägyptische Revolution“ Nassers und den Sturz der Monarchie sowie das Zurückdrängen des imperialistischen Einflusses als wegweisenden historischen Meilenstein, an dem sie sich orientieren wollten. So musste aus französischer Sicht in Ägypten ein Exempel statuiert werden.

Hinzu kam, das Nasser sich entschieden gegen den gegen die Sowjetunion gerichteten Bagdad-Pakt (CENTO) von 1955 zwischen Großbritannien, Irak, Iran, Pakistan und der Türkei mit den USA als Beobachter stellte.

Den Ausschlag für die Sueskrise gab Mitte Juli 1956 die Widerrufung der Zusage der finanziellen Unterstützung für den Assuan-Staudamm durch die USA und Großbritannien, weil die ägyptische Regierung 1956 die Volksrepublik China offiziell anerkannte und deren Neutralitätspolitik den Unwillen der USA erregte. Darüber hinaus hatte Nasser auch noch an der Konferenz von Bandung in Indonesien im April 1955 teilgenommen – der Konferenz der blockfreien Staaten, von denen ein Großteil gerade einige Jahre zuvor seine Unabhängigkeit vom Kolonialstatus erlangt hatte. Nasser verstaatlichte am 25. Juli die Suezkanal-Gesellschaft, an der Frankreich die Mehrheit hielt und britische Banken und Unternehmen zu 40 Prozent beteiligt waren.

Der Geheimplan Frankreichs, Großbritanniens und Israels wurde daraufhin in Angriff genommen und drei Monate später realisiert: Am 28./29. Oktober führte Israel die „Operation Musketier“, den militärischen Angriff auf den Sinai und den Gazastreifen, durch. Ein Ultimatum zum Rückzug lehnte Nasser ab – der Anlass für Frankreich und Großbritannien, Flugeinrichtungen Ägyptens bis zur vollständigen Zerstörung der Luftwaffe zu bombardieren. Die Forderung der UN-Vollversammlung zur Einstellung der Kampfhandlungen wurde ignoriert.

Am 5. November 1956 landeten britische und französische Fallschirmjäger in Port Said, Port Fuad und am Flughafen Gamil. Einen Tag später kamen britische und französische Marineeinheiten an das Nordende des Kanals und nahmen Port Said ein.

Unversehens reagierten die USA auf diesen Versuch der Besetzung des Kanals durch Großbritannien und Frankreich. Eisenhower, der einige Wochen zuvor Nasser die finanziellen Mittel zum Bau des Assuan-Staudammes verweigert hatte, verhängte sofort Sanktionen gegen die Angreifer. Schon am 31. Oktober hatte er die Entwicklungshilfe für Israel gestoppt. Eisenhower hatte nämlich zur selben Zeit einen Wahlkampf in einer recht kritischen Phase zu bestreiten, und eine Krise in der ohnehin explosiven Region kam ihm gerade in der kritischen Phase seines Wahlkampfes überhaupt nicht gelegen. Am 5. November akzeptierten sowohl Israel als auch Ägypten die Forderung der Vereinten Nationen, die Kampfhandlungen einzustellen. Israel musste die Landgewinne auf dem Sinai wieder aufgeben. Während der UN-Krisenstab in Ägypten eintraf, verließen Großbritannien und Frankreich die Kanalzone.

Das kam für Nasser einem Sieg auf ganzer Linie gleich. Die gesamte arabische Welt schaute nach Ägypten und sah eine politische Identifikationsfigur. Nasser hatte den Imperialismus und mit ihm gleichzeitig auch Israel aus dem arabischen Land vertrieben. Er heilte mit diesem Ereignis nicht nur ein historisches Sues-Trauma des ägyptischen Volkes und gab nicht nur ihm das nationale Selbstbewusstsein zurück, sondern allen Arabern in der Region. Ab diesem Zeitpunkt war er der Leitstern, nach dem sich die Politik in allen arabischen Ländern richtete.

Die Hinwendung zur Sowjetunion und der Bau des Assuan-Staudamms

Nun war auch die Zeit gekommen, den Plan zum Bau des Assuan-Staudammes zu verwirklichen. Das Bauprojekt war bereits König Faruq I. vorgestellt worden, dieser zeigte sich jedoch desinteressiert.

Mit dem Staudamm sollte eine Regulierung des Nils erreicht werden, sodass die Wasserversorgung in der Landwirtschaft ebenso wie die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung gewährleistet werden und Dürre und Überflutungen verhindert werden konnten. Neben der Wasser- sollte auch die Stromversorgung gewährleistet und eventuell neuen Industrien Vorschub geleistet werden.

Nasser sicherte sich die Unterstützung der Sowjetunion, die neben der Finanzierung auch die Planung übernahm. Auch die meisten notwendigen Baugeräte und technische Hilfe lieferte die Sowjetunion. Im Januar 1960 begann der Bau des Staudammes. 30.000 ägyptische Arbeiter zogen mit ca. 2.000 russischen Ingenieuren den Assuan-Staudamm in zehn Jahren hoch. Kurz vor dem Tod Nassers im September 1970 wurde der Damm fertiggestellt.

Inzwischen sind die landwirtschaftlichen Erträge dank des Staudamms zwar unvergleichlich höher. Die landwirtschaftliche Anbaufläche vergrößerte sich, die Zahl der Ernten stieg auf zwei- bis dreimal jährlich. Mit der Zeit zeigten sich aber dunkle Schattenseiten des Staudamms für die Wirtschaft und die Ökologie des Landes, die an anderer Stelle sicherlich gründlicher untersucht wurden/werden. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Nasser für den Assuan-Staudamm als ein für die Wohlfahrt seines Volkes und sich um den Fortschritt seines Landes sorgender Staatsmann im kollektiven Gedächtnis Ägyptens seinen Platz eingenommen hat.

Doch der Härtetest für seine politische und militärische Autorität stand ihm noch bevor.

Sechstagekrieg 1967

Nach wie vor noch konnte Gamal Abdel Nasser den arabischen Raum für seine panarabischen Ideen, alle Araber in einem Nationalstaat zu vereinen, begeistern, insbesondere die Palästinenser im Gazastreifen, im Westjordanland und in Ostjerusalem. Denn sie hatten nach dem ersten Arabisch-Israelischen Krieg von 1948/1949 nicht nur ihr Land, sondern auch ihre Selbstachtung verloren.

Doch nicht allen Arabern gefiel die panarabische Leidenschaft Nassers. Einer von ihnen war der König von Jordanien, Hussein bin Talal. Er hielt zu jener Zeit das Westjordanland und Ostjerusalem besetzt, fürchtete einen palästinensischen Aufstand und verstärkte entsprechend die militärische Kontrolle. Um der fortwährenden panarabischen Indoktrination durch Nasser einen Riegel vorzuschieben, verbat er den Palästinensern, Nassers Reden über seinen Radiosender Saut al-Arab zu empfangen.

Auf der anderen Seite befanden sich seit der Sueskrise UN-Blauhelmtruppen auf der Sinai-Halbinsel und in Gaza (UNEF), um die Demilitarisierung der Grenzregion zwischen Ägypten und Israel zu überwachen.

Am 17. Mai 1967 verlangte Nasser den Abzug der UN-Truppen aus Ägypten. Der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Sithu U Thant, gab Nassers Forderung nach, woraufhin Nasser am 22. Mai die Sinai-Halbinsel remilitarisierte. Ein paar Tage später ließ Nasser die Straße von Tiran, die er nach der Sueskrise offenhalten sollte, sperren, sodass Schiffe die israelische Hafenstadt Eilat nicht mehr erreichen konnten.

Am 25. Mai forderte Nasser Syrien, Jordanien, Irak und Saudi-Arabien auf, Truppen an Israels Grenzen zu stationieren, und schloss wie schon 1966 mit Syrien auch mit Jordanien und Irak jeweils einen Verteidigungspakt. Nasser erklärte am 27. Mai 1967 die Zerstörung Israels zum Ziel:

Wir wussten, dass die Absperrung des Golfes von Akaba Krieg mit Israel bedeutete. Wenn der Krieg kommt, wird es ein totaler (Krieg, H. K.), und das Ziel wird die Zerstörung Israels sein. (Gamal Abdel Nasser, The Washington Post vom 27. Mai 1967)

Am 5. Juni 1967 startete die israelische Luftwaffe ohne formelle Kriegserklärung Angriffe auf alle ägyptischen Flugfelder. Ohne von den ägyptischen Radaren erfasst zu werden, erreichten sie die ägyptischen Flugplätze und zerschossen 385 Flugzeuge sowjetischen Typs und deren Startbahnen. Ähnlich erging es den syrischen und jordanischen Luftstreitkräften. Die arabischen Streitkräfte wurden mit einer verheerenden Niederlage konfrontiert, bevor der Krieg überhaupt begonnen hatte. Durch den fehlenden Beistand aus der Luft verloren die arabischen Truppen auch am Boden gegen die Israelis.

Israel konnte große Gebiete unter seine Kontrolle bringen: die Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanhöhen. Die Sinai-Halbinsel wurde 1982, nach dem Friedensvertrag von Camp David, an Ägypten zurückgegeben. Bereits am 11. Juni 1967 wurde der letzte Waffenstillstand unterzeichnet. Daraufhin fand im August 1967 in der sudanesischen Hauptstadt Khartum eine Gipfelkonferenz aller arabischen Staaten statt, die mit der Khartum-Resolution ihre weitere Politik auf drei klare „Nein“ festlegten: „kein Frieden mit Israel, keine Verhandlungen mit Israel, keine Anerkennung Israels.“

So glorreich der Aufstieg Gamal Abdel Nassers mit dem politischen Sieg in der Sueskrise gegen Israel, Großbritannien und Frankreich war, so vernichtend und unwürdig war nicht nur die militärische, sondern vor allem die politische Niederlage und der Gesichtsverlust des in Nasser personalisierten Panarabismus.

Einen letzten kleinen Lichtblick erlebte Nasser mit der Annahme des von ihm vorgeschlagenen Waffenstillstandes durch den jordanischen König Hussein im Bürgerkrieg gegen palästinensische Aufständische unter der Führung der PLO mit Jassir Arafat. Einen Tag darauf, am 28. September 1970, starb Nasser.

Politische Ideologie – Nasserismus

Der Nasserismus als politische Ideologie ist eine eklektische Kombination aus dem arabischen Nationalismus, dem Panarabismus, dem arabischen Sozialismus und dem Islam. In seiner „Freie Offiziere“-Zeit vertrat Nasser vor allem die Idee des ägyptischen Nationalismus. Die Befreiung von fremden Mächten stand für ihn im Mittelpunkt seiner Politik. Sogar Israel betrachtete er damals als Produkt einer gelungenen Befreiung von kolonialer Herrschaft.

Nach seiner Machtübernahme war er der Überzeugung, dass nicht nur Ägypten, sondern alle arabischen Länder befreit werden müssten. Aus seinem arabischen Nationalismus wurde der Panarabismus.

In „Die Philosophie der Revolution“ (1954) beschrieb er seine „Drei-Kreise-Theorie“ von der Führungsrolle Ägyptens sowohl in der arabischen als auch in der afrikanischen bzw. der islamischen Welt.

Doch in Israel sah er damals immer noch einen Partnerstaat auf Augenhöhe. Er führte mit dem israelischen Premier Mosche Scharet Friedensverhandlungen, die jedoch von David Ben-Gurion sabotiert wurden, der zur selben Zeit mit Westdeutschland über Waffenlieferungen an Israel verhandelte.

Dieses Ereignis änderte die Haltung Nassers gegenüber Israel. Nach der Sueskrise (s. o.) eskalierte er zusehends seine Rhetorik gegen Israel:

Wir sind in der Erwartung eines Angriffs seitens Israels und einiger Unterstützer Israels. Wir werden eine entscheidende Schlacht schlagen und Israel ein für alle Mal loswerden. (…) Das ist der Traum eines jeden Arabers. (Gamal Abdel Nasser, zitiert aus: The Washington Post, 27. Juli 1959)

Der arabische Nationalismus und der Panarabismus rückten in den Mittelpunkt: 1958 schlossen sich Ägypten und Syrien zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) zusammen. Nasser wurde mit 99 Prozent der Stimmen zu ihrem Staatspräsident gewählt. Die Vereinigte Republik sollte der Kern sein, dem sich Schritt für Schritt alle anderen arabischen Staaten anschließen sollten. Dabei sollte die militärische Ausrüstung und das Potential aller Staaten vor allem gegenüber Israel gebündelt werden. Zudem kam noch eine ideologische Komponente hinzu: der Arabische Sozialismus. Der Nationalstaat aller Araber sollte sozialistisch sein.

In seinem Kampf gegen den britischen Einfluss und gegen die Monarchie als ein Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen zum Offizier sah Nasser auch den Kampf gegen Ausbeutung und für soziale Gerechtigkeit als einen integralen Bestandteil seiner politischen Haltung. Das hatte ihn dem Sozialismus näher gebracht, aber einem Sozialismus arabischer Prägung. Er stand für einen Arabischen Sozialismus, der sich von einem Sozialismus europäischer oder sowjetischer Ausrichtung abgrenzen wollte. Als ein arabischer Nationalist, Panarabist und ein gläubiger Moslem musste er den Sozialismus arabischen Bedingungen anpassen, z. B. unter anderem den Islam – oder zumindest Elemente des Islams – integrieren. Ein historischer Materialismus oder Atheismus wäre den gläubigen Araberinnen und Arabern nicht zu vermitteln. Nasser hätte sie auch ohne religiöse Momente in seiner Rhetorik niemals für sich gewinnen können. Darüber hinaus war es für Nasser immer noch eine Frage der genuin arabischen Identität, die ohne den Islam nicht zu denken war. Er hatte ja nicht die Briten aus Ägypten vertrieben, um einem Sozialismus sowjetischer bzw. osteuropäischer Prägung Tür und Tor zu öffnen! Er wollte nicht den Kapitalismus des Westens, aber auch nicht den Sozialismus des Ostens. Ein eigener Weg sollte eingeschlagen werden. Ein Sozialismus sollte es dennoch sein – ein eigener: ein arabischer.

In seiner „Charta der gemeinsamen nationalen Aktion“ beschrieb Nasser sein Sozialismus-Verständnis. Darin ist nirgendwo die Rede vom Klassenkampf oder einer Diktatur des Proletariats. Der Zusammenschluss aller Kräfte, aller Klassen, des Landes. Die Charta forderte die Abschaffung von Feudalismus und Monopolen. Also wurden Großgrundbesitz, Banken etc. vom Staat zerschlagen. Von fast allen Großgrundbesitzern wurde Land eingezogen und an Kleinbauern verteilt. Es war aber noch möglich, im Handel oder im Bausektor als Privatperson Eigentum und Vermögen zu akkumulieren. Privatbesitz wurde nicht eingezogen. Grund und Boden wurden nur teilverstaatlicht. Wachstum sollte nicht auf Kosten der Bevölkerung erreicht werden. Allen Bürgern sollte eine Alters- und Krankenversicherung, ein allgemeines Gesundheitswesen und soziale Sicherheit garantiert werden. Man versuchte, gemeinsame Werte zwischen dem Sozialismus und dem Islam hervorzuheben und diese durch Suren aus dem Koran zu unterstreichen.

Nasser und die Muslimbrüder

Die Muslimbrüder hatten zum Sturz des Königs Faruq I. insofern beigetragen, als die dafür benötigten Waffen im Haus eines befreundeten Muslimbruders versteckt worden waren. Entsprechend sorgte Nasser auch dafür, dass sie nach der Machtübernahme an der Bildung einer neuen Ordnung teilhaben konnten. So wurden Anfang 1953 auch drei Muslimbrüder in die Verfassungskommission berufen. Nasser besuchte überdies im Februar 1953 zum vierten Todestag von Hasan al-Bannā, dem Gründer der Muslimbruderschaft, dessen Grab in Kairo.

Doch die Harmonie war nicht von langer Dauer. Am 26. Oktober 1954 feuerte ein Muslimbruder in Alexandria aus nächster Nähe auf Nasser während dessen Rede zur Feier des britischen Militärrückzugs. Nach seiner Rückkehr nach Kairo ließ Nasser die Muslimbruderschaft durch Verhaftungen, Verbannung und Todesstrafen liquidieren. 1962 folgte eine zweite Verhaftungswelle gegen die Muslimbruderschaft. 1966 wurde der wohl bedeutendste ägyptische Ideologe der Muslimbruderschaft, Sayyid Qutb, wegen Teilnahme an einer Verschwörung vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und gehängt.

Nach Nassers Tod

Gamal Abdel Nasser starb drei Jahre nach der verheerenden Niederlage im Sechstagekrieg gegen Israel.

Die Frage, warum Nasser sich 1967 derart in einen panarabischen Wahn und in eine Zerstörungswut gegen Israel hineingesteigert hat, lässt sich sicherlich aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten und erklären. Im Umlauf sind Annahmen, Nasser sei einer Falschinformation der Sowjetunion über israelische Truppenbewegungen aufgesessen oder Nasser habe von der schlechten wirtschaftlichen Lage im eigenen Land ablenken wollen. Jedenfalls war nach der Schmach des panarabischen Feldzugs gegen Israel – acht arabische Staaten waren beteiligt: Ägypten, Syrien, Sudan, Algerien, Saudi Arabien, Jordanien, Irak und Libanon – und der ebenso panarabischen Niederlage der Zauber verflogen, und der Nasserismus schien dem Tode geweiht.

Aber was geschah nach Nassers Tod in Ägypten? Nun, nach seinem Tod nahm der Westen einen neuen und diesmal erfolgreichen Anlauf, seinen Einfluss in Ägypten zu festigen. Mit Anwar as-Sadat fand sich ein Politiker, der gemeinsam mit Jordanien offen für einen bilateralen Frieden mit Israel und auch offen für die wirtschaftliche „Öffnung des Landes“ war, die sogenannte „Infitah“darüber hinaus offen für die Förderung des privaten Sektors und insgesamt offen für eine Liberalisierung der Wirtschaft. Sadat hob alle Restriktionen und Kontrollen auf, die die Aktivitäten des inländischen und des ausländischen Kapitals behinderten. Relativ zügig wurden die unter Nasser aufgestellten staatlichen Mechanismen der Wirtschaftskontrolle abgebaut.

Seit den 70er Jahren schied eine ganze Reihe von Politikern, Offizieren, Spitzenbeamten und Managern aus dem Staatsdienst aus, um in die oberen Etagen des Importgeschäftes zu wechseln. Hochkarätige Vermittlungen und Dienste zwischen Regime und ausländischem Kapital wurden mit Aufsichtsrats- und Repräsentationsämtern in ägyptischen Tochtergesellschaften multinationaler Unternehmen belohnt und veranlassten sogar Spitzenpolitiker dazu (…), aus der Politik auszuscheiden“, schreibt der Politikwissenschaftler und Kenner des Vorderen Orients Peter Pawelka 1985.

Die Folgen der „Infitah“ waren für die unteren Bevölkerungsschichten katastrophal. Schon 1977 erhoben sich Teile der Bevölkerung gegen die Streichung der Brotsubventionen.

Die Religion unter Sadat instrumentalisiert, um den trotz der Katastrophe des Sechstagkrieges weiterhin starken Einfluss Nassers zu brechen. Inhaftierte Muslimbrüder wurden aus den Gefängnissen freigelassen. Jene Muslimbrüder, die sich im Exil befanden, wurden wieder nach Ägypten zurückgeholt. Die Religion und die Muslimbrüder sollten über die Tilgung des Nasser-Einflusses noch eine weitere wichtige Rolle übernehmen.

Die durch die wirtschaftliche Öffnung marginalisierten Schichten wurden empfänglich für islamisch-fundamentalistische Propaganda, sodass Muslimbrüder Zulauf bekamen. Aus der Muslimbruderschaft entwickelte sich mit der Zeit eine Bewegung, die die Proteste der Unterschicht zu kanalisieren wusste und schließlich im Gegensatz zu ihrer Gründungszeit für ein freies Parteiensystem eintrat und selbst zu einer Partei wurde: die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei. Der Vorsitzende dieser Partei, Mohammed Mursi, stellte sich nach dem Sturz von Husni Mubarak bei den Präsidentschaftswahlen als Kandidat auf, wurde Ende Juni 2012 gewählt und Anfang Juli 2013 von General Abdel Fattah as-Sisi gestürzt. As-Sisi ließ sich im Anschluss zum Präsidenten wählen und wähnt sich damit in der glanzvollen Tradition von Gamal Abdel Nasser. Er wird nicht müde zu betonen, wer sein Vorbild ist. Denn er weiß, wie sehr Nasser noch fünfzig Jahre nach seinem Tod von einem sehr großen Teil der ägyptischen Bevölkerung verehrt wird.

Gamal Abdel Nasser, der ägyptische Präsident, der über alle Gesetze seines Landes stand, für den keine Vorschriften galten, der über Krieg und Frieden, Leben und Tod, Innovation und Ideologie bestimmte – faktisch also ein Diktator. In seiner „Charta der gemeinsamen nationalen Aktion“ war die schrittweise Entwicklung der ägyptischen Gesellschaft zur Demokratie angedacht. Die Volksnähe Nassers, sein politischer Erfolg in der Sueskrise, sein Kampf gegen den Einfluss fremder Mächte, der Bau des damals größten Staudammes Afrikas, der Versuch, einen spezifisch arabischen Weg in eine gerechtere Gesellschaftsordnung zu finden, sein Einstehen für die Palästinenser und der Versuch, eine Lösung des Konflikts in der arabischen Einheit zu suchen – kurz: alle Sehnsüchte des ägyptischen, des arabischen Volkes sind in Gamal Abdel Nasser vereint. Ägypten hat Gamal Abdel Nasser den Sechstagekrieg längst verziehen.

https://deutsch.rt.com/der-nahe-osten/107191-nassers-vermachtnis-sehnsucht-nach-arabischer/

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