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Ausland, Naher Osten

Erdogan verlegt islamistische Söldner aus Syrien nach Aserbaidschan

von Nadie Harbie/Eugen Hardt

Nadie Harbie, Mitglied eines syrischen Frauen-Kommando-Bataillons, schrieb der LZ gestern:

„Ich habe einige sensible und nachgewiesene Informationen über die Entsendung von Söldnern aus Syrien nach Aserbaidschan durch die Türkei.

Ich habe mehrere Freunde, die in Gebieten (nördlich der Provinz Aleppo) leben, die von türkischen Streitkräften und von ihnen unterstützten illegalen bewaffneten Gruppen (Terroristen) besetzt sind. Sie kennen einige Männer, die gebeten wurden, sich für 2000 Dollar im Monat am Berg-Karabach-Konflikt zu beteiligen. Sie sagten, das türkische Militär (wahrscheinlich vom militärischen Geheimdienst) habe mehr als 900 Söldner rekrutiert, die zumeist aus der illegalen Syrischen Nationalarmee stammten und an Besatzungsoperationen der türkischen Streitkräfte in Syrien wie Olive Brunch, Euphratschild und in der Deeskalationszone Idlib teilnahmen.

Erstens wurden Terroristen in Gruppen von 200-300 Personen in das Militärlager in der Nähe der türkischen Stadt Kilis an der syrisch-türkischen Grenze geschickt. Dort wurden sie 1-2 Tage lang instruiert und ausgebildet. Dann wurden sie mit Bussen zum Flughafen in der Stadt Gaziantep (nördlich von Kilis) transportiert und mit Flugzeugen nach Aserbaidschan geschickt.

Meine Freunde kennen den Landepunkt leider nicht. Nach der Ankunft in Aserbaidschan wurden die Söldner mit Waffen ausgestattet und in die Uniform der aserbaidschanischen Streitkräfte gesteckt und an die Front in Berg-Karabach geschickt.

Terroristen aus Syrien nehmen an Kämpfen mit der armenischen Armee teil und haben schwere Verluste (Tote und Verletzte) zu beklagen. Ankara und Baku setzen sie bei Kämpfen ein, bis sie getötet werden, denn niemand will sie bezahlen.

Die Türkei täuschte syrische Söldner, half aber Baku, die Kampfhandlungen im Kaukasus im Rahmen der aggressiven türkischen Außenpolitik wieder aufzunehmen. Aserbaidschan versucht zu vermeiden, dass der öffentliche Ärger über die der Führung des Landes wegen der schweren Verluste unter den Soldaten zunimmt. Aus diesem Grund setzt der aserbaidschanische Generalstab syrische Terroristen nur an der Front bei Kampfhandlungen ein. Die Terroristen erleiden Verluste, nicht aber die aserbaidschanischen Soldaten. Gegenwärtig befinden sich alle 900 Söldner in der Region Berg-Karabach.“

Die Lage an der Front am 7. Tag des Krieges

Nachdem Erdogan und die aserbaidschanische Regierung alle Versuche Russlands, der USA und der EU zu einem Waffenstillstand abgelehnt haben, setzt Aserbaidschan seinen Angriffskrieg gegen Berg-Karabach mit voller Kraft und offener Unterstützung der Türkei fort.

Dabei kommt es auf beiden Seiten zu erheblichen Verlusten an Menschen und Material. Die Zahl der Gefallenen liegt auf beiden Seiten bei mehr als 1000. Auf Grund der stark befestigten Stellungen der Armenier in den Bergen gab es bislang keinen aserbaidschanischen Durchbruch mit nennenswerten Gebietsgewinnen. Es entwickelt sich ein Stellungskrieg mit einer Materialschlacht.

Aserbaidschan bereitet den Armeniern vor allem mit israelischen und türkischen Kampfdrohnen Probleme. Deren Einsatz erwies sich bereits in Erdogans aktuellem libyschen Kolonialkrieg als erfolgreich. Auch eine moderne Luftabwehr wie die armenische ist nicht auf einen Angriff mit vergleichweise billigen Drohnen in großer Zahl eingerichtet.

Baku setzt strategisch auf einen Abnutzungskrieg, da es eine viermal größere Armee hat sowie weitaus größere finanzielle Mittel als Armenien. Zudem kann es auf aktive militärische Unterstützung der Türkei zählen. Der Nachschub gelangt durch türkische LKW-Kolonnen über georgisches Gebiet nach Aserbaidschan.

Erdogan hat erklärt, daß die Kämpfe erst dann eingestellt werden, wenn das Kriegsziel erreicht wird, die vollständige Eroberung von Berg-Karabach, das als Teil Aserbaidschans angesehen wird. Auch Aserbaidschans Diktator Aliyev erklärte,  dass Gespräche mit Armenien sinnlos seien. Baku werde kämpfen, bis Berg-Karabach unter aserbaidschanischer Kontrolle stehe.

Die Lage an der politischen Front

Ankara und Baku berufen sich auf das Völkerrecht, demgemäß Berg-Karabach ein Teil Aserbaidschans sei. Zu Zeiten der Sowjetunion war Berg-Karabach ein autonomer Oblast als Teil der aserbaidschanischen Sowjetrepublik. Nach dem Zusammenbruch entwickelte sich 1991 ein Krieg, der 1994 mit der Niederlage Aserbaidschans und den heutigen Grenzen endete. Danach kam es zu einer gegenseitigen Flucht der jeweiligen Minderheiten, sodaß heute so gut wie keine Aserbaidschaner in Berg-Karabach leben und umgekehrt keine Armenier in Aserbaidschan.

Hintergrund ist, daß zwischen beiden Gebieten allergrößte Gegensätze bestehen. In Berg-Karabach leben ethnische Armenier, in Aserbaidschan Turkmenen. Erstere sind christlich, letztere Muslime.

Auf diesem Hintergrund und einer jahrhundertelangen Geschichte von Eroberungen durch muslimische Kurden, Perser, Turkmenen und Osmanen und dem 1805 erfolgten freiwilligen Anschluß an das Zarenreich gab es 1994 erstmals Unabhängigkeit für die Armenier.

Ähnlich wie beim Krimkonflikt, bei dem sich die Ukraine ebenso wie die sie unterstützenden westlichen Imperialisten auf das Völkerrecht beriefen, wird ignoriert, daß die Vorgabe des Völkerrechts, daß einmal vorhandene Grenzen nicht mit Gewalt verändert werden dürfen, dem obersten Prinzip des Völkerrechts untergeordnet ist, dem Menschenrecht auf Selbstbestimmung. Im Falle der Krim war es so, daß sich weit über 90% der Bevölkerung in einer Abstimmung für den Anschluß an Russland aussprachen. Heute sprechen sich in noch größerer Zahl die Einwohner von Berg-Karabach für ihre Unabhängigkeit aus und gegen einen Anschluß an Aserbaidschan, mit dem sie ethnisch, sprachlich, religiös und geschichtlich nichts verbindet. Vergleichbar wäre, wenn heute Deutschland Krieg führen würde zur Rückgewinnung der deutschen Ostgebiete und die Haltung der heute dort lebenden Menschen für irrelevant erklären würde.

Die einzige völkerrechtskonforme Lösung des Konfliktes besteht demnach in einem Referendum der Bevölkerung Berg-Karabachs über seine Zukunft.

Auf Grund der kulturellen Nähe zu Rußland steht ein diplomatisches und sogar militärisches Eingreifen Rußlands im Raume, doch die Lage ist kompliziert. Das wird schon daran ersichtlich, daß Rußland gemeinsam mit den USA und der EU einen Waffenstillstand gefordert haben. Diese Gemeinsamkeit kommt dadurch zustande, daß die westlichen Imperialisten nach ihrer „samtenen“ Farbenrevolution 2018 Armenien als „ihr“ Land ansehen und Rußland umgekehrt kein Interesse an einer Stärkung Armeniens hat.

Auf Grund der starken aserbaidschanischen Minderheit in seinen Nordprovinzen hat der Iran kein Interesse an einer Stärkung von Aserbaidschan und steht wie Russland für die Beibehaltung des Status quo.

Daß es angesichts dieser Interessenübereinstimmung der Großmächte trotzdem zum Angriffskrieg Aserbaidschans kam, liegt an den Bestrebungen Erdogans, das osmanische Imperium wiederzubeleben. Im Südosten hat er den Norden  Syriens besetzt, in Libyen hat er ein Marionettenregime errichet, im Westen eine Änderung der Grenzen gegenüber Griechenland betrieben und nun im Nordosten Aserbaidschan zum heißen Krieg gegen Armenien ermuntert.

Erdogan glaubt sich dies leisten zu können angesichts der Pattsituation der Großmächte. Eine Unterstützung Armeniens würde die eh schon sehr brüchigen Beziehungen Rußlands mit Erdogan ruinieren und dieser könnte seine Besatzungspolitik in Syrien ausweiten.

Darum läßt Russland Erdogan freie Hand unter der Bedingung, daß er nicht mit offiziellen Truppen eingreift. Der russische Oligarch Jewgeni Prigoschin, der zum inneren Zirkel des russischen Präsidenten Wladimir Putin gehört, sagte im Gespräch mit der türkischen Zeitung Aydınlık:

„Solange die Türken die armenische Grenze nicht überschreiten, haben sie das volle Recht, in den Karabach-Konflikt einzugreifen. Armenien und Aserbaidschan hatten seit vielen Jahren die Gelegenheit, die Konflikte in Berg-Karabach zu beenden, so dass Russland sie an den Tisch der Einigung setzte. Nach der Orangenrevolution von 2018, erschien eine sehr große Anzahl amerikanischer NGOs auf dem Territorium Armeniens. Dies ist der Kern des Problems. Die Amerikaner provozieren den Konflikt. Wenn wir über die Haltung der Türken sprechen, können wir nur beneiden, wie schnell und klar Entscheidungen ihrer Regierung getroffen wurden. Es gibt keinen Grund, Erdoğan zu kritisieren, da er keinen Akt der Aggression vollzieht. Was immer er tut, tut er mit dem Ziel, die nationalen Interessen seines Volks zu verteidigen. Das bedeutet, er hat das volle Recht dazu.“

Diese Ermunterung Erdogans ist aber tatsächlich eine Falle. Rußland, Iran, die arabischen Staaten und die westlichen Imperialisten eint das Interesse, Erdogans aggressive Außenpolitik mit dem Ziel territorialer Eroberungen einzudämmen. Durch Wirtschaftssanktionen mit dem Ziel einer immer größeren Schwächung der Lira und der Gewißheit, daß Erdogan durch immer mehr militärische Abenteuer nachhaltig geschwächt wird, wird man Armenien keinesfalls sich selbst überlassen, sondern unter der Hand unterstützen – kurdische und ethnisch-armenische Kämpfer aus Syrien und Libanon sind bereits auf armenischer Seite im Einsatz.

Kurdische und ethnisch-armenische Freiwillige auf dem Flug nach Armenien.

Diskussionen

3 Gedanken zu “Erdogan verlegt islamistische Söldner aus Syrien nach Aserbaidschan

  1. Bitte berichtet darüber, es ist aktuell und sehr wichtig.

    Corona Aktuell: Sind Masken für Kinder gefährlich? (Eugen Janzen)

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    Verfasst von Tina | 5. Oktober 2020, 0:59
  2. Man sollte Öl- und Erdgasvorkommen und den Zugang in die Region nicht vergessen, die strategische Lage des Kaukasus zwischen kaspischem und schwarzem Meer, der Türkei und dem Iran. Ein neuer Krisenherd direkt an der russischen Grenze bedroht direkt russische Sicherheitsinteressen. Der Nordkaukasus ist die Achillesferse Russlands. Für den Kreml war es schon immer schwer, diesen Teil des Staatsgebietes unter Kontrolle zu halten. Das wurde schon in Georgien beim Streit um Alanien, Abchasien und Südossetien klar erkennbar, in Inguschetien und Dagestan sowie in Tschetschenien. Russland hat nicht ohne Grund in Armenien einen Luftwaffenstützpunkt. https://twitter.com/i/status/1310533336515915780
    Wegen der andauernden Aktivitäten in Syrien, der Ukraine und Weisrussland will man wohl kaum auch noch in Armenien mitmischen, Kriege kosten ein Vermögen. In der Vergangenheit nutzte man schwelende Sezessionskonflikte für die eigene Politik, um nicht von anderen Mächten verdrängt zu werden. Die Föderation verwendete die Strategie der eingefrorenen Konflikte: es gibt in Sezessionsgebieten keinen offenen Konflikt, aber auch keinen Frieden. Das wäre nun durch einen offenen Kriegsausbruch gefährdet.
    Die nationalistischen Bewegungen in der Türkei sehen Aserbaidschan als muslimische Brüder und Armenien als türkisches Staatsgebiet, das illegal besetzt wurde. Erdogan sieht das ähnlich: „Wenn Armenien sofort das Gebiet verlässt, das es besetzt, dann wird die Region zu Frieden und Harmonie zurückkehren“ Die offiziellen Gründe der Türkei für die Unterstützung des Krieges sind klar: Einerseits sieht Erdogan das Gebiet als Rückzugsort der kurdischen Miliz PKK. Wie gewohnt zieht der türkische Präsident das Völkerrecht also nur dann heran, wenn es seinen Interessen dient. Auf Zypern und im Mittelmeer-Konflikt wird es von der Türkei konsequent ignoriert. Neben der nationalistischen Komponente befeuert die islamisch-konservative AKP den religiösen Konflikt zwischen Islam und Christentum und vergrössert damit den kulturellen Graben.
    Dabei geht es Erdogan um Macht und Einfluss, wie in Syrien, in Libyen und im Streit um Erdgasvorkommen im Mittelmeer. Das kann sich die Türkei nicht mehr leisten, die Lira ist momentan im freien Fall.
    Militärisch ist der Konflikt um Berg-Karabach nicht zu lösen. Die Türkei verprellt Verbündete und schadet sich selbst wirtschaftlich enorm. Moskau und Ankara müssen die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zwingen, da momentan weiterhin Dörfer zerstört und Zivilisten getötet werden.

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    Verfasst von Igor Strelkov | 4. Oktober 2020, 19:08
    • Ankara soll Aserbaidschan an den Verrhandlungstisch zwingen ? Wo es doch der eigentliche Aggressor ist ! Richtig ist, daß die Großmächte Ankara an den Verhandlungstisch zwingen sollten. Das ist aber aus den beschriebenen Gründen kompliziert. Gegenüber dem Westen kann Erdogan mit einer neuen Migrantenwelle und der Kündigung der Natomitgliedschaft drohen. Gegenüber Russland kann er mit einer weiteren Besetzung Syriens drohen und einer Kündigung der Zusammenarbeit in der Energiefrage. Das ist aber eine höchst gefährliche Schaukelpolitik, denn sein Schwachpunkt ist die Wirtschaft und genau hier erfolgt schon länger der westliche Angriff. Bisher hat sich darum Erdogan im Zweifelsfall Rußland gefügt und sich auf Deals eingelassen, von denen von vornherein feststeht, daß er sie aufkündigt, sobald er eine neue Chance wittert neue Unruhen zu stiften und sein Reich zu vergrößern. Er versteht grundsätzlich nur die Sprache des Ghettos, aus dem er kommt: Gewalt.

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      Verfasst von LZ | 4. Oktober 2020, 19:23

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