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Debatte, Linke Bewegung

Dhoruba bin Wahad, Brief an einen Genossen – Gastbeitrag

von Dhoruba bin Wahad – http://freiesicht.org/

Der Revolutionär Dhoruba bin Wahad, ehemaliges Mitglied der Black Panther Party (BPP) und der Black Liberation Army (BLA)*, wird am dritten Oktober nach Berlin kommen, um einen Vortrag zu halten. Dhoruba war eines der führenden Mitglieder des New Yorker Ortverband der BPP. 1971 wurde er im Rahmen des illegalen FBI Counter Intelligence Program (COINTELPRO) festgenommen. Er verbrachte 19 Jahre in politischer Gefangenschaft, wo er Opfer von Folter wurde.

Im Vorlauf zu seinem Vortrag wurden wir gebeten, Auszüge aus dem folgenden Brief zu veröffentlichen, den Dhoruba an seinen Genossen Abdul Majid geschrieben hat. Der Brief war die letzte Kommunikation zwischen den beiden, denn Abdul verstarb nach 33 Jahren in politischer Gefangenschaft durch mangelnde medizinische Versorgung am 3. April 2016 im Elmira Prison in New York.

In dem Brief geht Dhoruba auf die Probleme mit reformistischer und identitätsbasierter Politik ein und zeigt auf, warum sie einen Widerspruch zu revolutionärer Politik und vor allem dem von ihm befürwortetem revolutionären Pan-Afrikanismus, darstellen. Er erklärt, was es bedeutet, die Polizei in ihrer jetzigen Form und Funktion abzuschaffen und plädiert für Basisarbeit innerhalb der Communities, um das Ziel der politischen Selbstverwaltung zu erreichen. Wie die BPP zu ihrer Zeit, befürwortet er den gemeinsamen Kampf und Organisierung linker revolutionären Kräfte unterschiedlicher Herkunft, die sich in ihrer Politik und Haltung gegen die herrschende Klasse jeglicher Herkunft richtet.

As-salaamu alaikum Abdul:

Ich glaube du weißt, dass die Dinge, auf die du mich in deinen letzten Briefen aufmerksam machen wolltest, nicht wirklich Teil einer öffentlichen Debatte sind. Um es kurz zu sagen, Abdul, wir müssen diese neue Welle der Unzufriedenheit nutzen, um eine neue abolitionistische Bewegung auf den Weg zu bringen, die an jedem Punkt in der Lage ist das Konzept des Reformismus, als einen Weg der bedeutende Veränderungen in Amerikas Innen- und Außenpolitik herbeiführen kann, in Frage zu stellen.

Um in der Lage zu sein den „demokratischen Faschismus“, der diesem System zu Grunde liegt, zu dekonstruieren, müssen wir die erbärmlichen demokratischen Mittel, die unseren Leuten zur Verfügung stehen, einsetzen. Es ist die politische Macht der Polizei, die ersetzt werden muss durch die politische Macht der Menschen in marginalisierten und entrechteten Communities. Die wenigen Mittel die zur Verfügung stehen, um dieses Ziel zu erreichen, werden immer weniger. Damit meine ich lokale Mobilisierung der Menschen aus den Communties, gekoppelt an Kampagnen zur Dezentralisierung der öffentlichen Sicherheit und unter Leitung der Communities.

Wie du weißt, haben wir als Black Panther Partei damals 1968 ein Referendum zur gemeinschaftlichen Kontrolle und Leitung der Polizei durch die Community vorgeschlagen. Es war auch diese Position der Partei, zusammen mit ihrer Klassenanalyse, die dazu geführt hat, dass wir zur Formierung einer Einheitsfront gegen den Faschismus aufgerufen haben [Das bedeutete für die BPP die gemeinsame Organisierung mit weißen, lateinamerikanischen, asiatischen und anderen revolutionären linken Gruppen-Anm. d. Redaktion].

Das hat dazu geführt, dass wir in weniger als 8 Monaten auf die Liste der Top-Ziele des COINTELPRO des FBI gesetzt wurden. Es waren diese Positionen und der Versuch der gemeinschaftlichen Organisierung der neuen linken Bewegung unter radikaler Schwarzer Führung – nicht das kostenlose Frühstücksprogramm oder die kostenlosen medizinischen Kliniken für die Community -, die uns schlussendlich zur Zielscheibe gemacht haben.

Unsere kostenlosen Frühstücks- und Gesundheitsprogramme konnten nur von bewaffneten Agenten des Staates angegriffen werden, weil es eine öffentliche, medial manipulierte Schmutzkampagne gegen uns gab, die unsere Außenwahrnehmung beschädigte. Ein Prozess der eifrig von sozialchauvinistischen Schwarzen, Geistlichen, Schwarzen Professionals und engstirnigen Schwarzen „kulturellen“ Nationalisten (für die der Anteil von Melanin in der Haut wichtiger war als die politische Haltung einer Person) unterstützt wurde.

Das Endresultat war, dass die BPP die Wandlung von einer Position der bloßen Selbstverteidigung gegen rassistische Angriffe zu einer proaktiven Selbstverteidigung gegen rassistische, staatliche Repression durchlaufen hat. Die Black Liberation Army, auch wenn sie ursprünglich die aktivistische Antwort auf die gewaltvolle Repression des Staates und des Terrorismus durch die Polizei war, wurde nicht grundsätzlich unterstützt.  Das lag an den Klassenwidersprüchen, die sich innerhalb der Bürgerrechtsbewegung und der Black Power Befreiungsbewegung herausgebildet hatten, die sich beide schlussendlich der „politischen Mitte“ annäherten und ausschließlich Reformismus anstrebten. Das bedeutet zum Beispiel „Black Faces in high places“ [also Repräsentationspolitik – Anm. d. Redaktion] innerhalb eines rassistischen Systems als Strategie zu bevorzugen, anstatt sich der schwierigen Aufgabe anzunehmen unabhängige politische Leitung der Institutionen, die unser Leben beeinflussen, aufzubauen, allen voran die Kontrolle und Leitung der Bürger*innen über die bewaffneten Agenten des Staates.

Es waren die Ängste einer Klasse von bourgeoisen Schwarzen Anführer*innen, die durch das Repressionschaos der späten 60er-Jahre hervorgerufen wurden (ein Chaos, das durch liberale Reformen und dem „War on Poverty“ noch verstärkt wurden), welche dazu geführt haben, dass das was 1970 von einer radikalen Bewegung übrig geblieben war, selbst die oberflächliche Anerkennung unseres Rechts auf Selbstverteidigung aufgab.

Schlussendlich, sollte das dazu führen, dass die „bewaffnete Front“ aufgegeben wurde und frisch gebackene Schwarze Amtsträger*innen und Community Aktivist*innen erschienen, von denen viele den trügerischen „War on Drugs“ befürworteten. Dieser „War on Drugs“ sollte die Militarisierung der Strafverfolgungsbehörden verschleiern und deren rassistischen Ansatz zur polizeilichen Überwachung in Amerika institutionalisieren: Stop and Frisk [polizeiliche Kontrollmaßnahme, bei der ein Verdächtiger angehalten und durchsucht wird- Anm. der Redaktion], patrouillieren der Nachbarschaften, Durchsuchungen und Beschlagnahmungen ohne Beschlüsse und natürlich Polizeimorde an Schwarzen Menschen. Darauf folgten Masseninhaftierung, ganz so wie die Nacht dem Tage folgt. Diese Leute waren bereits auf ihren Posten, als die Knäste mit Schwarzen und Latinos gefüllt wurden. Es sind nämlich die selben Schwarzen „Anführer*innen“, die damals den War on Drugs mit Jubel angeführt haben und heute so tun, als ob Masseninhaftierung von Schwarzen und Latinos ohne ihren Opportunismus, ihrem stillschweigenden Einverständnis sowie ihrem Misstrauen gegenüber den unteren Klassen überhaupt möglich gewesen wäre.

Der Grund, warum ich dir das alles hier aufbringe, ist, um dir die bedauerliche Lage der Dinge hier draußen darzulegen, nämlich die komplette und völlige Unterwürfigkeit der Afro-Amerikaner*innen gegenüber den Interessen des amerikanischen Imperiums, ganz besonders unter der politischen Führung eines Schwarzen Präsidenten.

Menschen mobilisieren und Bündnisse schmieden sowie Unterstützer*innen und Netzwerke zu schaffen, die eine einzige gemeinsame strategische Vision und Agenda haben und das herrschende System bekämpfen, scheint außerhalb der Kapazitäten der meisten Aktivist*innen in diesem Land zu sein. In der Tat, Abdul, die allgemeine Wut über die sich zeigenden Ungerechtigkeiten, von dem Martin-Urteil über den Angriff auf die Wahlrechte von Schwarzen bis hin zu „racial profiling“ scheint sich einzig und allein in irreführenden „legalistischen“ Kämpfen zu entleeren, die das Problem auf einen Kampf zwischen guten und bösen Bullen oder Demokraten und Republikanern reduzieren.

Es sind einzig und allein die Schwarze Bourgeoisie und die Schwarzen Pop Kultur Gangster zusammen mit ihren Bürokraten, die den Zugang zur Unterstützung  von Unternehmen und dem politischen Apparat haben. Wir wissen, dass die keine Steine schmeißen werden, aber vielleicht haben sie ja wenigstens genug Herz, um tatsächlich wie Gangster zu denken. Sie erwähnen nicht mit einem Wort die rassistischen, amerikanischen, zionistischen Wachhunde, die im Stillen Schwarze Anführer*innen unter Druck setzen und delegitimieren und sich progressive Politik fälschlicherweise aneignen und dich dann „antisemitisch“ oder einen „Schwarzen Nazi“ nennen. Es gibt im revolutionären Pan-Afrikanismus keinen Platz, um Schwarze Opportunisten durchzufüttern. Das ist es, was geändert werden muss.

Zu keinem bisherigen Zeitpunkt war die illegale rassistische Repression und Polizeigewalt offensichtlicher und beweisbarer als heute. Und trotzdem sind die Opfer und Ziele dieser Repression machtloser als je zuvor.  Eine gänzlich neue Art der „Gate-Keeper“ sind  glatzköpfige Politiker, die wie Cory Booker aussehen und Namen wie Jamel oder Malik tragen und als Strohmänner für die Verankerung von Geschäftsinteressen sorgen, die seit Jahrzehnten die Leute in der Hood eingepfercht haben. Gentrifizierung durch bezirkliche und staatliche Vertragsvergaben- all das während diese, vielleicht „fehlgeleiteten“, verantwortlichen Anführer*innen die Frustration und Unzufriedenheit der Communities in persönliches politisches Kapital, ja sogar Berühmtheit, umgewandelt haben.

So ein Aufgebot an reaktionären politische Kräften gibt es nicht nur hier. Ich habe die letzten 14 Jahre in Afrika gelebt und ich versichere dir, die Verbindungen zwischen der Diaspora, Afrika und der US-Strategie, besonders zwischen Expats und dem US-Imperium reflektiert die Beschaffenheit des afro-zentrischen Bewusstseins. Einfach gesagt, Schwarze Kapitalist*innen und die elitäre philanthropische Missionen des Mitleids stehen für einen Konter-Pan-Afrikanismus, in dem Brücken zwischen der amerikanischen und der afrikanischen Business Community gemacht werden und eine Reflektion Afrikas Korrupter politischer Elite und Bourgeoisie sind, anstatt eine ideologische Position darzustellen. Es gibt wenig Anerkennung für diesen Klassengegensatz, weil er von afro-zentrischer kultureller Identifikation verschleiert ist.

Die Heuchelei der USA und Europas, die Afrikas Eliten auffordern, ihre Länder zu entwickeln und zu demokratisieren, während sie stufenweise nicht-militärische internationale Hilfen kürzen und Waffen- sowie Militärtrainings für die Armeen des Kontinents erhöhen, ist etwas, das die meisten Afro-Amerikaner, weder die Pan-Afrikanisten, die sich mit der heutigen afrikanischen herrschenden Klasse solidarisieren, noch jene, die in öffentliche Ämter gewählt wurden, wahrhaben wollen. Der Mangel an offener Opposition zur US Militarisierung Afrikas, besonders unter der Obama-Administration ist nicht entschuldbar und der unkritischen und prinzipienlosen Unterstützung des Obama-Regimes durch Afro-Amerikaner zuzuschreiben.

Vielleicht kannst du meine Sichtweise wertschätzen. Bis nicht politischer Einfluss und die Macht über öffentlichen Sicherheit unter die Leitung der Community hergestellt ist, wird es nur schwer erreichbar sein, dich und andere zu befreien. Natürlich können wir es schaffen, aber dazu braucht es Ressourcen, sowie klare prinzipientreue Politik und eine stichhaltige Analyse.

Ich hoffe dich bei meinem nächsten Besuch in New York zu sehen.

Ma’salaam

DBW

#Titelbild: https://www.dhorubabinwahad.com/

*Die Black Liberation Army war eine Abspaltung der BPP, die sich aus der New Yorker Ortsverband heraus gründet hatte. Die zunehmend reformistische Richtung, die von der BPP nach 1970 eingeschlagen wurde, bedeutete unter anderem, dass die Parteiführung  sich ausschließlich auf den Wahlkampf für politische Posten innerhalb des bestehenden politischen Systems beschränken wollte und den bewaffneten Kampf und Selbstvertreidigungspolitik aufgab um die liberale Unterstützer*innenschaft nicht zu verlieren. Dieser Richtungswechsel wurde von vielen Mitgliedern nicht mitgetragen, besonders den Mitglieder des New Yorker Ortsverbandes, die den bewaffneten Kampf weiterhin für eine Notwendigkeit hielten und sich deswegen 1970 entschieden in den Untergrund zu gehen

Quelle: https://lowerclassmag.com/2020/09/25/dhoruba-bin-wahad-brief-an-einen-genossen/

Dhoruba bin Wahad, Brief an einen Genossen – Gastbeitrag

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