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Ausland, Naher Osten

Frankreich will dem türkischen Einfluss im Nahen Osten entgegenwirken, indem es im Libanon Fuss fasst

von Paul Antonopoulos – http://www.antikrieg.com

Erneute französische Interessen im Libanon sind ein Versuch, Einfluss auf ehemalige Kolonien zurückzugewinnen

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat den Libanon zum zweiten Mal innerhalb von weniger als einem Monat nach den schrecklichen Explosionen, die den Hafenvon Beirut zerstört haben, besucht. Macron besuchte den Libanon erstmals am 6. August, zwei Tage nachdem ein Lagerhaus mit 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat explodiert war, bei dem 190 Menschen getötet, weitere 6.500 verletzt und 300.000 Bürger obdachlos wurden. Die Detonation, eine der größten nichtnuklearen Explosionen der Geschichte, ist unbestreitbar das Ergebnis von Korruption, Gier und der Inkompetenz von Politikern, die im Libanon zu einem endemischen Problem geworden ist. Die Explosion hat den Zusammenbruch der libanesischen Wirtschaft nur noch verschlimmert.

Die Höhe der durch die Explosionen verursachten Sachschäden schwankt zwischen 3,8 und 4,6 Milliarden Dollar, während der wirtschaftliche Schaden nach einer Schätzung der Weltbank zwischen 2,9 und 3,5 Milliarden Dollar liegt. Insgesamt kamen dem Libanon insgesamt 6,7 bis 8,1 Milliarden $ abhanden. Dies in einem winzigen Land mit nur wenigen Millionen Bürgern, die bereits wirtschaftlich leiden.

Nach der Landung am 31. August traf Macron die legendäre Schauspielerin und Sängerin Fairuz, eine Christin, die eine der wenigen libanesischen Persönlichkeiten ist, die von den verschiedenen Glaubensrichtungen im Libanon bewundert wird. Offiziell lag der Zweck des Besuchs des französischen Staatsoberhauptes auf der Hand: er sollte sicherstellen, dass die Voraussetzungen für die Bildung einer neuen Regierung geschaffen werden, die in der Lage ist, die wesentlichen Aufgaben des Wiederaufbaus und der Reformen im Libanon zu erfüllen. Dringend erforderlich sind Veränderungen im Elektrizitäts- und Bankensektor sowie auf dem öffentlichen Markt, der derzeit zu undurchsichtig ist, was Unregelmäßigkeiten begünstigt. Um zu sehen, wie dringend diese Veränderungen erforderlich sind, sollte man bedenken, dass Beirut noch nicht über eine 24-Stunden-Stromversorgung für seine Einwohner verfügt.

Macrons gegenüber der Presse erklärtes Ziel ist es, zu verhindern, dass der Libanon „in die Hände der Widerwärtigkeit der Regionalmächte“ fällt und das Land in einen neuen Bürgerkrieg gerät. Dies wird sich als schwierig erweisen, da regionale Mächte wie die Türkei, Saudi-Arabien und der Iran um Einfluss im Libanon konkurrieren. Obwohl die sunnitischen Muslime auf türkische und saudische Schirmherren zurückgreifen können, während die Schiiten iranische Schirmherrschaft haben, haben die Christen im Libanon, die von der Verfassung her immer die Präsidentschaft innehaben, keine solche staatliche Unterstützung wie ihre muslimischen Amtskollegen. Und genau das ist es, was Macron ausnutzen kann.

Das unerklärte Ziel ist es, den Transformationsprozess zu kontrollieren und folglich der Instandsetzer des Libanon zu sein, um einen wichtigen Brückenkopf zu erhalten, der seine politischen und kommerziellen Interessen garantiert, nicht nur im östlichen Mittelmeerraum, sondern auch im Nahen Osten. Eigentlich geht es Frankreichs Kampf darum, dort seine privilegierte Rolle als ehemalige Kolonialmacht zu behalten, die eine Quelle der Kritik an Paris ist, die aber von den wichtigsten christlichen Kräften im Libanon gut aufgenommen wird, die behaupten, dass sie nicht nur unter einer wirtschaftlichen und politischen Krise leiden, sondern auch unter einer existenziellen.

„Menschen im Libanon, ihr seid wie Brüder für die Franzosen. Ich habe es euch versprochen: Ich werde nach Beirut zurückkehren, um eine Bilanz der Nothilfe zu ziehen und euch dabei zu helfen, die Voraussetzungen für Wiederaufbau und Stabilität zu schaffen“, twitterte Macron am Dienstag.

Die kommenden Wochen werden entscheidend für Reformen in der libanesischen Politik sein, und es bleibt abzuwarten, inwieweit Macron diese kritischen, aber ständig verzögerten Notwendigkeiten beeinflussen kann. Als ehemalige Kolonialmacht, und sei es auch nur für ein paar Jahrzehnte, fühlt sich Frankreich berechtigt, seinen Einfluss auf den Libanon auszudehnen. Da Frankreich auf dem Weg zu einer größeren Unabhängigkeit in seiner Außenpolitik ist, sich weiter von den Interessen Washingtons und Berlins entfernt und Ambitionen hat, eine stärkere Macht zu werden, als es ohnehin schon ist, versucht Macron, die ehemaligen Kolonien Frankreichs als seine Einflusssphären zurückzuerobern. Dies geschieht vor allem in Afrika, wo es derzeit die Versuche der Türkei herausfordert, ihre Interessen auszubauen. Frankreich befindet sich jetzt in der Offensive, um den französisch-türkischen Kampf in eine neue Arena, den Nahen Osten, zu bringen.

Indem Makron im Libanon Fuß fasst, kann er türkische Versuche schwächen, zum Torwächter der sunnitischen Hochburg im Nordlibanon zu werden, und gleichzeitig seinen Einfluss auf das benachbarte Syrien, ebenfalls eine ehemalige französische Kolonie, ausdehnen. Vom Libanon aus kann Macron seine Macht dann auch weiter in den östlichen Mittelmeerraum hinein projizieren, wo Frankreich derzeit Griechenland und Zypern gegen das maximalistische Verhalten der Türkei unterstützt. Macrons Interessen im Nahen Osten beschränken sich jedoch nicht nur auf seine ehemaligen Kolonien, sondern dehnen sich auch auf den Irak aus. Nach dem Libanon besuchte Macron am Mittwoch Bagdad. In Bagdad erklärte Macron angesichts der illegalen Militärintervention der Türkei im Norden des Landes, bei der kürzlich irakische Soldaten getötet wurden, seine volle Unterstützung für die irakische Souveränität.

Obwohl französische und türkische Interessen im östlichen Mittelmeerraum und in Afrika aufeinanderprallen, indem Macron zum Torwächter des Libanon wird, erweitert der französische Präsident den Einfluss seines Landes und fordert den türkischen Expansionismus in einer neuen Arena heraus – dem Nahen Osten … aber alles beginnt im Libanon.

erschienen am 4. September 2020 auf > Antiwar.com Artikel

http://www.antikrieg.com/aktuell/2020_09_06_frankreich.htm

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