//
du liest...
Ausland, Russland

Lehrstück „Charité“ im Fall Nawalny – das Aha-Erlebnis der Russen

von https://de.sputniknews.com

Ein russischer General sagte einst: „Es spielt keine Rolle, welche Farbe unsere Haut hat und wie unsere Augen geformt sind. Für die Gegner sind wir alle einfach nur Russen.“ Wie zutreffend diese Bemerkung ist, zeigt gerade der jetzige Trubel um den Aktivisten Nawalny.

Die Behauptung, der Kreml habe etwas mit der Vergiftung von Alexej Nawalny zu tun, ist laut dem Sprecher des russischen Präsidenten derart inhaltlos, dass man sie nicht ernst nehmen kann. Eine Erklärung, wie man sie von Dmitri Peskow sicherlich nicht anders erwartet hatte. Doch dieser Fall hebt sich von den ähnlich gestrickten Skandalen der jüngsten Vergangenheit ab.

Das Ärzteteam der Berliner Charité sieht die Ursache für den gesundheitlichen Zustand von Alexej Nawalny bekanntlich in einer „Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer“. Darauf würden die klinischen Befunde hinweisen, heißt es in der offiziellen Erklärung der Ärzte. Welche Substanz es genau war, die den russischen Aktivisten vergiftet haben soll, wissen die deutschen Mediziner noch nicht: Die Untersuchung läuft.

Die Erklärung des Ärzteteams hat bisher vor allem zwei Folgen. Die eine ist eine Flut wilder Spekulationen in den Medien und sozialen Netzwerken, was daran liegt, dass die „Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer“ eine sehr weitgefasste Gruppe ist.

Dazu zählen Medikamente gegen eine Fülle von Erkrankungen und Beschwerden wie Alzheimer, postoperative Darmparese oder Überdosis Kokain. Auch Phosphordünger, Haushaltschemie und Insektizide gehören zu der Gruppe – sowie das Nervengift „Nowitschok“: derselbe Giftstoff, mit dem laut britischen Geheimdiensten 2018 angeblich die Skripals vergiftet wurden. Wen soll es also wundern, dass Politiker, Blogger und wütige Bürger bei diesem Sachverhalt über Nacht zu Spezialisten für Biochemie, Medizin und Kriminalistik geworden sind?

Die zweite – und ebenfalls nicht unerwartete – Folge des Charité-Befunds ist die fordernde Haltung, die manche europäische Politiker gegenüber Russland eingenommen haben. Allerdings sind die verlautbarten Vorwürfe dieses Mal in der Auslegung dehnbarer als bisher üblich: Das abgedroschene „höchstwahrscheinlich“ in den Schuldbegründungen ist durch findigere Gedankengebilde ersetzt worden.

So ließ die Führung der EU durch ihren Hohen Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell verlauten, man verurteile „das, was aussieht wie ein Anschlag auf Herrn Nawalny“ und fordere die „Schuldigen“ zur Rechenschaft. Die Erklärung ist eine Glanzleistung der diplomatischen Gewieftheit, schließlich muss „das, was aussieht wie ein Anschlag“ noch lange kein Anschlag sein, trotzdem ist Moskau irgendwie in der Position, den angeblichen Mordversuch an einem Oppositionellen erklären zu müssen.

Ähnlich hat sich Deutschland verhalten: Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Maas haben die Regierungsbehörden in Moskau aufgefordert, die Tat „bis ins Letzte“ aufzuklären, die Verantwortlichen zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen. Nicht untergehen soll dabei jedoch die Äußerung des Regierungssprechers Steffen Seibert, wonach nur eine „gewisse Wahrscheinlichkeit“ bestehe, dass der Gesundheitszustand Herrn Nawalnys auf einen Anschlag zurückzuführen sei. Immerhin: Es ist kein höchst-, sondern ein irgendwie wahrscheinlich.

Man könnte den ganzen Vorgang gelassen nehmen: Die im Westen geführte Liste „russischer Verbrechen“ ist um eine Untat erweitert worden. Na und? Geschieht nicht zum ersten und ganz bestimmt nicht zum letzten Mal. Der russische Staat, die Sicherheitsbehörden, der Kreml müssten doch eigentlich schon immun sein gegen leere Anschuldigungen.

Doch das Schlimme liegt woanders. Unter Beschuss gerät diesmal nämlich nicht die russische Führung, sondern das russische Medizinpersonal: die Ärzte, die Alexej Nawalny ins Leben zurückgeholt und seinen Zustand soweit stabilisiert haben, dass er nach Deutschland ausgeflogen werden konnte.

Seit fast einer Woche zieht man diese Menschen durch den tiefsten Dreck. Erst dafür, dass sie ihre Arbeit erledigten und dabei die ärztliche Schweigepflicht wahrten, indem sie die Öffentlichkeit nicht allstündlich über den Zustand des Aktivisten informierten. Dann für alles Mögliche.

Gleichwohl zeigen die Aufgebrachten volles Verständnis dafür, dass die Ärzte in der deutschen Charité ihre Schweigepflicht genauso ernstnehmen wie die russischen Kollegen. Verständnis haben die Kritiker auch für die Verzögerung beim Lufttransport Nawalnys nach Berlin aufgrund einer Erholungspause der Piloten. Auch das Ausbleiben von Informationen über den Zustand des russischen Aktivisten am Wochenende nahmen die Aufgebrachten verständnisvoll hin.

Endgültig als Bestien stehen die russischen Ärzte jetzt, nach dem Charité-Befund da: Entweder seien sie berufsunfähig, weil sie eine Vergiftung mit einem Cholinesterase-Hemmer nicht erkannt hätten – oder sie seien Verbrecher, weil sie versucht hätten, einen Mordanschlag zu verheimlichen.

Die Stimme der Ratio zählt dabei nicht:

–  dass eine Vergiftung dieser Art zu starke Anzeichen habe, als dass ein Toxikologe sie übersehen könne;

– dass die russischen Ärzte die niedrigen Cholinesterase-Werte bei Nawalny schon in den ersten Stunden diagnostiziert hätten;

– dass sie diese Möglichkeit geprüft und verworfen hätten;

– dass mit der Rettung Nawalnys sowohl Ärzte aus Omsk als auch renommierte und integre, aus der russischen Hauptstadt herbeigeeilte Spezialisten beschäftigt gewesen seien.

Noch weniger zählt in dem lauten Stimmengewirr das Ergebnis der ärztlichen Anstrengungen: nämlich, dass Nawalny lebt.

Man kann davon ausgehen, dass die russischen Mediziner, die Nawalny gerettet haben, die unterschiedlichsten politischen Positionen vertreten. Nicht ausgeschlossen ist, dass Nawalny-Anhänger unter ihnen sind. Dennoch geraten sie alle unter die großen Räder westlicher Kritik, entweder als Mittäter oder als mundtote Handlanger des Kremls. Für die Menschen in Russland ist dies eine schmerzliche Lektion. Was auch immer sie tun, welche Überzeugungen auch immer sie teilen: Für die Gegner im Westen bleiben sie „einfach nur die Russen“, die man ohne Weiteres opfern kann – politisch, beruflich, substanziell.

https://de.sputniknews.com/kommentare/20200826327801879-lehrstueck-charit-im-fall-nawalny–das-aha-erlebnis-der-russen/

Diskussionen

3 Gedanken zu “Lehrstück „Charité“ im Fall Nawalny – das Aha-Erlebnis der Russen

  1. Das schlimme aus meiner Sicht als ehemaliger DDR Bürger, ohne in Nostalgie zu verfallen, daß das Vorzeigekrankenhaus der DDR jetzt für ihre Russlandhetze missbraucht wird. Ich finds gut und auch etwas erstaunlich das auch heute noch das bekannteste in Deutschland ist, aber das ist nochmal so wie ein Tritt vors Schienbein.

    Liken

    Verfasst von Max | 10. Oktober 2020, 13:38
  2. Was ist los? Seit gestern brüllendes Schweigen im deutschen Blätterwald, die Funkmedien haben ihre Kameras und Mikrofone wieder in ihre Koffer gepackt. Was bleibt übrig vom medielaen russophoben Hype? Die BRD-Regierung und ihre russophoben Kumpane haben einen kranken, rechtsnationalistischen, russischen Krakeeler ins Land geholt und das Geschehen um diesen Möchtergern-Faschisten bewußt, medial gegen den deutschen „Urfeind Russland“ ausgeschlachtet. Die größten Hohlköpfe der deutschen Politik-„Elite“ (und davon gibt es viele) haben sofort wütend Sanktionen gefordert. Die regierungskonformen Medien (ÖR) haben ausnahmslos spekulativ und boshaft gegen Russland berichtet. Die Methodik dieser „Berichtserstattung“ ist bekannt von Skribal, MH17, es lebe der Konjunktiv mit „hätte, könnte, würde, vielleicht, üblicherweise“. Vor dem Urteil kommt das Vorurteil. Die russischen Ärzte wurden geschmäht und verächtlich gemacht und Putin sowieso. Der Kreml ist wieder mal die Inkarnation des Bösen. Wie dereinst im deutschen Kaiserreich, auch im Faschismus, immer schon in den USA und propagandistisch in der Tradition eines Adenauers auch in der Bundesrepublik. Wie geht es weiter, ich wage eine Prognose („Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“). Sie werden kein Gift finden, sie werden aber fordern den „Vergifter“ zu bestrafen. „Den Russen oder Putin oder den Kreml“ werden diese russophoben Polit-Ekel als besonders heimtückisch darstellen. Begründung: Er hat vergiftet hat ohne ausreichende Beweise für die selbsternannten „Menschenrechtler des Wertewestens“ zu liefern. Das ist dann typisch russisch eben, das macht der KGB immer schon so…genau wie bei den Skribals oder MH17. Da gibt es ja auch keine belastbaren Beweise für eine russische Täterschaft und deshalb konnte es nur der „Russe“ sein, die Geheimdienste des Westens sind natürlich zu doof dafür. Und wenn der „Russe“ es wagt sich über diese Hetze zu beschweren, dann ist das Kreml-Propaganda, wie beim „Fall Lisa“. Soweit meine Prognose…wenn die übrigens ein Gift gefunden hätten und nicht nur eine „Vergiftung“ (die auch unbeabsichtigt selbst verschuldet sein kann) wir hätten es sofort erfahren…hoffentlich war es nicht Covid19…dann muss der deutsche Michel im Namen der „teutschen Volksgesundheit“ auch noch in luftdichten Schutzanzügen zum ALDI marschieren.

    Liken

    Verfasst von Der Linke | 27. August 2020, 9:17
  3. So wie es die bestellte afrikanische Migrantenwellen gibt, erleben wir ständig die Vergiftungswelle, nur um das Volk gegen RUS aufzuhetzen, gell?

    Liken

    Verfasst von reinertiroch | 27. August 2020, 8:35

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Archiv

%d Bloggern gefällt das: