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Asien, Ausland

China gelingt Neustart der Wirtschaft – Westen weiter im Corona-Krisen-Chaos

von Fred Schmid – https://einarschlereth.blogspot.com

Noch nie ist die bundesdeutsche Wirtschaft so stark eingebrochen wie im zweiten Quartal diesen Jahres. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiel um 10,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Die USA befinden sich im schwersten Wirtschaftsabschwung seit der Großen Depression in den 1930er Jahren. Von April bis einschließlich Juni schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt aufs Jahr hochgerechnet um 32,9 Prozent, die Arbeitslosenzahlen explodieren. Dem gegenüber ist die chinesische Wirtschaft im zweiten Quartal auf den Wachstumspfad zurückgekehrt, nach dem historischen Einbruch von -6,8 Prozent im vorhergehenden Vierteljahr. Eine Analyse von Fred Schmid (isw):

Das hatten die Peking-Astrologen nicht auf ihren Wahrsage-Kristall-Kugeln: Die Rückkehr der chinesischen Wirtschaft auf den Wachstumspfad bereits im zweiten Quartal, nach dem historischen Einbruch von – 6,8 Prozent im vorhergehenden Vierteljahr. Die meisten prophezeiten stattdessen, auf das Jahr bezogen, eine wirtschaftliche Rezession; die erste seit Maos Todesjahr 1976. Damals war die chinesische Wirtschaftsleistung um 5,5 Prozent zurückgegangen, auf ein BIP von 154 Milliarden Dollar. Seither folgten 43 Jahre ununterbrochenen Wachstums, mit Raten im Durchschnitt von neun Prozent. Die chinesische Wirtschaft war 2019 mit 14.140 Milliarden Dollar 92-mal so stark wie 1976. Und es sieht so aus, dass China auch 2020 trotz Corona-Krise ein Wachstumsland bleibt – das einzige, wie der IWF in seinem World Economic Outlook vom Juni herausstellt. Der IWF schätzt Chinas Wachstum für 2020 auf 1 Prozent; nach dem 3,2%-Zuwachs im zweiten Quartal (gegenüber Vorjahr) gehen neuere Schätzungen von zwei bis drei Prozent Ganzjahreswachstum aus – trotz eines Rückgangs des Wachstums von 1,6 Prozent im ersten Halbjahr.

China hat damit nach einem steilen Absturz zu Beginn des Jahres einen ebenso rasanten Aufstieg hingelegt, gewissermaßen einen perfekten V- Aufschwung. Westliche China-Korrespondenten versuchen das jetzt kleinzureden, suchen nach „Schattenseiten“ und ziehen die Zahlen in Zweifel: „Unglaubliche Erholung“ schreibt die SZ doppeldeutig[1]. Sie alle wollen nicht wahrhaben, dass eine staatlich gelenkte Planwirtschaft vielleicht besser mit Krisensituationen zurechtkommt, als die vorgeblich so elastische und reaktionsschnelle Marktwirtschaft – die jedoch den Entwicklungen im Wesentlichen hinterherhinkt, „post festum“ reagiert.

Zum chinesischen Erfolg beigetragen hat das konsequente, wenn auch rigide, Pandemie-Krisenmanagement. Lockdown und Shutdown wurden erst gelockert, als man das Virus im Griff hatte. Tian Yun, stellvertretender Direktor der Beijing Economic Operation Association: Die Lehre sei, dass man erst einen gewissen Preis zahlen müsse, um das Virus unter Kontrolle zu bringen, und erst dann die Wirtschaft mit Konjunkturmaßnahmen stützen könne.[2] Und Dan Wang, von der Chinese Academy of Sciences in Beijing: Als in Beijing im Juni eine zweite Welle drohte – Lebensmittelmarkt Wangfujing – setzte bei nur 300 Neuinfektionen im Juni die Stadtregierung ganze Stadtviertel unter Quarantäne, schloss Schulen und Transportwege. „Das Signal ist klar: Das Virus einzudämmen ist wichtiger als das Wirtschaftswachstum“.[3] People First!

Nicht nur China, alle südostasiatischen Länder verhalten sich – in Variationen – ähnlich konsequent wie China. Sie alle haben ihre Lehren aus der SARS-Pandemie 2002/03 gezogen, die sich auf Ostasien konzentrierte, obwohl es dabei „nur“ 774 Todesfälle gab; bei Covid-19 sind inzwischen 624.000 Opfer (23.7.) zu beklagen. Sie haben den Vorlauf durch China/Hubei-Wuhan genutzt und schnelle Maßnahmen zur Isolation und Quarantäne von Kontaktpersonen ergriffen. „Vietnam und andere ASEAN-Staaten wendeten konsequent das „Rapid Case Contact Management an, das bereits in der chinesischen Provinz Hubei erfolgreich praktiziert wurde“, schreibt Stefan Kühner von der Freundschaftsgesellschaft Vietnam.[4] Ein Vergleich der Fallzahlen zeigt himmelhohe bzw. abgrundtiefe Unterschiede zwischen Asien und dem Abendland, zwischen ASEAN und EU auf.

Corona-Fallzahlen ASEAN – EU

ASEAN:
Wirtschaftsgemeinschaft: 660 Millionen Einwohner; 10 Staaten:
Mayanmar, Vietnam, Thailand, Laos, Kambodscha, Philippinen, Indonesien, Malaysia, Singapur, Brunei
EU
447 Millionen Einwohner; 27 Mitgliedsstaaten.
Bestätigte Infektionen (22.7.20): 226.000 1.365.000
Tote (22.7.20) 6.519 135.162

Zum Vergleich: Das EU-Land Belgien (11,5 Mio. Einwohner) hat 9.805 Corona-Tote, 50% mehr als die gesamte ASEAN Staatengemeinschaft. Vietnam hat bei 96 Millionen Einwohner nur 408 Infizierte und bisher keinen Toten zu beklagen.
Selbst wenn man die bevölkerungsreichen ostasiatischen Staaten China (1,4 Milliarden Einwohner), Japan (127 Mio.) und Südkorea (52 Mio.) dazu nimmt, schneidet Südost-Asien absolut und relativ um Dimensionen besser ab.

Bevölkerung Südostasien: 2.239 Mio. EU: 447 Mio
Bestätigte Infektionen (22.7.20): 352.000 1.365.000
Tote (22.7.20); 12.448 135.162
Quelle/Fallzahlen: Johns Hopkins University, Gründe für die schnelle Erholung von Chinas

 

Ökonomie

Ein zweites lassen die westlichen China-Auguren bei der Bewertung des Neustarts der chinesischen Wirtschaft außen vor, vor allem was die Schnelligkeit der Erholung anbelangt: China befand sich zu Beginn der Corona-Krise in einer konjunkturell stabilen Situation, das Wachstum lag konstant bei 6%. Die Grundlagen für Chinas langfristigen wirtschaftlichen Aufschwung sind nach wie vor unverändert. Das Neu-Anfahren der Produktion war nicht ohne Probleme, der Wachstumsmotor stotterte anfangs, Probleme bestehen noch mit dem Konsum und Arbeitsmarkt (siehe unten).

Anders dagegen die Länder des Metropolenkapitalismus, die sich schon vor Corona im konjunkturellen Niedergang bzw. in der Stagnationsphase befanden. Hier war bereits eine Rezessionswelle im Anrollen, die sich mit der Corona-Springflut zu einem ökonomischen Tsunami aufschaukelte, mit gewaltiger Zerstörungskraft. Nicht zufällig war bei der EU-Ratstagung auch immer vom „Wiederaufbau Europas“ die Rede. Durch das gigantische Konjunkturprogramm soll vor allem verhindert werden, dass die Wirtschaft von der Rezession in eine Depression abstürzt und im Tal hängen bleibt.

Die Gesundheitskrise schlug auch deshalb so stark ins Kontor, weil sie anfangs nicht ernst genommen, bagatellisiert und von erratischen Reaktionen begleitet war, insbesondere was US-Präsident Trump anbelangt. Durch eine extra schnelle Öffnung der US-Wirtschaft wollte er den V-Aufschwung erzwingen. Herausgekommen ist das Gegenteil. Mehrere neue Pandemiewellen gefährden die konjunkturelle Erholung.

IWF-Outlook: Schlechte Aussichten für den Westen

IWF-Chefökonomin Gita Gopinath musste fast 150 Jahre zurückgehen, um eine vergleichbare Krise zu entdecken. Das gegenwärtige ökonomische Desaster sei nur vergleichbar mit der „großen“ und „langen“ Depression 1873 – 1896.[5] Weniger was die Tiefe des Einbruchs anbelangt, hier biete sich die Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1932 als Vergleich an, sondern bezüglich der Zahl der involvierten Länder und der Dauer.

Der IWF geht von einem langen Krisenmodus der Weltwirtschaft aus, befürchtet eine „Dauerkrise“ bzw. eine säkulare Stagnation. Noch nie seit 1870 gab es gleichzeitig so viele Länder, deren Wirtschaft pro Kopf der Bevölkerung schrumpft. Er „befürchtet, dass sich die Rezessionen in fast allen Ländern der Erde gegenseitig noch weiter verstärken und in eine weltumspannende Dauerrezession münden könnten“.[6] Der IWF korrigierte die Minus-Wachstumsrate weiter nach unten, die Weltwirtschaft werde nicht, wie im April angenommen, um 3 Prozent schrumpfen, sondern um 4,9 Prozent. Die Erholung werde länger brauchen als zunächst angenommen. „Die Weltwirtschaft wird in den Jahren 2020 und 2021 zwölf Billionen Dollar Wirtschaftsleistung verlieren“, sagte Gita Gopinath. Dazu kommt die Katastrophe an den Arbeitsmärkten, die globalen Auswirkungen auf Armut/Reichtum (nach Angaben der Weltbank wird die Pandemie 60 Millionen Menschen in extreme Armut stürzen), dazu Hunger (nach FAO könnten 2020 83 bis 132 Millionen Menschen mehr von Unterernährung betroffen sein), Pleiten kleiner Unternehmen, Konzentrationsschübe, Veränderung der Wirtschaftsstruktur (Vormarsch der Digitalkonzerne), usw. Insgesamt kommt es zu tektonischen Verwerfungen in der globalen Wirtschaft. Auch der Weltmarkt schrumpft: Der Welthandel geht nach IWF 2020 um 12 Prozent zurück.

Als Hoffnungsschimmer nannte Gopinath die Konjunkturpakete der Regierungen, deren Umfang bereits Ende Juni mehr als zehn Billionen Dollar erreicht hat. Dennoch befürchtet US-Wirtschafts-Nobelpreisträger Stiglitz, dass die weitere wirtschaftliche Entwicklung der kapitalistischen Industrieländer „blutleer“ verlaufen wird. Ihr Absturz von durchschnittlich zehn Prozent ist historisch einmalig, sie werden sich frühestens 1922/23 ganz erholen und auf den Stand vor der Corona-Krise Ende 2019 kommen. Stiglitz: „Ohne Eindämmung des Virus wird es keine wirtschaftliche Erholung geben“.

IWF World Economic Outlook 2020

  2019   2020
World 2,9 -4,9
Advanced Economies 1,7 -8,0
USA 2,3 -8,0
Euro Area 1,3 -10,2
Germany 0,6 -7,8
France 1,5 -12,5
Italy 0,3 -12,8
Spain 2,0 -12,8
UK 1,4 -10,2
Japan 0,7 -5,8
Canada 1,7 -8,4
Emerging Markets 3,7 -3,0
Emerging & Developing Asia 5,5 -0,8
China 6,1 1,0
India 4,2 -4,5
ASEAN 4,9 -2,0
Russia 1,3 -6,6
Latin America/Caribbean 0,1 -9,4
Brazil 1,1 -9,1
South Africa 0,2 -8,0
Quelle: IWF-Outlook, Juni 2020

Der Absturz der Industrieländer ist noch gravierender als der der Schwellenländer. Im (ungewichteten) Durchschnitt schrumpfen die G-7-Länder um 9,4%, die Schwellenländer um 3%. Gravierend, und für Exportnationen wie Deutschland verheerend, ist der prognostizierte Rückgang des Welthandels um 12 Prozent. Das Problem wird durch den US-Handels- und Wirtschaftskrieg noch verschärft. Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des BDI: Die exportorientierte deutsche Wirtschat müsse sich „auf schwierige Zeiten einstellen“. Außenhandelsexperte und Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr: „Die goldenen Exportzeiten werden wir nicht wieder erleben. Der Exportmotor wird nachhaltig schwächer sein.“[7]

https://einarschlereth.blogspot.com

Diskussionen

Ein Gedanke zu “China gelingt Neustart der Wirtschaft – Westen weiter im Corona-Krisen-Chaos

  1. Genau das stinkt dem Ami so sehr, dass er den Krieg gegen China und Russland forciert, und uns wegen Nord-Stream2 unendlich droht. Mal sehen wann der freche Ami von Ländern angegriffen wird mit denen er nicht rechnet.

    Liken

    Verfasst von reiner tiroch | 16. August 2020, 9:29

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