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Ausland, Naher Osten

Der imperialistische Iran wird antiimperialistisch

von Thierry Meyssan – https://www.voltairenet.org

Bild: Die Briten stürzten die Kadscharen und setzten einen Offizier ihrer Armee als Schah an die Macht. Besorgt über seine pro-germanischen Freundschaften entmachteten sie ihn während des Zweiten Weltkriegs zugunsten seines Sohnes. Dieser war sich seiner geringen Bedeutung bewusst, und berief 1971 ein Drittel der Herrscher, Staats- und Regierungschefs der Welt ein, um das 2500-jährige Bestehen seiner Vorgänger zu feiern. Besorgt über seinen Größenwahn haben die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich ihn zugunsten von Ayatollah Khomeini abgesetzt.

Die Geschichte des Iran im 20. und 21. Jahrhundert entspricht weder dem Bild, das der Westen davon hat, noch dem, welches die offiziellen Reden der Iraner davon vermitteln. Historisch mit China verbunden und seit zwei Jahrhunderten von den USA fasziniert, kämpft der Iran zwischen der Erinnerung an seine imperiale Vergangenheit und dem befreienden Traum von Ruhollah Khomeini. Da der Schiismus für ihn nicht nur eine Religion ist, sondern auch eine politische und militärische Waffe, zögert er, als Beschützer der Schiiten oder als Befreier der Unterdrückten aufzutreten. Wir veröffentlichen eine zweiteilige Studie von Thierry Meyssan über den modernen Iran.

Die Perser bildeten große Imperien, indem sie die benachbarten Völker eher zusammenführten, als ihre Territorien zu erobern. Da sie eher Handelsleute als Krieger waren, hat sich ihre Sprache ein Jahrtausend lang in ganz Asien, entlang der chinesischen Seidenstraßen, durchgesetzt. Das Farsi, das heute nur sie noch sprechen, hatte damals einen vergleichbaren Status mit dem heutigen Englisch. Im 16. Jahrhundert beschloss ihr Herrscher, sein Volk zum Schiismus zu bekehren, um es zu vereinen und ihm eine eigene Identität innerhalb der muslimischen Welt zu geben. Dieser religiöse Partikularismus diente als Grundlage für das Safawiden-Reich.

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Premierminister Mohammad Mossadegh (rechts) wendet sich an den UN-Sicherheitsrat.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts musste das Land dem räuberischen Appetit der britischen, osmanischen und russischen Imperien die Stirne bieten. Nach einer schrecklichen Hungersnot, die von den Briten absichtlich verursacht wurde und die 6 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, verliert Teheran sein Reich, und London zwingt ihm 1925 eine Operettendynastie, die Pahlevi, auf, um die Ölfelder zu seinem alleinigen Vorteil ausbeuten zu können. 1951 verstaatlicht Premierminister Mohammad Mossadegh die Anglo-Persian Oil Company. Erbost gelingt es Großbritannien und den USA, ihn zu stürzen, aber die Pahlavi-Dynastie beizubehalten. Um den Nationalisten entgegenzuwirken, verwandeln sie das Regime in eine schreckliche Diktatur, indem sie einen ehemaligen Nazi-General, Fazlollah Zahedi, aus ihren Gefängnissen befreien und ihn zum Premierminister machen. Dieser gründet eine politische Polizei, die SAVAK, deren Führungskräfte ehemalige Offiziere der Gestapo (das Stay-behind Network) sind.

Wie dem auch sei, diese Episode hat das Bewusstsein der Dritten Welt geweckt, Opfer einer wirtschaftlichen Ausbeutung zu sein. Im Gegensatz zum französischen Siedlungskolonialismus ist der britische Kolonialismus nur eine Form der organisierten Plünderung. Vor dieser Krise zahlten die britischen Ölgesellschaften nicht mehr als 10% ihrer Gewinne an die von ihnen ausgebeutete Bevölkerung. Wenn die Briten auch die Verstaatlichung als Diebstahl bezeichnen, stellen sich die USA auf die Seite von Mossadegh und schlagen eine hälftige Aufteilung vor. Auf Anregung des Iran wird sich diese Wiederherstellung des Gleichgewichts in der ganzen Welt während des gesamten 20. Jahrhunderts durchsetzen.

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Ali Shariati, ein Freund von Frantz Fanon und Jean-Paul Sartre, hat den Islam als Werkzeug der Befreiung neu interpretiert. Er sagte: „Wenn du nicht auf dem Schlachtfeld bist, ist es egal, ob du in der Moschee oder in der Bar bist.“

Allmählich entstehen innerhalb der Bourgeoisie zwei wichtige Oppositionsbewegungen: zuerst die von der Sowjetunion unterstützten Kommunisten, dann die Dritte-Welt-Anhänger um den Philosophen Ali Shariati. Aber es ist ein Kleriker, Ruhollah Khomeini, dem es allein gelingt, die kleinen Leute aufzuwecken. Für ihn ist es zwar eine gute Sache, das Martyrium des Propheten Hussein zu betrauern, aber es sei viel besser, seinem Beispiel zu folgen und die Ungerechtigkeit zu bekämpfen; Eine Lehre, die ihm einbringt, vom Rest des schiitischen Klerus als ketzerisch angesehen zu werden. Nach 14 Jahren Exil im Irak zog er nach Frankreich, wo er viele linke Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre oder Michel Foucault beeindruckt.

Der Westen hat Schah Reza Pahlevi zum „Nahöstlichen Gendarm“ gemacht. Er sorgt dafür, dass die nationalistischen Bewegungen zerschlagen werden. Er träumt davon, den vergangenen Glanz seines Landes wiederherzustellen, dessen 2500-jähriges Jubiläum er in einem Zeltdorf in Persepolis mit einem Hollywood-Prunk feiert. Während des Ölschocks von 1973 erkannte er die Macht, über die er verfügte. Er erwägt dann die Wiederherstellung eines echten Imperiums und bittet die Saud um Hilfe. Diese informieren unverzüglich die Vereinigten Staaten, die beschließen, ihren zu gierigen Verbündeten Pahlevi zu eliminieren und ihn durch den alten Ayatollah Khomeini (damals 77) zu ersetzen, den sie mit ihren Agenten umgeben werden. Vor allem aber bereinigt nun der MI6 die Szene: Die Kommunisten werden ins Gefängnis geworfen, während der Imam der Armen, der Libanese Moussa Sadr, bei einem Besuch in Libyen verschwindet und Ali Shariati in London ermordet wird. Der Westen lädt den kranken Schah ein, ein paar Wochen sein Land zu verlassen, um sich pflegen zu lassen.

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Auf dem Friedhof von Behesht-e Zahra spricht Ayatollah Khomeini die Armee an, damit sie das Land von den Angelsachsen befreit. Der Mann, den die CIA für einen senilen Prediger hielt, ist in Wirklichkeit ein Tribun, der die Massen anspornt und jedem die Überzeugung vermittelt, dass er die Welt verändern kann.

Am 1. Februar 1979 kehrt Ayatollah Khomeini triumphierend aus dem Exil zurück. Als er das Rollfeld des Flughafens von Teheran betrat, begab er sich mit einem Hubschrauber auf den Friedhof der Stadt, wo gerade 600 in einer Demonstration gegen den Schah getötete Menschen begraben wurden. Zum allgemeinen Erstaunen hält er eine starke Rede, nicht gegen die Monarchie, sondern gegen den Imperialismus. Er ruft die Armee auf, nicht mehr dem Westen zu dienen, sondern dem iranischen Volk. Der von den Kolonialmächten organisierte Regimewechsel verwandelt sich augenblicklich in eine Revolution.

Khomeini erstellt ein politisches Regime, das dem Islam fremd ist, das Velayat-e faqih, inspiriert von der Republik Platos, den er ausführlich gelesen hat: die Regierung wird unter die Führung eines Weisen gestellt werden, nämlich von ihm selbst. Er verdrängt dann einen nach dem anderen alle pro-westlichen Politiker. Washington reagiert, indem es mehrere Militärputschversuche und dann eine Terrorkampagne von Ex-Kommunisten, den Volksmudschaheddin, organisiert. Letztendlich bezahlt er – über Kuwait – den Irak von Präsident Saddam Hussein als konterrevolutionäre Kraft. Es folgt ein schrecklicher Krieg von etwa zehn Jahren, in dem der Westen zynisch beide Seiten unterstützt. Um sich zu bewaffnen, zögert der Iran nicht, US-Waffen von Israel zu kaufen (das ist die „Iran-Contras-Affäre“). Khomeini wandelt die Gesellschaft um. Er entwickelt in seinem Volk den Kult der Märtyrer und einen außergewöhnlichen Sinn für Opfer. Als der Irak iranische Zivilisten blindlings mit Raketen bombardiert, verbietet er der Armee, auf gleiche Weise zurückzuschlagen, und erklärt, dass Massenvernichtungswaffen im Widerspruch zu seiner Vision des Islam stehen; was die Kämpfe noch etwas verlängert.

Nach einer Million Toten erkennen Saddam Hussein und Ruhollah Khomeini, dass sie die Spielzeuge des Westens sind. Sie schließen also einen Frieden. Der Krieg endet, wie er begonnen hat, ohne Grund. Der alte Weise stirbt kurz danach, nicht ohne seinen Nachfolger, Ajatollah Ali Khamenei, ernannt zu haben. Die nächsten 16 Jahre werden dem Wiederaufbau gewidmet. Das Land ist ausgeblutet, und die Revolution ist nur noch ein Slogan ohne Inhalt. In den Freitagspredigten wird immer wieder „Tod für Amerika!“ geschrien, aber der „Große Satan“ und das „zionistische Regime“ sind zu bevorzugten Partnern geworden. Die Präsidenten Haschemi Rafsandschani und dann Mohammad Chatami organisieren die Wirtschaft rund um die Erdöleinnahmen. Die Gesellschaft entspannt sich, und die Einkommensunterschiede nehmen wieder zu.

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Haschemi Rafsandschani wird der reichste Mann des Landes werden, nicht durch den Handel mit Pistazien, sondern durch den Handel mit Waffen mit Israel. Als Präsident der Islamischen Republik wird er dann die Revolutionsgarden unter dem Befehl der US-amerikanischen Generäle nach Bosnien und Herzegowina in den Kampf schicken.

Rafsandschani, der sein Vermögen mit dem Waffenhandel der „Iran-Contras-Affäre“ gemacht hat, überzeugt Chamenei, Revolutionsgarden nach Bosnien-Herzegowina zu schicken, um an der Seite der Saudis und unter dem Befehl der NATO zu kämpfen. Chatami hingegen knüpft persönliche Beziehungen mit dem Spekulanten George Soros an.

(Fortsetzung folgt…)

Übersetzung
Horst Frohlich
Korrekturlesen : Werner Leuthäusser

https://www.voltairenet.org/article210640.html

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