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Ausland, Naher Osten

Israel, Palästina und die Einstaatenlösung

von Jochen Mitschka – https://kenfm.de

Wenn das Zweistaaten-Narrativ durch Annexions-Pläne als absurd offenbar wird.

Dieser PodCast ist länger als üblich, denn er zeigt die Absurdität und Illegalität einer deutschen „Staatsräson“ auf. Dieser, besonders von Machiavelli während der italienischen Renaissance proklamierte Grundsatz besagt, dass eine Handlung zur Erhaltung des Staates unter Vernachlässigung von jeder anderen Maxime, also auch entgegen Völkerrecht und Menschenrechten, gerechtfertigt wäre.

Am 17. Mai 2019 beschloss die Mehrheit der deutschen Bundestagsabgeordneten, die einzige internationale Menschenrechtsbewegung gegen die illegale Besatzung Palästinas durch Israel als „antisemitisch“ zu verleumden. Und die Abgeordneten behaupteten, dass eine Zweistaatenlösung ihr Ziel wäre. Was nicht nur unrealistisch, sondern heuchlerisch und verlogen war, da schon zu diesem Zeitpunkt selbst ehemalige jüdische Anhänger der Zweistaatenlösung darauf hinwiesen, dass durch fast 700.000 jüdische Siedler eine solche unmöglich geworden war (1). Nachdem nun die rechtsextreme israelische Regierung, zwischen den üblichen Bombardierungen der Nachbarländer, ankündigte, einen weiteren Teil Palästinas auch de jure zu annektieren, war das politische Deutschland „überrascht“ und natürlich offiziell gegen den Plan eingestellt. Obwohl doch ihr eigener Beschluss, und die Politik Deutschlands und der wichtigsten EU-Staaten erst den Weg geebnet hatten. In meinem Buch (20), in dem ich die Reden und Argumente der Bundestagsabgeordneten widerlegte, erklärte ich auch am Ende, dass eine Einstaatenlösung die einzige machbare Friedensperspektive wäre. Und nun bewegt sich auch bei liberalen Zionisten etwas in diese Richtung.

Nasim Ahmed im Middle East Monitor schrieb über die „liberalen Zionisten“, was man ähnlich auch über deutsche Abgeordnete sagen könnte:

„Sie [die liberalen Zionisten] halten an der Möglichkeit einer möglichen Zwei-Staaten-Lösung fest. Angesichts des fortgesetzten und geplanten israelischen Landraubs ist es jedoch unwahrscheinlich, dass sich eine solche Aussicht jemals verwirklichen wird.“ (2)

Und einer der führenden zionistischen Intellektuellen der USA bestätigt nun, dass die Zweistaatenlösung vom Tisch ist. Peter Beinart (21) ist bekannt für Bücher und Artikel, welche die Hoffnung der liberalen Juden immer wieder bestätigten, dass ein jüdischer Staat neben einem palästinensischen Staat möglich wäre. Beinart hatte nun aber in einem Artikel der New York Times (3) erklärt: „Ich glaube nicht mehr an einen jüdischen Staat“. Dann fuhr er fort mit der Bemerkung, dass er Jahrzehnte für eine Trennung von Israelis und Palästinensern geworben hätte, dass er diesen Glauben aber nun verloren hätte. „Jetzt kann ich mir ein jüdisches Heim in einem gleichberechtigten Staat vorstellen“. Damit wäre er in Deutschland mit dem Totschlagargument „Du bestreitest das Existenzrecht Israels“ zum Schweigen verurteilt worden.

Nasim Ahmed erklärt, dass, wie viele liberale Juden, Beinart bereit war, Israel den „Vorteil des Zweifels“ einzuräumen; verständlich, so meint er, angesichts der tragischen Geschichte der Juden in Europa. Beinart hatte erklärt, dass seine Weltsicht auf den eigenen Erfahrungen aufgebaut gewesen wäre. Seine Familie war von Kontinent zu Kontinent „gehüpft“ und Israel wäre seiner Familie immer eine „Quelle des Trostes“ gewesen.

Beinart hat ausführlich über „die Krisen des Zionismus“ (4) geschrieben und die Spannung zwischen seiner Unterstützung für Israel und den tragischen Auswirkungen, die seine Gründung auf die Palästinenser hatte, beschrieben. Und nun kommt die entscheidende Aussage, welche sich endlich auch die deutschen Bundestagsabgeordneten aneignen sollten: „Ich wusste, dass es falsch war, den Palästinensern im Westjordanland die Staatsbürgerschaft, ein ordentliches Gerichtsverfahren, Freizügigkeit und das Wahlrecht in dem Land, in dem sie lebten, zu verweigern, aber der Traum von einer Zwei-Staaten-Lösung, die den Palästinensern ein eigenes Land geben würde, ließ mich hoffen, dass ich gleichzeitig ein Liberaler und ein Unterstützer der jüdischen Staatlichkeit bleiben konnte.“ (3)

Beinart erklärte, dass „die Ereignisse“ diese Hoffnung ausgelöscht hätten. Was als Anspielung auf die von Benjamin Netanjahu geplante Annexion des besetzten Westjordanlandes zu verstehen ist. Er geht nicht darauf ein, dass die permanente Siedlungspolitik nichts anderes hatte erwarten lassen. Er fordert nun aber die liberalen Zionisten auf, ehrlich gegenüber dem Weg zu stehen, den Israel geht. „Israel hat seine Entscheidung so gut wie getroffen: ein Land, das Millionen von Palästinensern umfasst, denen es an Grundrechten mangelt. Jetzt müssen die liberalen Zionisten auch ihre Entscheidung treffen.“ (3)

In derselben Woche hatte Beinart auch ein großes Essay in Jewish Currents (5) veröffentlicht, in dem er die Zwei-Staaten-Lösung für tot erklärte. „Die harte Wahrheit ist, dass das Projekt, dem sich liberale Zionisten wie ich seit Jahrzehnten verschrieben haben – ein Staat für Palästinenser getrennt von einem Staat für Juden – gescheitert ist.“ Und was diese, für Zionisten revolutionäre Aussage angeht, erklärte er, dass „in den meisten jüdischen Gemeinden auf der Erde die Ablehnung Israels eine größere Häresie ist als die Ablehnung Gottes“ wäre. (5)

Beinart schlägt also EINEN Staat vor, der Israel, das Westjordanland, den Gazastreifen und Ostjerusalem umfasst. Alternativ eine Konföderation, welche die Freizügigkeit zwischen zwei tief integrierten Ländern ermögliche.

Ahmed weist dann auf eine Antwort durch Jonathan Freeland hin, einen selbsternannten liberalen Zionisten: „Was kommt als nächstes, wenn der Traum der zwei Staaten tot ist?“ In Anlehnung an Beinart kam der Guardian-Kolumnist zu dem Schluss, dass die Hoffnung auf eine Zwei-Staaten-Lösung es vielen Juden ermöglicht hätte, sich vor der Realität zu „verstecken“, dass „israelische Juden und Palästinenser jetzt einen einzigen politischen Raum bewohnen“. Jetzt, da diese Hoffnung „schwindet“, drängte Freedland darauf, „können wir uns nicht länger verstecken“.

Damit sollte endlich dem letzten Bundestagsabgeordneten klar werden, dass der Widerstand gegen den israelischen Kolonialismus, ausgedrückt durch das Totschlagargument „Existenzrecht“, nichts mit einer Antipathie gegen einen jüdischen Staat zu tun hat. Vielmehr war die Motivation, was Ahmed in seinem Artikel im Middle East Monitor so treffend formuliert:
„Sie [die Kritik] rührt vielmehr von der Überzeugung her, dass die Vertreibung von Hunderttausenden von Menschen und die Bevorteilung einer jüdischen Mehrheit, um den Phantasien der europäischen Zionisten entgegenzukommen, von Anfang an moralisch und rechtlich nicht zu rechtfertigen war.“ (3)

Beinart, immer noch ein Zionist, meinte, dass nicht der Zionismus selbst das Problem wäre, sondern Israel aufgrund seiner Aneignung einer Art von Zionismus, der nach ethnischer Herrschaft strebt. „Ein jüdischer Staat ist zur vorherrschenden Form des Zionismus geworden“, wohingegen „das Wesen des Zionismus eine jüdische Heimat im Land Israel ist, eine blühende jüdische Gesellschaft, die den Juden auf der ganzen Welt Zuflucht und Verjüngung bieten kann“. (3)

Nasim Ahmed erklärt dann, dass man behaupten könne, dass das Streben der palästinensischen Nationalisten an der Wende zum 20. Jahrhundert nicht weit von dem entfernt war, was Beinart sich jetzt vorstellt: ein auf Gleichheit ausgerichteter Nationalismus, der alle Glaubensrichtungen und Gemeinschaften umfasst, um Selbstbestimmung für alle zu erreichen, die in dem Gebiet leben. Die Quelle der zivilen Unruhen während des britischen Mandats für Palästina (1923-48) wäre die ungeregelte Einwanderung europäischer und amerikanischer Juden gewesen, die versuchten, die politischen Bestrebungen der einheimischen Gemeinschaft zu untergraben, indem sie sich mit Gewalt von der Mehrheitsbevölkerung abspalteten, die für einen unabhängigen Staat Palästina als Heimat für Juden, Christen und Muslime kämpfte.

Peter Beinart geht nicht weit genug

Jeff Halper geht dann in einem Haaretz-Artikel darauf ein, was denn passieren soll, wenn die israelischen Juden die Einstaatenlösung nicht akzeptieren wollen, wenn sie ihre Privilegien nicht aufgeben wollen?

Halper erklärt in dem Artikel (6), dass die Idee eines „Transfers“, wie die ethnische Säuberung bei Gründung des Staates Israel genannt wurde, schon lange vor dem rechtsextremen Zionisten Meir Kahane Politik der Regierungen gewesen wäre. Und dass seit 1967 die so genannte Zweistaatenlösung eine Schlüsselrolle dabei gespielt hätte, die wahre Politik zu verschleiern.

Jeder hätte gewusst, so Halper, dass die Zweistaatenlösung nie die beabsichtigte Lösung gewesen wäre, aber dass man sich gut hinter der Behauptung einer „Besatzung“ hätte zurücklehnen können. Womit er insbesondere die westlichen Politiker meinte. Denn Israel selbst hatte immer bestritten, Palästina besetzt zu haben, um nicht gegen die Vierte Genfer Konvention zu verstoßen, zum Beispiel durch Siedlungen, Enteignungen usw. Israel sprach deshalb immer von „umstrittenen Territorien“. Dann erklärt Halper, dass nun auch nicht von einer „Annexion“ gesprochen würde, sondern wie der deutsche Nachrichtenkunde auch wahrnahm, von einer „Erweiterung der Souveränität Israels“.

All dies wäre nun zusammengebrochen, offenbar geworden, durch den Annexions-Plan und den so genannten Friedensplan von Präsident Trump.

Dann erklärt Halper, was diese Einstaatenlösung für die Zionisten bedeutet: „Ein einziger Staat ist die einzige Alternative zu dem, was heute existiert und was die Annexion eindeutig für die Zukunft bietet: die Apartheid. Einige haben eine Konföderation vorgeschlagen, aber das scheitert aus demselben Grund, aus dem die Zwei-Staaten-Lösung scheitert: Israel ist einfach nicht bereit, den Palästinensern einen sinnvollen politischen oder wirtschaftlichen Raum zur Verfügung zu stellen.
(…) Die Kampagne „Ein demokratischer Staat“ hat ein politisches Programm formuliert, das eine einheitliche, gleichberechtigte Demokratie, die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat und die Entstehung einer gemeinsamen Zivilgesellschaft fordert. Sie geht sogar noch weiter und erkennt an, dass Zionismus und palästinensischer Nationalismus in einer pluralistischen Demokratie koexistieren können – und beide können sich schließlich in etwas Neues, Gemeinsames und Lebendiges verwandeln.“ (6)

Dann erklärt Halper, dass auch die meisten Weißen in Südafrika nicht freiwillig bereit waren, die Apartheid aufzugeben, ebenso wenig wären die jüdischen Israelis dazu bereit. Deshalb, so der Autor, sollten sich die Verantwortlichen eine Scheibe von der Politik des ANC (African National Congress) abschneiden. Er hofft auf Graswurzelbewegungen und junge jüdische Menschen. „Auf diese Weise machen wir die israelische Apartheid unhaltbar, wie es der ANC in Südafrika getan hat, und bringen die Israelis endlich in den Übergangsprozess, wenn sie keine andere Wahl haben, als zu kooperieren.“

Halper schreibt, dass die Südafrikaner, die Nordiren, die schwarzen und weißen Amerikaner in Mississippi und viele andere Völker, die einst in scheinbar endlosen Konflikten gefangen waren, entdeckt hätten, dass ihre „unlösbaren“ Differenzen doch handhabbar werden, wenn Fragen der Ungleichheit und Gerechtigkeit endlich angesprochen werden.

Peter Beinart geht am Grundproblem vorbei

Lana Tatour schrieb am 15. Juli, warum Peter Beinart mit seinem Ruf nach einer Einstaatenlösung am Grundproblem vorbeiging. Sie meint, dass der Zionismus an sich das Problem ist, mit dem eine Einstaatenlösung immer eine Apartheidlösung bleiben würde. Sie schreibt: „Beinarts Prognose versäumt, zu erkennen, was das eigentliche Problem ist: nicht 1967, sondern 1948 und der Zionismus selbst als siedlerkoloniales, rassisches Projekt.“ (9)

Sie weist darauf hin, dass Beinart nur wiederholt, was dutzende von intellektuellen Palästinensern seit Jahrzehnten immer wieder sagten. Die Autorin erklärt dann, dass Beinart an einer Amnesie leiden müsse, weil er vergaß, dass genau seine Forderung die palästinensische Nationalbewegung in einer Rede vor der UNO 1974 vorgeschlagen hatte. Sie zitiert den damaligen Präsidenten Arafat aus der Rede mit den Worten: „Wir kämpfen dafür, dass Juden, Christen und Muslime in Gleichheit leben, dieselben Rechte genießen und dieselben Pflichten übernehmen können, frei von rassistischer oder religiöser Diskriminierung“.

Dann hinterfragt sie die Motivation von Beinart, warum er plötzlich die Einstaatenlösung propagiere, ohne aber dem Zionismus an sich abzuschwören. Sie schreibt dann weiter:

„Er versucht, eine fortschrittliche Position zugunsten der Gleichheit einzunehmen, während er gleichzeitig die Nakba auslöscht und die Legitimität des Zionismus aufrechterhält. Beinart bleibt der klassischen liberalen zionistischen Position treu, die die Kolonisierung Palästinas 1948 und die Nakba als legitim ansieht.“ (9)

Beinart fühle sich mit der Sprache der liberalen Gleichheit eindeutig wohler als mit antikolonialem Vokabular. Dass er die Einstaaten-Lösung als eine Frage der Gleichheit formuliere, wäre nicht nur eine Frage des Pragmatismus oder ein Versuch, vor einem großen internationalen Publikum im Westen zu sprechen. Es ist ihrer Meinung nach eine tiefgreifende ideologische Weigerung, mit dem Zionismus als einer rassischen und siedler-kolonialen Ideologie zu brechen.

Rassismus enttarnt

Miko Peled schrieb dann in Mintpressnews (11), wie zwei scheinbar unzusammenhängende Ereignisse das israelische Rassismus-Problem offengelegt hätten. Ein virales Video (12), das eine israelische Familie zeigt, die sich über verarmte palästinensische Kinder lustig macht, und der Leitartikel des berühmten zionistischen Kommentators Peter Beinart in der New York Times hätten die rassistische Untermauerung des so genannten jüdischen Staates aufgedeckt. Er interpretiert den Artikel Beinarts anders, als wohlmeinende andere Kommentatoren.

„Beinart teilt den Lesern mit: ‚Ich wusste, dass Israel für Millionen anderer Juden eine Quelle des Trostes und des Stolzes war‘. Er erklärt, dass dies der Grund sei, warum er an den jüdischen Staat glaube. Man könnte argumentieren, dass die Sklaverei für Millionen von weißen Amerikanern eine Quelle des Trostes und des Stolzes war, obwohl die Sklaverei zu unterstützen, immer noch abscheulich wäre.

Er fährt fort, ein Gefühl zu beschreiben, das man von vielen liberalen Zionisten hört. ‚Eines Tages im frühen Erwachsenenalter ging ich durch Jerusalem, las Straßennamen, die die jüdische Geschichte katalogisieren, und fühlte selbst diesen Trost und Stolz.‘ [Was tatsächlich passierte:] Jerusalem war über tausend Jahre lang eine arabische Stadt. 1948 wurden die Palästinenser in Jerusalem einer totalen und vollständigen ethnischen Säuberung unterzogen, und kein einziger Palästinenser durfte in der Stadt bleiben. Jerusalem wurde dann zur Hauptstadt des Staates Israel, und die Straßennamen, mit denen die lange und großartige arabische Geschichte der Stadt katalogisiert wurde, wurden geändert.“ (11)

Der Autor geht dann auf weitere Aussagen in dem Artikel ein und beschreibt, was sie aus palästinensischer Sicht bedeuten. Und so kommt er zu dem Schluss: „Die Anerkennung der Rechte der Palästinenser innerhalb eines zionistischen Konstrukts ist ein Symptom der zionistischen rassistischen Vorherrschaft. Dieser Rassismus ist es, der es einer Familie erlaubt, an palästinensischen Kindern vorbeizufahren und sie wie Tiere auf einer Safari zu behandeln. Auf diese Weise ist der Staat Israel in der Lage, die Nakba, die systemische, katastrophale Zerstörung Palästinas und seines Volkes fast einhundert Jahre lang fortzusetzen.“

Die Reaktion des Zionismus auf Beinart

Wenn Zionisten begreifen, dass Sie einer falschen Ideologie aufgesessen sind, und beginnen, ihre Meinung zu ändern, bleiben sie zunächst die Gegner der Vertreter palästinensischer Rechte, aber sie werden zusätzlich noch vom politischen Mainstream in Israel und Deutschland als „selbsthassende Juden“ verflucht. Selbst Beinart, wird nun so behandelt. So warf der israelische Generalkonsul in New York Beinart vor, er wolle, dass Israel „tot umfalle“ (13).

Aaron David Miller, ein ehemaliger US-Gesandter für den Nahen Osten, warnte, dass Beinarts Rezept „eine Illusion sei, die an eine in eine Unmöglichkeit gehüllte Fantasie gebunden ist“ (14). Beinarts Freund, Jeremy Ben Ami, Leiter der Zwei-Staaten-Lobbygruppe J Street, versuchte, das bequeme Narrativ der „Besatzung“ oder was davon übrig geblieben war, zu retten, und argumentierte, dass die Friedensgespräche schließlich wieder aufgenommen würden.

Die liberale, und oft sehr kritische Zeitung Haaretz hat natürlich auch einen harten Vertreter des Zionismus in ihren Reihen, Anshel Pfeffer. Er behauptet das gleiche, was auch deutsche Politiker immer wieder anführen, dass für die Einstaatenlösung keine Zustimmung zu erhalten wäre, weder von den Israelis, noch von den Palästinensern. Dabei übersieht er, wie die deutschen Politiker, dass es bereits die Einstaatenlösung gibt. Längst werden Gesetze, die in der Knesset beschlossen werden, auf die besetzten Gebiete angewandt. Und längst wird Palästina verwaltet, als ob es Israel wäre, und nach belieben Entscheidungen der Zivilverwaltung, die eigentlich für gewisse Gebiete alleine verantwortlich sein soll, unterlaufen oder durch israelische Gesetze zunichte gemacht. Wie z.B. im Fall von Baugenehmigungen.

Trotzdem sind die Behauptungen von Pfeffer und den MdB völlig falsch, wenn sie behaupten, die öffentliche Meinung würde die Einstaatenlösung grundsätzlich verhindern. Natürlich gäbe es Widerstand durch die extremistischen Siedler. Aber Palästinenser würden es begrüßen, gleiche Rechte und Pflichten zu erhalten wie israelische Juden. Die Unterstützung für die Zweistaatenlösung, von der deutsche Politiker immer noch… man muss sagen schwafeln, ist längst weggefallen.

Natürlich haben die Palästinenser in einer Umfrage mehrheitlich erklärt, dass sie das gesamte historische Palästina bevorzugten. (16) Aber wer mit ihnen spricht, wird feststellen, dass dies eine Trotzreaktion ist, und sie in Wirklichkeit jede Lösung annehmen würden, welche ihnen die gleichen Rechte einräumt, welche israelische jüdische Bürger eines Staates haben.
Pfeffer verspottet Beinart, der darauf hinwies, dass ein „jüdisches Heim“ in der Moral verwurzelt sein würde, was genau das ist, was viele orthodoxe Juden fordern. Pfeffer lacht darüber, und nennt es Utopie. Israels Existenz hätte immer davon abgehangen, was er als „Pragmatismus“ bezeichnete. Israel müsse sich auf seine Macht verlassen.

Dabei vergisst er zu erwähnen, dass Israel nur dank der Unterstützung von Kolonialstaaten und den USA in der jetzigen Form überhaupt existiert. Ohne die Abschirmung, militärisch wie diplomatisch im UN-Sicherheitsrat, gäbe es längst keinen Apartheidstaat Israel mehr. Aber diese Unterstützung basierte auf dem falschen Bild, dass Israel ein moralischer Akteur wäre. Und dieses Narrativ zerfällt zunehmend.

Jonathan Tobin, Herausgeber des Jewish News Syndicate, argumentierte (17), Beinarts Ansichten seien „bezeichnend für die Glaubenskrise innerhalb eines Großteils des amerikanischen Judentums“. Weinberg beschrieb die beiden Essays als „beängstigend“, weil sie die „intellektuelle Reise liberaler Juden in Richtung Antizionismus und Selbstverbrennung“ darstellten (18). Beide spüren, wie die Unterstützung für einen Apartheidstaat in den USA schwindet.

Was das für Deutschland bedeutet

Jonathan Cook schrieb am 17. Juli im Middle East Eye: „Die Sichtweise der israelischen Juden wird sich ändern, genau wie die der weißen Südafrikaner, wenn sie unter einem härteren internationalen Umfeld leiden und das daraus resultierende Kosten-Nutzen-Kalkül angepasst werden muss.“ (19)

Zunächst müssten die Bundestagsabgeordneten Deutschlands endlich aufhören zu behaupten, dass von Kolonialismus zu reden, Antisemitismus wäre. Denn selbst einer der zionistischen Gründerväter, Theodor Herzl, hatte erklärt, dass es sich bei Israel um ein koloniales Projekt handelte.

„Herzl wandte sich an Großbritannien, weil es, wie er sagte, ‚das erste Land war, das die Notwendigkeit einer kolonialen Expansion erkannt hat‘. Seiner Meinung nach ’sollte die Idee des Zionismus, die eine koloniale Idee ist, in England leicht und schnell verstanden werden‘.“ (10)

Da nicht zu erwarten ist, dass sich die deutsche Politik von der Linie der rechten Regierung Israels distanziert, möchte ich auf die Aussage in einem früheren Artikel verweisen: „So, wie die BDS-Bewegung durch Bundestagsabgeordnete als ‚antisemitisch‘ verleumdet wurde, waren damals die führenden Protagonisten der südafrikanische Freiheitsbewegung, der ANC, in westlichen Ländern als Terroristen gelistet worden, auch Nelson Mandela (…) Der Widerstand muss von unten kommen, bis das Establishment nicht mehr anders kann.“ (7)

Dabei hat Deutschland aufgrund seiner Geschichte tatsächlich eine besondere Verantwortung. Die Verantwortung, voraussehbare Kriege nicht noch zu unterstützen, und die Verfolgung von Menschen zu verhindern, die wie einst Minderheiten in Nazi-Deutschland, als unerwünschte Teile der Gesellschaft angesehen wurden. Deshalb sollte Deutschland die Führung in einem Prozess übernehmen, der diejenigen jüdischen Menschen unterstützt, die sich kritisch mit der zionistischen, aggressiven Politik des derzeitigen Apartheidsystems auseinandersetzt und die versuchen, ein Israel zu fördern, das als säkulares, liberales und demokratisches Mitglied der Weltgemeinschaft in Frieden mit seinen Nachbarn lebt. Solche Menschen gibt es, wie Gideon Levys Rede zur Einstaatenlösung beweist (8).

Quellen:

  1. https://youtu.be/c4W1IWNAPgk Siehe auch http://www.alitheia-verlag.de/product_info.php?products_id=18
  2. https://www.middleeastmonitor.com/20200713-the-fact-that-peter-beinart-no-longer-believes-in-a-jewish-state-tells-us-a-lot/
  3. https://www.nytimes.com/2020/07/08/opinion/israel-annexation-two-state-solution.html
  4. https://www.middleeastmonitor.com/20140601-the-crisis-of-zionism/
  5. https://unjppi.org/blog-posts/yavne-a-jewish-case-for-equality-in-israel-palestine
  6. https://www.haaretz.com/middle-east-news/.premium-peter-beinart-doesn-t-go-far-enough-1.8990426
  7. https://kenfm.de/standpunkte-%E2%80%A2-das-existenzrecht-israels-und-die-corona-krise/
  8. https://youtu.be/c4W1IWNAPgk Gideon Levys Rede zur Einstaatenlösung (und zur Behandlung der Menschenrechtsgruppen in Deutschland, die sich gegen die Apartheidpolitik einsetzen)
  9. https://www.middleeasteye.net/opinion/why-peter-beinarts-call-one-state-solution-misses-mark
  10. https://books.google.de/books?id=VaUvqHNd6m0C&pg=PA7&dq=%22the+idea+of+Zionism,+which+is+a+colonial+idea,%22&hl=en&sa=X&ei=OurfU9LHINiqyASDhILABQ&redir_esc=y#v=onepage&q=%22the%20idea%20of%20Zionism%2C%20which%20is%20a%20colonial%20idea%2C%22&f=false Aus John Quigley, „The Case for Palestine -An International Law Perspective“, 2005 Duke University Press, Seite 7, Im Detail: Herzl approached Britain because, he said, it was „the first to recognize the need for colonial expansion.“ According to him „the idea of Zionism, which is a colonial idea, should be easily and quickly understood in England.“ In 1902 Herzl approached Cicil Rhodes, who had recently colonized the territory of the Shona people als Rhodesia. „You are being invited to help make history,“ he said in a letter to Rhodes. „It doesn’t involve Africa, but a piece of Asia Minor; not Englishmen but Jews. How, then, do I happen to turn to you since this is an out-of-the-way matter for yout? How Indeed? Because it is something colonial.“
    Oder bzw. Theodor Herzl: A Biography, 1946 Ararat Publishing Society Limited, Seite 126.
  11. https://www.mintpressnews.com/two-seemingly-unrelated-events-laid-israel-racism-bare/269431/
  12. https://qudsnen.co/video-who-wants-to-feed-a-bedouin-zionist-family-treating-palestinian-children-as-zoo-animals/
  13. https://www.youtube.com/watch?v=JEH8eWsaxe4
  14. https://twitter.com/aarondmiller2/status/1280992302773809156
  15. https://www.haaretz.com/us-news/.premium-peter-beinart-s-one-state-solution-sounds-so-perfect-it-s-practically-utopian-1.8983601
  16. https://www.washingtoninstitute.org/fikraforum/view/palestinian-majority-rejects-two-state-solution-but-backs-tactical-compromi
  17. https://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/283266
  18. https://www.jpost.com/opinion/peter-beinharts-betrayal-of-liberal-zionism-and-israel-634553
  19. https://www.middleeasteye.net/news/israel-peter-beinart-jewish-state-renounced-liberal-zionists
  20. http://www.alitheia-verlag.de/product_info.php?products_id=18
  21. https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Beinart

https://kenfm.de/israel-palaestina-und-die-einstaatenloesung-von-jochen-mitschka/

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Israel, Palästina und die Einstaatenlösung

  1. Merkel fördert alles bis hin zur Bezahlung aller illegal gebauten Siedlungen dort mit unserem Geld, gell?

    Liken

    Verfasst von reinertiroch | 24. Juli 2020, 9:47

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