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Geschichte, Kultur

Bordiga und die Großstadt

von https://de.internationalism.org

Einführung

Dieser Artikel wurde während der globalen Covid-19-Krise geschrieben, die eine erschreckende Bestätigung dafür ist, dass wir die Endphase der kapitalistischen Dekadenz durchleben. Die Pandemie, die ein Produkt des zutiefst verzerrten Verhältnisses zwischen der Menschheit und der natürlichen Welt unter der Herrschaft des Kapitals ist, verdeutlicht das Problem der kapitalistischen Urbanisierung, das frühere Revolutionäre, insbesondere Engels und Bordiga, eingehend analysiert haben. Obwohl wir ihre Beiträge zu dieser Frage in früheren Artikeln dieser Reihe[1] bereits untersucht haben, erscheint es uns daher angebracht, das Thema erneut anzusprechen. Weil der 50. Jahrestag von Bordigas Tod im Juli 1970 näher rückt, soll der Artikel auch als Teil unserer Würdigung eines Kommunisten dienen, dessen Arbeit wir trotz unserer Meinungsverschiedenheiten mit vielen seiner Ideen wertschätzen. Mit diesem Artikel beginnen wir eine neue „Staffel“ der Reihe über den Kommunismus, die sich speziell mit den Möglichkeiten und Problemen der proletarischen Revolution in der Phase des kapitalistischen Zerfalls befasst.

Die Revolution angesichts des kapitalistischen Zerfalls

In einem früheren Teil dieser Reihe veröffentlichten wir einige Artikel, die sich mit der Art und Weise beschäftigten, wie die kommunistischen Parteien, die während der großen revolutionären Welle von 1917-23 entstanden, versuchten, das kommunistische Programm vom Abstrakten zum Konkreten zu führen – um eine Reihe von Maßnahmen zu formulieren, die von den Arbeiterräten im Prozess der Übernahme der Macht aus den Händen der Kapitalistenklasse zu ergreifen sind[2]. Und wir sind der Meinung, dass es für Revolutionäre nach wie vor vollkommen gültig ist, die Frage zu stellen: Was wären die Grundlagen des Programms, das die kommunistische Organisation der Zukunft – die Weltpartei – in einem authentischen revolutionären Aufschwung vorlegen müsste? Welches die dringendsten Aufgaben, mit denen die Arbeiterklasse konfrontiert wäre, wenn sie auf die Übernahme der politischen Macht im Weltmaßstab zusteuert? Welches wären die wichtigsten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen, die von der Diktatur des Proletariats, die die notwendige politische Voraussetzung für den Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft bleibt, umgesetzt werden müssen?

Die revolutionären Bewegungen von 1917-23 waren ebenso wie der imperialistische Weltkrieg, der sie anheizte, ein klarer Beweis dafür, dass der Kapitalismus in seine „Epoche der sozialen Revolution“, der Dekadenz, eingetreten war. Von nun an waren der Fortschritt und sogar das Überleben der Menschheit zunehmend gefährdet, solange die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse nicht im Weltmaßstab überwunden sind. In diesem Sinne stehen die grundlegenden Ziele einer künftigen proletarischen Revolution in voller Kontinuität zu den Programmen, die zu Beginn der Periode der Dekadenz vorgelegt wurden. Aber diese Epoche hat nun schon mehr als ein Jahrhundert gedauert, und unserer Ansicht nach haben die in diesem Jahrhundert angesammelten Widersprüche eine Endphase des kapitalistischen Niedergangs eröffnet, die Phase, die wir Zerfall nennen, in der die Fortsetzung des kapitalistischen Systems die wachsende Gefahr birgt, dass die Bedingungen für eine zukünftige kommunistische Gesellschaft untergraben werden. Dies zeigt sich besonders deutlich auf der „ökologischen“ Ebene: 1917-23 waren die Probleme der Umweltverschmutzung und der Zerstörung der natürlichen Umwelt weit geringer als heute. Der Kapitalismus hat den „Stoffwechsel“ zwischen Menschen und Natur so verzerrt, dass eine siegreiche Revolution zumindest enorme menschliche und technische Ressourcen aufwenden müsste, nur um das Chaos zu beseitigen, das der Kapitalismus uns hinterlassen haben wird. In ähnlicher Weise wird der gesamte Zerfallsprozess, der die Tendenz zur sozialen Atomisierung, zu der der kapitalistischen Gesellschaft innewohnenden Haltung des „Jeder für sich“ verschärft hat, eine sehr schädliche Spur bei den Menschen hinterlassen, die eine neue, auf Vereinigung und Solidarität gegründete Gemeinschaft aufbauen müssen. Wir müssen uns auch eine Lehre aus der Russischen Revolution ins Gedächtnis rufen: In Anbetracht der Gewissheit, dass sich die Bourgeoisie der proletarischen Revolution mit aller Kraft widersetzen wird, wird der Sieg der Revolution einen Bürgerkrieg mit sich bringen, der unabsehbare Schäden verursachen könnte, nicht nur in Form von Menschenleben und weiterer Umweltzerstörung, sondern auch auf der Ebene des Bewusstseins, da das militärische Terrain für die Entfaltung der proletarischen Selbstorganisation, des Bewusstseins und der Moral keineswegs das günstigste ist. In Russland ging 1920 der sowjetische Staat als Sieger aus dem Bürgerkrieg hervor, aber das Proletariat hatte die Kontrolle über ihn weitgehend verloren. Wenn wir also versuchen, die Probleme der kommunistischen Gesellschaft zu verstehen, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt[3], müssen wir erkennen, dass diese Muttermale wahrscheinlich viel hässlicher und potenziell schädlicher sein werden als zu Zeiten von Marx und sogar Lenin. Die ersten Phasen des Kommunismus werden also nicht ein idyllisches Erwachen an einem Maimorgen sein, sondern eine lange und intensive Arbeit des Wiederaufbaus aus den Trümmern. Diese Erkenntnis muss unser Verständnis für alle Aufgaben der Übergangsperiode prägen, auch wenn wir unsere Vorausschau auf die Zukunft weiterhin auf der Überzeugung gründen, dass das Proletariat seine revolutionäre Mission – trotz allem – tatsächlich erfüllen kann.

Der historische Kontext von Bordigas „Das unmittelbare revolutionäre Programm“

Während dieser langen Artikelreihe haben wir versucht, die Entwicklung des kommunistischen Projekts als die Frucht der realen historischen Erfahrung des Klassenkampfes und der Reflexion über diese Erfahrung durch die bewusstesten Minderheiten des Proletariats zu verstehen. Und in diesem Artikel wollen wir mit dieser historischen Methode fortfahren, indem wir uns mit dem Versuch befassen, eine aktualisierte Version der „unmittelbaren Programme“ von 1917-23 auszuarbeiten, die selbst Teil der Geschichte der kommunistischen Bewegung geworden ist. Wir beziehen uns dabei auf den 1953 von Amadeo Bordiga verfassten und in Sul Filo del Tempo veröffentlichten Text „Das unmittelbare revolutionäre Programm“, den wir bereits in einem früheren Artikel dieser Reihe[4] mit dem Versprechen erwähnt haben, ausführlicher darauf zurückzukommen. Unserer Ansicht nach ist es von wesentlicher Bedeutung, dass jeder künftige Versuch, ein solches „unmittelbares Programm“ zu formulieren, sich auf die Stärken dieser früheren Bemühungen stützt, während ihre Schwächen radikal kritisiert werden. Der gesamte Text, dem das Verdienst zukommt, sehr prägnant zu sein, folgt nun.

  1. Die riesenhafte Bewegung des proletarischen Klassenkampfes nach dem Ersten Weltkrieg, deren Stärke sich auf weltweiter Ebene niederschlug und sich in Italien in der gefestigten Partei von 1921 konstituierte, zeigte klar, dass die zwingende Losung die Eroberung der politischen Macht war, die das Proletariat nicht auf legalem Weg sondern durch den bewaffneten Aufstand erlangt, dass die günstigste Gelegenheit dafür aus der militärischen Niederlage des eigenen Landes herrührt und dass die politische Form, die auf den Sieg folgt, die Diktatur des Proletariats ist. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Umwandlung ist ein weitergehendes Ziel, deren Vorbedingung die Diktatur ist.
  2. Das »Kommunistische Manifest« stellte fest, dass die aufeinanderfolgenden gesellschaftlichen Maßnahmen, die sich als möglich erweisen oder die man »despotisch« hervorruft – der Weg zum entwickelten Kommunismus war extrem weit – vom Grad der Entwicklung der Produktivkräfte in dem Land abhängen, in dem das Proletariat den Sieg errungen hat, und von der Geschwindigkeit, mit der sich dieser Sieg auf andere Länder ausweitet. Es zeigte die Maßnahmen auf, die 1848 für die entwickeltsten Länder Europas angemessen waren, und wies darauf hin, dass diese Maßnahmen nicht das Programm des vollständigen Sozialismus darstellten, sondern eine Ansammlung von Übergangsmaßnahmen, die als vorübergehend, unmittelbar, veränderlich und grundsätzlich »widersprüchlich« betrachtet wurden.
  3. Nach und nach (und das war eines der Elemente, die die Anhänger einer nicht festgelegten, sondern stetig, je nach den geschichtlichen Ergebnissen veränderlichen Theorie, täuschte) wurden zahlreiche Maßnahmen, die seinerzeit der proletarischen Revolution auferlegt wurden, von der Bourgeoisie selbst in diesem oder jenem Lande durchgeführt, wie etwa die allgemeine Schulpflicht oder die Errichtung einer Staatsbank etc…

Dies erlaubte jedoch nicht zu glauben, dass sich die Gesetze und präzisen Voraussichten des Marxismus über den Übergang der kapitalistischen Produktionsweise zum Sozialismus und aller ihrer wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Formen geändert hätten; es bedeutete lediglich, dass die erste nachrevolutionäre Periode verändert und einfacher wurde, also die Übergangswirtschaft, die der niederen Phase des Sozialismus vorausgeht, wie auch der höheren sozialistischen Phase, dem entwickelten Kommunismus.

  1. Dies war einer der Aspekte, der diejenigen täuschte, die nicht einer fixen Theorie folgten, sondern glaubten, sie bedürfe aufgrund des historischen Wandels einer ständigen Weiterentwicklung.
  2. Dass die Bourgeoisie selbst diese konkreten Maßnahmen ergriffen hat, bedeutet nicht, dass die genauen Gesetze und Vorhersagen über den Übergang von der kapitalistischen zur sozialistischen Produktionsweise in ihrer gesamten wirtschaftlichen, politischen und sozialen Ausgestaltung geändert werden müssen; es bedeutet nur, dass die ersten postrevolutionären, die unteren und letzten höheren Stufen des Sozialismus (oder des totalen Kommunismus) noch Vorläuferperioden sind, was bedeutet, dass die Übergangsökonomie etwas einfacher sein wird.

Der klassische Opportunismus bestand darin, glauben zu machen, dass all diese Maßnahmen, von der ersten bis zur letzten, unter dem Druck des Proletariats vom demokratischen bürgerlichen Staat verwirklicht werden können, oder sogar Dank einer legalen Eroberung der Macht. Aber in diesem Fall wären diese verschiedenen »Maßnahmen« im Interesse des bürgerlichen Machterhalts verwirklicht worden, um den Fall des Kapitalismus abzuwenden, vorausgesetzt, sie wären für ihn verträglich, und wäre dies nicht der Fall, so würde der Staat sie niemals umsetzen.

  1. Er lässt das Proletariat nicht nur glauben, dass ein Staat, der über Klassen und Parteien steht, in der Lage ist, einige seiner eigenen grundlegenden Aufgaben zu erfüllen (das heißt, er verbreitet den Defätismus gegenüber der Diktatur – wie die Sozialdemokratie vor ihm -, sondern er setzt die Massen, die er organisiert, in Kämpfen für „demokratische und fortschrittliche“ gesellschaftliche Ordnungen ein, in diametralem Gegensatz zu denen, die sich die proletarische Macht seit 1848 und dem „Manifest“ zum Ziel gesetzt hat.

Der gegenwärtige Opportunismus mit seiner Parole der fortschrittlichen Volksdemokratie im Rahmen der Verfassung und des Parlamentarismus erfüllt eine andere, noch schlimmere geschichtliche Aufgabe. Zuerst erweckt er im Proletariat den Glauben, dass einige seiner eigenen Maßnahmen in das Programm eines alle Klassen umfassenden Mehrparteienstaats passen würden, das heißt also, dieser Opportunismus zeigt den gleichen Defätismus gegenüber der proletarischen Klassendiktatur wie die Sozialdemokratie von gestern. In der Folge aber treibt er die organisierten Massen vor allem dazu, für »volksfreundliche und fortschrittliche« gesellschaftliche Maßnahmen zu kämpfen, welche denen völlig entgegengesetzt sind, die die proletarische Macht seit 1848 und das »Manifest« stets festgelegt haben.

Man kann die Schande einer derartigen Rückentwicklung nicht besser aufzeigen als durch eine Aufzählung der Maßnahmen, die es für den Fall zu verwirklichen gibt, dass die Machteroberung künftig in einem westlichen kapitalistischen Land möglich wird, anstatt der Maßnahmen des »Manifests« (von vor einem Jahrhundert), und die stets die kennzeichnendsten von damals mit einschließen.

  1. Die Liste der Forderungen ist folgende:
    1. »Desinvestition der Kapitalien«, das heißt, Zuweisung eines deutlich geringeren Teils der Produkte für Produktionsmittel statt für Konsumtionsmittel.
    2. »Erhöhung der Produktionskosten«, um bis zum Ersetzen von Lohn, Markt und Geld die Entlohnung, bei geringerer Arbeitszeit, zu verbessern.
    3. »Drastische Verkürzung des Arbeitstags«, mindestens um die Hälfte seiner gegenwärtigen Länge, durch Eingliederung der Arbeitslosen und derjenigen Bevölkerung, die heute mit gesellschaftsfeindlichen Aktivitäten beschäftigt ist.
    4. Verminderung des Produktionsvolumens gemäß eines Plans der »Unterproduktion«, der die Produktion auf das Wesentliche konzentriert, »autoritäre Kontrolle des Konsums« zur Bekämpfung der Werbungsauswüchse für unnütze, verschwenderische und schädliche Güter, und zwangsweise Abschaffung der Aktivitäten, die lediglich dazu dienen, eine reaktionäre Geisteshaltung zu propagieren.
    5. Rasche »Abschaffung der Schranken des Betriebs« mit der autoritären Verlagerung, nicht der Menschen, sondern der Arbeitsmittel gemäß des neuen Konsumtionsplans.
    6. »Rasche Abschaffung der Fürsorge« merkantilen Typs, die ersetzt werden durch die gesellschaftliche Ernährung der Nicht-Arbeiter auf minimaler Grundlage.
    7. »Anhalten der Bautätigkeit« von Wohnungen und Arbeitsstätten am Rande der großen Städte (und auch der kleinen), als Maßnahme zur gleichmäßigen Verteilung der Bevölkerung über das gesamte Territorium. Verringerung der Schnelligkeit, des Ausmaßes und der Verdichtung des Verkehrs durch Verbot des überflüssigen Verkehrs.
    8. »Offener Kampf gegen die berufliche Spezialisierung« und die gesellschaftliche Arbeitsteilung durch Abschaffung der Titel und Beamten.
    9. Näher am politischen Bereich: offensichtliche und unmittelbare Maßnahmen, um dem kommunistischen Staat die Schulen, die Presse, alle Mittel der Informationsverbreitung unterzuordnen, wie auch das gesamte Veranstaltungs- und Unterhaltungsnetz.
  2. Es ist nicht verwunderlich, dass die Stalinisten und ihresgleichen durch ihre westlichen Parteien heute das vollkommene Gegenteil fordern, nicht nur, was ihre »institutionellen« Forderungen betrifft, das heißt die legal-politischen, sondern auch ihre »strukturellen« Forderungen, das heißt auf wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene. Dies erlaubt ihnen, im Gleichklang mit derjenigen Partei zu marschieren, die den russischen Staat und seine Satelliten anführt und deren Ziel der gesellschaftlichen Veränderung darin besteht, vom Vorkapitalismus zum vollen Kapitalismus überzugehen, mit dem ganzen Gepäck wirtschaftlicher, ideologischer, politischer und gesellschaftlicher Forderungen, die alle am bürgerlichen Zenit ausgerichtet sind, und die nur dem mittelalterlichen und feudalistischen Nadir (3) einen Schrecken einjagen.

Die westlichen Renegaten sind noch niederträchtiger als ihre östlichen Paten, insofern die feudalistische Gefahr, die in dem sich in Aufruhr befindlichen Asien noch materiell und wohl reell ist, für die mit der hochmütig aufgeblähten kapitalistischen Metropole auf der anderen Seite des Atlantiks in einer Linie stehenden Länder vorgeheuchelt und nicht vorhanden ist, ebensowenig wie für die unter seiner zivilisierten, liberalen und »völkerbündischen« Knute stehenden Proletarier.

Der Text wurde im Jahr nach der Spaltung der Internationalistischen Kommunistischen Partei veröffentlicht, die sich in Italien während des Krieges nach einer bedeutenden Welle von Arbeiterkämpfen[5] gebildet hatte. Die Spaltung war jedoch – wie die Auflösung von Marcs Gruppe der Gauche Communiste de France, die ebenfalls 1952 stattfand – Ausdruck der Tatsache, dass der Krieg entgegen den Hoffnungen vieler Revolutionäre nicht zu einem neuen proletarischen Aufschwung, sondern zur Vertiefung der Konterrevolution geführt hatte. Bei den Meinungsverschiedenheiten zwischen den „Damenisten“ und den „Bordigisten“ im Partito Comunista Internazionalista in Italien ging es zum Teil um unterschiedliche Auffassungen über die Nachkriegszeit. Bordiga und seine Anhänger tendierten dazu, die Tatsache besser zu verstehen, dass die Periode von zunehmender Reaktion geprägt war[6]. Und doch haben wir hier Bordiga, der eine Liste von Forderungen formuliert hat, die besser zu einem Moment des offenen revolutionären Kampfes passen würden. Dieser Text erscheint daher eher als eine Art Gedankenexperiment denn als eine Plattform, die von einer Massenbewegung angenommen werden sollte. Dies mag bis zu einem gewissen Grad einige der offensichtlicheren Schwächen und Lücken des Dokuments erklären, obwohl sie in einem tieferen Sinne das Produkt von Widersprüchen und Ungereimtheiten sind, die bereits in der bordigistischen Weltsicht eingebettet waren.

Wenn wir die Bemerkungen lesen, die den Text einleiten und abschließen, können wir auch erkennen, dass er als Teil einer umfassenderen Polemik gegen das geschrieben wurde, was die Bordigisten als die „reformistischen“ Strömungen bezeichnen, insbesondere die Stalinisten, jene falschen Erben der Tradition von Marx, Engels und Lenin. Der Hauptgrund dafür, dass die Bordigisten die offiziellen kommunistischen Parteien als reformistisch bezeichneten, war nicht so sehr, dass sie die Illusionen der Trotzkisten geteilt hätten, wonach es sich bei jenen immer noch um Arbeiterorganisationen gehandelt habe, sondern vielmehr, weil die Stalinisten zunehmend zu Verfechtern der Bildung nationaler Fronten mit den traditionellen bürgerlichen Parteien geworden waren und einen allmählichen „Übergang“ zum Sozialismus durch die Bildung von „Volksdemokratien“ und verschiedenen parlamentarischen Koalitionen befürworteten. Gegen diese Entgleisungen bekräftigt Bordiga die Grundlagen des Kommunistischen Manifests, das von der Notwendigkeit der gewaltsamen Eroberung der Macht durch das Proletariat ausgeht (im Rückblick können wir hier auch auf die Kluft hinweisen, die Bordiga von vielen trennt, die „in seinem Namen sprechen“, insbesondere von den „Kommunisierungs“strömungen, die Bordiga oft zitieren, aber sein Beharren auf der Notwendigkeit der proletarischen Diktatur und einer kommunistischen Partei verhöhnen). Gleichzeitig macht Bordiga, der immer noch die Stalinisten im Visier hat, deutlich, dass die spezifischen „Übergangs“-Maßnahmen, die am Ende des zweiten Kapitels des Manifests von 1848 befürwortet wurden – hohe progressive Einkommenssteuer, Gründung einer Staatsbank, staatliche Kontrolle von Kommunikation und Schlüsselindustrien usw. – zwar das Rückgrat des Wirtschaftsprogramms der „Reformisten“ bilden mögen, aber nicht als ewige Wahrheiten angesehen werden sollten: Das Manifest selbst betonte, dass sie „nicht als vollständiger Sozialismus zu behandeln sind, sondern als Schritte, die als vorläufig, unmittelbar und im Wesentlichen widersprüchlich zu identifizieren sind“, und entsprach dem niedrigen kapitalistischen Entwicklungsstand zum Zeitpunkt ihrer Ausarbeitung; und in der Tat sind etliche von ihnen bereits von der Bourgeoisie selbst umgesetzt worden.

Man möge denen verzeihen, welche dies als Widerlegung der Invarianz betrachten, der Idee, dass das kommunistische Programm seit mindestens 1848 im Wesentlichen unverändert geblieben sei. Tatsächlich geißelt Bordiga die Stalinisten, weil sie „nicht einer fixen Theorie folgten, sondern glaubten, sie bedürfe der ständigen Weiterentwicklung als Folge des historischen Wandels“. Und wiederum argumentiert er, dass seine vorgeschlagenen „Korrekturen“ am unmittelbaren Programm „sich von den im ‚Manifest‘ aufgezählten unterscheiden; ihre Merkmale sind jedoch dieselben“. Wir finden dies widersprüchlich und nicht überzeugend. Es stimmt zwar, dass sich bestimmte Schlüsselelemente des kommunistischen Programms, wie etwa die Notwendigkeit der proletarischen Diktatur, nicht ändern, aber die historische Erfahrung hat in der Tat tiefgreifende Entwicklungen im Verständnis des Zustandekommens dieser Diktatur und der politischen Formen, aus denen sie sich zusammensetzen wird, mit sich gebracht. Dies hat nichts mit dem „Revisionismus“ der Sozialdemokraten, der Stalinisten oder anderer zu tun, die vielleicht tatsächlich die Ausrede des „mit der Zeit gehenden Wandels“ benutzt haben, um ihre Flucht aus dem proletarischen Lager zu rechtfertigen.

Viele Schwächen, aber einige wichtige Stärken

Wenn man sich die „Korrekturen“ Bordigas an den im Manifest vorgeschlagenen Maßnahmen betrachtet, möge man uns auch verzeihen, dass wir zunächst deren Schwächen sehen:

  • Trotz aller Lehren, die aus den revolutionären Bewegungen der Jahre 1905-23 gezogen wurden, gibt es überhaupt keinen Hinweis auf die Formen proletarischer politischer Macht, die am besten geeignet sind, den Übergang zum Kommunismus zu vollziehen. Kein Hinweis auf die Sowjets, kein Versuch, auf Beispielen wie dem Programm der KPD von 1918 aufzubauen, in dem besonders die Notwendigkeit betont wird, die Institutionen des bürgerlichen Staates auf lokaler und zentraler Ebene zerstören und an ihrer Stelle die Macht der Arbeiterräte zu installieren; keine Lehren aus der Degeneration der Russischen Revolution über das Verhältnis zwischen Partei und Klasse oder Partei und Staat. In der Tat ist die einzige Erwähnung irgendeiner Form politischer Macht nach der Revolution die des „kommunistischen Staats“, ein schrecklicher Widerspruch in sich selbst, wie der vorherige Artikel in dieser Reihe anhand der Beiträge von Marc Chirik[7] argumentierte. Auch hier haben wir es wieder mit den grundlegenden Schwächen der bordigistischen „Doktrin“ zu tun: Organisationsformen sind nicht wichtig, was zählt, ist der von der Partei eingebrachte Inhalt, die dazu bestimmt ist, die Diktatur des Proletariats im Namen der Massen auszuüben. Darüber hinaus hat Bordiga natürlich recht, wenn er in Punkt 5 darauf besteht, dass Produktion und Konsum auf einem globalen Plan beruhen werden, aber seine Ignorierung der Frage, wie die Arbeiterklasse auf jeder Ebene, von der lokalsten bis zur globalsten, die Macht selbst in die Hand nehmen und halten wird, impliziert eine hierarchische Sichtwiese über die Zentralisierung. Dies wird am deutlichsten im Abschnitt über die Bereiche Bildung und Kultur, in dem eine Art Staatsmonopol klar befürwortet wird. Wir können diese Auffassung mit Trotzkis Ansicht kontrastieren, wonach der postrevolutionäre Staat eine „anarchistische“ Herangehensweise in der Frage von Kunst und Kultur haben soll – womit er meinte, der Staat solle sich so wenig wie möglich in Fragen des künstlerischen Stils, des Geschmacks oder der Kreativität einmischen und nicht verlangen, dass alle Kunst als Propaganda für die Revolution dienen solle. Allgemeiner gesagt, gibt es in Bordigas Maßnahmenkatalog wenig Anzeichen für die Notwendigkeit eines umfassenden politischen, moralischen und kulturellen Kampfes zur Überwindung der Gewohnheiten und Haltungen, die nicht nur vom Kapitalismus, sondern von Tausenden von Jahren der Klassengesellschaft geerbt wurden. Er spricht zwar von der Notwendigkeit, gegen „berufliche Spezialisierung und soziale Arbeitsteilung“ zu kämpfen, aber ein solcher Kampf erfordert mehr als ein Verbot von Titeln, während die Forderung nach Abschaffung der „Möglichkeit, Karriere zu machen“ nur im Zusammenhang mit einer umfassenden Reorganisation der Produktion und der Abschaffung des Lohnsystems Sinn macht.
  • Bordiga war sich vollkommen bewusst, dass die Abschaffung von „Löhnen, Geld und Markt“ ein zentrales Merkmal des Kommunismus ist[8], und wir wissen, dass man nicht von heute auf morgen auf sie verzichten kann. Aber abgesehen von der Befürwortung von „mehr Lohn für weniger Arbeitszeit“ gibt uns Bordiga keinen Hinweis darauf, welche Maßnahmen ergriffen werden können – und zwar vom Beginn der Revolution an –, die zur Beseitigung dieser Schlüsselkategorien des Kapitalismus führen werden. In diesem Sinne bauen die Korrekturen von Bordiga nicht auf den Vorschlägen auf, die Marx in der Kritik des Gothaer Programms (das System der Arbeitszeitgutscheine, auf das wir in einem anderen Artikel zurückkommen müssen) gemacht hat, oder sie kritisieren sie kohärent.

Und doch behält das Dokument für uns ein beträchtliches Interesse insofern, als es versucht zu verstehen, welches die Hauptprobleme und -prioritäten einer kommunistischen Revolution wären, die nicht zu Beginn der Dekadenz des Kapitalismus stattfinden würde, wie 1917-23, sondern nach einem ganzen Jahrhundert, in dem sich der Niedergang in die Barbarei weiter beschleunigt hat und die Bedrohung für das Überleben der Menschheit weitaus größer ist als vor hundert Jahren.

Die Methoden des kommunistischen Wiederaufbaus

Bordigas Dokument unternimmt keinen Versuch, eine Bilanz der Erfolge und Misserfolge der Russischen Revolution auf politischer Ebene zu ziehen, und bezieht sich in der Tat nur kursorisch auf die revolutionäre Welle, die auf den Ersten Weltkrieg folgte. In einer Hinsicht versucht es jedoch, eine wichtige Lehre aus der Wirtschaftspolitik der Bolschewiki zu ziehen: Die Vorschläge Bordigas sind sachdienlich, weil sie anerkennen, dass der Weg zum materiellen Überfluss und zu einer klassenlosen Gesellschaft nicht auf einem Programm der „sozialistischen Akkumulation“ beruhen kann, in dem der Konsum immer noch der „Produktion um der Produktion willen“ (die in Wirklichkeit eine Produktion um des Wertes willen ist) unterworfen ist – die lebendige Arbeit der toten Arbeit untergeordnet. Gewiss, die kommunistische Revolution ist zu einer historischen Notwendigkeit geworden, weil die kapitalistischen sozialen Beziehungen zu einer Fessel für die Entwicklung der Produktivkräfte geworden sind. Aber aus kommunistischer Sicht hat die Entwicklung der Produktivkräfte einen ganz anderen Inhalt als ihre Anwendung in der kapitalistischen Gesellschaft, wo sie durch das Profitmotiv und damit den Drang zur Akkumulation getrieben wird. Der Kommunismus wird sicherlich die unter dem Kapitalismus erreichten wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte voll nutzen, aber er wird sie dem menschlichen Gebrauch zuführen, so dass sie zu Dienern der wirklichen „Entwicklung“ werden, die der Kommunismus postuliert: der vollen Entfaltung der Produktivkräfte, d.h. der schöpferischen Kräfte der damit verbundenen Individuen. Ein Beispiel soll hier genügen: Mit der Entwicklung der Computerisierung und der Roboterisierung hat uns der Kapitalismus ein Ende der Plackerei und eine „Freizeitgesellschaft“ versprochen. In Wirklichkeit haben diese potentiellen Segnungen für die einen das Elend der Arbeitslosigkeit oder der prekären Arbeit und für die anderen eine erhöhte Arbeitsbelastung mit sich gebracht, wobei der Druck auf die Arbeiter und Arbeiterinnen wächst, weiterhin überall und zu jeder Tageszeit an ihren Computern zu arbeiten.

Konkret umfassen die ersten vier Punkte seines Programms: die Forderung, sich nicht mehr auf die Produktion von Maschinen zu konzentrieren, um mehr Maschinen zu produzieren, und die Ausrichtung der Produktion auf den direkten Konsum. Letzteres bedeutete im Kapitalismus natürlich die Produktion von immer mehr „nutzlosen, schädlichen und luxuriösen Konsumgütern“ – heute zum Beispiel durch die Produktion von immer ausgeklügelteren Computern oder Mobiltelefonen, die nach einer begrenzten Zeit ausfallen und nicht repariert werden können, oder durch die immens umweltverschmutzende Automobil- und Fast-Fashion-Industrie, in der die „Verbrauchernachfrage“ durch Werbung und soziale Medien in den Wahnsinn getrieben wird. Wenn die Arbeiterklasse sich der Gesellschaft und der Produktion bemächtigt hat, wird sich die Neuorientierung des Konsums auf die dringende Notwendigkeit konzentrieren, alle Menschen auf dem ganzen Planeten mit den grundlegenden Lebensnotwendigkeiten zu versorgen. Wir werden auf diese Fragen in anderen Artikeln zurückkommen müssen, aber wir können einige der offensichtlichsten nennen:

  • Ernährung. Der niedergehende Kapitalismus hat die Menschheit vor einen gigantischen Widerspruch zwischen den Möglichkeiten, genügend Nahrung für alle zu produzieren, und der realen und dauerhaften Unterernährung gestellt, die weite Teile des Planeten heimsucht, darunter auch Bevölkerungsgruppen in den am weitesten entwickelten Ländern, während sowohl in den zentralen als auch in den peripheren Ländern Millionen von Menschen an Fettleibigkeit und schlechter Ernährung leiden, die von den Nahrungsmittelproduktions- und -vermarktungskonzernen absichtlich aufrechterhalten werden und die auch enorm zu den globalen Kohlenstoffemissionen, der Entwaldung und anderen Bedrohungen für die Ökologie der Welt wie der Verschmutzung durch Plastik beitragen. Auch die Wasserversorgung der Welt ist zu einem grundlegenden Problem geworden, das durch die globale Erwärmung noch verschärft wird. Die Arbeiterklasse wird also die Welt ernähren müssen, aber ohne auf die kapitalistischen Methoden zurückzugreifen, die uns in diese Sackgasse geführt haben, nicht zuletzt auf die zeitgenössische „Massentierhaltung“ mit ihrer ekelhaften Grausamkeit gegenüber Tieren und ihrer wahrscheinlichen Verbindung zu pandemischen Krankheiten. Sie wird den Antagonismus zwischen reichlicher Nahrung und gesunder Ernährung auflösen müssen. Und dies alles auf der Grundlage einer sozioökonomischen Transformation, die nicht sofort gelöst werden kann: Es ist eine Sache, z.B. das große „Agribusiness“ und die staatlichen Quellen der Nahrungsmittelproduktion zu enteignen, eine andere, die kleinbäuerlichen Betriebe oder Bauern in die genossenschaftliche und dann assoziierte Produktion zu integrieren, was Zeit braucht und es unmöglich macht, die Tauschbeziehungen zwischen dem sozialisierten Sektor und den Kleinbauern sofort zu überwinden.
  • Wohnen: Obdachlosigkeit ist in allen kapitalistischen Ländern endemisch geworden, nicht zuletzt in den Städten des kapitalistischen Zentrums; Millionen werden in den riesigen Elendsvierteln zusammengetrieben, die die Städte des „globalen Südens“ (und wiederum auch in Teilen des „globalen Nordens“) umgeben; und in den letzten Jahrzehnten hat die Ausbreitung von Krieg und Umweltzerstörung ein Flüchtlingsproblem in einem Ausmaß geschaffen, wie es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr aufgetreten ist, und weitere Millionen leben unter verzweifelten Bedingungen in Lagern, die wenig Schutz vor den Naturgewalten, vor Krankheiten und vor jeder Art von Ausbeutung, einschließlich moderner Formen der Sklaverei, bieten. Gleichzeitig haben die großen Städte der Welt einen Bauboom entfesselt, der hauptsächlich der Spekulation, Luxuswohnungen und wirtschaftlichen Aktivitäten gewidmet ist, die in einer kommunistischen Gesellschaft keinen Platz hätten. Eine groß angelegte Enteignung solcher missbräuchlich genutzten und falsch konzipierten Gebäude kann eine vorübergehende Lösung für die schlimmsten Ausprägungen von Obdachlosigkeit bieten, aber auf lange Sicht kann die Unterbringung der kommunistischen Menschheit nicht auf dem Zusammenflicken eines bereits unzulänglichen und zunehmend baufälligen Wohnungsbestands beruhen, in dem die Bewohner und Bewohnerinnen in käfigartige Abteile gezwängt werden. Die neue Behausung eines Großteils der Weltbevölkerung stellt eine viel größere Herausforderung dar: die Überwindung des Widerspruchs zwischen Stadt und Land, der nichts mit der ungebremsten Expansion der Städte gemein hat, die wir in dieser Phase des Kapitalismus erleben. Wir werden im Folgenden darauf zurückkommen.
  • Gesundheitsfürsorge: Die Gesundheit ist, wie jeder Bericht über die öffentliche Gesundheit feststellt, eine soziale Klassenfrage. Diejenigen, die schlecht ernährt und schlecht untergebracht sind und nur begrenzten Zugang zur Gesundheitsversorgung haben, sterben viel früher als diejenigen, die sich gut ernähren, eine anständige Wohnung haben und im Krankheitsfall eine angemessene medizinische Behandlung erhalten können. Die gegenwärtige Covid-19-Pandemie legt jedoch die Grenzen aller bestehenden „Gesundheitsdienste“ offen, selbst in den mächtigsten kapitalistischen Ländern, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich der Logik der Konkurrenz zwischen nationalen kapitalistischen Einheiten nicht entziehen können, während eine Pandemie keinen Respekt vor nationalen Grenzen hat und die Notwendigkeit von etwas unterstreicht, das nur ein Alptraum für „Big Pharma“ und die Trumps dieser Welt sein kann, aber auch für jene linke Version des Nationalismus, die nicht will, dass wir über „unseren nationalen Gesundheitsdienst“ hinausblicken: Medizin, Gesundheitsfürsorge und Forschung, die nicht staatlich, sondern wirklich sozialisiert und nicht national, sondern „ohne Grenzen“ sind: kurz gesagt, ein planetarischer Gesundheitsdienst.

Gegen Verschwendung und sinnlosen Luxus

Aber gleichzeitig sind diese zugegebenermaßen immensen Aufgaben, die nur der Ausgangspunkt für eine neue menschliche Kultur sind, nicht als Ergebnis einer brutalen Verlängerung des Arbeitstages vorstellbar. Im Gegenteil, sie müssen mit einer drastischen Verkürzung der Arbeitszeit verbunden sein, ohne die, wie wir hinzufügen sollten, die direkte Beteiligung der Produzierenden am politischen Leben der Vollversammlungen und Räte nicht möglich sein wird. Und diese Reduzierung soll zu einem großen Teil durch die Beseitigung von Verschwendung erreicht werden: der Verschwendung durch Arbeitslosigkeit und durch „sozial nutzlose und schädliche Aktivitäten“.

Bereits zu Beginn des Kapitalismus, in einer Rede in Elberfeld 1845, stigmatisierte Engels die Art und Weise, wie der Kapitalismus einen schrecklichen Missbrauch menschlicher Energie nicht vermeiden könne, und bestand darauf, dass nur eine kommunistische Transformation das Problem lösen könne.

Die jetzige Einrichtung der Gesellschaft ist in ökonomischer Beziehung gewiß die unvernünftigste und unpraktischste, die wir uns denken können. Die Entgegensetzung der Interessen bringt es mit sich, daß eine große Menge Arbeitskraft auf eine Weise verwendet wird, von der die Gesellschaft keinen Nutzen hat, daß ein bedeutendes Quantum Kapital unnötigerweise verlorengeht, ohne sich zu reproduzieren. Wir sehen dies schon bei den Handelskrisen; wir sehen, wie Massen von Produkten, die doch alle von Menschen mühsam erarbeitet waren, zu Preisen weggeschleudert werden, die dem Verkäufer Verlust lassen; wir sehen, wie durch Bankerotte Massen von Kapitalien, die doch mühsam angehäuft waren, den Besitzern unter den Händen verschwinden. Gehen wir indes etwas mehr ins Detail des jetzigen Verkehrs. Bedenken Sie, durch wie viele Hände jedes Produkt gehen muß, bis es in die des wirklichen Konsumenten gerät -, bedenken Sie, m[eine] H[erren], wie viele spekulierende und überflüssige Zwischenschieber sich jetzt zwischen den Produzenten und den Konsumenten eingedrängt haben! Nehmen wir ein Beispiel, etwa einen Baumwollballen, der in Nordamerika fabriziert wird. Der Ballen geht aus den Händen des Pflanzers in die des Faktors an irgendeiner beliebigen Station des Mississippi über, er wandert den Fluß hinunter nach New Orleans. Hier wird er verkauft – zum zweiten Male, da ihn der Faktor schon vom Pflanzer kaufte – verkauft, meinetwegen an den Spekulanten, der ihn wieder an den Exporteur verkauft. Der Ballen geht nun etwa nach Liverpool, wo wieder ein gieriger Spekulant seine Hände nach ihm ausstreckt und ihn an sich reißt. Dieser verhandelt ihn wieder an einen Kommissionär, der für Rechnung – wir wollen sagen, eines deutschen Hauses – kauft. So wandert der Ballen nach Rotterdam, den Rhein herauf, durch noch ein Dutzend Hände von Spediteuren, nachdem er ein dutzendmal aus- und eingeladen worden ist -, und dann erst ist er in den Händen, nicht des Konsumenten, sondern des Fabrikanten, der ihn erst konsumierbar macht, sein Garn vielleicht dem Weber, dieser das Gewebe dem Drucker, der dem Grossisten und dieser wieder dem Detaillisten verhandelt, der dann endlich die Ware dem Konsumenten liefert. Und alle diese Millionen Zwischenschieber, Spekulanten, Faktoren, Exporteurs, Kommissionäre, Spediteure, Grossisten und Detaillisten, die doch an der Ware selbst nichts tun, sie wollen alle leben und ihren Profit dabei machen – und machen ihn auch im Durchschnitt, denn sonst könnten sie nicht bestehen. M[eine] H[erren], gibt es keinen einfacheren, wohlfeileren Weg, einen Baumwollballen von Amerika nach Deutschland und das aus demselben verfertigte Fabrikat in die Hände des wirklichen Konsumenten zu liefern als diesen weitläuftigen des zehnmaligen Verkaufens, des hundertmaligen Umladens und Transportierens aus einem Magazin ins andere? Ist dies nicht ein schlagender Beweis der vielen Verschwendung von Arbeitskraft, die durch die Zersplitterung der Interessen herbeigeführt wird? In der vernünftig organisierten Gesellschaft ist von einem solchen umständlichen Transporte keine Rede. Ebenso leicht wie man wissen kann, wieviel eine einzelne Kolonie an Baumwolle oder Baumwollfabrikaten gebraucht, um bei dem Beispiele stehenzubleiben – ebenso leicht wird es der Zentralverwaltung sein, zu erfahren, wieviel sämtliche Ortschaften und Gemeinden des Landes gebrauchen. Ist eine solche Statistik einmal organisiert, was in einem oder zwei Jahren leicht geschehen kann, so wird sich der Durchschnitt des jährlichen Konsums nur im Verhältnis der steigenden Bevölkerung verändern; es ist also ein leichtes, zur gehörigen Zeit vorauszubestimmen, welches Quantum von jedem einzelnen Artikel das Bedürfnis des Volkes erfordern wird -, man wird die ganze, große Quantität sich direkt an der Quelle bestellen, man wird sie direkt, ohne Zwischenschieber, ohne mehr Aufenthalt und Umladungen, als wirklich in der Natur der Kommunikation begründet sind, also mit einer großen Ersparnis von Arbeitskraft, beziehen können; man wird nicht nötig haben, den Spekulanten, Groß- und Kleinhändlern ihren Nutzen zu bezahlen. Aber das ist noch nicht alles – diese Zwischenschieber werden nicht nur auf diese Weise der Gesellschaft unschädlich, sie werden ihr sogar vorteilhaft gemacht. Während sie jetzt zum Nachteil aller anderen eine Arbeit tun, die im besten Falle überflüssig ist und ihnen doch den Lebensunterhalt, ja in vielen Fällen große Reichtümer einbringt, während sie also jetzt dem allgemeinen Besten direkt nachteilig sind, werden sie dann die Hände zu nützlicher Tätigkeit frei bekommen und eine Beschäftigung ergreifen können, worin sie sich als wirkliche, nicht nur scheinbare, erheuchelte Mitglieder der menschlichen Gesellschaft und Teilnehmer an ihrer Gesamttätigkeit erweisen.[9]

Engels zählt dann weitere Beispiele für diese Verschwendung auf: die Notwendigkeit, in einer Gesellschaft, die auf Wettbewerb und Ungleichheit basiert, enorm teure, aber völlig unproduktive Institutionen wie stehende Armeen, Polizeikräfte und Gefängnisse aufrechtzuerhalten; die menschliche Arbeitskraft, die in den Dienst dessen geflossen ist, was William Morris „den schweinischen Luxus der Reichen“ nannte; und nicht zuletzt die enorme Verschwendung von Arbeitskraft, die durch die Arbeitslosigkeit verursacht wird, die während der periodischen „Handels“-Krisen des Systems besonders skandalöse Ausmaße annimmt. Dann stellt er die Verschwendung des Kapitalismus der wesentlichen Einfachheit der kommunistischen Produktion und Verteilung gegenüber, die auf der Grundlage dessen berechnet wird, was die Menschen brauchen, und der Gesamtarbeitszeit, die zur Befriedigung dieser Bedürfnisse nötig ist.

All diese kapitalistischen Gebrechen, die während der Periode des Aufstiegs und der Expansion des Kapitalismus zu beobachten waren, sind in der Epoche des kapitalistischen Niedergangs weitaus zerstörerischer und gefährlicher geworden: Krieg und Militarismus haben in zunehmendem Maße den gesamten Wirtschaftsapparat erfasst und stellen eine so akute Bedrohung für die Menschheit dar, dass eine der dringendsten Prioritäten der proletarischen Diktatur (eine, die Bordiga nicht erwähnte, obwohl das „Atomzeitalter“ zum Zeitpunkt, als er diesen Text schrieb, bereits klar begonnen hatte) darin bestehen wird, den Planeten von den Massenvernichtungswaffen zu befreien, die der Kapitalismus angesammelt hat – vor allem, weil es keine Garantie dafür gibt, dass die Bourgeoisie oder Fraktionen der Bourgeoisie angesichts ihres endgültigen Sturzes durch die Arbeiterklasse es nicht vorziehen werden, die Menschheit zu zerstören, bevor sie ihre Klassenherrschaft aufgeben.

Ein militarisierter Kapitalismus kann denn auch nur durch das krebsartige Wachstum des Staates funktionieren, mit seinem eigenen stehenden Heer von Bürokraten, Polizisten und Spionen. Vor allem die Sicherheitsdienste sind in gigantischem Ausmaß angeschwollen, ebenso wie ihr Spiegelbild, die Mafiabanden, die in vielen Ländern der kapitalistischen Peripherie ihre brutale Ordnung durchsetzen.

In ähnlicher Weise hat die kapitalistische Dekadenz mit ihrem gewaltigen Bank-, Finanz- und Werbeapparat, der für die Zirkulation tatsächlich produzierter Güter mehr denn je unerlässlich ist, die Zahl der Menschen, die an grundsätzlich sinnlosen Formen von täglichen Verrichtungen beteiligt sind, enorm erhöht; und die aufeinander folgenden Wellen der „Globalisierung“ haben die Absurditäten, die mit der weltweiten Zirkulation von Waren verbunden sind, noch offensichtlicher gemacht, ganz zu schweigen von den steigenden Kosten auf ökologischer Ebene. Und die Menge an Arbeit, die den Ansprüchen der heute als „Superreiche“ bezeichneten Menschen gewidmet wird, ist nicht weniger schockierend als zu Engels‘ Zeiten – nicht nur in ihrem unerschöpflichen Bedarf an Dienern und Dienerinnen, sondern auch in ihrem Durst nach wirklich nutzlosem Luxus wie Privatjets, Yachten und Palästen. Und am entgegengesetzten Pol, in einer Epoche, in der die Wirtschaftskrise des Systems selbst zu einer permanenten Krise geworden ist, ist die Arbeitslosigkeit weniger eine zyklische Geißel als eine permanente, auch wenn sie durch die Verbreitung von Kurzzeitjobs und Unterbeschäftigung verschleiert wird. In der so genannten Dritten Welt hat die Zerstörung der traditionellen Ökonomien in einigen Gebieten zu einer intensiven kapitalistischen Entwicklung geführt, aber sie hat auch ein gigantisches „Subproletariat“ geschaffen, und die, welche dazugehören, führen als Slumbewohner und -bewohnerinnen in den Townships Afrikas oder den „Favelas“ Brasiliens und Lateinamerikas eine äußerst prekäre Existenz.

So hatte Bordiga – auch wenn er die Dekadenz des Systems nicht kohärent verstand – begriffen, dass die Umsetzung des kommunistischen Programms in dieser Epoche nicht bedeutet, durch einen sehr raschen Industrialisierungsprozess zum Überfluss voranzuschreiten, wie es die Bolschewiki angesichts der „rückständigen“ Bedingungen, denen sie in Russland nach 1917 ausgesetzt waren, tendenziell angenommen hatten. Sicherlich wird sie die Entwicklung und Anwendung der fortschrittlichsten Technologien erfordern, aber sie wird zunächst als eine geplante Demontage all dessen Gestalt annehmen, was im bestehenden Produktionsapparat schädlich und nutzlos ist, und als eine globale Neuordnung der wirklichen menschlichen Ressourcen, die der Kapitalismus ständig verschwendet und zerstört.

Die kommunistische Bewegung heute – auch wenn sie das Ausmaß des Problems erst spät erkannt hat – kann nicht umhin, sich der ökologischen Kosten der kapitalistischen Entwicklung im vergangenen Jahrhundert und vor allem seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bewusst zu sein. Es ist für uns offensichtlicher als für die Bolschewiki, dass wir den Kommunismus nicht mit den Methoden der kapitalistischen Industrialisierung erreichen können, die sowohl die menschliche Arbeitskraft als auch den natürlichen Reichtum den Forderungen des Profits, dem Idol des sich selbst verwertenden Werts, opfert. Wir verstehen jetzt, dass eine der Hauptaufgaben des Proletariats darin besteht, die Gefahr einer galoppierenden globalen Erwärmung zu stoppen und das gigantische Chaos zu beseitigen, das der Kapitalismus uns hinterlassen hat: die mutwillige Zerstörung von Wäldern und Wildnis, die Vergiftung von Luft, Land und Wasser durch das bestehende Produktions- und Transportsystem. Einige Teile dieses „Erbes“ werden viele Jahre geduldiger Forschung und Arbeit erfordern, um sie zu überwinden – die Verschmutzung der Meere und der Nahrungskette durch Plastikabfälle ist nur ein Beispiel dafür. Und wie wir bereits erwähnt haben, wird die Befriedigung der grundlegendsten Bedürfnisse der Weltbevölkerung (Nahrung, Wohnung, Gesundheit usw.) mit diesem Gesamtprojekt der Harmonisierung zwischen Menschen und Natur in Einklang stehen müssen.

Es ist Bordigas Verdienst, dass er sich bereits Anfang der fünfziger Jahre dieses Problems bewusst wurde: Seine Intuition für die Zentralität dieser Dimension zeigt sich vor allem in seiner Position zum Problem der „Großstädte“, die voll und ganz mit dem Denken von Marx und insbesondere von Engels übereinstimmt.

Die Megastädte aufbrechen

Stadt und Zivilisation haben historisch (und in manchen Sprachen etymologisch) die gleichen Wurzeln. Manchmal wird der Begriff „Zivilisation“ auf die Gesamtheit der menschlichen Kultur und Moral zurückgeführt[10]: In diesem Sinne bilden auch die Jäger und Sammler Australiens oder Afrikas eine Zivilisation. Aber es steht außer Frage, dass der Übergang zum Leben in Städten, die die allgemeinere Definition von Zivilisation ist, eine qualitative Entwicklung in der Menschheitsgeschichte darstellte: ein Faktor für die Weiterentwicklung der Kultur und die Aufzeichnung der Geschichte selbst, aber auch die definitiven Anfänge der Klassenausbeutung und des Staates. Schon vor dem Kapitalismus ist die Stadt, wie Weber zeigte, auch untrennbar mit dem Handel und der Geldwirtschaft verbunden[11]. Doch das Bürgertum ist die städtische Klasse schlechthin, und die mittelalterlichen Städte wurden zu Zentren des Widerstands gegen die Hegemonie des feudalen Adels, dessen Reichtum vor allem auf dem Landbesitz und der Ausbeutung der Bauern beruhte. Das moderne Proletariat ist nicht weniger eine städtische Klasse, die sich aus der Enteignung der Bauern und dem Ruin der Handwerker gebildet hat. In die überstürzt gewachsenen Ballungsgebiete von Manchester, Glasgow oder Paris getrieben, wurde sich die Arbeiterklasse hier zum ersten Mal als eigenständige Klasse im Gegensatz zur Bourgeoisie bewusst und begann, sich eine Welt jenseits des Kapitalismus vorzustellen.

Auf der Ebene der Beziehung des Menschen zur Natur weist die Stadt denselben doppelten Aspekt auf: Sie ist das Zentrum der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung und eröffnet das Potenzial für die Befreiung von Entbehrung und Krankheit. Aber diese wachsende „Beherrschung der Natur“, die sich unter den Bedingungen der Entfremdung des Menschen von sich selbst und von der Natur vollzieht, ist auch untrennbar mit der Zerstörung der Natur und mit einer Reihe von ökologischen Katastrophen verbunden. So wurde der Verfall der sumerischen oder der Maya-Stadtkulturen damit erklärt, dass die Stadt sich selbst überforderte und das sie umgebende Milieu von Wäldern und Landwirtschaft erschöpfte, deren Zusammenbruch der Hybris der Zivilisationen, die ihre innige Abhängigkeit von der Natur zu vergessen begannen, schreckliche Schläge versetzte. So wurden auch die Städte, insofern sie die Menschen wie Sardinen zusammenpressten, das Grundproblem der Abfallentsorgung nicht lösten und uralte Beziehungen zwischen Mensch und Tier umkehrten, zum Nährboden für Plagen wie die Pest in der Zeit des Niedergangs der Feudalismus oder die Cholera und den Typhus, die in den Industriestädten des Frühkapitalismus wüteten. Aber auch hier müssen wir die andere Seite der Dialektik betrachten: Die aufsteigende Bourgeoisie war in der Lage zu verstehen, dass die Krankheiten, die ihre Lohnsklaven heimsuchten, an den Türen der Kapitalisten nicht haltmachten und ihr ganze Wirtschaftsgebäude untergraben konnten. So konnte sie erstaunliche Ingenieurleistungen beim Bau von Abwassersystemen, die noch heute in Betrieb sind, beginnen und durchsetzen, während die sich rasch entwickelnde Medizin zur Beseitigung der bis dahin chronischen Krankheitsformen eingesetzt wurde.

Vor allem im Werk von Friedrich Engels finden wir die grundlegenden Elemente für eine Geschichte der Stadt aus proletarischer Sicht. In Der Ursprung der Familie, des Privateigentum und des Staats zeichnet er die Auflösung der alten „Gens“, der auf verwandtschaftlichen Bindungen basierenden Stammesorganisation, bis hin zur neuen territorialen Organisation der Stadt, die die unumkehrbare Spaltung in antagonistische Klassen und damit die Entstehung der Staatsmacht markiert, deren Aufgabe es ist, zu verhindern, dass diese Spaltungen die Gesellschaft zerreißen. In Die Lage der arbeitenden Klasse in England zeichnet er ein Bild von den höllischen Lebensbedingungen des jungen Proletariats, dem alltäglichen Schmutz und der Krankheit der Slums von Manchester, aber auch von den Regungen des Klassenbewusstseins und der Organisierung, die letztlich die entscheidende Rolle dabei spielten, die herrschende Klasse zu zwingen, den Arbeitern bedeutende Reformen zuzugestehen.

In zwei späteren Werken, im Anti-Dühring und in Zur Wohnungsfrage, beginnt Engels eine Diskussion über die kapitalistische Stadt in einer Phase, in der der Kapitalismus bereits in den zentralen Ländern Europas und den USA triumphiert hat und dabei ist, den gesamten Globus zu erobern. Und es fällt auf, dass er bereits jetzt zu dem Schluss kommt, dass die großen Städte sich selbst überlebt haben und verschwinden müssen, um die Forderung des Kommunistischen Manifests zu erfüllen: die Aufhebung der Trennung zwischen Stadt und Land. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass Marx in den 1860er Jahren auch zunehmend besorgt über die zerstörerischen Auswirkungen der kapitalistischen Landwirtschaft auf die Fruchtbarkeit des Bodens war und in den Arbeiten von Liebig feststellte, dass die Vernichtung der Waldbestände in Teilen Europas Auswirkungen auf das Klima hatte, indem sie die lokalen Temperaturen erhöhte und die Niederschläge verringerte[12]. Mit anderen Worten: Genauso wie Marx nach der Zerschlagung der Pariser Kommune Zeichen der politischen Dekadenz der bürgerlichen Klasse erkannte und in seiner Korrespondenz mit russischen Revolutionären gegen Ende seines Lebens nach Wegen suchte, wie die Regionen, in denen der Kapitalismus noch nicht vollständig obsiegt hatte, dem Fegefeuer der kapitalistischen Entwicklung entgehen konnten, hatten sowohl er als auch Engels begonnen, sich zu fragen, ob, was den Kapitalismus betraf, die Grenze erreicht sei[13]. Vielleicht waren die materiellen Grundlagen für eine globale kommunistische Gesellschaft bereits gelegt worden, und weiterer „Fortschritt“ für das Kapital würde ein zunehmend zerstörerisches Ergebnis haben? Wir wissen, dass das System durch seine imperialistische Expansion in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts seine Existenz noch um einige Jahrzehnte verlängerte und die Grundlage für eine schwankende Wachstums- und Entwicklungsphase schaffte, was einige Elemente in der Arbeiterbewegung dazu veranlasste, die marxistische Analyse der Unvermeidbarkeit der kapitalistische Krise und des kapitalistischen Niedergangs in Frage zu stellen, nur damit die ungelösten Widersprüche des Kapitals im Krieg von 1914-18 (den auch Engels vorausgesagt hatte) ans Tageslicht kämen. Aber die brennenden Fragen nach der Zukunft, die sie gerade dann zu stellen begannen, als der Kapitalismus seinen Zenit erreicht hatte, waren damals durchaus berechtigt und sind heute mehr denn je aktuell.

In „Die Transformation der sozialen Beziehungen“, International Review 85 (engl./frz./span. Ausgabe), haben wir untersucht, wie die Revolutionäre des 19. Jahrhunderts – insbesondere Engels, aber auch Bebel und William Morris – argumentierten, dass das Wachstum der Großstädte bereits den Punkt erreicht hatte, an dem die Abschaffung des Antagonismus zwischen Stadt und Land zu einer echten Notwendigkeit geworden war, so dass die Expansion der Großstädte zugunsten einer größeren Einheit zwischen Industrie und Landwirtschaft und einer gleichmäßigeren Verteilung der menschlichen Behausungen auf der Erde ein Ende finden sollte. Es war eine Notwendigkeit nicht nur zur Lösung drängender Probleme wie der Abfallentsorgung und der Verhinderung von Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und Krankheiten, sondern auch als Grundlage für ein menschlicheres Leben im Einklang mit der Natur.

In zuvor schon zitierten Artikel „Damen, Bordiga und die Leidenschaft für den Kommunismus“ zeigten wir, dass Bordiga – vielleicht mehr als jeder andere Marxist im 20. Jahrhundert – diesem wesentlichen Aspekt des kommunistischen Programms treu geblieben war, indem wir zum Beispiel seinen 1953 erschienenen Artikel Raum vs. Beton[14] zitierten, eine leidenschaftliche Polemik gegen die zeitgenössischen Tendenzen in Architektur und Stadtplanung (ein Bereich, in dem Bordiga selbst beruflich tätig war), die von dem Bedürfnis des Kapitals angetrieben wurden, so viele Menschen wie möglich auf immer engerem Raum zusammenzutreiben – eine Tendenz, die durch den schnellen Bau von Hochhäusern verkörpert wird, die angeblich von den Architekturtheorien Le Corbusiers inspiriert sein sollen. Bordiga ist erbarmungslos gegenüber den Verfechtern der modernen Städtebauideologie:

„Wer solchen Tendenzen Beifall spendet, sollte nicht nur als Verteidiger kapitalistischer Doktrinen, Ideale und Interessen betrachtet werden, sondern als Komplize der pathologischen Tendenzen der obersten Stufe des Kapitalismus in Verfall und Auflösung“ (also keine Zurückhaltung gegenüber der Dekadenz hier!). An anderer Stelle im selben Artikel bekräftigt er dies:

„Vertikalismus heißt diese deformierte Doktrin; der Kapitalismus ist vertikal. Der Kommunismus wird ‚horizontal‘ sein“. Und am Ende des Artikels nimmt er freudig den Tag vorweg, an dem „die Zementmonster lächerlich gemacht und unterdrückt“ und die „Riesenstädte entleert“ werden, um „die Dichte des Lebens und der Arbeit auf dem bewohnbaren Land einheitlich werden zu lassen“.

In einem anderen Werk, Die menschliche Gattung und die Erdkruste[15], zitiert Bordiga ausgiebig aus Engels‘ Zur Wohnungsfrage, und wir können der Versuchung nicht widerstehen, dasselbe zu tun. Dies stammt aus dem letzten Abschnitt der Broschüre, in dem Engels den Proudhon-Anhänger Mülberger dafür zitiert, dass er behauptet, es sei utopisch, den „unvermeidlichen“ Antagonismus zwischen Stadt und Land überwinden zu wollen:

„Die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land ist nicht mehr und nicht minder eine Utopie als die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Kapitalisten und Lohnarbeitern. Sie wird von Tag zu Tag mehr eine praktische Forderung der industriellen wie ackerbauenden Produktion. Niemand hat sie lauter gefordert als Liebig in seinen Schriften über die Chemie des Ackerbaus, worin stets seine erste Forderung ist, daß der Mensch an den Acker das zurückgebe, was er von ihm erhält, und worin er beweist, daß nur die Existenz der Städte, namentlich der großen Städte, dies verhindert. Wenn man sieht, wie hier in London allein eine größere Menge Dünger als das ganze Königreich Sachsen produziert, Tag für Tag unter Aufwendung ungeheurer Kosten  in die See geschüttet wird, und welche kolossalen Anlagen nötig werden, um zu verhindern, daß dieser Dünger nicht ganz London vergiftet, so erhält die Utopie von der Abschaffung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land eine merkwürdig praktische Grundlage. Und selbst das verhältnismäßig unbedeutende Berlin erstinkt seit mindestens dreißig Jahren in seinem eigenen Dreck. Andererseits ist es eine reine Utopie, wenn man, wie Proudhon, die jetzige bürgerliche Gesellschaft umwälzen und den Bauer als solchen erhalten will. Nur eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Bevölkerung über das ganze Land, nur eine innige Verbindung der Industriellen mit der ackerbauenden Produktion, nebst der dadurch nötig werdenden Ausdehnung der Kommunikationsmittel  die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise dabei vorausgesetzt  ist imstande, die Landbevölkerung aus der Isolierung und Verdummung herauszureißen, in der sie seit Jahrtausenden fast unverändert vegetiert.[16]

In dieser Passage werden mehrere Gedankenstränge vorgeschlagen, und Bordiga ist sich ihrer sehr wohl bewusst. Erstens besteht Engels darauf, dass die Überwindung des Antagonismus zwischen Stadt und Land eng mit der Überwindung der allgemeinen kapitalistischen Arbeitsteilung verbunden ist – ein Thema, das im Anti-Dühring weiter entwickelt wird, insbesondere die Trennung zwischen geistiger und manueller Arbeit, die im kapitalistischen Produktionsprozess so unüberbrückbar erscheint. Beide Trennungen, nicht anders als die Spaltung zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter, sind für die Vervollkommnung des menschlichen Wesens unerlässlich. Und im Gegensatz zum Schematismus der rückwärtsgewandten Proudhonisten beinhaltet die Abschaffung der kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse nicht die Erhaltung des Kleingrundbesitzes der Bauern oder Handwerker; die Überwindung  der Trennungen zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Landwirtschaft wird die Bauern aus der Isolation und der intellektuellen Vegetation ebenso retten wie die Stadtbewohner vor Überbevölkerung und Umweltverschmutzung befreien.

Zweitens wirft Engels hier, wie auch anderswo, das einfache, aber oft übergangene Problem der menschlichen Exkremente auf. In ihrer ersten, „wilden“ Form haben die kapitalistischen Städte so gut wie keine Vorkehrungen für den Umgang mit menschlichen Exkrementen getroffen und sehr schnell den Preis dafür mit der Entstehung epidemischer Krankheiten bezahlt, insbesondere mit Durchfall und Cholera – Geißeln, die noch immer in den Elendsvierteln der kapitalistischen Peripherie wüten, wo grundlegende Hygieneeinrichtungen notorisch fehlen. Der Bau des Abwassersystems stellte sicherlich einen Fortschritt in der Geschichte der bürgerlichen Stadt dar. Aber das einfache Wegspülen von menschlichem Abfall ist selbst eine Form von Abfall, da er als natürlicher Dünger verwendet werden könnte (wie es in der Tat in der früheren Geschichte der Stadt der Fall war).

Wenn man auf London oder Manchester zu Lebzeiten Engels‘ blickt, könnte man leicht sagen: Wenn unsere Vorfahren schon damals fanden, dass diese Städte viel zu groß geworden seien, viel zu sehr von ihrer natürlichen Umgebung getrennt: Was hätten sie von den modernen Abkömmlingen dieser Städte gehalten? Die UNO schätzt, dass heute rund 55% der Weltbevölkerung in großen Städten leben, aber wenn das gegenwärtige Wachstum der Städte anhält, wird diese Zahl bis 2050 auf rund 68% steigen[17].

Dies ist ein wirkliches Beispiel für das, was Marx bereits in den Grundrissen postuliert hat: „Entwicklung als Verfall“, und Bordiga hat dies in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg vorausschauend erkannt Die Anthropologen, die den Beginn des Zeitalters des so genannten „Anthropozäns“ definieren wollen (was im Grunde genommen die Epoche bedeutet, in der die menschliche Tätigkeit einen grundlegenden und qualitativen Einfluss auf die Ökologie des Planeten zu haben begann), führen es gewöhnlich auf die Ausbreitung der modernen Industrie zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurück – kurz gesagt auf den Sieg des Kapitalismus. Aber einige von ihnen sprechen auch von einer „Großen Beschleunigung“, die nach 1945 stattfand, und wir können sehen, wie sich der Moloch nach 1989 mit dem Aufstieg Chinas und anderer „Entwicklungsländer“ noch weiter beschleunigt hat.

Die Folgen dieses Wachstums sind bekannt: der Beitrag der Megastadt zur globalen Erwärmung durch ungehemmtes Bauen, der Energieverbrauch und die Emissionen von Industrie und Verkehr, die auch in vielen Städten die Luft vergiften (bereits von Bordiga in Die menschliche Gattung und die Erdkruste erwähnt: „Was die bürgerliche Demokratie betrifft, so hat sie sich so weit herabgelassen, dass sie auf die Freiheit zu atmen verzichtet“). Die unkontrollierte Ausbreitung der Urbanisierung war ein Hauptfaktor für die Zerstörung natürlicher Lebensräume und das Aussterben von Arten; und nicht zuletzt haben die Megastädte ihre Rolle als Brutstätten neuer pandemischer Krankheiten offenbart, von denen die tödlichste und ansteckendste – Covid-19 – zur Zeit der Abfassung dieses Artikels die Weltwirtschaft lähmt und eine weltweite Spur von Tod und Leid hinterlässt. Die beiden letzten „Beiträge“ haben sich wahrscheinlich in der Covid-19-Epidemie zusammengefunden, die zu einer Reihe von Fällen gehört, in denen ein Virus von einer Spezies auf eine andere übergesprungen ist. Dies ist zu einem großen Problem in Ländern wie China und in vielen Teilen Afrikas geworden, in denen die Lebensräume von Tieren ausgelöscht werden, was zu einer erheblichen Zunahme des Konsums von „Wildfleisch“ führt, und in denen die neuen Städte, die gebaut wurden, um Chinas rasendem Wirtschaftswachstum zu dienen, minimale Hygienekontrollen haben.

Überwindung des Antagonismus

In der Liste der revolutionären Maßnahmen, die in Bordigas Artikel enthalten ist, ist Punkt 7 der relevanteste für das Projekt der Abschaffung des Antagonismus zwischen Stadt und Land:

»Anhalten der Bautätigkeit« von Wohnungen und Arbeitsstätten am Rande der großen Städte (und auch der kleinen), als Maßnahme zur gleichmäßigen Verteilung der Bevölkerung über das gesamte Territorium. Verringerung der Schnelligkeit, des Ausmaßes und der Verdichtung des Verkehrs durch Verbot des überflüssigen Verkehrs.“

Dieser Punkt scheint heute besonders zeitgemäß zu sein, da praktisch jede Stadt Schauplatz unerbittlicher „vertikaler“ Erhebung (der Bau riesiger Wolkenkratzer, insbesondere in den Stadtzentren) und „horizontaler“ Ausdehnung ist, die das Umland auffrisst. Die Forderung lautet einfach: Stopp! Das Aufblähen der Städte und die unhaltbare Konzentration der Bevölkerung in ihnen ist das Ergebnis der kapitalistischen Anarchie und daher im Wesentlichen ungeplant und dezentralisiert. Die menschliche Energie und die technologischen Möglichkeiten, die derzeit für dieses krebsartige Wachstum eingesetzt werden, müssen vom Beginn des revolutionären Prozesses an in eine andere Richtung mobilisiert werden. Auch wenn die Weltbevölkerung beträchtlich zugenommen hat, seit Bordiga in Raum vs. Beton errechnete, dass „unsere Spezies im Durchschnitt einen Quadratkilometer pro zwanzig Einwohner hat“[18], bleibt die Möglichkeit einer weitaus rationaleren und harmonischeren Verteilung der Bevölkerung über den Planeten bestehen, selbst wenn man die Notwendigkeit berücksichtigt, große Gebiete der Wildnis zu erhalten – eine Notwendigkeit, die heute besser verstanden wird, weil die immense Bedeutung der Erhaltung der biologischen Vielfalt auf dem ganzen Planeten wissenschaftlich erwiesen ist, die aber bereits von Trotzki in Literatur und Revolution[19] ins Auge gefasst wurde.

Die Abschaffung des Stadt-Land-Antagonismus wurde durch den Stalinismus in eine Richtung verzerrt: alles zupflastern, „Arbeiterkasernen“ und neue Fabriken auf jedem Feld und in jedem Wald bauen. Für den authentischen Kommunismus würde sie bedeuten, Felder zu bestellen und Wälder mitten in den Städten zu pflanzen, aber auch, dass lebensfähige Gemeinschaften an erstaunlich vielen Orten angesiedelt werden können, ohne alles um sie herum zu zerstören, und dass sie nicht isoliert werden, weil ihnen die Kommunikationsmittel zur Verfügung stehen, die der Kapitalismus in der Tat mit schwindelerregender Geschwindigkeit entwickelt hat. Engels hatte bereits in Zur Wohnungsfrage auf diese Möglichkeit hingewiesen, und Bordiga greift sie in Raum vs. Beton wieder auf:

„Modernste Produktionsformen, Netzwerke von Stationen aller Art wie Wasserkraftwerke, Kommunikation, Radio, Fernsehen nutzen, verleihen den Arbeitern, die in kleinen Gruppen über enorme Entfernungen verteilt sind, zunehmend eine einzigartige betriebliche Disziplin. Die kombinierte Arbeit bleibt bestehen, in immer größeren und wunderbareren Geflechten, und die autonome Produktion verschwindet mehr und mehr. Aber die oben erwähnte technologische Dichte nimmt ständig ab. Die städtische und produktive Agglomeration bleibt also nicht aus Gründen, die vom Optimum der Produktion abhängen, sondern aus Gründen der Dauerhaftigkeit der Profitwirtschaft und der sozialen Diktatur des Kapitals“.

Die Digitaltechnik hat dieses Potential natürlich weiter vorangetrieben. Aber im Kapitalismus war das Gesamtergebnis der „Internet-Revolution“ die Beschleunigung der Atomisierung des Individuums, während der Trend zum „Homeoffice“ – besonders hervorgehoben durch die Covid-19-Krise und die begleitenden Maßnahmen der sozialen Isolation – die Tendenz zur städtischen Verdichtung keineswegs verringert hat. Der Konflikt zwischen dem Wunsch, in Gemeinschaft mit anderen zu leben und zu arbeiten einerseits, und dem Bedürfnis, Raum zum Bewegen und Atmen zu finden andererseits, kann nur in einer Gesellschaft gelöst werden, in der der Einzelne nicht mehr im Widerspruch zur Gemeinschaft steht.

Das Tempo reduzieren

Wie beim Bau menschlicher Behausungen so ist es auch bei der Hektik des modernen Verkehrs: stoppen oder zumindest verlangsamen!

Auch hier ist Bordiga seiner Zeit voraus. Die Methoden des kapitalistischen Transports zu Lande, zu Wasser und in der Luft, die überwiegend auf der Verbrennung fossiler Brennstoffe basieren, sind für mehr als 20% der weltweiten Kohlendioxidemissionen verantwortlich[20], während sie in den Städten zu einer wesentlichen Quelle von Herz- und Lungenkrankheiten geworden sind, von denen vor allem Kinder betroffen sind. Die jährliche Zahl der Verkehrstoten weltweit beträgt schwindelerregende 1,35 Millionen, mehr als die Hälfte davon sind „ungeschützte“ Verkehrsteilnehmende: FußgängerInnen, Radfahrende und Motorradfahrer[21], und dies sind nur die offensichtlichsten Nachteile des gegenwärtigen Verkehrssystems. Der ständige Lärm, den es erzeugt, nagt an den Nerven des Stadtbewohners, und die Unterordnung der Stadtplanung unter die Bedürfnisse des Autos (und der Autoindustrie, die so zentral für die bestehende kapitalistische Wirtschaft ist) führt zu Städten, die endlos zersplittert sind, mit Wohngebieten, die durch den unaufhörlichen Verkehrsfluss voneinander getrennt sind. Unterdessen wird die soziale Atomisierung, ein wesentliches Merkmal der bürgerlichen Gesellschaft und insbesondere der kapitalistischen Stadt, nicht nur symbolisiert, sondern noch verstärkt durch den einsamen Autobesitzer und -fahrer, der mit Millionen ähnlich getrennter Seelen um den Straßenraum konkurriert.

Natürlich musste der Kapitalismus Maßnahmen ergreifen, um zu versuchen, die schlimmsten Auswirkungen all dessen zu mildern: „Kohlenstoffausgleich“, um exzessive Flüge auszugleichen, „Verkehrsberuhigung“ und autofreie Gehwege in den Stadtzentren, die Entwicklung hin zum Elektroauto.

Keine dieser „Reformen“ kommt auch nur annähernd an eine Lösung des Problems heran, weil keine dieser „Reformen“ die kapitalistischen Gesellschaftsbeziehungen in Frage stellt, die an der Wurzel liegen. Nehmen wir zum Beispiel das Elektroauto: Die Autoindustrie hat die Zeichen der Zeit erkannt und tendiert dazu, immer mehr auf dieses Verkehrsmittel umzusteigen. Aber selbst wenn man das Problem der Gewinnung und Entsorgung des für die Batterien benötigten Lithiums oder die Notwendigkeit, die Stromproduktion für den Antrieb dieser Fahrzeuge zu erhöhen, beiseite lässt, die allesamt erhebliche ökologische Kosten verursachen, wäre eine Stadt voller Elektrofahrzeuge zwar geringfügig leiser und etwas weniger verschmutzt, aber immer noch gefährlich für die FußgängerInnen und von Autostraßen zerschnitten.

Es ist möglich, dass der Kommunismus in der Tat in großem Umfang (wenn auch zweifellos nicht ausschließlich) von Elektrofahrzeugen Gebrauch machen wird. Aber das eigentliche Problem liegt woanders. Der Kapitalismus muss mit halsbrecherischer Geschwindigkeit operieren, denn Zeit ist Geld, und der Transport wird von den Bedürfnissen der Akkumulation angetrieben, die die „Umschlags“-Zeit und damit den Transport in ihre Gesamtberechnungen einbezieht. Der Kapitalismus wird gleichermaßen von der Notwendigkeit angetrieben, so viele Produkte wie möglich zu verkaufen, daher der ständige Druck für jeden Einzelnen, sein Eigentum zu besitzen – wiederum symbolisiert im privaten Auto, das zum Ausdruck des persönlichen Reichtums und Prestiges geworden ist, dem Schlüssel zur „Freiheit auf der Straße“ in einer Ära endloser Staus.

Das Tempo des Lebens in den heutigen Städten ist (selbst mit den Staus) weitaus höher als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber in Die Frau und der Sozialismus, das erstmals 1879 veröffentlicht wurde, freute sich August Bebel bereits auf die Stadt der Zukunft, wo das „nervenzerstörende Geräusch, Gedränge und Gerenne unserer großen Städte mit ihren Tausenden von Vehikeln aller Art im wesentlichen“ aufhört, „alles eine große Umgestaltung“ erfährt (S. 451).

Die Hektik und der Stau, die das Stadtleben so stressig machen, können nur überwunden werden, wenn der Drang zur Akkumulation zugunsten einer Produktion unterdrückt wird, die so geplant ist, dass die notwendigen Gebrauchswerte frei verteilt werden können. Bei der Ausarbeitung der Verkehrsnetze der Zukunft wird natürlich ein Schlüsselfaktor darin bestehen, den Kohlenstoffausstoß und andere Formen der Umweltverschmutzung weitgehend auf ein Minimum zu beschränken, aber die Notwendigkeit, eine größere Entspannung, ein gewisses Maß an Ruhe für Wohnhafte und Reisende zu erreichen, wird sicherlich in den Gesamtplan einfließen. Da der Druck, so schnell wie möglich von A nach B zu gelangen, viel geringer ist, werden die Reisenden mehr Zeit haben, die Reise selbst zu genießen: Vielleicht wird in einer solchen Welt das Pferd auf Teile des Landes zurückkehren, die Segelboote auf das Meer, Luftschiffe in den Himmel, während es auch möglich sein wird, bei Bedarf viel schnellere Transportmittel zu benutzen[22]. Gleichzeitig wird sich das Verkehrsaufkommen stark verringern, wenn die Sucht nach dem persönlichen Besitz von Fahrzeugen durchbrochen werden kann und die Reisenden Zugang zu kostenlosen öffentlichen Verkehrsmitteln verschiedener Art haben (Busse, Züge, Boote, Taxis und selbstfahrende Verkehrsmittel). Wir sollten auch bedenken, dass im Gegensatz zu den vielen westlichen kapitalistischen Städten, in denen die Hälfte aller Wohnungen von Einzelpersonen bewohnt wird, der Kommunismus ein Experiment für gemeinschaftlichere Wohnformen sein wird; und in einer solchen Gesellschaft kann das Reisen in Gesellschaft anderer zu einem Vergnügen werden und nicht zu einem verzweifelten Wettlauf zwischen verfeindeten Konkurrenten.

Wir sollten auch bedenken, dass viele der Fahrten, die das Verkehrssystem verstopfen, die zu sinnlosen Tätigkeiten wie Finanzen, Versicherungen oder Werbung führen, in einer geldlosen Gesellschaft keinen Platz haben werden. Der tägliche Berufsverkehr wird der Vergangenheit angehören. Gleichzeitig kann die Produktion von Gebrauchsgegenständen umgestaltet und verlagert werden, um den Transport von Produkten über weite Strecken zu vermeiden, der im Kapitalismus sehr oft nur von dem Ziel bestimmt wird, schlechter bezahlte Arbeitskräfte oder andere Vorteile (für das Kapital) zu finden, wie z.B. fehlende Umweltvorschriften. Die gesamte Produktion und Verteilung der benötigten Gebrauchswerte werden neu organisiert, so dass viele Fahrten zwischen den Produktionsstätten und den Wohnungen nicht mehr notwendig sind.

Auf diese Weise werden die Straßen einer Stadt, in der das wütende Tosen des Verkehrs auf ein Schnurren reduziert ist, einige ihrer älteren Vorteile und Nutzungen – zum Beispiel als Spielplätze für Kinder – zurückgewinnen.

Auch hier unterschätzen wir das Ausmaß der damit verbundenen Aufgaben nicht. Auch wenn die Möglichkeit, gemeinschaftlicher oder assoziierter zu leben, durch den Übergang zu einer kommunistischen Produktionsweise eingeschränkt wird, werden die egoistischen Vorurteile, die durch mehrere hundert Jahre Kapitalismus stark verschärft wurden, nicht automatisch verschwinden und in der Tat oft als ernsthafte Hindernisse für den Prozess der Vergesellschaftung wirken. Wie Marx es ausdrückte,

„Das Privateigentum hat uns so dumm und einseitig gemacht, daß ein Gegenstand erst der unsrige ist, wenn wir ihn haben, also als Kapital für uns existiert oder von uns unmittelbar besessen, gegessen, getrunken, an unsrem Leib getragen, von uns bewohnt etc., kurz, gebraucht wird. Obgleich das Privateigentum alte diese unmittelbaren Verwirklichungen des Besitzes selbst wieder nur als Lebensmittel faßt und das Leben, zu dessen Mittel sie dienen, ist das Leben des Privateigentums Arbeit und Kapitalisierung. An die Stelle aller physischen und geistigen Sinne ist daher die einfache Entfremdung aller dieser Sinne, der Sinn des Habens getreten.“ (Ökonomisch-philosophische Manuskripte von 1844, Kapitel über Privateigentum und Kommunismus)

Rosa Luxemburg vertrat immer die Ansicht, dass es beim Kampf für den Sozialismus nicht nur um „Brot-und-Butter“-Fragen gehe, sondern dass „sittlich (…) der Arbeiterkampf die kulturelle Erneuerung der Gesellschaft“ bedeute[23]. Dieser kulturelle und moralische Aspekt des Klassenkampfes und vor allem der Kampf gegen den „Sinn des Habens“ werden sicherlich während des Übergangs zum Kommunismus weitergeführt werden.

CDW 23.04.2020


[1] „Der Wandel der sozialen Beziehungen“ in International Review 85 (englische, französische, spanische Ausgabe): https://en.internationalism.org/internationalreview/199604/3709/transformation-social-relations„Damen, Bordiga und die Leidenschaft für den Kommunismus“https://de.internationalism.org/content/2944/die-1950er-und-60er-jahre-damen-bordiga-und-die-leidenschaft-fuer-den-kommunismus

[2] 1918: Das Programm der Deutschen Kommunistischen Partei“ in International Review 93, https://en.internationalism.org/internationalreview/199803/3824/1918-programme-german-communist-party; und „1919: Das Programm der Diktatur des Proletariats“ in International Review 95, https://en.internationalism.org/internationalreview/199809/3867/1919-programme-dictatorship-proletariat; und „Das Programm des KAPD“, International Review 97, https://en.internationalism.org/ir/97/kapd.htm

[3] Marx, Kritik des Gothaer Programms

[4] „Damen, Bordiga und die Leidenschaft für den Kommunismus“, siehe Anmerkung 1

[5] Wir wollen darauf hinweisen, dass der Text als „Parteidokument“ der neuen Organisation angenommen wurde und nicht einfach nur ein individueller Bericht ist.

[6] Aber die Damenisten waren viel klarer in vielen der Lehren aus der Niederlage der Russischen Revolution und in den Positionen des Proletariats in der dekadenten Ära des Kapitalismus. Vgl. „Damen, Bordiga und die Leidenschaft für den Kommunismus“, Anmerkung 1.

[8] Siehe „Damen, Bordiga und die Leidenschaft für den Kommunismus“, a.a.O.

[10] Siehe zum Beispiel „Zu Patrick Torts The Darwin Effect„, https://en.internationalism.org/icconline/2009/04/darwin-and-the-descent-of-man

[11] Max Weber, Die Stadt, 1921

[12] Vgl. Kohei Saito, Karl Marxs Ecosocialism, New York, 2017

[13] Zu Marx und der russischen Frage siehe einen früheren Artikel in dieser Reihe, „Der reife Marx: vergangener und zukünftiger Kommunismus“, International Review 81 (engl./frz./span. Ausgabe), https://en.internationalism.org/internationalreview/199506/1685/mature-marx-past-and-future-communism

[14] Il Programma Comunista, Nr. 1 vom 8. bis 24. Januar 1953, http://materialnecessity.org/2020/04/02/space-versus-cement-il-programa-comunista/

[15] Il Programma Comunista no. 6/1952, 18. Dezember 1952, https://libcom.org/library/human-species-earths-crust-amadeo-bordiga

[19] https://www.marxists.org/archive/trotsky/1924/lit_revo/ Siehe auch International Review 111 (englisch/französisch/spanische Ausgabe), „Trotzki und die Kultur des Kommunismus“https://en.internationalism.org/internationalreview/200210/9651/trotsky-and-culture-communism

[22] Natürlich können die Menschen immer noch den Nervenkitzel genießen, mit schwindelerregender Geschwindigkeit zu reisen, aber vielleicht werden solche Vergnügungen in einer rationalen Gesellschaft vor allem in eigens dafür vorgesehenen Arenen erreicht.

[23] Stillstand und Fortschritt im Marxismus, 1903, Luxemburg Gesammelte Werke Bd. 1/2 S. 366

https://de.internationalism.org/content/2946/bordiga-und-die-grossstadt

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Bordiga und die Großstadt

  1. gut, was theoretisches..

    aber man fragt sich: gibts denn im Jahr 2020 keinen einzigen noch lebenden sozialist. Theoretiker +Denker /Vordenker mehr (ausser Herrn Nelte z.b.) , der den aktuellen Kap. analysiert +aufzeigt , wo und wie die Reise hingeht ? aus dem links-mitte -spektrum sind mir nur 2 gute bekannt..

    Robert Misik , Östereich

    Robert Kurz , BRD, Erlangen (leider 2013 verstorben)

    Liken

    Verfasst von tom | 20. Juli 2020, 10:30

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