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Ausland, Naher Osten

LZ-Interview mit Nadie Harbieh, Kämpferin im syrischen Frauen-Kommando-Bataillon

Seit der jüngsten Befreiung großer Teile Idlibs ist es ruhig geworden an der Front. Wie siehst du die weitere Entwicklung dort ?

Die Idlib-Front ist in der Tat relativ stabil geworden. Das bezieht sich natürlich nicht auf die Machtkämpfe zwischen den bewaffneten Fraktionen, die sich gegenseitig angreifen, sobald die syrisch-arabische Armee, die eine Pause einlegt. Das jüngste Beispiel ist der gewaltsame Konflikt zwischen den Terroristen von Hayat Tahrir al-Sham und noch radikaleren Terroristen aus Hurras al-Din, genauer gesagt aus dem Operationsgebiet Wa Thabitu.

Obwohl es der HTS gelang, einen Sieg zu erringen, zeigen diese Entwicklungen, dass Idlib unter der Herrschaft der Terroristen weiterhin eine Brutstätte des Terrorismus nicht nur für Syrien, sondern für die gesamte Region und darüber hinaus sein wird, denn die Provinz beherbergt eine große Anzahl von ausländischen Kämpfern wie die Mitglieder von Hurras al-Din, die letztlich in ihre Herkunftsländer zurückkehren oder in andere Länder reisen müssen, um dort zu kämpfen, wenn sie überleben wollen.

Die Führung des HTS ist sich dessen sehr bewusst und versucht, sich als dominante Kraft zu positionieren, die in der Lage ist, diese Hartcore elemente einzudämmen. Dabei gibt es zwei Probleme: Erstens ist die HTS kaum besser als die anderen radikalen Gruppen; zweitens wird ihre Dominanz nicht von Dauer sein, entweder weil ein mächtigerer Rivale auftaucht oder, was wahrscheinlicher ist, wegen interner Spannungen und Spaltungen innerhalb der Gruppe.

Vor diesem Hintergrund ist es klar, dass die Idliboperation eine Frage der Zeit ist. Vor Beginn der Operation muss jedoch eine politische Entscheidung getroffen werden, die Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit der Zivilbevölkerung einschließt.

Hat die Verlegung mehrerer tausend Terroristen nach Libyen durch die Türken zu ihrer merklichen Schwächung in Idlib geführt ?

Leider ist dies nicht der Fall. Die Türkei schickte Tausende syrischer Kämpfer nach Libyen, aber diese Kämpfer gehören der so genannten Syrischen Nationalarmee (SNA) an, einer Struktur, die vom türkischen Geheimdienst aus vielen von Ankara gepäppelten Fraktionen geschaffen wurde (mit Ausnahme von Jaysh al-Islam, Faylaq al-Rahman und einer Reihe anderer Fraktionen, die ursprünglich aus Damaskus stammen und zunächst nach Idlib und dann im Einklang mit den Waffenstillstandsvereinbarungen von 2018 nach Aleppo evakuiert wurden). SNA-Fraktionen wie die Al-Hamza-Division, die Sultan-Murad-Division, die Suleiman-Schah-Brigade, Ahrar al-Sharqiya usw. operieren hauptsächlich im Norden Aleppos, nämlich in den Gebieten Afrin und Al-Bab, nicht in Idlib. Sie waren also in der ersten Zeit in Idlib nie eine wirkliche Macht.

Ist es das Ziel Erdogans, den Westen von Idlib, Afrin und die jüngst besetzte Zone im Nordosten dauerhaft zunächst mittels der Terroristen zu besetzen und später zu annektieren ?

Es besteht kein Zweifel, dass die Türkei, zumindest unter der Führung von Recep Erdogan, alle Anstrengungen unternimmt, um ihre Präsenz in Afrin und Al-Bab dauerhaft zu sichern. Die türkischen Behörden haben Gemeinderäte eingerichtet, Ausweise und Nummernschilder an die Bürger ausgegeben, den Schullehrplan so geändert, dass er den türkischen Standards entspricht, und die türkische Sprache eingeführt, wann immer sie konnten. Die Büros der türkischen Post wurden in der Region eingerichtet, um die Verbindung zur Türkei zu erleichtern. Türkische Lira, sowohl Banknoten als auch Münzen, werden über diese Büros verteilt. Die Einführung der türkischen Lira vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs des syrischen Pfunds ist vielleicht das aufschlussreichste Zeichen für die Absichten der Türkei in der Region.

Was den westlichen Teil von Idlib betrifft, so wird die Türkei auf die eine oder andere Weise mit dem HTS umgehen müssen, bevor sie das tun kann, was sie in Afrin und Al-Bab getan hat.

Werden die Amerikaner dauerhaft die Ölquellen im Nordosten besetzen oder vielleicht nach den US-Wahlen im November ihre Truppen abziehen ?

Erstens ist die Präsenz der US-Streitkräfte in Deir Ezzor, Raqqa und Hasaka eng mit ihrer Zusammenarbeit mit den Syrischen Demokratischen Streitkräften (SDF) verknüpft. Die Entscheidung, die Truppen abzuziehen, ist für Washington nicht leicht zu treffen, da es viele Funktionäre, insbesondere innerhalb des Militärs, gibt, die entschieden gegen das sind, was sie als Verrat an den Kurden empfinden. Dies war die Position von Brett McGurk und John Mattis. Das Weiße Haus scheint jedoch eine andere Meinung zu vertreten, was durch die Haltung von James Jeffrey und dem Außenministerium bestätigt wird, die gegenüber der Türkei voreingenommen sind. Zum Beispiel wurde die SDF in einem kürzlich erschienenen Bericht des Außenministeriums als eine marxistische Organisation und als ein primäres Sicherheitsproblem der Türkei bezeichnet (state.gov/reports/country-reports-on-terrorism-2019/syria).

Die Türkei wiederum würde vom Rückzug der USA profitieren. Die türkischen Behörden versuchten, Washington davon zu überzeugen, dass die Türkei grünes Licht für eine Invasion in das Gebiet erhalten sollte. Diese Initiative scheiterte, aber sie könnte eine weitere Chance erhalten, da die Zahl der Türkei-Anhänger im Weißen Haus steigt.

Ich persönlich erwarte nicht, dass sich die Amerikaner in absehbarer Zeit zurückziehen, aber wer weiß, was im November passiert.

Wird es zu einer Übereinkunft mit den Kurden kommen auf dem Boden einer Teilautonomie ?

Was die Kurden betrifft, so bleibt ihnen im Falle eines Rückzugs der USA keine andere Wahl, als mit der syrischen Regierung zusammenzuarbeiten, um der Türkei entgegenzuwirken. Dies ist nicht so unwahrscheinlich, wie manche es sich wünschen. Sowohl die syrischen Regierungsvertreter als auch die Vertreter der Autonomen Verwaltung Nordostsyriens bestätigten mehrfach, dass beide Seiten weiterhin in Kontakt bleiben. Das Abkommen ist also möglich, wenn nicht sogar unvermeidlich, und sein Schicksal hängt weitgehend von der Haltung Washingtons gegenüber den Kurden ab.

Wird es zu einer sogenannten politischen Lösung kommen, d.h. einer Vereinbarung mit der Türkei und den Imperialisten oder kann es nur eine militärische Lösung geben, weil die Terroristen jede Art von Vereinbarung prinzipiell ablehnen ?

Wenn es etwas gibt, was uns Jahre des Konflikts gelehrt haben, dann ist es, dass militärische und politische Lösungen nicht unabhängig voneinander funktionieren. Um nachhaltige Ergebnisse zu erzielen, müssen sowohl militärische als auch politische Mittel eingesetzt werden. Dies war der Fall in Damaskus, wo die Militanten von der syrischen Armee in eine Pattsituation gebracht wurden und dann ein Recht auf sichere Durchreise nach Idlib erhielten, dies war der Fall in Deraa, wo sich die Militanten zur Versöhnung entschlossen. Dasselbe gilt auf globaler Ebene, da im syrischen Konflikt eine Reihe mächtiger ausländischer Akteure involviert ist, die einen Interessenausgleich finden müssen, bevor ein sinnvolles Ergebnis erzielt werden kann. In diesem Krieg, den wir führen, könnten die Terroristen militärisch besiegt werden, aber ihre ausländischen Geldgeber müssen mit politischen Mitteln konfrontiert werden.

Warum gelingt es Israel immer wieder Syrien zu bombardieren ? Warum rüstet Rußland Syrien nicht mit SS400 Abwehrraketen aus ?

Ich habe keine Antwort auf diese Frage, obwohl ich die Antwort ebenso gerne wüsste wie Sie.

Wie ist die Strategie Syriens mit den amerikanischen und europäischen Sanktionen umzugehen ? Ist die Versorgung mit Getreide und Medikamenten aus Russland und China gesichert ?

Die Sanktionen haben sicherlich einen großen Einfluss auf die syrische Wirtschaft gehabt, das lässt sich nicht leugnen. Obwohl die USA und die EU behaupteten, dass die vielen gegen Syrien verhängten Sanktionen auf bestimmte Personen abzielten, weigern sich die internationalen Banken in Wirklichkeit, irgendwelche finanziellen Transaktionen abzuwickeln, wenn es um Syrien geht, selbst für humanitäre Organisationen, die mit der UNO verbunden sind. Große internationale Unternehmen vermeiden es auch aus Angst vor Sanktionen, mit syrischen Partnern zu verhandeln. Die Schwerindustrie, einschließlich des Baugewerbes und der Kraftwerke, hat am meisten gelitten, weil es nicht möglich ist, die alte Ausrüstung zu ersetzen oder auch nur Ersatzteile für die Reparaturarbeiten zu bestellen. Die medizinische und pharmazeutische Industrie hat ebenfalls gelitten, weil es schwierig ist, die zur Herstellung von Medikamenten notwendigen Substanzen zu importieren.

Russland und China helfen Syrien, indem sie, wie Sie richtig erwähnt haben, Getreide und auch Treibstoff zur Verfügung stellen. Auch die Nachbarn Syriens, darunter der Iran, der Libanon und Jordanien, erhoben ihre Stimme gegen die Sanktionen und versprachen, weiterhin mit Syrien Handel zu treiben.

Es sollte erwähnt werden, dass die US-Sanktionen gegen die SDF nach hinten losgegangen sind, die nun nicht in der Lage sind, der syrischen Regierung Waren zu verkaufen. Es herrscht große Verwirrung in dieser Frage, da die SDF behauptete, die USA hätten versprochen, sie von den Sanktionen auszuschließen, aber niemand weiß genau, was erlaubt ist und was nicht.

Wie ist heute die Sicherheitslage in den von den Terroristen befreiten Gebieten ? Besteht ein Risiko für eine Rückkehr der Flüchtlinge ?

Die Sicherheitslage ist viel besser als früher. Dennoch bleiben einige Probleme bestehen. In der östlichen Homs-Provinz an der Grenze zum Irak operieren weiterhin ISIS-Zellen. Dieses Gebiet ist nicht vollständig befreit, da um das US-Gelände in Al-Tanf noch eine 55-km-Sperrzone besteht. Obwohl die USA behaupten, dass sie ein kleines Militärkontingent in Al-Tanf zusammen mit der Maghaweir al-Thawra-Fraktion zur Bekämpfung des ISIS unterhalten, ist diese Aussage bestenfalls zweifelhaft, da sie die Basis nie wirklich verlassen haben.

Auch im Süden, vor allem in den Gebieten, die im Versöhnungsprozess befreit wurden, gibt es Spannungen. Die Regierung ist sich dessen bewusst und bemüht sich konsequent darum, die lokalen Beamten dazu zu bringen, sich mit den Bürgern zu treffen und ihren Forderungen Gehör zu schenken.

Was die Flüchtlinge betrifft, so konnten viele Binnenvertriebene zurückkehren, und einige Menschen kehrten aus dem Ausland zurück.

Wie ist der Stand des Wiederaufbaus und der wirtschaftlichen Erholung nach dem Ende des Krieges im größten Teil Syriens ?

Die Wiederaufbaubemühungen in Damaskus, Homs und vor allem Aleppo sind in vollem Gange, wo viele Projekte, darunter auch historische Stätten, die während des Krieges beschädigt wurden, bereits abgeschlossen sind. Die Sanktionen behindern natürlich den Wiederaufbau.

Die wirtschaftliche Erholung verläuft leider sehr langsam, was auf viele Faktoren zurückzuführen ist: große Zerstörungen, Schwierigkeiten beim Export- und Importhandel aufgrund der Sanktionen, Zusammenbruch des syrischen Pfundes.

Was können wir hier im Herzen der Bestie tun, um den Kampf des syrischen Volkes und seiner Armee gegen die Imperialisten und ihre Terroristenhilfstruppen zu unterstützen .

Erstens, vielen Dank für Ihre Bemühungen, Syrien zu helfen, das wird sehr geschätzt. Die derzeitige Situation ist so, dass jeder, der nicht zum Sturz des Regimes aufruft, sofort als Assadist und Regimeunterstützer bezeichnet wird. Ich kann mir nur vorstellen, unter welchem Druck Sie operieren müssen. Trotz alledem ist bereits viel erreicht worden: Die Opposition wird nicht mehr allgemein als Freiheitskämpfer gesehen, sondern als ein Haufen von Schlägern, Plünderern und Terroristen, die sie sind.

Folgt Nadie Harbieh auf Twitter

Das syrische Frauenbattalion

 

Diskussionen

4 Gedanken zu “LZ-Interview mit Nadie Harbieh, Kämpferin im syrischen Frauen-Kommando-Bataillon

  1. Danke für der sehr interessante Interview!

    Hoffentlich kann die LZ diesen Kontakt halten und weitere Interviews oder Berichte veröffentlichen.

    P.S.:
    Wo sind eigentlich die Frauenbataillone bei den mit der „Wertegemeinschaft“ verbündeten „Rebellen“ in Syrien?!?

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    Verfasst von Fx | 14. Juli 2020, 13:16
    • Diese Frauenbataillone sind der Schrecken der Terroristen, weil nach ihren Wahnvorstellungen sie nicht ins Paradies kommen können, sollten sie von einer Frau getötet worden sein.

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      Verfasst von LZ | 14. Juli 2020, 13:58
  2. Egal was in und um Syrien passiert, es ist ein gezieltes Wirrwarr der Elite, bei dem jeder macht was er will, gell? Der Hauptpunkt scheint der, dass Erdogan nebenbei überll die Kurden plattmachen will. Politik ist so gestrickt damit keiner mehr durchblickt. Es würde nicht verwundern wenn Israel nebenbei dem Iraq deren AKW zerballern tät, was?

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    Verfasst von reinertiroch | 14. Juli 2020, 10:33

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  1. Pingback: Erdogan verlegt islamistische Söldner aus Syrien nach Aserbaidschan | Linke Zeitung - 4. Oktober 2020

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